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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Kein Einlenken in Frankfurter Union-Busting-Prozessen erkennbar
Betriebsrats-Bashing: „Unternehmen Marodo“
Von Elmar Wigand

‎Die Prozesse rund um Kündigungen von Betriebsräten und Gewerkschaftern bei der Steakhaus-Kette Maredo gehen in die dritte Verhandlungsrunde. Richter Martin Becker setzte am vergangen Freitag einen weiteren Arbeitsgerichtstermin für den 31. Juli 2012 an, um spannende Fragen wie diese zu klären: Dürfen Mitarbeiter bei Maredo bei der Arbeit kostenlos Mineralwasser trinken? Dürfen ausgemusterte Brotkanten vor dem Eigenverzehr mit konzerneigener Sour-Cream bestrichen werden?
 

Frankfurt, 22. Juni 2012: Maredo-Beschäftigte und
UnterstützerInnen ziehen vor Gericht
Quelle: Elmar Wigand
Was für die DGB- Rechtsschutzvertreterin eine „betriebliche Gepflogenheit“ war, ist für den ehrgeizigen Anwalt Jan Tibor Lelley und seinen Adlatus Mathias Maria Knorr (Kanzlei Buse Heberer Fromm) kriminelles Verhalten. Für die 70 anwesenden Prozess-beobachter sind solche Vorwürfe, schlichtweg Vorwände, um einer solidarischen Beleg-schaft und ihrer Interessenvertretung mittels juristischer Finten und konstru-ierter Straftatbestände das Genick zu brechen.
 
Zwei Stilblüten
 
Die Maredo-Soli-Gruppe führte am 22. Juni 2012 eine Demonstration mit gut 50 Teilnehmern vom Frankfurter Gewerkschaftshaus zum nahe gelegenen Arbeitsgericht durch. Aus dem Lautsprecherwagen dröhnten Parolen wie „Aufruhr, Widerstand gegen Maredo-Terrror in diesem Land“. Im Eifer des Gefechts passierten auch Stilblüten. NGG-Sekretär Hans-Jürgen Hinzer: „Bei Maredo werden Mitarbeiter bespitzelt und heimlich mit Video überwacht. Das sind mittelalterliche Methoden.“ Kann passieren.
 
Einen weiteren Lacher erzielte später Richter Martin Becker mit einem freudschen Versprecher, den ihm nach mehreren Stunden ennervierender Prozess-Farce niemand nachsehen konnte. Er redete mit Engelszungen auf die Prozessbeteiligten ein, um ihnen eine gütliche Einigung nahe zu bringen. Die Arbeitgeberseite ermahnte er, da schwere Imageschäden bereits eingetreten seien: „Es geht auch für das Unternehmen Marodo, ähm… Maredo, so nicht weiter.“
 
Kanzlei Buse verzeichnet sinkende Umsätze
 
Der Fachanwalt für Arbeitsrecht Jan Tibor Lelley, der trotz seiner über 40 Lebensjahre immer noch wirkt wie ein vorlauter Streber in der Oberstufe, zeigte an einer gütlichen Einigung kein gesteigertes Interesse. Der vom Anwalt der Gegenseite, Armin Franzmann, formulierte Anspruch, Maredo solle die verfemten Betriebsräte wieder arbeiten lassen und sich bei ihnen entschuldigen, erzeugte nur ein hämisches Grinsen in Lelleys Mundwinkel. Man kann ihn im Grunde verstehen: An jedem Verhandlungstag und jedem zusätzlich eingereichten Schriftsatz verdienen er und seine Kanzlei. Laut Fachblatt Juve vom 14. März 2012 sank der Umsatz von Buse Heberer Fromm in den beiden zurück liegenden Geschäftjahren – im Gegensatz zur Konkurrenz – um 8 Prozent. Davon entfielen im letzten Jahr 12 Prozent auf den Bereich Arbeitsrecht.
 
Wie weiter? Private Equity ECM und NGG-Zentrale
 
Die spannende Frage wird sein, wann für Maredo und den Private Equityfonds ECM, zu dessen Paket GEP III der Steakbrater gehört, der Punkt gekommen ist, die Reißleine zu ziehen. Für die Durchführung der harten Linie gegenüber der Belegschaft zeichnet bislang Maredo-Personalchef Michael Glowig verantwortlich, der bereits von seinem vorherigen Abeitgeber, dem Fluglinien-Caterer Gate Gourmet (damals zum Fonds „Texas Pacific Group“ gehörend), einschlägige Erfahrungen mitgebracht haben dürfte. Glowig ist im Maredo-Union-Busting-Team, rein äußerlich, der Gegenpart zu Lelley: Typ Bundeswehrausbilder, grobe Gesichtszüge, nach vorn gebeugte latent aggressive Körperhaltung, massive Backen und beginnendes Doppelkinn.
 
Bei Gate Gourmet hielt die NGG am Düsseldorfer Flughafen vom 7. Oktober 2005 bis 7. April 2006 mit dem längsten Streik ihrer Geschichte gegen Strategien des Managements (beraten von McKinsey) zur Auspressung einer kampfstarken Belegschaft. Der Konflikt endete mit einem Patt – keine Erfolgsgeschichte für beide Seiten, sondern kostspielig.
 
Derzeit schaltet sich die NGG-Zentrale in Hamburg noch nicht besonders engagiert in den Konflikt ein – obwohl der Konflikt bundesweit für Aufregung sorgt, schaffte er es bis heute nicht auf die Website der NGG. Dabei wäre die Unterstützung der gekündigten Betriebsrätin Jaqueline Fiedler in Osnabrück durchaus ausbaufähig. Es mehren sich Stimmen aus dem Gewerkschaftslager, die auf eine entschiedenere Unterstützung drängen, um den angeschlagenen Stier endlich bei den Hörnern zu packen. (PK)
 
Elmar Wigand untersucht mit Werner Rügemer das Feld "Union Busting in Deutschland - die Bekämpfung von Beschäftigten, Betriebsräten und Gewerkschaften als professionelle Dienstleistung". Sie sammeln und dokumentieren einschlägige Fälle und Berichte auf der Seite http://arbeitsunrecht.de


Online-Flyer Nr. 360  vom 27.06.2012

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