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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Brief an Prof. Mary Fulbrook nach einem Vortrag zur Deutschen Vergangenheit
Paradebeispiel Landesdirektor Udo Klausa in Köln
Von Lothar Gothe

Sehr geehrte Frau Fulbrook, als Mitglied der Sozialistischen Selbsthilfe Köln (SSK) habe ich während der 70er und 80er Jahre mit Psychiatriepatienten und entflohenen Heimkindern zusammengelebt und für deren Rechte gekämpft. In ihrer menschenunwürdigen Behandlung zeigte sich eine Kontinuität zu dem rassistischen Menschenbild des Nationalsozialismus. Ein Hauptverantwortlicher dafür und ein prägnantes Beispiel für diese Kontinuität war der langjährige Direktor des Landschaftsverbands, die im Rheinland mächtige Person Udo Klausa. Deshalb war ich sehr interessiert an Ihrem Vortrag in der Uni Düsseldorf, konnte aber leider wegen eines Gerichtsverfahrens nicht daran teilnehmen.
 

Historikerin Prof. Mary Fulbrook
Nun haben mich Mitarbeiter der Uni als Zeitzeugen befragt und bei dieser Gelegenheit eine CD mit Ihrem Vortrag mitgebracht. Nachdem ich diesen nun gehört habe, bin ich sehr berührt und auch aufgewühlt. Klausa weist nämlich einige starke Parallelen zu meinem Vater auf, der ebenfalls katholisch und Wehrmachtsoffizier war, weshalb ich in den 60er Jahren heftige Konflikte mit ihm ausgetragen habe. Wie Klausa war auch mein Vater (1936) in eine Naziorganisation, nämlich die SS, eingetreten. Im Unterschied zu Klausa aber wurde er wegen „Unzuverlässigkeit“ 1937 wieder ausgeschlossen. Der Grund: Die wöchentlichen SS-Treffen fanden sonntagmorgens um 10 Uhr statt, zu der Zeit besuchte mein katholischer Vater aber regelmäßig das Hochamt.
 

Udo Klausa, erster Landesdirektor
des Landschaftsverbandes
Rheinland in Köln mit Nazi-
Vergangenheit
NRhZ-Archiv
Der andere Unterschied zu Klausa ist, daß mein Vater im bürgerlichen Leben letztendlich gescheitert und als Alkoholiker geendet ist. Heute weiß ich, daß er (wegen der Verbrechen der Wehrmacht und seiner eigenen Beteiligung) schwer traumatisiert war. Durch soziales Engagement als parteiloser Kommunalpolitiker (katholisch: „gute Werke“) versuchte er wohl insgeheim eine Art persönliche „Wiedergutmachung“- natürlich vergeblich, denn die Albträume ließen ihn trotzdem nicht los. Immerhin lehnte er Militär und jegliche Uniform ab und unterstützte meine Kriegsdienstverweigerung.
 
Aber auch er hat wie seine ganze Generation nicht gesprochen. Sie hat sich der Auseinandersetzung verweigert, sich stattdessen in das „Wirtschaftswunder“ gestürzt und sich mit dem nihilistischen Konsumismus des aufkommenden american way of life betäubt.
 
Es hat deshalb den notwendigen „Bruch“ mit dem Nazireich und der Naziideologie nicht gegeben, nicht einmal so etwas wie Selbstkritik, deshalb auch keinen wirklichen Neuanfang: Klausa ist ein Paradebeispiel. Die Schuld dieser Generation wurde deshalb unterschwellig meiner aufgebürdet, ich habe an der Schuld unserer Väter und Mütter gelitten, wie viele meiner Altergenossen. Man schob allgemein das Unrecht auf die primitiven Nazischergen und Sadisten, während zahllose gebildete und kultivierte, aber seelisch verfaulte Schreibtischtäter und Mitläufer ohne Skrupel wieder Machtpositionen in der neuen Republik einnahmen und Respekt vor ihren Ämtern und Wiederaufbauleistungen verlangten, so wie Klausa.
 
Heute kommt mir das Nachkriegsschicksal meines Vaters „ehrenvoller“ vor als die erfolgreichen, geölten „Klausa-Karrieren“. Zynisch ausgedrückt: Er hatte zumindest den „Anstand“, vor den Anforderungen einer bürgerlichen Existenz zu versagen. 
 
Die eine Quelle der Wut, die uns radikale 68er ergriffen hatte, war der mörderische Vietnamkrieg, über den die Kriegsgeneration achselzuckend hinwegging. Die andere aber war sicherlich eine Folge der schamlosen „Exculpation“ unserer angeblich „unschuldig-schuldigen“ Väter, die uns ihre verdrängten Verbrechen wortlos in die Wiegen gekippt hatten. Wir mußten uns mit der Shoa auseinandersetzen, sie logen ja ihr Wissen darum und ihre jeweiligen Anteile daran einfach weg.

Sie waren daher auch nicht gezwungen, ihr mehr oder weniger ausgeprägtes rassistisch-antisemitisches Menschenbild zu revidieren. Daß wir noch Ende der 70er Jahre in „Klausas“ Anstalten vertuschte Todesfälle durch Prügel, Überdosen oder gefährliche Fluchtversuche aufdecken konnten, zeigt ja, daß die Insassen immer noch nicht als gleichwertige Mitmenschen angesehen wurden, da man sie ja gleichgültig und ohne jedes Mitgefühl ihrem unmenschlichen „Schicksal“ überließ.
 
Ihr Vortrag und Ihre Forschung zu der Vergangenheit des „ganz normalen Nazis“ Klausa sind einer Antwort auf die große Frage, wie das „Dritte Reich“ in einer „Kulturnation“ überhaupt möglich werden konnte, näher gekommen als viele andere Studien. Mir sind dabei auch einige Aspekte meiner persönlichen Geschichte klarer geworden. Dafür danke ich Ihnen.
 
Viele Grüße, Lothar Gothe
(PK)
 
Mary Fulbrook, geboren 1951 in Cardiff, ist eine britische Historikerin und international renommierte Professorin für neuere Deutsche Geschichte
 
Udo Klausa, geboren 1910 in Allenstein, gestorben 1998 in Königswinter-Ittenbach, war nationalsozialistischer Landrat des Kreises Bendsburg im besetzten Polen und ab 1954 erster Landesdirektor des Landschaftsverbands Rheinland mit Sitz in Köln, Präsidiumsmitglied des Verwaltungsrates der Westdeutschen Landesbank WestLB und Präsident des Deutschen Heimatbundes.
 
Mehr über Udo Klausa finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16848
 


Online-Flyer Nr. 387  vom 02.01.2013

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