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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
„Ferien vom Krieg“ Teil 2: Dialogseminare junger Israelis und Palästinenser
Ein erfolgreiches Projekt in Deutschland
Von Helga Dieter

Gemeinsame öffentliche Aktionen der 925 jungen Israelis und der 925 gleichaltrigen Palästinenser, die seit elf Jahren an Dialogseminaren des Komitees für Grundrechte und Demokratie e.V.  teilgenommen und dadurch in Deutschland „Ferien vom Krieg“ gemacht haben, sind wegen des Besuchsverbots der jeweils "anderen Seite" und der gigantischen militärischen Grenzbefestigungen nicht so einfach möglich. Doch neben den facebook-Foren, die die meisten Gruppen gleich nach ihrer Rückkehr einrichten, finden die TeilnehmerInnen verschlungene Wege zum Wiedersehen der FreundInnen oder gemeinsamen Treffen der Gruppen, die manchmal gefährlich sind.
 

TeilnehmerInnen eines Dialogseminars in Deutschland
Foto: Helga Dieter
Wegen des Ramadan fanden im vergangenen Sommer die beiden Seminare mit je 74 TeilnehmerInnen aus Israel und Palästina früher statt. Es ist sicher einmalig, dass – organisiert von einem säkularen Menschenrechts-Komitee – Juden und Moslems in einer katholischen Akademie an einem Freitagabend einträchtig und ungeduldig auf den Sonnenuntergang warten, der hierzulande viel später ist als daheim, um die jüdische Zeremonie "Kabbalat Schabbat" oder das moslemische "Fasten-Brechen" im Ramadan zu feiern.
 
Wieder kamen nicht alle TeilnehmerInnen wie geplant in Deutschland an. Doch dieses Mal nicht, weil ein Palästinenser an einem Checkpoint oder an der Grenze zurückgewiesen wurde, sondern weil ein junger Israeli von der Militärpolizei verhört wurde bis das Flugzeug abhob. Er war nicht zum jährlichen Reservedienst erschienen. Das war Schikane, denn gegen ihn lag nichts vor, und er konnte am nächsten Tag nachkommen.
 
Mousab, ein palästinensischer Teilnehmer, war das erste Opfer als die Zweite Intifada in Jenin begann. Durch die Schüsse eines israelischen Soldaten sitzt er seit 12 Jahren im Rollstuhl, In der Gruppe war er nun täglich mit israelischen Soldaten konfrontiert. Es war beeindruckend, wie ruhig und sachlich er seine Geschichte erzählte, und wie er sich veränderte. Nach ein paar Tagen löste sich seine versteinerte Mimik oft in Lachen auf. Bei der Musik am palästinensischen Kulturabend wippte er zu seiner eigenen Überraschung mit einem Fuß.
 
Im Team aus Deutschland waren, wie bei fast allen Gruppen, zwei Shiatsu-PraktikerInnen, die mit ihren heilenden Händen durch sanfte Massagen innere und äußere Verkrampfungen bei den TeilnehmerInnen entspannen. Sie stimmten mit einer anwesenden Heilpraktikerin darin überein, dass Mousabs Beweglichkeit durch Reha-Maßnahmen deutlich verbessert werden könne. Über eine arabische Ärzteorganisation in Deutschland ist eine Reha-Kur geplant. Wir bitten um Sonderspenden, um einen Teil der Kosten zu übernehmen (Stichwort Mousab). Vorläufig halfen wir ihm durch den Kauf eines gebrauchten Rollstuhls. Ein anderer Palästinenser kam gerade aus langer Haft, die er ohne Anklageerhebung und Gerichtsverfahren in israelischen Gefängnissen absitzen musste. Er wollte darüber nicht sprechen.
 
Auf israelischer Seite fiel diesen Sommer die hohe Zahl von Soldaten aus Kampftruppen auf, von denen einer direkt nach der Heimkehr schrieb: „Mein Militärdienst war bei der Luftwaffe, wo die Leute kein Gesicht oder Stimme haben, sie sind nur Schatten auf einem Computer-Bildschirm. Bisher hatte ich nicht die Chance, Palästinensern in die Augen zu sehen und ihrer Stimme zuzuhören. Diese zwei Wochen gaben mir die Gelegenheit, das zu tun. Ich mochte ihre Argumente nicht immer, aber zwei Wochen sind ein idealer Zeitraum, um die andere Seite kennenzulernen. Ich fand einige neue Freunde von der anderen Seite des Sperrzaunes. Obwohl wir diesen Zaun zwischen uns haben, beanspruche ich das Recht, sie Freunde zu nennen und die Bindung zu ihnen aufrecht zu halten, so als wäre da keine Barriere zwischen uns.“
 
Ein jugendlicher Totalverweigerer schilderte die Probleme mit seiner Familie, die fast alle Soldaten in höheren Positionen sind, als er „verrückt-sein“ einübte, um den § 21 als psychisch Kranker zu erhalten, eine Etikettierung, die in Israel für die Zukunft massive berufliche und soziale Nachteile bringen kann, aber als Alternative zu mehrfachen Aufenthalten im Militärgefängnis oft vorgezogen wird. Glücklich sei er gewesen, als seine Mutter dem Militärgericht schweren Herzens bestätigte, dass ihr Sohn psychisch krank sei.
 
Rebekka kommt aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden. Sie war schon mit 22 Jahren in einer verantwortlichen Position beim Militär. Dabei teilte sie eine Gruppe von Soldatinnen an einen Einsatzort ein, wohin diese mit dem Bus fahren sollten. Ein Selbstmordattentäter sprengte den Bus, zwei der Soldatinnen starben, eine dritte war schwer verletzt. Rebekka sagte verzweifelt: „Im Kopf weiß ich, dass ich nicht verantwortlich bin, aber in meinem Unterbewusstsein bin ich es doch irgendwie.“ Ein Jahr später stand sie an der Busstation, als in einem Koffer eine Splitterbombe explodierte und viele Menschen verletzte. Die Trennungsmauer sei schrecklich, aber für die Sicherheit Israels nötig, denn seit ihrer Existenz habe es deutlich weniger Anschläge gegeben, meinte Rebecca. Bei allem Mitgefühl für ihr persönliches Leid widersprachen die palästinensischen TeilnehmerInnen, was zu einer heftigen Kontroverse führte.
 
Die Selbstreflexionen in den Interviews und die ambivalenten Entwicklungen im Gruppenprozess werden wir vor dem aktuellen politischen Hintergrund in unserer jährlichen Broschüre darstellen. (PK)
 
Teil 1 von „Ferien im Krieg" finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18189
 
Nachfragen bei Helga Dieter, Flussgasse 8, 60489 Frankfurt, Tel. 069-7892525, ubihedi@t-online.de oder Brigitte Klass, Vogelsbergstr. 25, 60322 Frankfurt, Tel. 069-496603, brigitte.klass@t-online.de
Mehr Informationen unter www.ferien-vom-krieg.de
Spendenkonto: Grundrechtekomitee Nr. 8013 055, Volksbank Odenwald, BLZ 508 635 13


Online-Flyer Nr. 372  vom 19.09.2012

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