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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Überraschender Erfolg des Dialogprojektes „Ferien vom Krieg“ - Teil 1
„Odmor od rata"
Von Helga Dieter

 „Odmor od rata" („Ferien vom Krieg“), ein friedenspolitisches Dialogprojekt des Komitees für Grundrechte und Demokratie, machte im August Schlagzeilen von Bosnien-Herzegowina über Kroatien bis Serbien. Ein Mitarbeiter des Grundrechtekomitees hat 90 von ca. 125 Artikeln bzw. Sendungen dokumentiert (1): Ausgelöst wurde dieses enorme öffentliche Interesse durch ein Video, das ein jugendlicher Teilnehmer der Friedensseminare in YouTube ins Netz gestellt hatte (2), und das in wenigen Tagen über 65.000 mal angesehen wurde. In vielen Internet-Foren wird nun darüber diskutiert.


Jugendliche in der bosnischen Enklave Neum
Foto: Victoria Schneider


Worum geht es?
 
Das Video zeigt ca. 100 Jugendliche, die alle T-Shirts tragen, die sie mit der Friedenstaube und dem selbstgewählten Slogan: „Gemeinsam schaffen wir alles“ bemalt haben. In der bosnischen Enklave Neum am Mittelmeer, in Dubrovnik und in den Heimatstädten stellten sie szenisch die blutigen Kämpfe der Soldaten und die Aussöhnung der trauernden Frauen dar. Dazu sang der große Chor das im ganzen ehemaligen Jugoslawien bekannte Friedenslied „Samo da rata ne bude“ (Es darf keinen Krieg mehr geben) des Sängers Đorđe Balašević. In dem Lied wurde schon 1987 vor dem drohenden Krieg gewarnt.
 
Was ist daran Besonderes?

In den neuen Ländern des ehemaligen Jugoslawien wird seit 17 Jahren mit internationalem wirtschaftlichen und militärischen Druck eine "feindliche Koexistenz“ aufrecht erhalten. Die Karawane der Hilfsorganisationen ist weiter gezogen, Die wenigen Ansätze zur zivilen Konfliktbearbeitung, denen die Mittel noch nicht gestrichen wurden, arbeiten meist an innerstaatlichen Spannungen. Kontakte über die Grenzen hinweg sind selten, Die Thematisierung der blutigen Kämpfe zwischen Nachbarn sind in der Öffentlichkeit, aber auch in den meisten Familien tabu. In den Schulen mancher Regionen bedarf es einer besonderen Genehmigung, darüber zu sprechen. Nationalistische Propaganda und pauschale wechselseitige Schuldzuweisungen fördern die Feindbilder eher als sie abzubauen. Doch die nachwachsende Generation zweifelt die offizielle Geschichtsschreibung an und stellt Fragen.
 
Vor diesem Hintergrund ist es sensationell, wenn Jugendliche aus Sombor (Serbien), aus Vukovar (Kroatien), aus Srebrenica (bosnisch-serbische Republik), aus Tuzla (bosnische Föderation) und der geteilten Stadt Gornji-Vakuf/ Uskoplje gemeinsam zwei Wochen unter einem Dach leben und in friedenspädagogischen Workshops die Mechanismen der Gewalteskalation verstehen wollen.
 
Zwar gibt es das Projekt „Ferien vom Krieg“ seit 1994, und fast 21.000 Kinder und Jugendliche aus den Kriegsgebieten des ehemaligen Jugoslawien haben nicht nur gemeinsam vergnüglich die Ferien am Meer verbracht, sondern auch in Dialogseminaren über ihre Kriegstraumata und ihr leidvolles Alltagsleben in der Nachkriegszeit gesprochen, doch wurde das öffentlich kaum wahrgenommen. Inzwischen gibt es in den Heimatregionen immer mehr Folgetreffen und Gruppen, die über die Grenzen hinweg ihre Erfahrungen weiter vermitteln. In selbstorganisierten "Summer-Camps“ treffen sich ehemalige TeilnehmerInnen abwechselnd in den Heimatorten und vermitteln ihre Friedensbotschaft in öffentlichen Veranstaltungen oder auf zentralen Plätzen.
 
Auch für die Koordinatorinnen des Projektes kommt diese plötzliche Wirkung der „Ferien vom Krieg“ auf den gesellschaftlichen Wandlungsprozess überraschend. Sie ist nicht bloß ein erfreulicher Erfolg sondern bestätigt auch das aus der Erfahrung entwickelte Konzept, dass mit der nachwachsenden Generation die etablierten Institutionen an Bedeutung verlieren gegenüber den sozialen (Graswurzel-)Bewegungen. Dabei spielen die neuen Kommunikationstechniken eine große Rolle, die nicht nur als Kontrollinstrumente der Herrschenden eingesetzt werden können, sondern auch subversiv gegen sie. Die Begegnungen über die Grenzen hinweg sind in Krisengebieten verboten oder unerwünscht. Um in Kontakt zu bleiben werden e-mails ausgetauscht. Alle Gruppen nutzen nach der Heimkehr Internet-Foren zur Intensivierung des Dialogprozesses und zur Planung gemeinsamer Aktivitäten. Diese sind im ehemaligen Jugoslawien zwar noch völlig ungewöhnlich, aber immerhin möglich und stoßen auf überraschend großes Interesse. Die Veranstalter rechnen nun mit einem Ansturm von Jugendlichen, die an dem "Friedensprozess von unten“ teilhaben wollen. Das Komitee für Grundrechte und Demokratie bittet deshalb um Spenden.
 
Im nächsten Jahr finden die „Ferien vom Krieg“ im ehemaligen Jugoslawien zum 20. Male statt. Dazu ist im bosnischen Tuzla ein großes Fest geplant. Dazu soll der berühmte serbische Sänger Đorđe Balašević eingeladen werden. (PK)
 
(1) Namik Trutovic hat die 90 von ca. 125 Artikeln bzw. Sendungen dokumentiert: https://www.facebook.com/media/set/?set=oa.10152075460510230&type=1
http://www.jutarnji.hr/video-performans-u-neumu-i-dubrovniku--djeca-iz-srbije--bih-i-hrvatske-zajedno-pjevala--samo-da-rata-ne-bude-/1049145/
 
(2) Stefan Stojanović hat sein Video ins Netz gestellt: (google, Balasevic, Neum) http://www.youtube.com/watch?v=ZBex3NrenBI&list=UUAajL8xpZLc_RoZZL60GNxw&index=4&feature=plcp)
 
Nachfragen bei Helga Dieter, Flussgasse 8, 60489 Frankfurt, Tel. 069-7892525, ubihedi@t-online.de und Brigitte Klass, Vogelsbergstr. 25, 60322 Frankfurt, Tel. 069-496603, brigitte.klass@t-online.de
www.ferien-vom-krieg.de
Konto: Grundrechtekomitee Nr. 8013 055, Volksbank Odenwald, BLZ 508 635 13


Online-Flyer Nr. 371  vom 12.09.2012

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