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Aktueller Online-Flyer vom 13. August 2020  

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Lokales
Merkwürdiges Echo auf Pressefreiheit à la Pleitgen im WDR
Zensierte Zensur-Geschichten 
Von Peter Kleinert

So sind sie halt - die Damen und Herren, die in den "übl(ich)en Medien" das Sagen haben: Geht es um Eingriffe in die Presse- und Informationsfreiheit außerhalb des eigenen Konzerns, dürfen "freie" Mitarbeiter sogar bei Friede Springer schon mal das Grundgesetz verteidigen. Dass sogar beim Berichten über Zensur zensiert werden kann, ist mein eigentliches Problem. Zunächst aber ein kurzer Blick auf mehr als 30 Jahre Pressefreiheit im Verlag des Kölner Ehrenbürgers Alfred Neven DuMont, weil der jetzt nach dem Kauf der "Frankfurter Rundschau" versprach, auch dort "seine lange publizistische Erfahrung einfließen lassen".

Dafür ein paar Beispiele: Vor ziemlich genau zehn Jahren wurde dem "Stadt-Anzeiger"-Redakteur Hartmut Schergel gekündigt. Der hatte den Bericht eines "freien Mitarbeiters" ins Blatt gestellt, in dem von Verwicklungen des MDS-Reisebuch-Verlags mit einem Reiseveranstalter die Rede war. Schergel habe gegen die wirtschaftlichen Interessen des Verlages verstoßen, hieß es in der Kündigungsbegründung. Deshalb sei er "ein publizistisches Sicherheitsrisiko". Den Ehrentitel verlieh ich in einem Fernsehfilm zur Kündigung des Redakteurs doch lieber Neven selbst.  Das Arbeitsgericht war offenbar meiner Meinung und erklärte die Kündigung für rechtswidrig - wohl ohne zu wissen, dass Neven sich den Filmtitel seit den 70er Jahren immer mal wieder verdient hatte (www.kaos-archiv.de).

Damals - bald nach dem Rausschmiß des den kapitalstarken Kölner Anzeigenkunden nicht mehr genehmen liberalen Chefredakteurs Joachim Besser - hatte Redakteur Rolf Elbertzhagen einen Verbraucher aufklärenden Artikel in die "Bunten Blätter" der Wochenendausgabe gestellt. Der gefiel Neven überhaupt nicht, weil er sich kritisch mit Kaufhauskonzernen befasste. 180.000 bereits gedruckte Exemplare der "Bunten Blätter" mit dem Artikel "So werden die Verbraucher missbraucht" ließ der Verleger einstampfen, und der Kollege Elbertzhagen bekam deswegen dicken Ärger.

Fritz Pleitgen - wird wohl nicht wieder gewählt
Fritz Pleitgen - wird wohl nicht wieder gewählt
Foto: WDR


Klar, dass heute - nach gut 35 Jahren Erfahrungen mit derlei Risiken - Nevens Redakteure lieber nichts zur tiefen Verbeugung von WDR-Intendant Fritz Pleitgen vor CDU-Staatssekretär Jens Baganz veröffentlichen. NRhZ-Leser wissen warum, oder sie können es im Flyer 01 vom 15. August 2005 unter der Überschrift "MONITOR an die Kette gelegt? - Alfred Neven DuMont und das Kölner Milliarden-Monopoly" nachlesen: Die Beziehungen zwischen Neven und Pleitgen, der selbst mit dessen Unterstützung kaum wieder gewählt werden dürfte, sind einfach zu gut. So fand der NRhZ-Artikel "Piel und Pleitgen hart gegen Lukas Podolski - aber vor Jens Baganz kneift der WDR" im Flyer 52 zwar kein Echo im Hause MDS, dafür aber bei einem freien Mitarbeiter der "WELT KOMPAKT".

"Ich werde zu diesem Thema einen Artikel für Montag in der Welt Kompakt verfassen", mailte der Kollege mir am 14. Juli. Und ergänzte fairerweise: "Dabei will ich Ihren Text zitieren. Schließlich haben Sie das Thema aufgemacht. Dazu habe ich aber noch eine Frage, haben Sie eine PDF des WDR-5-Internet-Textes? Wenn Sie mir den mailen könnten, wäre das sehr nett." Meine Antwort: "Das von Pleitgen gekippte Rügemer-Feature schicke ich Ihnen gern in der Anlage, wenn Sie mir versprechen können, die Rolle der NRhZ dabei ein bißchen zu würdigen." Antwort: "Klar verspreche ich, die NRhZ zu zitieren. Ehre, wem Ehre gebührt." Das tat der Kollege am Wochenende zwar in seinem Manuskript, doch musste er am Montag, als er seinen Beitrag in der "WELT KOMPAKT" las, bedauernd gestehen: "Der Redakteur am Tisch hat den Hinweis auf die Neue Rheinische Zeitung rausgenommen. Scheiße aber wahr. Sie kennen das Problem. Ich hoffe, Sie sind mir nicht allzu gram."

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de



Von Springer-Redakteuren hatte ich in der Tat nichts anderes erwartet. Die haben  sich seit den 68ern nicht verändert. Warum sollten sie für eine Zeitung Werbung machen, die als Alternative nicht nur zur DuMont-Presse, sondern auch zum Rest der Medien zwischen "FAZ" und "taz" gedacht ist? Und siehe da: Auch die "taz"-Redaktion scheint das begriffen zu haben. Am 19. Juli, sieben Tage nach der NRhZ und zwei nach der "WELT KOMPAKT" nahm auch sie sich Pleitgens Eingriff in die Presse- und Rundfunkfreiheit an - mit dem freundlichen Hinweis auf ihre Quelle: "Nachdem die Welt Kompakt über den Vorgang berichtet hatte..." Also: Lieber Werbung für den Nachzügler Springer als für ein unabhängiges Medium, obwohl die "taz" im ARD-Presseclub ab und an gern als linkes Alibi eingebracht wird.

In einer ähnlichen Klemme sahen sich wohl auch die früher mal zur linken Szene zählenden Kollegen des "Kölner Branchenmagazins für Kommunikation, Kultur, Medien und IT - ComCologne", das inzwischen aber offenbar auf "die freundliche Unterstützung der Stadt Köln, Amt für Stadtentwicklung und Statistik" angewiesen ist. Einerseits hatte die NRhZ zuerst über die "Netzkultur beim WDR" berichtet, also konnte man sich schlecht auf "WELT KOMPAKT" und "taz" beziehen. Andererseits: Die NRhZ als Quelle nennen, wo die sich (siehe Barmer Block) immer mal wieder mit "der Stadt Köln" anlegt???

Clever wie die Jungs sind, fanden sie schließlich eine Lösung. Zitat aus ihrer Glosse vom 20. Juli: "1999 genügte für den Kölner Journalisten und Filmemacher Peter Kleinert ein Anruf beim Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel, um zu erfahren, dass gegen den damaligen Oberstadtdirektor Klaus Heugel (SPD) wegen Insiderspekulationen mit F & G-Aktien ermittelt wurde. Heugel musste zurücktreten, und die SPD verlor die Kölner OB-Wahl. Jetzt ist der Muckracker WDR-Intendant Fritz Pleitgen auf der Spur - als Verantwortlichem für einen Vorgang, bei dem das Ansehen des WDR als unabhängige Anstalt beschädigt werden könnte."

So kommt man seiner Journalistenpflicht nach, nennt den Autor, von dem man angeregt wurde, ohne das lästige Medium erwähnen zu müssen, in dem er publiziert, und distanziert sich vorsichtshalber - für Kollegen vom Fach verständlich - mit dem englischen "Muckracker" von ihm. Das heißt laut PONS-Wörterbuch vom Klett-Verlag nämlich "Sensationshai". So einer macht seine Recherchen weniger, um aufzuklären, sondern um demnächst vielleicht doch noch einen Job bei Springers BILD oder Nevens EXPRESS zu kriegen, bei einem "mucknewspaper", einem Skandalblatt eben.

Wobei der Hinweis erlaubt sei, dass man "Muckraker" korrekt ohne zweites "c" schreibt. "Muck" heißt "Dreck, Mist, Kot" und "rake" heißt "harken, ausräumen, herumwühlen und -stöbern". Das müssen wir bei der NRhZ tatsächlich gelegentlich tun - allerdings nicht aus Sensationsgier, wie comcologne unterstellt.

Fortsetzung folgt.

Online-Flyer Nr. 54  vom 25.07.2006

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