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Aktueller Online-Flyer vom 13. August 2020  

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Lokales
Muslimischer und christlicher Mystiker geben sich die Hand im Libresso
Begegnung mit einem toleranten Islam
Von Martina Brauckmann-Kleis

Im Zuge der "Terrorbekämpfung" nach dem 11. September 2001 wird der Islam systematisch in Verruf gebracht und als Religion der erfundenen so genannten "Achse des Bösen" hingestellt. Die Propaganda wirkt! In Deutschland hat die Toleranz gegenüber dem Islam in den letzten Jahren spürbar abgenommen. Als Beispiel sei genannt die Agitation von "Pro"-Köln beim Moscheebau in Ehrenfeld (Vgl. Online-Flyer Nr. 52). Selbst aufgeklärte Stimmen beschreiben den Islam als rückständige, archaische oder intolerante Religion.

Am vergangenen Sonntag konnte man bei "Philosophie im Libresso"(Kontakt: karin.farokhifar@int-gip.de) einen ganz anderen Islam kennen lernen. Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie e.V. (www.int-gip.de) durchgeführt. Sie findet einmal im Monat zu unterschiedlichen Themen statt. Hinter dem Neumarkt gegenüber der Zentralbibliothek im gut besuchten, gemütlich eingerichteten Libresso - die Wände sind verziert mit verschiedensten Musikinstrumenten, z. T. in Einzelteilen, weil ein ganzer Kontrabass einfach zu groß ist - stellte Frau Dr. Fateme Rahmati "Das Menschenbild in christlicher und islamischer Mystik" dar anhand zweier bedeutender Mystiker, nämlich Ibn Arabi (1165-1240 n. Chr.) und Meister Eckhart (1265-1329 n. Chr.). Moderiert wurde die anschließende Diskussion von PD Dr. Hermann-Josef Scheidgen. Wer sich für den Austausch und die Verständigung der Kulturen einsetzen möchte, kann hier gute Argumente finden.

Der in Andalusien geborene Ibn Arabi (* 7. August 1165 in Murcia; + 16. November 1240 in Damaskus) gehört zu den größten Mystikern und Philosophen der islamischen Welt. Seine Philosophie hat der europäischen Mystik und Lehre vielfältige Anstöße gegeben. Sein Einfluss lässt sich auch im Denken Dantes feststellen. (Vgl. Etel Adnan: Der Einfluss von Ibn Arabi auf Dantes Vita Nuova) Mystiker sind keine abgehobenen Spinner, sondern in jeder Religion eine Gegenbewegung gegen die herrschende Theologie und, wenn man so will, ein revolutionäres Potenzial. Ibn Arabi ging in seinem Denken vom islamischen Glaubensbekenntnis aus, dass Gott ein Einziger ist. Diesen Satz radikalisierte er so weit, dass es außer Gott nichts gibt, alles, was ist, alles Sein existiert nur in Gott.

Da er die Existenz der Welt und aller Dinge, die wir hautnah erleben, nicht leugnen wollte, hat er eine "Manifestationstheorie" entwickelt. Das rein geistige, unsichtbare Sein Gottes manifestiert sich in der sichtbaren Materie auf der Erde. Somit bilden beide Seiten eine Einheit. Wenn man an so manche körperfeindlichen Äußerungen z. B. der christlichen Religion denkt, dann wirkt diese Aussage sehr positiv. Der Körper wird nicht verteufelt, sondern als sichtbare Seite des göttlichen Seins dargestellt. Ibn Arabi wollte damit nicht sagen, dass wir Menschen lauter kleine Götter sind. Dazu kannte er die Menschheit zu gut. Neben der grundsätzlichen Möglichkeit, die alle Menschen besitzen, das Göttliche in ihnen lebendig zu machen, gibt es bei ihm auch die individuelle Entscheidung jedes einzelnen, diese Möglichkeit zu nutzen oder nicht. Auf Rückfrage zum Frauenbild erklärte Fateme Rahmati voller Stolz, dass Ibn Arabi keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht habe. Beide trägen diese Potential in sich. Der Mensch wird gesehen als Zusammenfassung des Universums. Da Gott unsichtbar bleibt, ist es wichtig, dass der Mensch als sein Abbild vollkommen werde - was auch immer konkret damit gemeint sei - um ihn erkennbar zu machen.

Fateme Rahmati im Kölner Libresso
Fateme Rahmati im Kölner Libresso
Foto: NRhZ-Archiv



Ibn Arabi vertritt den Standpunkt, dass jeder Mensch seine individuellen Gottesvorstellungen entwickelt. Nach seiner Theorie ist das Herz der Ort und das Mittel zur Gotteserkenntnis, und somit sieht der Glaube auch innerhalb einer Religion bei jedem Menschen anders aus. Wenn man sich die Macht vor Augen hält, die Religionsführer gerade aus der Einheit des Glaubens und damit der Manipulation der Massen ziehen, spürt man, wieso Mystiker wie Arabi gefährlich werden können und verfolgt werden. Arabi gibt jedem Menschen seine Freiheit und Individualität zurück. Gleichzeitig respektiert er andere Religionen, weil er keinen Alleinanspruch vertritt. In diesem Kontext gehören auch seine Äußerungen zur den religiösen Vorschriften wie den fünf Säulen des Islam (Sie umfassen die Pflicht, den Glauben zu bekennen, fünf Gebetszeiten am Tag einzuhalten, bis zu 10% Almosen zu geben, den Fastenmonat zu halten und nach Mekka zu pilgern). Dem Mystiker zufolge muss man sich an diese und ähnliche Vorschriften nicht mehr halten, wenn man eine größere Nähe zu Gott erreicht hat. Sie seien nur notwendig in der Vorbereitung. Auch diese Haltung zeigt das Selbstbewusstsein und die Freiheit, die dieser Denker zu bieten hat und die ihn daher in Konflikt mit den Führern seiner Religion brachte. Nach diesen Ausführungen über den "Großen Meister", wie er in der muslimischen Tradition genannt wir, wollen wir ihn kurz selbst zu Wort kommen lassen:

Herrlichkeit
Herrlichkeit! Ein Garten inmitten von Flammen.
Mein Herz ward empfänglich für jegliche Form:
Es ist eine Wiese, wo Gazellen weiden;
Es ist ein Konvent christlicher Mönche;
Es ist ein Götzentempel;
Es ist die Ka'ba der Pilger;
Es sind die Tafeln der Thora;
Es ist das Quran-Buch.
Ich folge der Religion der Liebe:
Welchen Weg auch immer die Kamele der Liebe nehmen,
Der ist mein Bekenntnis,
Der ist mein Glaube.

Ibn 'Arabi (1165--1240) 
Quelle: http://mmh.cz/sklad/gsufi.htm

Aus diesen Zeilen wird deutlich, was Toleranz für Arabi bedeutete. Im Vergleich mit Meister Eckart (* um 1260 in der Nähe von Gotha; + 1327/1328 in Köln oder Avignon), der auch in Köln gelehrt hat, wird deutlich wie nah sich diese beiden Denker zweier unterschiedlicher Religionen, die immer wieder zu Feinden gemacht werden, stehen. Beide gehen davon aus, dass Gott gleichzusetzen ist mit dem Sein, das heißt, dass es nichts gibt außer Gott. Gleichzeitig müssen sie erklären, warum es dann eine Welt gibt. Dadurch entsteht bei beiden die Vorstellung eines doppelten Aspekts bzw. Dualismus z.B. bei der Natur des Menschen. Hier trennen sich die Theorien etwas, denn Ibn Arabi glaubt, dass die göttliche Natur in allen Dingen steckt, wie in der Manifestationstheorie erklärt, dass also alles zwei Aspekte hat, den unsichtbaren göttlichen und den sichtbaren dieser Welt.

Bei Meister Eckart hingegen führt der Dualismus zu einer Abwertung des Körpers und aller Dinge, die nicht näher an Gott heranführen. Er legt den Schwerpunkt auf den inneren Menschen, der edel werden kann und damit das Ebenbild Gottes darstellt. Bei der Vorstellung, dass der Mensch ein Potential in sich trägt, das entwickelt werden kann und sollte, treffen sich beide Mystiker wieder. In ihrer Biographie, was Verfolgung durch die Machthaber ihrer jeweiligen Religionen betrifft, haben beide ähnliches erlebt. Ähnlich ist auch die Wirkung ihrer Aussagen in der heutigen Zeit. Es gibt eine universitäre Nische, in der sie gelesen werden, aber weder in christlichen noch in muslimischen Gemeinden haben sie großen Einfluss.

Schade, wie ich finde, aber das muss ja nicht so bleiben, denn Toleranz, Freiheit und Individualität des Glaubens können allen Menschen und Kulturen nur nützen.

Frau Dr. Fateme Rahmati hat in Teheran Islamische Philosophie studiert und an der Universität Bonn in Vergleichenden Religionswissenschaften promoviert. Ihre Dissertation über muslimische Mystiker - Der Mensch als Spiegelbild Gottes - wird im November als Buch erscheinen.


Online-Flyer Nr. 54  vom 25.07.2006

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