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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Lokales
Der Untergang des "Kulturguts“ Kölner Stadt-Anzeiger steht bevor
Frohe Botschaft zum Weihnachtsfest
Von Werner Rügemer

Ist der Kölner Stadt-Anzeiger, sind die vom Verlag DuMont Schauberg zusammengekauften Medien ein "Kulturgut“? Das zudem vom Staat vor dem Untergang gerettet werden muß? Der Kölner Verlegerpatriarch Alfred Neven DuMont ist jedenfalls dieser Meinung - in seinem Leitartikel vom 11.Dezember, den er mit der Überschrift „Das Kulturgut Zeitung ist in Gefahr“ versehen hat. Dazu ein Beitrag von Werner Rügemer, dessen Buch COLONIA CORRUPTA demnächst in einer aktuell ergänzten sechsten Auflage erscheinen wird. – Die Redaktion

Teilt der Regierung und uns sein Leid per 
Leitartikel mit – Alfred Neven DuMont
NRhZ-Archiv
Alfred Neven DuMont war Zeit seines langen Lebens bisher der gegenteiligen Meinung: Der Staat dürfe sich nicht in die Wirtschaft und in die Medien einmischen! Darin bestand seit Jahrzehnten die gebetsmühlenartig wiederholte Leitlinie seines Handelns und seiner Blätter. Nun aber jammert das an der Spitze seines Reichtums angekommene FDP-Mitglied in einem seiner aufgeblasenen Leitartikel: Auflagenverlust! Anzeigenverlust im letzten Jahr um 20 Prozent! Krise! Das Kulturgut Zeitung droht in spätestens 15 bis 20 Jahren von der Erde zu verschwinden! Der Staat muß uns retten!

„Dramatischer Überlebenskampf“
 
Und nicht nur in Köln und Deutschland, so der ideelle deutsche Medien-Gesamt-Kapitalist, sei der „Lebensraum“ der Tageszeitungen bedroht. Nein, in allen führenden Staaten der „westlichen Welt“ befinden sich „die Zeitungen“ in einem „dramatischen Überlebenskampf“. Insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch in Frankreich, England und überall, wo die guten Menschen wohnen! In Deutschland, sagt der große Alfred, sind nur noch „die Tageszeitungen“ - im Unterschied zu den angepassten Meinungsmachern wie Spiegel und Zeit und den öffentlich-rechtlichen Sendern - die einzig verbliebenen Hüter „einer ernsthaften kritischen Haltung“!
 
Der Bemerkung über die angepassten Meinungsmacher kann man durchaus zustimmen. Aber wo sieht nun unser neuer „Lebensraum“-Träumer die Lösung? Ja tatsächlich, er verlangt jetzt das Gegenteil dessen, was er und seine folgsamen Chefredakteure jahrzehntelang als alternativlos gepredigt haben: Wie bei den Banken, schreibt der Wendehals nun plötzlich, müsse der Staat das Kulturgut Stadt-Anzeiger usw. retten! Der Staat! Angeblich besteht die Marktwirtschaft nach der Lehre des Verlegers darin, daß Unternehmen etwas unternehmen und das Risiko tragen. Das einzige aber, was er nun unternimmt, ist, die Verantwortung für das eigene Handeln abzulehnen und das Risiko dem Staat und damit uns allen, die er seit Jahrzehnten medial belästigt, aufzubürden.

Der Staat als Retter?
 
Der Staat also jetzt als Retter derjenigen, die ihn jahrzehntelang als Moloch beschimpft und deformiert und privatisiert haben! So verlangt der den Bankrott erahnende Verleger zunächst eine weitere Lockerung des (ohnehin schon bis zur Unkenntlichkeit aufgelockerten) Kartellrechts: Damit Zukäufe anderer Medien nun noch leichter und schneller als bisher über die Bühne gehen können. Und er verweist auf die guten Beispiele, die sich bereits in anderen Staaten bei einsichtigen Regierungen anbahnen: Der französische Staat zahlt Jugendlichen neuerdings Zeitungs-Freiabos! Der englische Staat befreit die Zeitungen vollständig von der Mehrwertsteuer! Acht Staaten in der Europäischen Union zahlen 60 Millionen Euro direkte Subventionen! 
 

Kurt Neven DuMont – baute den Verlag in der
Nazizeit auf jüdischen Grundstücken aus
NRhZ-Archiv
Wir sehen: Keiner ist so gierig nach staatlichen Subventionen wie fundamentalistische Subventionskritiker à la Neven DuMont. Er outet sich als prinzipienloser Opportunist, der freilich ein Prinzip niemals aufgibt, wie damals schon 1933 bis 1945, als Vater Dr. Kurt Neven DuMont die Kölnische Zeitung, den Stadt-Anzeiger und die Kölnische Illustrierte mit hundertprozentiger NS-Ideologie füllte und damit wuchs und gedieh und große innerstädtische Grundstücke, die Juden gehört hatten, kaufen und den Verlag ausbauen konnte. Auch mit großen Staatsaufträgen, zum Beispiel mit den Massenabonnements des Oberkommandos der Wehrmacht, das die Kölnische Zeitung und den Kölner Stadt-Anzeiger in den besetzten Staaten ringsum als Werbung für NS-Deutschland unter die unterdrückten Völker brachte. Mal gegen den Staat, mal mit dem Staat - ein Prinzip gilt immer: Der Privatgewinn und die privaten Privilegien stehen über allem.

Frei-Abonnements für Afghanen?
 
Vielleicht hat sich der neue Medien-Lebensraum-Träumer nur nicht getraut, es auszusprechen: Wenn doch die Bundeswehr nach dem damaligen Vorbild heute beim Verlag DuMont Schauberg ein Massenabonnement des Kölner Stadt-Anzeiger und des EXPRESS und der Mitteldeutschen Zeitung usw. bestellen und an die freudig besetzten Afghanen ausliefern würde? Womit dann die Bundeswehr als Botschafter der kölschen und deutschen Gutmenschen überall in der Welt auch noch ein bißchen was für die Rettung des Kulturgutes Stadt-Anzeiger tun könnte?
 
Übrigens: Wer hat denn eigentlich den Schwund an Lesern und Anzeigen verursacht? In den USA, England, Frankreich, Deutschland, Köln? Es war niemand anders als die neoliberalen Akteure, deren Praktiken vom Kölner Stadt-Anzeiger bis zur Washington Post angepriesen wurden. Sie haben auch die Kluft der etablierten Zeitungen zur Mehrheit der Leser vertieft, die im gleichen Zuge ärmer und arbeitslos geworden sind. Und mit deren Steuergroschen will der dem Bankrott entgegenzitternde Verleger sich nun sanieren!
 

Bald nur noch Geschichte? – DuMont-Tafel 
in der Breite Straße
NRhZ-Archiv
Ich finde, da sollten wir nicht mitmachen. Eigentlich sind das doch schöne Aussichten, die uns der Verleger da eröffnet: Die schöne neue Welt ohne Stadt-Anzeiger, Berliner Zeitung, Hamburger Morgenpost, EXPRESS, Mitteldeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau! (Pardon, Ihr dort noch verbliebenen und zitternden Kollegen, wir leiden mit Euch, aber ihr habt Euren Arbeitsplatz schließlich selbst gewählt.) Aber die bittere Pille dabei wäre doch, daß dieser Zustand nach den Prophezeihungen der kölschen Kassandra erst in 15 bis 20 Jahren Wirklichkeit werden würde! Freunde und Freundinnen, Bürgerinnen und Bürger, Demokraten und Demokratinnen, Leserinnen und Leser: Sollen wir wirklich noch so lange warten? Das wäre doch eine schreckliche Vorstellung!
 
Da läßt sich doch etwas tun. Ihr Unglücklichen, die ihr euer Frühstück und die Arbeitspause und die Straßenbahnfahrt immer noch vom angeblichen Kulturgut verderben lasst, und das ihr doch schon, gebt es endlich zu, seit Jahren nur mit der Faust in der Tasche lest: Kündigt endlich! Macht euch frei! Befreit euch aus dem jahrzehntelangen Mediendämmer! Nutzt die freie Zeit und sprecht mit euresgleichen! Seht euch um im Internet! Die schöne DuMont-freie neue Welt wird umso schneller Wirklichkeit, je mehr wir unsere eigenen Medien weiter ausbauen und verbessern und weltweit vernetzen, womit wir schon begonnen haben.
 
Wie erkannte zum Beispiel schon ein gewisser Karl Marx, dessen Neue Rheinische Zeitung von der Kölnischen Zeitung von 1848 bis zu ihrer Schließung 1849 gehässig verfolgt wurde? „Die Freiheit der Presse besteht darin, kein kapitalistisches Unternehmen zu sein.“
 
An die Arbeit, Freunde! Und freudige Weihnachten!
(PK)

Sehen Sie dazu auch den Filmclip "Ein publizistisches Sicherheitsrisiko"

Online-Flyer Nr. 228  vom 16.12.2009

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