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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Über den „langen Treck“ gegen Atomkraft, Begeisterungsströme und eine
Eskalation in Morsleben
Von Christian Heinrici

„Mal richtig abschalten“ war das Motto eines langen Trecker-Trecks, der vom Wendland bis nach Berlin vors Brandenburger Tor zog – gegen die herrschende Atompolitik der gespaltenen Bundesregierung. 54.000 Teilnehmer begleiteten ihn auf den letzten Kilometern. „Mal richtig abschalten“, dachte sich vielleicht auch ein offensichtlich überforderter Polizeibeamter, der bei der Zwischenkundgebung am „Endlager“ in Morsleben seine Waffe gegen die Demonstranten zog. Georg Blumenröhr begleitete den Treck und Christian Heinrici führte ein Interview mit ihm.

Herr Blumenröhr, Sie haben den Antiatomkraft-Treck als Fahrer auf der ganzen Strecke begleitet. Was können Sie uns von der Fahrt berichten?

Georg Blumenröhr vor trojanischem Pferd auf der Anti-Atomkraft-Demo in Berlin Foto: Christian Heinrici
Äußerliche Wunden verheilen leicht – noch   
etwas lädierter Georg Blumenröhr vor symb.  
Trojanischen Pferd auf Anti-Atomkraft-Demo
in Berlin | Foto: Christian Heinrici
Ich hatte mich schon vor einem halben Jahr entschieden, den Treck mit der bäuerlichen Notgemeinschaft aus dem Wendland mitzumachen... Ein dortiger sehr netter und aktiver Landwirt hat mir dann seinen Schlepper zur Verfügung gestellt, und dann ging es am Samstag, genau vor einer Woche los: mit einer großen Kundgebung am Nachmittag vor dem Zwischenlager in Gorleben, an der „Kartoffelscheune“ – wie wir sie zärtlich nennen....

Von Begeisterungsstürmen und einigen wenigen, aber herzlichen Aktiven auf den Dörfern haben wir alles erleben dürfen, bis zu offensichtlich überforderten Polizisten, die überhaupt nicht mehr wussten, wo rechts oder links, oben oder unten ist, aber auch bis hin zu sehr freundlichen und hilfsbereiten „Hilfssheriffs“.

Leider zog einer der „Beamten“ bei unserer Aktion in Morsleben, wie es ja inzwischen schon auch durch einige Medien gegangen ist, eine Schusswaffe. Dort kam es auch zu weiteren „Ausschreitungen“ auf dem sonst sehr friedlichen Treck, die dann von der Presse hochgeschrieben wurden, was aber überhaupt nicht mehr der Wahrheit entsprach... [1]

Polizist mit gezückter Pistole Foto: Raphael Wehrspan
„Noch-Beamter“ mit gezogener Schusswaffe in Morsleben – ein  demonstrierender Landwirt flieht | Foto: Raphael Wehrspan

Was ist denn da genau passiert?

Das ganze ist in Morsleben, in Sachsen-Anhalt eskaliert, wo schon zu DDR-Zeiten ein Endlager für radioaktiven Müll errichtet worden war. Ähnlich wie in der Asse [2] versickern die gefährlichen Stoffe unter katastrophalen Lagerumständen langsam aber (un-)sicher im Boden. Der Salzstock ist völlig ungeeignet und könnte, ähnlich wie in der Asse in der nächsten Zeit „absaufen“.

Bei unserer Aktion haben wir ein steinernes Mahnmal gesetzt, das daran erinnern soll, dass dieser Müll ewig strahlt – so etwas ist ja in menschlichen Dimensionen überhaupt nicht nachzuvollziehen. Dort haben wir auch eine Kundgebung abhalten wollen, aber die Magdeburger Polizei, die uns unglücklicherweise „begleitet“ hat, ist auch im Wendland durch die Castortransporte für unverhältnismäßiges Benehmen schon lange bekannt – offensichtlich gibt es gravierende Unterschiede zwischen den verschiedenen Polizeidistrikten... Diese Einheit war durch unsere zahlenmäßige Überlegenheit und ihre eigene Schwäche zu deeskalieren total überfordert.

Polizisten besprühen Demonstranten mit Pfefferspray durch das Tor in Morsleben Foto: Andreas Conradt
Polizisten und „Sicherheitskräfte“ besprühen Demonstranten in Morsleben durchs Tor zum Bergwerk mit Pfefferspray | Foto: Andreas Conradt/Pxv

An diesem Beispiel konnte man genau studieren, wie sich ängstliche und überforderte Polizisten in Notsituationen verhalten: Ein Beamter hat dann seine Schusswaffe gezogen, und damit mehreren meiner Mitstreiter auf den Körper gezielt. Es gab keine Warnandrohung, sondern er setzte einen ungezielten Schuss an, wie auf dem Bild zu sehen ist.

In welcher Situation ist das geschehen?

Das ist passiert, als man meine Personalien kontrollieren wollte. Man wollte mich zur „Gefangenensammelstelle“ mitnehmen, wie man das ja gerne tut, um dann dort die Personalien festzustellen. Da ich mich in dieser Situation passiv verhalten hatte, wollte man mich mitnehmen, und meine Mitstreiter wollten darüber verhandeln. Da ist die Situation eskaliert.

Festnahme beim Endlager Morsleben Foto: Karin Behr
„Nur die Personalien feststellen“ oder doch gleich die ganze Person?
Foto: Karin Behr/PubliXviewinG

Das wird noch schwerwiegende Folgen für „den Beamten“ haben, vielleicht auch für die gesamte Polizeieinheit, die ja anscheinend vollkommen überfordert war und möglicherweise auch falsch ausgebildet ist. Der sachsen-anhaltinische Innenminister Hövelmann, der auf der anschließenden Kundgebung in Magdeburg anwesend war, hat sich für das Verhalten der Polizei entschuldigt. Der Einsatzleiter, der uns „begleitet“ hatte, wurde auch sofort ausgetauscht.

Mussten Sie denn letztendlich trotzdem Ihre Personalien angeben?

Als ich schwer verletzt mit verdrehten Armen am Boden lag, mit dem Gesicht in den Straßenteer gepresst, so dass mir die Luft wegblieb und meine Brille zu Bruch ging, stellte die Polizei dann meine Personalien fest.


Gewaltsame Festnahme in Morsleben PubliXviewinG
Steht das so im Lehrbuch?! Brutalst mögliches Vorgehen bei der Festnahme
Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG

Wie kann man sich die Proteste sonst noch vorstellen? Welche Leute haben daran teilgenommen, sicher viele Landwirte...

Menschen aus allen nur erdenklichen Berufsgruppen: vom Arzt bis zum Rechtsanwalt, vom Bauarbeiter bis zum Straßenfeger... Natürlich war der überwiegende Anteil Landwirte aus dem Wendland, aber auch aus der Schweiz, aus Frankreich, aus den Niederlanden und aus dem gesamten Bundesgebiet... Jeden Tag wurde der Treck größer, durch die, die sich angeschlossen hatten, und das war ein unheimlich tolles Gefühl!

Es wurden sehr viele Informationen ausgetauscht, man konnte sich sehr gut unterhalten... und es war eine rundum gelungene Sache, die jetzt in dieser Superdemo mit mehr als 50.000 Teilnehmern am Brandenburger Tor geendet hat.

Langer Trecker-Treck von Gorleben nach Berlin | Foto: Karin Behr pxv
Passanten konnten zeitweilig eine Dreiviertelstunde lang den Trecker-Treck vorbeiziehen sehen | Foto: Karin Behr/PubliXviewinG

Gab es „auf dem langen Treck“ viele Solidaritätsbekundungen?

Auf jeden Fall: So viel hab ich noch nie zuvor in meinem Leben gewunken! Ich hätte mir dabei fast schon eine Sehnenscheidenentzündung zugezogen und war zwischendurch froh, wenn meine Beifahrerin oder mein Beifahrer das mal übernommen haben. Das war ein tolles Erlebnis!

Wie viele Trecker waren insgesamt unterwegs?

Auf dem langen, einwöchigen Treck kamen wir auf circa 80 Trecker [3], dazu kamen etwa 100 Fahrradfahrer und noch einmal 40-50 LKW und dann noch einmal ein Tross von PKW, von denen ich jetzt gar nicht mehr weiß, wie viele es waren. Zeitweilig waren wir acht Kilometer lang!

Herr Blumenröhr, vielen Dank für das Interview und weiterhin alles gute!

Sehen Sie zum langen Trecker-Treck aus Gorleben und, um „Mal richtig abzuschalten“ auch den Filmclip von Graswurzel TV in dieser Ausgabe der NRhZ, und hören Sie im gleichen Beitrag auch den Liedermacher Toni Schunck mit zwei Stücken zu diesem Thema!


Anmerkungen:
Georg Blumenröhr ist gelernter Landwirt und aktiv in der Initiative Kölner Gegenstrom.
[1] Lesen Sie dazu auch den Blog von Mathias Edler auf greenpeace.de
[2] Siehe zum Beispiel auch Monitor-Reportage „Asse II – Atomlager außer Kontrolle“ vom 3. Juli 2008.
[3] Später waren noch rund 270 weitere Traktoren und andere Landmaschinen aus der näheren Umgebung in Berlin dazugestoßen. 

Dank an PubliXviewinG für das Zurverfügungstellen der Bilder. (CH)

Online-Flyer Nr. 214  vom 09.09.2009

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