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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Über Urantransporte in Deutschland und internationale Geschäfte – Teil 2
Deutschlands strahlende Zukunft: in Russland
Von Michael Schulze von Glaßer

Vor kurzem gingen sie wieder „on“, die Atomkraftwerke Krümmel und Brockdorf, und der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall hofft, auch das pannenträchtige AKW Brunsbüttel noch bis Ende des Jahres wieder anschalten zu können. Krümmel ist nach einer Woche schon wieder vom Netz. Doch derweil tuckert an- und abgereichertes Uran aus Deutschland über Europas Straßen, Schienen und Schifffahrtswege – auch durch stark bevölkerte Gebiete, wie das Ruhrgebiet und die Rheinschiene. Lesen Sie hier die zweite Folge von Michael Schulze von Glaßers Hintergrundartikel über internationale Geschäfte für eine „strahlende Zukunft“.

Fortsetzung aus der NRhZ, Ausgabe 203.


Strahlende
„Wertstoffe“

Die unscheinbaren Güterzüge, die regelmäßig durch den Münsteraner Hauptbahnhof rollen, befördern Atommüll nach Russland. Neben der begrenzten Lagerkapazität und dem Imageverlust sind es vor allem die Kosten, die einen Transport des abgereicherten Urans nach Russland lukrativ machen: rund 200 Millionen Euro würde eine Lagerung in Gronau schätzungsweise kosten. Um diese zu sparen bedient sich Urenco auch juristischer Tricks: Dem Gesetz nach darf deutscher Atommüll nicht einfach außer Landes geschafft werden. Und so deklariert Urenco ihren Atommüll als „Wertstoff“. Das abgereicherte Uran kann nämlich immer noch begrenzt genutzt und sogar angereichert werden – was jedoch nicht wirtschaftlich ist.

Angela Merkel 1990 Foto: Bernd Settnik, Bundesarchiv
Rache an dem großen Ex-
Bruder? Angie Merkel kurz vor
Ernennung zur Umwelt-
ministerin | Foto: Bernd
Settnik, Bundesarchiv
Urenco behauptet, dass der Atommüll zur Anreicherung nach Russland transportiert wird – das a ber passiert mutmaßlich nur bei 10 Prozent des strahlenden Materials. Von den 28.000 Tonnen Uranhexafluorid, die zur Anreicherung nach Russland geschickt wurden, kamen seit den 90er Jahren nur rund 1.700 Tonnen zurück – der Rest verblieb in dort. Käufer ist die russische Firma Techsnabexport (Tenex), die Anreicherungsanlagen in Russland betreibt. Die Verträge für die Transporte wurden 1995 unterzeichnet, der erste Atommülltransport von Gronau nach Russland fand 1996 statt. Damals hatte das Land zum einen große Überkapazitäten bei der Urananreicherung, die es hoffte mit dem Material aus Westeuropa besser nutzen zu können. Zum andern wurden nach dem Kalten Krieg sehr viele Atomwaffen außer Betrieb gesetzt: Die hoch angereicherte Uransprengköpfen wurden mit abgereichertem Uran vermischt, um die Konzentration zu verringern und so die Waffen untauglich zu machen.

Bei Vertragsabschluss ging es jedoch um viel weniger Uranmüll als heute. Für die russische Regierung ist die Einfuhr von Uranhexafluorid mittlerweile sinnlos. Deshalb wird Tenex die unter Beteiligung der deutschen und russischen Regierung und der europäischen Atomgemeinschaft EURATOM ratifizierten Verträge voraussichtlich nicht verlängern. Der Vertrag endet mit Ablauf diesen Jahres.

Cécile Lecomte bei einem Hochseilakt 2008 | Foto: aaa-west
Cécile Lecomte bei einem Hochseilakt
Januar 2008 | Foto: aaa-west
Zudem sind die Medien durch den jahrelangen Protest von AtomkraftgegnerInnen mittlerweile auf die umstrittenen Machenschaften von Urenco aufmerksam geworden. Im Jahr 2007 brachte ein Beitrag des ZDF Politmagazins Frontal 21 über die unseriösen deutschen Uranmüllgeschäfte der Urenco den medialen Dammbruch. Seitdem häufen sich die kritischen Berichte über die Firma. Sogar international sorgt das Unternehmen für Negativschlagzeilen. Als sich die französische Anti-Atom-Aktivistin Cécile Lecomte (die NRhZ berichtete) im Januar 2008 zwischen zwei Bäumen über den Gleisen abseilte und einen Atommülltransport von Gronau nach Russland für mehr als sechs Stunden blockierte, sorgte es international für Aufsehen.

Genau das will Urenco vermeiden – und so ging das Unternehmen auch nicht juristisch gegen die französische Kletterakrobatin vor. Die Urenco-Atommülltransporte blieben dennoch in der Presse, da die vollkommen überforderten Polizeikräfte kurzerhand die GSG 9 in den Wald in der Nähe der von Steinfurt beordert hatten, um die Aktivistin wieder auf den Boden zu holen. Aus dem fernen Sankt Augustin wurden die Spezialkräfte ins Münsterland geflogen, um die Aktivistin abzuseilen. Der Einsatz einer Antiterroreinheit gegen die Atomkraftgegnerin sorgte für großes Medieninteresse.

Die Gsg9 bei einer „Schau“ in St. Augustin 2005 | Foto: Mloebach
„Das können wir auch...“ – die Gsg9 bei einer „Schau“ in St. Augustin 2005
Foto: Mloebach

Noch ein halbes Jahr später – im Juni 2008 – sorgte die Aktion für Schlagzeilen: Das Amtsgericht Steinfurt wies den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Erlass eines Strafbefehls wegen Nötigung ab. Das Amtsgericht sah es als erwiesen an, dass die Atomkraftgegnerin keine Gewalt angewendet hat. Es wurde nichts beschädigt, und der Zug hätte ohne Berührung unter der Aktivistin lang fahren können, urteilte Richter Voosholz. Nur auf Grund des bloßen subjektiven Gefahrenverdachts seitens der Polizei war der Zug zum Stehen gekommen. Eine Ordnungswidrigkeit sah das Gericht ebenfalls nicht für gegeben, weil sich Lecomte in einer Höhe von mindestens 8 Meter – und somit außerhalb der Bahnanlage die bis 4,8 Metern bemessen ist – aufgehalten hatte.

Cécile Lecomte
Cécile Lecomte                                                 
Lecomte hat ihrerseits Rechtsmittel gegen die nach der Aktion erfolgte Festnahme durch die Polizei eingereicht – was allerdings noch zur Verhandlung steht: ein herber Rückschlag für Polizei und Urenco. Zu deren Überraschung seilte sich die unerschrockene Aktivistin im Juni 2008 abermals über den Gleisen ab. Trotz mehrerer Polizeihundertschaften und Hubschraubern, die das Gleisbett überwachten, schaffte es die junge Atomkraftgegnerin den Zug in luftiger Höhe für mehr als eine Stunde zu blockieren – die Kletterer der Polizei waren diesmal etwas schneller vor Ort.



Spektakuläre Blockadeaktionen sind aber nicht der einzige Protest gegen die gefährlichen Atommülltransporte der Urenco. Die gut vernetzten Anti-Atom-Initiativen im Münsterland schaffen es mittlerweile auf fast allen Bahnhöfen, die der Zug passiert, spontane Demos und Aktionen zu organisieren. Zudem finden seit einigen Jahren auch in anderen Ländern Proteste statt: In den Niederlanden, wo der deutsche Atommüll im Hafen von Rotterdam auf ein Schiff verladen wird, hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace Schiffe im Januar 2008 allein durch die Anwesenheit eines ihrer zu einer mehrstündigen Verzögerung beim Verladen gesorgt.

In Russland sind es die Umweltschutzorganisationen Ecoperestroika (in Petersburg) und Ecodefense, die die Atommülltransporte regelmäßig mit Protest begleiten – und dabei nicht selten im Gefängnis landen. Zudem gehen die RussInnen juristisch gegen die Transporte vor. Drei russische Umweltschützer hatten 2007 gegen die Urenco Deutschland GmbH wegen Verdachts auf illegalen Atommülltransport nach Russland geklagt. Die Staatsanwaltschaft Münster hat das Verfahren jedoch bereits im Mai desselben Jahres eingestellt. Wie sich herausstellte, wurden dabei aber weder unabhängige Experten gehört, noch belastende Beweise ernsthaft geprüft. Daher forderten die Kläger – zusammen mit Initiativen aus dem Münsterland – im November 2007 die Wiederaufnahme des Verfahrens – das bis heute andauert.

Atomanlage in Tomsk Quelle: www.globalsecurity.org
Sieht nicht gerade vertrauenserweckend aus: Atomanlage in Tomsk
Quelle: globalsecurity.org

In Russland befinden sich nicht nur Atommülllager für das deutsche Uranhexafluorid – auch aus Großbritannien und Frankreich kommt anderer gefährlicher Müll. Das Uran aus der Anlage in Gronau wird vor allem in Tomsk eingelagert. In der westsibirischen Stadt leben über eine halbe Millionen Menschen – nach dem zweiten Weltkrieg wurde Tomsk zum Zentrum der sowjetischen Atomindustrie. Heute sind die meisten Nuklearanlagen stillgelegt. Die Region wird dennoch weiter kontaminiert: Satellitenbilder zeigen korrodierte UF6-Behälter. Die Behälter lagern – der widrigen sibirischen Witterung ausgeliefert – unter freiem Himmel.

Urenco weist alle Vorwürfe, die russische Umwelt wissentlich zu schädigen, von sich und schiebt die Schuld auf die Firma Tenex. Dabei geht selbst von den geschlossenen Fässern eine radioaktive Gefahr aus. Als im März 2008 ein Uranmüllzug durch den Münsteraner Hauptbahnhof rollte, wurde die Strahlung mithilfe eines Geigerzählers vor und während der Durchfahrt gemessen: 0,12 Mikrosievert zeigte das Gerät an, bevor der Zug durchfuhr – als der Zug in etwa fünf Metern Entfernung zum Messgerät vorbeirollte, betrug die Strahlung das 13-Fache: 1,64 Mikrosievert.

Geigerzähler, Foto: Michael Schulze von Glaßer
Die Strahlung vor und nach der Durchfahrt des Urantransports durch den Münsteraner Hauptbahnhof | Foto: Michael Schulze von Glaßer

Dieser Wert ist zwar immer noch niedriger als der bei Castor-Transporten – eine dauerhafte Strahlung dieser Dosis ist für Mensch und Natur dennoch schädlich. Der deutsche Atommüll verstrahlt aber nicht nur die Umwelt, sondern kann genauso gut militärisch genutzt werden. Abgereichertes Uran wird wegen seiner enormen Dichte beispielsweise für panzerbrechende Granaten, sogenannte Uranmunition, verwendet. Auf die Frage, an wen Urenco ihren Abfall verkauft, ließ das Unternehmen verlauten, dass „rein geschäftliche Angelegenheiten […] grundsätzlich nicht veröffentlicht werden“. Eine militärische Nutzung des deutschen Atommülls für russische Granaten kann daher nicht ausgeschlossen werden.

Urantransport_Münster Hbf, Foto: Michael Schulze von Glaßer
Protest am Hbf Münster 2008 – auch der           
E.on-Chef hat zwei Kinder...
Foto: Michael Schulze von Glaßer
Der Atommülltransport vom 5. März 2008 bestand aus 19 Waggons – also 75 UF6-Fässern à 12,5 Tonnen. Einem Sprecher der Bundespolizei zufolge, soll es im Jahre 2008 keine weiteren Atommülltransporte nach Russland gegeben haben. Laut E.on-Chef Wulf Bernotat und RWE-Chef Jürgen Großmann – beide Unternehmen sind über die Uranit GmbH an der UAA-Gronau zu 33 Prozent beteiligt – sollen die Transporte nach Russland noch dieses Jahr ganz eingestellt werden. Urenco-Sprecher Raimund Weber verweist indes nur darauf, dass der Vertrag mit Tenex erst Ende des Jahres 2009 abläuft.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der NRhZ die Fortsetzung Michael Schulze von Glaßers Artikel – über die Expansionsgelüste von Urenco.

(CH)

Online-Flyer Nr. 204  vom 01.07.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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