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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Medien
Dubioser „Jugendschutzverein“ setzt kritische Seiten auf ihren Index
NRhZ nun auch jugendgefährdend
Von Jens Berger

Liebe Kinder, ihr müsst jetzt mal bitte wegschauen! Denn die NRhZ ist gefährlich – neben einigen anderen kritischen und journalistisch wertvollen Magazinen im Internet. Das meint zumindest jugendschutzprogramm.de“. Die Seite und Software eines eigens gegründeten gemeinnützigen Vereins wird pikanterweise von potenten Unternehmen aus der „Porno- oder Sexbranche“ unterstützt – wobei es auch lustige persönliche Verstrickungen gibt. – „Powered by“ Redaktion, um es im Jargon der „Jugendschutzseite“ zu sagen.


„Jugendschutz ad absurdum“

Demo gegen Netzzensur von der Leyen Foto: Autorenkollektiv
Demo gegen von der Leyens jüngste
Zensurbestrebungen | Foto: Autorenkollektiv   
Was machen selbsternannte Jugendschützer eigentlich so den ganzen lieben langen Tag? Die Jugendschützer von JusProg e.V. sind beispielsweise nach eigener Aussage damit beschäftigt, „Webseiten sorgfältig und nach bestem Wissen und Gewissen“ zu bewerten. Wer nun denkt, dass es diesen Jugendschützern um erotische oder gewalttätige Angebote geht, der hat sich freilich getäuscht. Die Negativliste, die unter „jugendschutzprogramm.de“ samt passender „Schutzsoftware“ angeboten wird, beinhaltet nicht etwa Seiten wie bild.de, wo nackte Schönheiten die lieben Kleinen beglücken und diese gleich noch zehn Bondage-Tipps mit auf den Weg bekommen, „damit der Fesselsex nicht in die Hose geht“. Bild.de gilt den Jugendschützern als unbedenklich. Was auf den ersten Blick seltsam klingt, erklärt sich schnell, wenn man sich die Unterstützerliste der Jugendschützer anschaut – neben Freenet und diversen Schmuddelkramsanbietern ist dort auch bild.de zu finden.

Wer wissen will, wovor JusProg e.V. die lieben Kleinen wirklich schützen will, sollte einmal versuchen, mit aktiviertem Jugendschutzfilter durch das politische Internet zu surfen. Nicht nur „Schmuddelkrams wie der Spiegelfechter“[1], sondern auch jede zweite Seite auf der Linkliste derselben Seite werden von den Jugendschützern anscheinend für jugendgefährdend gehalten.


Hier ein kleiner Auszug aus der Sperrliste von JusProg e.V. – die Daten wurden mit Hilfe des Blogs F!MBR erstellt:

Komplett gesperrt sind:
Spiegelfechter, F!XMBR, NachDenkSeiten, Telepolis, Schockwellenreiter, Lawblog, German Foreign Policy, Fefe, Feynsinn und die NRhZ [2]

Das Andere Deutschland – verbotene Zeitung 1933
Die wurde auch verboten –
aber schon 1933...
Neben Blogs und alternativen Medien trifft es aber auch einige Etablierte und sogar Parteien. Ebenfalls komplett gesperrt sind:
TAZ, Die GRÜNEN, Piratenpartei, AK Vorratsdatenspeicherung

Aber auch englischsprachige Seiten finden sich im Filter wieder – vor allem dann, wenn sie kritisch sind. Komplett gesperrt sind:
Alternet, Moon of Alabama

Viele andere kritische Seiten sind mit einer Altersfreigabe ab 14 oder 16 Jahren versehen, darunter:
Global Research, American Prospect, Open Democracy, Foreign Policy in Focus, Toms Dispatch, ZMag

Jedem auch nur halbwegs wachen Geist wird auffallen, dass alle diese gesperrten Seiten gar nichts mit jugendgefährdenden Inhalten zu tun haben, sich dafür aber kritisch mit politischen Themen auseinandersetzen. Wie kommen die Jugendschützer vom „Verein zur Förderung des Kinder- und Jugendschutzes in den Telemedien e.V.“ darauf, diese Seiten auf einen Sperrindex zu nehmen? Interessant ist da ein Blick auf die Betreiber von jugendschutzprogramm.de, obgleich auch dies keine Antwort auf die entscheidende Frage gibt.

Der Verein ist unter der Postadresse der Fundorado GmbH zu erreichen und als Verantwortlicher wird ein gewisser Mirko Drenger genannt. Drenger ist Geschäftsführer der Fundorado GmbH [3], einer Tochtergesellschaft der freenet AG und der ORION Versand GmbH & Co. KG. Fundorado bezeichnet sich selbst als „Branchenprimus“ für Sex- und Erotikangebote im Internet. Wer sich mit Fragen an JusProg e.V. wenden will, der muss dafür eine Brieffachadresse der Inter Content KG anschreiben. Inter Content KG ist einer der größten Anbieter von Pornographie im deutschsprachigen Teil des Internet. Das Unternehmen ist eine hundertprozentige Tochter der Bauer Verlagsgruppe, einem der größten deutschen Medienunternehmen.

„Die Erotikflatrate im Internet“ — Werbebus von „FunDorado“ Pressefoto
Wenigstens weiß man, wovon man spricht – Werbebus von „FunDorado“ Pressefoto: Fundorado

Die Jugendschützer von JusProg e.V. sind also ein Feigenblatt der größten deutschen Anbieter von „Schmuddelkrams“. So gesehen ist ihr Jugendschutzfilter durchaus sinnvoll, kann man ihn doch als Scheinargument vorbringen, wenn „echte Jugendschützer“ sich über Schmuddelkrams im frei zugänglichen deutschen Netz beschweren.

Aber warum setzt dieser Verein [4] kritische Webseiten auf seinen Filter? Die gesperrten Seiten wurden immerhin von deren „Jugendschützern“ höchstpersönlich überprüft und für „anstößig“ befunden. Ist es Jugendlichen etwa nicht zuzumuten, Meinungen abseits von Spiegel online und BILD.de, die beide trotz Gewalt- und Sexbildern das Prädikat „unbedenklich“ erhielten, zu lesen? Wer immer noch die Meinung vertritt, Jugend- und Kinderschutz habe nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sollte nun eines besseren belehrt sein. (CH)

Der Autor verweist außerdem auf einen weiteren Artikel von ihm zu diesem Thema, der bereits auf Telepolis erschien. 


Anmerkungen der Redaktion:
[1] Schreibt der Verfasser ironisch über seinen Blog.
[2] Selbstverständlich ist die Liste der gesperrten Webseiten höchst interessant, und könnte manchen Leser zu informativem Lesegenuss verführen – auf geht’s!
[3] Achtung, liebe Eltern, dieser von der Redaktion eingefügte Link ist nun wirklich nicht mehr jugendfrei!
[4] Der „Verein“ wird nach eigenen Angaben vom Finanzamt Hamburg-Mitte als gemeinnützig anerkannt und kann so Spendenquittungen für gemeinnützige Zwecke ausstellen – auch an seine „Partner“, wie „beate uhse“ „Orion“, „COUPÉ“, „Praline“, „Berlin intim – clever poppen“, bild.de und andere?


spiegelfechter 

Der Artikel erschien im Original auf Spiegelfechter.

Jens Berger betreibt den beliebten Blog, auf dem Sie zuweilen ernste, kritische, zuweilen witzig hintergründige Kommentare über die Welt und das Mediengeschehen lesen können.



Online-Flyer Nr. 199  vom 27.05.2009

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