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Aktueller Online-Flyer vom 22. Mai 2019  

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Globales
Internationale Petition fordert Welterbe statt Untergang für Hasankeyf
Ilisu-Staudammbau stoppen!
Von Peter Kleinert

Das zehntausend Jahre alte Hasankeyf, eine antike Stadt am Tigris in der südöstlichen türkischen Provinz Batman, und das angrenzende Tigristal sollen nicht im von der türkischen Regierung geplanten Ilisu-Stausee versinken, sondern unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt und als UNESCO Weltkultur- und Naturerbe ausgezeichnet werden. Das fordert eine Petition, die am 15. Mai offiziell in der Türkei und in Europa gestartet wurde, und die jede/r unterzeichnen kann.  

Seit Jahren Widerstand in Hasankeyf gegen das Staudammprojekt
Foto: NRhZ-Archiv
 
Die Petition ist an den türkischen Premier Tayyip Erdogan gerichtet, der formal für den Antrag an die UNESCO zuständig ist, ebenso an die Regierungschefs in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Angela Merkel, Werner Faymann und Hans-Rudolf Merz werden darin aufgefordert, aus dem Ilisu-Projekt auszusteigen und so den Weg zum Welterbe zu ebnen. Dieser Ansicht hatte sich vor kurzem sogar der ehemalige Türkei-Direktor der Weltbank, Andrew Vonkin, angeschlossen.
 
Eine Überprüfung durch Wissenschaftler hatte ergeben, dass Hasankeyf und das Tigristal eine der wertvollsten Kultur- und Naturlandschaften der Welt sind. Danach erfüllt das Gebiet neun von zehn möglichen Kriterien der Vereinten Nationen. Zum Vergleich: Venedig mit seinen Lagunen erfüllt sechs, die Pyramiden in Ägypten vier, die Salzburger Innenstadt drei, das Dresdner Elbetal vier Kriterien und die Altstadt von Bern ein Kriterium.
 
Bereits im Dezember 2006 hat der Schweizer Bundesrat den Firmen Alstom, Colenco, Maggia und Stucky Exportrisikogarantien in Höhe von 225 Millionen Franken für das Ilisu-Staudammprojekt gewährt. Am 26. März 2007 genehmigten auch die deutsche und die österreichische Regierung Kreditgarantien für am Bauprojekt beteiligte einheimische Unternehmen, da die vorgegebenen Kriterien erfüllt seien. Ziel des Staudammprojektes soll eine ausreichende Bewässerung der Region sein.


Hasankeyf – uralte Wohnplätze (rechts) über der Stadt und dem Tigris
Foto: Mehmet Zor
 
Umweltorganisationen in Deutschland, Österreich, kurdische und türkische NGOs in der Türkei sehen das anders. „Durch den Ilisu-Damm wird die über 10.000 Jahre alte Stadt Hasankeyf, die unter Denkmalschutz steht und von Experten zum Weltkulturerbe gezählt wird, für immer in den Fluten versenkt werden. Darüber hinaus wird der Staudamm zur Vertreibung von 55.000 Menschen führen", heißt es in einer Erklärung von 72 Organisationen aus der betroffenen Region.
 
Zahlreiche Prominente haben sich bereits der neuen Initiative angeschlossen und haben die Petition unterzeichnet – unter ihnen der bekannte deutsche türkischstämmige Filmemacher Fatih Akin. Deutschlands prominentester Naturschützer und Träger des Alternativen Nobelpreises, Prof. Dr. Michael Succow: „Ich unterstütze die Petition für die Ernennung zum Welterbe von Hasankeyf und dem Tigristal, weil es sich um eine Natur- und Kulturlandschaft handelt, mit der unsere Menschheitsgeschichte aufs Engste verbunden ist. Auch viele unserer Ackerfrüchte stammen von dort! Der Ilisu-Staudamm würde einzigartige Naturlandschaften und Kulturschätze zerstören. Deshalb unterstütze ich die Idee, Hasankeyf und das Tigristal als Welterbe zu schützen. Der Staudamm wäre eine Schande!"


Das Tigristal nahe Hasankeyf
Foto: Mehmet Zor
 
Auch Bremer Initiativen, wie z.B. der BUND, NABU, NWN und das Bremer Friedensforum unterstützen die Petition. Die Bremer Manfred-Hermsen-Stiftung für Natur und Umwelt, deren Schwerpunkt Fließgewässer sind, und die sich an verschiedenen Renaturierungen auch der Wümme beteiligt, engagiert sich bereits seit zwei Jahren für den Erhalt des Tigris als einem der letzten noch ökologisch intakten Flüsse Mesopotamiens mit einer Vielzahl gefährdeter, teils nur dort vorkommender Tier- und Pflanzenarten. Die Stiftung ist maßgeblich an der internationalen Stop-Ilisu-Kampagne beteiligt (siehe www.m-h-s.org). Geschäftsführerin Stefanie Hermsen: „Es gibt eine Zukunft für die Region und die heißt Welterbe. Die europäischen Staaten sollten lieber in den Erhalt der Region investieren, als deren Untergang zu finanzieren"
 
„Menschen-, umwelt- und kulturfeindlich“
 
Der Bremer Publizist, Rechtsanwalt und Vizepräsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, Dr. Rolf Gössner erklärt: „Ich halte das umstrittene Projekt des Ilisu-Staudamms für menschen-, umwelt- und kulturfeindlich. Hieran dürfen sich europäische Regierungen und Unternehmen auf keinen Fall beteiligen. Denn was soll aus den von der Flutung betroffenen zig Tausenden von Menschen werden, wenn sie aus ihrer Dorfgemeinschaft gerissen werden, ihre Obstgärten und Schafweiden verlieren? Sie werden ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Die Auszeichnung als Welterbe für die Region des Tigristals und rund um Hasankeyf halte ich für eine sinnvolle Aktion, um diese humanitäre, kulturelle und ökologische Katastrophe verhindern zu helfen!"
 
„Wir fordern alle Menschen auf, diese Petition zu unterzeichnen. Die Zukunft von Hasankeyf und des Tigristals ist nicht nur ein türkisches Anliegen, sondern ein welt-weites. Es geht um das natürliche und kulturelle Erbe der gesamten Menschheit!" so Stefanie Hermsen von der Bremer Manfred-Hermsen-Stiftung.
 
Am 6. Juli läuft die letzte Frist für die Türkei ab. Bis dahin müssen Deutschland, Österreich und die Schweiz endgültig ihre Entscheidung gefällt haben, ob sie das Ilisu-Projekt weiterhin zugunsten der Profite von europäischen Baukonzernen und Investoren unterstützen oder die Verträge mit der Türkei kündigen. (PK)
 
Weitere Informationen und die Online-Petition: www.stopilisu.com.
Auskunft erteilt Stefanie Hermsen/Manfred-Hermsen-Stiftung stefanie.hermsen@m-h-s.org
Hierzu auch der Filmclip in NRhZ Nr.160  vom 20.08.2008 mit dem Titel „Europas schmutzige Hände – Stop Ilisu!“ http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12775 

Online-Flyer Nr. 198  vom 20.05.2009

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