NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 26. Juni 2016  

zurück  
Druckversion

Wirtschaft und Umwelt
Seilschaften und Netzwerke der Agro-Gentechnik in Medien und Politik
Kontrolle oder Kollaboration?
Von Gudrun Kaufmann

Inwieweit arbeiten die zuständigen Ämter in den Bundesländern mit den Großkonzernen Monsanto, Syngenta, Agrevo (heute BAYER CropScience), KWS und BASF bezüglich der Agro-Gentechnik zusammen? Das fragt man sich, wenn man den präzise recherchierten Bericht "Kontrolle oder Kollaboration? Agro-Gentechnik und die Rolle der Behörden" von Antje Lorch und Christoph Then gelesen hat. Er wurde in Auftrag von Ulrike Höfken, Sprecherin für Ernährungspolitik und Verbraucherfragen in der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen erstellt. (1)

Durch die Lektüre erfährt man, dass z. B. Monsanto auf Empfehlung der internationalen Beratungsagentur Burson-Marsteller nicht selbst in Erscheinung tritt, sondern auch durch “neutralere“ Institutionen vertreten wird. So entstanden Arbeitskreise, Initiativen und Aktionsgruppen, die im "Gen-Dialog" mit Hausfrauenbund, Verbraucherinitiativen und Medien stehen.


Auftraggeberin der Studie:
Ulrike Höfken von den Grünen
Quelle: www.bundestag.de
Stefan Bottler schreibt dazu in der Fachzeitschrift Werben & Verkaufen: „Ganz pointierte Aktionen fahren Novartis, Monsanto Deutschland, die Hoechst-Tochter Agrevo und der von der Industrie getragene Bonner Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Sie begnügen sich nicht mit konventioneller Öffentlichkeitsarbeit, sondern nehmen einzelne Zielgruppen wie junge Frauen, Ärzte oder Lehrer ins Visier. Der August-Ausgabe von Bravo Girl lag ein Genfood-Beihefter der Vierer-Gruppe mit Preisausschreiben bei."
 
Auch Schulen werden eingesetzt
 
Auch Schulen sollten sich dieser Entwicklung bewusst sein, wenn ihnen von Großkonzernen Labore eingerichtet werden, die für Gentechnikversuche benutzt werden können, um Schüler/innen für derartige Zwecke zu interessieren und zu begeistern - einseitig, meist ohne auf die Risiken dieser Technik, die mit einer weltweiten Umweltzerstörung einhergeht, aufmerksam zu machen.
 
Georg Janßen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) berichtete mir nach einer Gentechnik-Podiumsdiskussion in Reichelsheim, dass die Erschaffung derartiger Labore allein in sechs Schulen in Hannover stattfand. Zwei der Schulen zogen ihre Zusage nach Aufklärung u. a. durch die AbL wieder zurück. Die Frage stellt sich, wo überall noch Labore durch diese Großkonzerne, bzw. Mittelsfirmen, errichtet wurden, bzw. werden?

Für diejenigen, die die kriminelle Vorgehensweise von Monsanto in den USA noch nicht kennen, verweise ich auf den Bericht "Monsanto gegen Bauern", verfasst vom unabhängigen Zentrum für Nahrungsmittelsicherheit CFS, USA, und übersetzt im Auftrag der AbL (2).
 
Politik als Täter und Opfer
 
Keiner sollte sich von dem Umfang des Berichts von Antje Lorch und Christoph Then sowie den vielen Abkürzungen abschrecken lassen. Irgendwann hat man sich eingelesen und weiß am Schluss eine Menge über die Tarnkappenstrategie in Deutschland und auf internationaler Ebene, über die Politik als Täter und Opfer, über die Rolle, die die Technische Universität Darmstadt dabei als Keimzelle spielt, über die Rolle des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) - beides Vorläuferorganisationen des BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit). Interessant sind auch die Feststellungen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) auf Seite 24/25 dieses Berichts. Dem BfN fällt leider keine Entscheidungskompetenz zu.
 
Nach der Lektüre wundern uns auch nicht mehr die Entscheidungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, da in deren Gremien die Kollaboration offen zu Tage tritt. Von Neutralität keine Spur. Hier werden Namen genannt!
 
In der Zusammenfassung der Studie heißt es unter anderem: „Demnach können die Politiker und die Öffentlichkeit tatsächlich nicht darauf vertrauen, dass ihre Behörden (bzw. deren Experten) einen ausreichend großen Abstand zu den Interessen der Industrie haben. Im Gegenteil finden sich deutliche Hinweise darauf, dass von verschiedenen Akteuren, zum Teil über lange Zeiträume, die notwendige Unabhängigkeit missachtet, ausreichende Transparenz verhindert und die aktive Wahrnehmung von Kontrollaufgaben vernachlässigt wurde. Während PolitikerInnen in Parlamenten und Regierungen kamen und gingen, herrschte in den Behörden, die für die Überwachung der Agro-Gentechnik zuständig waren und sind, über Jahrzehnte hinweg eine weitgehende personelle Kontinuität. Sogar in den Fällen, in denen Ämter wie das Bundesgesundheitsamt (BGA) und später das Robert-Koch-Institut (RKI) umstrukturiert wurden, blieb diese Kontinuität weitgehend gewahrt. Die so über die Jahre gewachsenen Seilschaften und Netzwerke sind der Politik oft nicht nur einen Schritt voraus, sondern die betreffenden Experten versuchen in einigen Fällen sogar, politische Entscheidungen aktiv zu unterlaufen bzw. vorwegzunehmen."
 
Ross und Reiter nennen!
 
Prof. Dr. Erich Schöndorf, ehemaliger Staatsanwalt in Frankfurt, jetzt Prof. für Umweltrecht an der Fachhochschule in Frankfurt, schrieb in einem seiner Bücher in einem anderen Zusammenhang: „Diejenigen, die es können, müssen aufklären, müssen Öffentlichkeit schaffen. Müssen Ross und Reiter nennen... Wenn die Menschen erfahren, dass sie missbraucht werden, und dann noch erfahren, von wem sie in welcher Weise und zu welchem Zweck sie missbraucht werden, dann werden sie sich wehren. Es ist so wichtig, dass man ihnen ihre Situation erläutert und ihre Möglichkeiten aufzeigt."
 
Ich möchte diese Aussage für die Aufklärung auch bezüglich der Agro-Gentechnik übernehmen. Möglichkeiten zur Änderung gibt es genug. Die Handlungsempfehlungen kann jeder ab Seite 38 des Berichtes lesen.
 
Gut zu wissen, dass u. a. die Europaabgeordnete Hiltrud Breyer, MdEP (Bündnis 90/ Die Grünen) in Brüssel vor Ort für Aufklärung eintritt und kämpft. Zu wünschen wäre, wenn alle Parteien sie in ihren Bemühungen mit allen Kräften unterstützen würden. Nur gemeinsam können wir etwas erreichen! Solange gilt für den Verbraucher: Nichts zu essen, was gentechnisch veränderte Stoffe beinhaltet (Das gilt auch für Produkte, die von Tieren stammen, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden sowie für Tierfutter für Haustiere! Die gesundheitlichen Risiken sind viel zu groß!), sich kundig zu machen und mitzuarbeiten bei der Aufklärung bezüglich der negativen Folgen durch die Agro-Gentechnik.

Die Saat des Bösen
 
Wer sich noch mehr in das Thema hineinlesen möchte, dem sei das Buch
„Agro-Gentechnik: Die Saat des Bösen – Die schleichende Vergiftung von Böden und Nahrung“ von Antônio Inácio Andrioli und Richard Fuchs empfohlen.
 
Aus dem Inhalt: „Soll die Gentechnik traditionelle Pflanzen und Nahrungsmittel auf Acker und Teller verdrängen? Um diese Frage ist in Europa eine heiße Diskussion entbrannt. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung verspricht die Förderung von Gentechnik im Interesse der Chemieindustrie. Die Verbraucher hingegen lehnen das Essen aus dem Labor ab. Auch Landwirte wehren sich verzweifelt.

In den USA, Kanada und Argentinien ist patentiertes, genmanipuliertes Saatgut seit 10 Jahren annähernd flächendeckend verbreitet. Hier können gesundheitliche und ökologische Risiken ebenso studiert werden wie auch die uneingelösten Versprechungen der Industrie: Der Pestizidverbrauch ist gestiegen, der Ertrag gefallen, eine Koexistenz von Kulturen mit und ohne Gentechnik gibt es nicht. Transgene Pflanzen verbreiten sich unkontrolliert.
 
Nicht genug damit: Laut einem Bericht aus den USA schreckt der Saatgutriese Monsanto vor nichts zurück: Bestechungen, Erpressungen, Denunziationen, Observationen, die Fälschung von Saatgutverträgen und wissenschaftlichen Studien, selbst die Vernichtung bäuerlicher Existenzen gehört zum Arsenal dieses Wirtschaftsimperiums. Allein in seiner Rechtsabteilung beschäftigt Monsanto 75 Angestellte, denen ein jährlicher Etat von 10 Millionen $ zur Verfügung steht.“ (PK)
 
(1) www.boelw.de/uploads/media/pdf/Themen/Gentechnik/Studie_Agrogentechniknetz.pdf
(2) www.abl-ev.de/gentechnik/pdf/MonsantogegenBauernK.pdf

"AGRO-Gentechnik: Die Saat des Bösen - Die schleichende Vergiftung von Böden und Nahrung" - Redaktion: Richard Fuchs, Antonio Inacio Andrioli, Oktober 2006, 251 Seiten, Paperback, emu-Verlags- und Vertriebs-GmbH | ISBN: 3891891520, 16.80 EUR     
 
Gudrun Kaufmann ist ärztlich geprüfte Gesundheits- und Ernährungsberaterin der Gesellschaft für Gesundheitsberatung, GGB e. V. in 64407 Fränkisch-Crumbach und zu erreichen unter Tel.: 06164 / 5851, email guka-ernaehrung@web.de

Online-Flyer Nr. 183  vom 04.02.2009

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE