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Aktueller Online-Flyer vom 30. September 2016  

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Inland
Keine „bewaffnete Entwicklungshilfe“ sondern geostrategische Interessen
Verborgene Agenda in Afghanistan
Von Jürgen Rose

„Ich will Ihnen eindeutig widersprechen, daß in Afghanistan Krieg ist – es ist dort eine andere Situation.“ Mit diesen Worten beschied Dr. Franz Josef Jung eine kritische Reporterfrage, zu sehen zur besten Sendezeit am 29. Juli dieses Jahres im ZDF-Politmagazin Frontal 21. Solch realsatirische Sentenzen aus verteidigungsministeriellem Munde legen die Frage nahe, ob im Berliner Bendlerblock fürderhin der „Bundessituationsminister“ amtiert.

Franz Josef Jung: 'Der Glaube kann Hilfe bieten'
Franz Josef Jung: „Es ist dort eine andere
Situation“ | Quelle: NRhZ-Archiv
Bedeutend ernsthafter bemüht sich da schon einer von Jungs Vorgängern im Amte des Vertei-digungs-ministers, Volker Rühe, um Klärung der Sachlage. Der nämlich ließ neulich verlauten: „Tatsächlich sind wir im Krieg gegen aufständische Taliban, und unsere Soldaten sind Kämpfer in diesem Krieg“ (SZ vom 22. August). Unmißverständlich plädierte Rühe zudem für die Ausweitung der deutschen Kampfzone auch in den heftig umkämpften Süden Afghanistans und verkündete seine Durchhalteparole: „Der Kampf gegen die Taliban muß weitergehen, es steht für die ganze Welt viel auf dem Spiel.“
 
„Bewaffneten Entwicklungshilfe“?
 
Von solchem Realismus indes hält die schwarz-rote Bundesregierung nicht das Geringste. Wie der Teufel das Weihwasser scheut sie die vorbehaltlose Aufklärung der bundesdeutschen Bevölkerung, über das, was am fernen Hindukusch tatsächlich abläuft. Mit geradezu autistischer Sturheit wird bestritten, daß Deutschland sich in dem zentralasiatischen Land in einem immer blutiger geführten Guerilla- und Kolonialkrieg befindet. So schwadronierte Deutschlands Strategiegenie Christian Schmidt, seines Zeichens Politischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, davon, daß es sich in Afghanistan lediglich um Scharmützel, nicht aber um einen formidablen Krieg handele. Verzweifelt klammern sich die Offiziellen im Berliner Regierungsbezirk an ihre Parole von der bewaffneten Entwicklungshilfe, mit der sie schon seit den Zeiten der „Petersberger Konferenz“ im Dezember 2001 die deutsche Öffentlichkeit über die Risiken und Gefahren der militärischen Mission am Hindukusch hinwegzutäuschen versuchen.
 
Teil des US-Schachbretts
 
Doch hinter der publikumswirksam verkündeten Suggestion von „zivil-militärischer Zusammenarbeit“, Brunnenbohren, Schul- und Brückenbau unter der Obhut internationaler Schutztruppen, ein bißchen bewaffneter Entwicklungshilfe sozusagen, verbirgt sich realiter eine ganz andere Agenda – diejenige der US-amerikanischen Imperialmacht nämlich. Der ausgewiesene Afghanistan-Kenner Willy Wimmer, vormals Staatssekretär auf der Hardthöhe und stellvertretender Generalsekretär der OSZE, hat nach einem persönlichen Besuch bei Washingtons Satrapen Hamid Karzai berichtet, daß die USA den Krieg am Hindukusch schon vor Jahren hätten beenden können, dies freilich nicht wollten. Über die Gründe hierfür bedarf es keiner Spekulation, sie liegen klar zutage. Kein Geringerer als der ehemalige Nationale US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski (inzwischen Berater von Barack Obama, siehe NRhZ Nummer 162 bis 164) hat unverblümt zu Protokoll gegeben, daß es um nichts anderes als die globale Hegemonie der USA geht. Unabdingbar hierfür ist die Beherrschung Eurasiens oder, in Brzezinskis Worten, des „eurasischen Schachbretts“.


Obamas Berater für die Außenpolitik – Zbigniew Brzezinski
Quelle: www.americanprogress.org
 
Aus geostrategischer Interessenlage geht es den USA um die Einkreisung des „Schurkenstaates“ Iran, die Kontrolle und Einflußnahme auf die zentralasiatischen Republiken, des, so Brzezinski, „eurasischen Balkans“, die Isolierung Rußlands und die Eindämmung der aufstrebenden Supermacht China. Unter geoökonomischen Aspekten wiederum ist für das Imperium Americanum der Zugang zu den Energie- und Rohstoffressourcen Eurasiens sowie die Kontrolle über deren Transportwege unverzichtbar. In beiderlei Hinsicht brauchen die USA den Krieg in Afghanistan, das nach Brzezinski ein Teilelement des „eurasischen Balkans“ bildet, weil allein dessen Fortdauer die Rechtfertigung zur Stationierung amerikanischer Truppen in dieser Region – der, O-Ton Brzezinski, „zentralasiatischen Front“ – liefert.

 
Noch einmal tausend Mann mehr – Deutsche in Afghanistan
Quelle: www.militaryweb.de
 
Es ist die eiskalte Realität dieser geostrategischen und -ökonomischen Interessenlage, welche den Konfliktverlauf in Afghanistan determiniert, nicht das Märchen von Wiederaufbau und Entwicklung aus philanthropischen Motiven. Und fatalerweise sind es eben die USA, die im Atlantischen Bündnis den Ton angeben und somit auch die ISAF-Mission bestimmen, nicht aber ihre willfährigen europäischen „Vasallen und Tributpflichtigen“, wie Brzezinski sich auszudrücken beliebt.
 
Indes werden mit dem Tod am Hindukusch, sowohl dem von Bundeswehrsoldaten als auch dem unbeteiligter ziviler Opfer, die Widersprüche zwischen der offiziellen und der verborgenen Agenda immer offenkundiger. Während sich die Politik weiterhin in Selbst- und Wählertäuschung übt, wird das Militär diesbezüglich schon deutlicher. „Auch wenn wir irgendwann sagen können, die Schlachten in Afghanistan oder woanders sind beendet, wird der Kampf gegen den Terrorismus ewig weiter gehen. ... Wir sind stark genug, ... und ... werden den Krieg gegen diesen Feind gewinnen“, bekannte der amtierende Heeresinspekteur Generalleutnant Hans-Otto Budde. Der Tod wird demnach noch reichlich Ernte halten am fernen Hindukusch. (PK) 
 
Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr und aus disziplinarrechtlichen Gründen gezwungen, darauf hinzuweisen, dass er in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen vertritt.

Online-Flyer Nr. 169  vom 22.10.2008

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