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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Globales
Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski
Die Welt als Schachbrett – Teil 3
Von Hauke Ritz

Barack Obama werde die unter George W. Bush verloren gegangene „Weltführungsrolle der USA wiederherstellen“, versprach Bill Clinton kurz vor dessen „Wahl per Zuruf“ der Demokraten in Denver. Dem widersprach Bettina Röhl am Tag danach in Springers Welt: „Obama fehlt nicht nur die politische Erfahrung, sondern bisher auch das politisch konkrete Konzept.“ Offenbar hatte sie nicht mitbekommen, dass sein aussenpolitischer Berater Zbigniew Brzezinski ist. Hauke Ritz hat sich dessen Hauptwerk „The Grand Chessboard“ vorgeknöpft. Dem kann man entnehmen, womit die Welt nach der Wahl des in Berlin umjubelten Kandidaten zu rechnen hat. – Die Redaktion. 

Barack Obama – am 11. September auch mit John McCain einig
Quelle: www.rense.com 
 
„Wer Zentralasien beherrscht, beherrscht die Welt"
 
Mittlerweile hat sich gezeigt, dass Russland – allen Prognosen amerikanischer Außenpolitik zum Trotz – überlebt hat und seine geographische Ausdehnung zu bewahren vermochte. Russland ist nicht länger jenes „schwarze Loch", in dem ausländische Mächte nach Belieben schalten und walten können.
 
Dieser Entwicklung trägt Brzezinski in seinem jüngsten Buch kaum Rechnung. Nach wie vor befürwortet er eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine. Und nach wie vor bewertet er das russische Bemühen, Einfluss in der Ukraine zu bewahren, als Imperialismus.[10] Dabei war die Ukraine über 200 Jahre lang mit Russland verbunden. Nahezu 20 Prozent der Ukrainer sind Russen; hinzu kommen zahlreiche Bürgerinnen und Bürger „gemischter" Herkunft. Und schließlich wird in weiten Teilen des Landes Russisch gesprochen.
 
„Politik der Schwächung"
 
Doch die US-amerikanische Politik war von Anfang an auf die Schwächung des einstigen Rivalen gerichtet. Dies zeigt auch die Wirtschaftspolitik des Westens gegenüber Russland nach dem Fall der Berliner Mauer. Wie Naomi Klein in ihrem jüngsten Buch nachzeichnet, hatte die Russland vom Westen aufgezwungene ökonomische Schocktherapie vor allem den Sinn, das Land in einen billigen und von (westlichem) ausländischen Kapital abhängigen Rohstoffexporteur zu verwandeln.[11] Einen besonders deutlichen Ausdruck fand diese von Washington betriebene „Politik der Schwächung" in Brzezinskis Idee einer Drei- oder Vierteilung des Landes. Der Grund für diese Politik ist vermutlich in der geographischen Lage Russlands zu suchen.
 
In „The Grand Chessboard" findet sich eine Karte, auf der Brzezinski das „eurasische Schachbrett" darstellt. Darin ist der Kontinent in vier Regionen – oder, um bei der Schachmetapher zu bleiben in vier Figuren – eingeteilt. Die erste Figur auf dem eurasischen Schachbrett umfasst etwa die heutige Europäische Union, die zweite China einschließlich einiger angrenzender Staaten, die dritte den Nahen und Mittleren Osten einschließlich Teile Zentralasiens. Doch die mit Abstand größte Figur – die Brzezinski die mittlere Region nennt – stellt Russland dar.


Brzezinskis „Eurasisches Schachbrett" | Quelle: „The Grand Chessboard"
 
Der geopolitische Theoretiker Harold Mackinder hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Einteilung vorgenommen. Darin hatte er das damalige Russland als „Zentralregion" bzw. „Herzland" der „Welteninsel" Eurasien bezeichnet. Berühmt geworden ist folgendes Zitat von Mackinder: „Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland [Sibirien/Zentralasien]; wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel [Eurasien]; wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“
 
Für Mackinder war vor 100 Jahren noch der Gegensatz zwischen Land- und Seemacht ein zentrales Reflektionsmoment seiner geopolitischen Analyse. Heute, im Zeitalter des internationalen Flugverkehrs, hat die Bedeutung dieses Moments allerdings nachgelassen, was Brzezinski auch andeutet. Doch in der zentralen Einschätzung Eurasiens als dem eigentlichen Zentrum der Welt berühren sich Brzezinskis geopolitische Analysen mit jenen Mackinders.
 
Ebenso wie Mackinder im Hinblick auf das britische Empire sieht auch Brzezinski knapp 100 Jahre später den Machtkampf um die Vorherrschaft Eurasiens als die Schicksalsfrage jedes herrschenden Imperiums an. Denn ebenso wie das britische Empire haben auch die USA eine geographische Lage, die eher abseits der so genannten „Welteninsel" angesiedelt ist. Die USA müssen als nicht-eurasische Nation ihre Weltmachtposition auf einem Kontinent durchsetzen und verteidigen, auf dem sie nicht zuhause sind. Sie könnten somit leichter als andere Staaten aus Eurasien verdrängt werden. Dies wiederum zwingt die US-Außenpolitik zu einer umso größeren und gewissermaßen präventiven Einflussnahme auf dem asiatischen und europäischen Kontinent.
 
Russland ist somit in den Augen amerikanischer Geopolitiker die entscheidende Figur auf dem eurasischen Schachbrett. Die Überwindung der ideologischen Konkurrenz bedeutete nicht, dass auch die geographische Rivalität überwunden wurde. Im Gegenteil, Russland ist aufgrund seiner geographischen Lage aus Sicht der amerikanischen Geopolitiker so privilegiert, dass wahrscheinlich schon deshalb eine präventive Schwächung Russlands ins Auge gefasst wurde.
 
Russland und die USA im Kampf um Europa
 
Die USA sind die größte Macht außerhalb Eurasiens. Wollen sie den eurasischen Kontinent dominieren, so geraten sie automatisch in einen Interessengegensatz zu Russland. Dabei ist Russland weit davon entfernt, die stärkste Macht auf dem eurasischen Kontinent zu sein. Wirtschaftlich wird es nie mit China und Europa konkurrieren können. Allerdings ist das Land durch seine geographische Position im Zentrum der eurasischen Landmasse und seinen Rohstoffreichtum langfristig in der Lage, eurasische Kooperationen zu begründen.
 
So könnten etwa vertiefte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der EU letztere in die Lage versetzen, eine transatlantische Orientierung durch eine kontinentale zu ergänzen. Dies wiederum würde einen erheblichen Unabhängigkeitsgewinn Europas gegenüber den USA bedeuten. Für eine zunehmende Ostorientierung die EU spricht auch, dass russische und europäische Interessen langfristig komplementär sind. Von russischer Seite besteht eine große Nachfrage nach europäischer Technologie, während es Europa mittel- und langfristig kaum gelingen dürfte, seine Energieversorgung ohne russische Vorräte sicherzustellen.
 
In ganz ähnlicher Weise könnte ein Bündnis zwischen Russland und China, welches sich bereits in der Shanghai Cooperation Organisation herausbildet, langfristig ein zweites weltwirtschaftliches Zentrum in Asien begründen. Dies würde es den USA erschweren, ihren Einfluss im Nahen Osten und in Zentralasien zu wahren. Die Vormachtstellung der USA auf dem eurasischen Kontinent ist also in mehrfacher Hinsicht bedroht. Und stets kommt Russland dabei die Rolle eines hoch dynamischen Akteurs zu. Da es als einziges Land in der Lage ist, den Osten und Westen Eurasiens zu verbinden, kann es bei der Entstehung einer eurasischen Interessengemeinschaft katalytisch wirken. Verstärkt wird diese Position noch dadurch, dass Russland das einzige Industrieland ist, das aufgrund seiner ungeheuren Gasvorkommen von der durch Peak Oil ausgelösten Energiekrise zunächst nicht betroffen sein wird.[12]
 
Der Kalte Krieg wurde fortgesetzt
 
Die geographisch begründeten Interessengegensätze zwischen Russland und den USA erklären die amerikanische Russlandpolitik seit dem Fall der Berliner Mauer. Der neue Kalte Krieg erweist sich als die Fortsetzung des alten, insofern dieser nie wirklich aufgehört hat. Der Kalte Krieg wurde fortgesetzt, weil die USA nach 1989 nur eines ihrer beiden geopolitischen Ziele erreicht haben. Das erste Ziel war zweifellos der Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus. Doch das zweite Ziel – dies wird erst im Zuge der aktuellen Politik der USA deutlich – war die unangefochtene Vormachtstellung der USA in Eurasien, um die Welt in eine post-nationalstaatliche Ordnung unter US-amerikanischer Hegemonie zu überführen.

Die neuen Konkurrenten der USA
 
Doch dieser Traum amerikanischer Allmacht, den Brzezinski 1997 wie selbstverständlich als legitim voraussetzt, ist in den letzten Jahren zunehmend unrealistisch geworden. Durch den rasanten Aufstieg nicht nur Russlands, sondern auch Chinas und Indiens rückt er in immer weitere Ferne. Brzezinski ging 1997 noch davon aus, dass die USA für den Zeitraum einer Generation die einzige wirkliche Weltmacht bleiben würden. Er sah die USA in einer weltweit unangefochtenen Schiedsrichterposition. Doch bereits zehn Jahre nach Brzezinskis außenpolitischer Analyse sind die USA mit der Erschöpfung ihrer imperialen Kräfte konfrontiert. Wie soll es dem Land erst möglich sein, einen fremden Kontinent gegenüber einem selbstbewussten Russland und einem erstarkten China zu dominieren? Die napoleonischen Kriege und der Zweite Weltkrieg sind zudem Beispiele dafür, dass auch schon in der Vergangenheit alle Versuche, vom Rande Eurasiens in sein Zentrum vorzustoßen, gescheitert sind. Wie werden sich die USA verhalten, wenn auch sie von diesem Schicksal eingeholt werden?
 
Das hängt davon ab, ob es sich bei den von Brzezinski 1997 formulierten Zielsetzungen um solche handelt, die pragmatisch fallen gelassen werden können, wenn sie sich als unrealistisch erweisen – oder ob es sich um Ziele handelt, die so sehr mit der Identität des Landes, seinen Institutionen und seiner politischen Führungselite verwachsen sind, dass sie letztlich weder relativiert noch aufgegeben werden können.
 
Geht man vom günstigsten Fall aus, so würde dies bedeuten, dass die amerikanischen Geopolitiker erkennen, dass die 1997 von Brzezinski formulierten Ziele sich als nicht erreichbar erwiesen haben. Und dass die europäischen Politiker einsehen, dass eine Neuauflage dieser Pläne in Gestalt einer transatlantischen Zusammenarbeit letztlich nicht im europäischen Interesse liegt.

In den nächsten Jahren könnte der US-Dollar seine Position als vorherrschende Weltwährung einbüßen. Damit aber verlören die USA auch einen erheblichen Teil ihrer Seignoragevorteile, die wiederum die finanzielle Basis ihrer enormen Rüstungsausgaben bilden. Viele der militärischen Basen außerhalb der USA könnten dann nicht länger finanziert werden. Fortan müssten sich die USA ihre Weltmachtposition mit eurasischen Konkurrenten wie China, Russland und Europa teilen. Es wäre gut möglich, dass sie ihren Einfluss in Zentralasien – infolge ihrer früheren Politik in dieser Region – gänzlich verlieren. Umso absurder mutet es an, dass ausgerechnet jetzt, da die so genannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) ein enormes Wirtschaftswachstum generieren, die NATO erstmals ein weltweites Gewaltmonopol für sich beansprucht. Der Verlust der Position als einzige verbliebene Supermacht bedeutet aber auch, dass die neue Weltordnung nicht mehr in dem Maße von den USA alleine gestaltet werden kann, wie Brzezinski dies noch 1997 für möglich hielt. Fraglich ist auch, ob eine vertiefte transatlantische Kooperation hier eine Alternative darstellt.
 
Die Welt des 21. Jahrhunderts wird voraussichtlich nicht mehr in demselben Maße von den Vereinigten Staaten geprägt werden, wie dies im letzten halben Jahrhundert der Fall war. In dem Maße, in dem unterschiedliche Kontinente und Kulturkreise sich über ein übernationales Rahmenwerk der geopolitischen Ordnung der Zukunft einig werden müssen, entsteht auch Raum für alternative Entwürfe.
 
An die Stelle einer von den USA dirigierten Globalisierung könnte ein Prozess der offenen Aushandlung zwischen ungefähr gleich starken Mächten treten. Dadurch wäre der Westen weit mehr als bisher mit seiner eigenen Außenwahrnehmung konfrontiert. Die heute noch allgemein akzeptierte Vorstellung vom „guten Abendland" dürfte erheblich ins Wanken geraten, wenn die Ausbeutung der „Dritten Welt", die Praxis des Schuldenimperialismus und die Unterstützung von Diktaturen einmal Gegenstand einer geschichtlichen Erinnerung, ja möglicherweise sogar gerichtlichen Aufarbeitung werden würde.
 
Die neue Vorkriegszeit
 
Doch vielleicht ist genau dies die Zukunftsprognose, gegen die letztlich Brzezinskis Plan einer US-Vorherrschaft in Eurasien gerichtet ist. Und möglicherweise gilt dies nicht nur für Brzezinski, sondern für weite Teile der amerikanischen Elite. Einiges spricht dafür, dass der Glaube an die legitime Vorherrschaft der USA so eng mit dem Identitätsgefühl ihrer Elite verflochten ist, dass auch das offensichtliche Scheitern dieser Politik in der Ära Bush nicht zu einer neuen Orientierung führen wird. Der in Brzezinskis jüngstem Buch „Second Chance" entworfene Plan, durch eine vertiefte amerikanisch-europäische Zusammenarbeit die Vorherrschaft über Eurasien zu erlangen, deutet daraufhin.[13] Dies scheint der letzte Strohhalm zu sein, nach dem die USA – ob unter Barack Obama oder John McCain – greifen könnten, um die Einsicht abzuwehren, dass die Vorherrschaft des Westens über ganz Eurasien weder politisch noch wirtschaftlich und erst recht nicht militärisch durchsetzbar ist.
 
Welchen Verlauf würde die Geschichte nehmen, wenn die amerikanischen und europäischen Geopolitiker – ungeachtet der neuen Machtverteilung – tatsächlich am Plan der Vorherrschaft über Eurasien festhalten würden? In diesem Fall müsste es zu einem Zusammenstoß verschiedener Großmächte kommen – ob in Form eines kalten oder heißen Krieges.
 
Da ein neuer Kalter Krieg sich nicht im Gleichgewicht des Schreckens, sondern in einer militärischen und technologischen Asymmetrie vollziehen würde, wäre damit auch die Gefahr einer Auslösung des Krieges ungleich höher. So könnten sich etwa die Inhaber eines Raketenschildes in falscher Sicherheit wiegen und den Krieg im Zuge einer diplomatischen Krise auslösen. Umgekehrt könnte die unterlegene Seite – die über keinen Raketenschild verfügt – den Krieg präventiv beginnen, sofern sie davon überzeugt ist, dass die andere Seite dies ohnehin langfristig plant. Der präventive Kriegsbeginn fungierte als asymmetrischer Ausgleich für das nicht vorhandene Raketenschild.
 
Doch ein Zusammenstoß verschiedener eurasischer Akteure könnte sich auch in Gestalt eines Stellvertreterkrieges ereignen. Der Ort eines solchen Zusammenstoßes wären mit hoher Wahrscheinlichkeit die ölreichen Regionen des Mittleren Ostens und Zentralasiens. Wenn die durch Peak Oil hervorgerufene Energiekrise erst einmal begonnen hat, dürften diese Regionen endgültig ins Fadenkreuz aller Mächte geraten.


Zbigniew Brzezinski: „Eurasischer Balkan"
Quelle: www.americanprogress.org
 
Brzezinski nennt diese Region „den mittleren Raum" oder auch „den eurasischen Balkan". Er ist für ihn der Angelpunkt jeglicher Vorherrschaft in Eurasien. Die Bezeichnung „eurasischer Balkan" bezieht sich auf die starke ethnische Fragmentierung in diesem Gebiet. Die wichtigsten Ethnien, die sich über die ehemaligen südlichen Sowjetrepubliken westlich und östlich des Kaspischen Meeres verteilen, sind Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Russen, Ukrainer, Turkmenen und Kirgisen. Die ethnisch homogensten Staaten sind Armenien und Aserbaidschan, während östlich des Kaspischen Meeres die ethnische Fragmentierung sehr weit geht. Auch der Iran, Afghanistan und Pakistan weisen viele ethnische Minderheiten auf. Libanon und der Irak sind wiederum in schiitische und sunnitische sowie christliche bzw. kurdische Bevölkerungsgruppen geteilt.
 
Bürgerkrieg als eine Möglichkeit
 
Würde die geopolitische Konkurrenz in der Region zwischen Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und einigen ehemaligen Sowjetrepubliken ähnlich ausgetragen werden wie im vergangenen Jahrhundert auf dem europäischen Balkan, wären die menschlichen Verluste kaum abzuschätzen. Auf dem eurasischen Balkan konkurrieren weit mehr Mächte miteinander, als einst auf dem europäischen Balkan. Die wichtigsten Akteure sind Russland, die USA, die Türkei und der Iran. In den letzten Jahren ist zudem der Einfluss Chinas, Indiens, Pakistans und der EU immer spürbarer geworden. Insgesamt erstreckt sich der eurasische Balkan über ein Gebiet, das mehrere hundert Millionen Menschen umfasst. Der amerikanische Historiker Niall Ferguson hat sogar die These vertreten, dass ein solch grenzübergreifender Bürgerkrieg auf dem eurasischen Balkan wahrscheinlich ist und letztlich einen neuen Weltkrieg darstellen würde. Ferguson kommt zu dem Schluss, dass die dann zu erwartenden Opferzahlen jene des Zweiten Weltkriegs übersteigen könnten.[14] Die Veröffentlichung von Fergusons Artikel in der Zeitschrift „Foreign Affairs" zeigt, dass der berühmteste außenpolitische Think-Tank der USA einen ausufernden Bürgerkrieg auf dem eurasischen Balkan als eine Möglichkeit ansieht, mit der zu rechnen ist.
 
„Friedensstiftende Koalition"
 
Würde eine mächtige Koalition aus verschiedenen Staaten, ähnlich wie die NATO 1999 in Jugoslawien, schließlich als friedensstiftende Macht in einen solchen Konflikt eingreifen, so wäre sie nicht nur in der Position, die Grenzziehungen des Nahen und Mittleren Ostens und Zentralasiens neu zu bestimmen. Eine solche Koalition wäre dann auch in der Lage, die direkte militärische Kontrolle über einen beträchtlichen Teil der weltweiten Öl- und Gasvorräte auszuüben. Eine solche „friedensstiftende Koalition" wäre der eigentliche Gewinner in einem solchen Krieg. Denn die Kontrolle dieser Energiereserven stellt einen so bedeutenden geopolitischen Machthebel dar, dass, wer immer ihn besitzt, wohl auch der maßgebliche Hegemon des 21. Jahrhunderts sein wird.
 
Die Grundsatzentscheidung darüber, welchen Verlauf die Geschichte im 21. Jahrhundert nehmen wird, dürfte jedoch weder bei den USA noch bei Russland liegen. Die Interessen beider Staaten sind zu eindeutig und programmatisch zu festgelegt, als dass diese sich ernsthaft zwischen grundsätzlich verschiedenen Alternativen entscheiden können.
 
Osterweiterung der NATO
 
Russland wird sein Interesse, die ehemaligen Sowjetrepubliken als seine natürliche Einflusszone anzusehen, vermutlich nie fallen lassen. Umgekehrt scheinen die USA wenig gewillt zu sein, ihre Vorherrschaft auf dem eurasischen Kontinent kampflos aufzugeben. Die Entscheidung in diesem „great game" muss deshalb bei einem geopolitischen Akteur liegen, der von verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten profitieren könnte und somit wirklich vor einer Wahl steht. Die einzige geopolitische Macht, auf die diese Beschreibung zutrifft, ist Europa.
 
Das von Brzezinski vorgelegte geopolitische Konzept amerikanischer Vorherrschaft im 21. Jahrhundert erweist sich als in jeglicher Hinsicht abhängig von europäischer Kooperation. Ohne eine von der EU unterstützte Osterweiterung der NATO wäre der Plan, ein von den USA dominiertes transeurasisches Sicherheitssystem zu schaffen, unrealistisch. Auch die militärische Aufrüstung der USA gegenüber Russland wäre problematisch, wenn europäische Staaten eine Beteiligung am Raketenschild verweigerten. Schließlich müssten amerikanische Rüstungsanstrengungen auch in anderen Bereichen schnell an eine Grenze stoßen, wenn diese auch nur in Teilen der EU öffentlich kritisiert würden. Weder der Einsatz von Uranmunition im Irak und in Afghanistan mit seinen katastrophalen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, noch die Entwicklung von taktischen Atomwaffen mit geringer Sprengkraft, noch die Entwicklung weltraumgestützter Waffensysteme wäre ohne die schweigende Tolerierung durch die EU-Staaten möglich.
 
Die Rolle Europas
 
Europa ist somit für die Vereinigten Staaten ein unverzichtbarer Partner. Europas eigene Interessenlage unterscheidet sich dagegen in wichtigen Punkten von der amerikanischen. Seiner eigenen geopolitischen Lage nach kann Europa sowohl atlantische als auch eurasische Kooperationen eingehen. Seinen eigenen Interessen am nächsten käme eine Politik, die sich sowohl nach Westen als auch nach Osten orientiert. Eine derartige Ostorientierung der EU versuchen die USA nicht zuletzt auch durch einen neuen Kalten Krieg zu verhindern – unter Instrumentalisierung der osteuropäischen Staaten. Sollte es den anderen EU-Staaten bzw. Brüssel nicht gelingen, den Regierungen Polens und Tschechiens die Stationierung der amerikanischen Radar- und Abschussanlagen auszureden, so stellt sich die Frage, welchen politischen Sinn und Zweck die Europäische Union eigentlich noch hat.
 
Brzezinskis geopolitische Analysen besitzen zwar eine Eigenlogik mit hoher Überzeugungskraft. Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Prämissen falsch sind. Eurasien als Schachbrett zu betrachten, ist auf den ersten Blick eine originelle Idee. Doch wie so viele Ideen, die Geschichtsmächtigkeit beansprucht haben, erweist sie sich bei genauerer Betrachtung als geistig leer und politisch verheerend. Die Welt ist im 21. Jahrhundert multilateral eng miteinander verflochten und damit klein und zerbrechlich geworden. Geopolitische Machtspiele, die die Logik eines Schachspiels auf Kontinente übertragen, werden dieser neuen Situation nicht gerecht. Es ist daher erforderlich, die geopolitische Logik selbst zu relativieren und in Zweifel zu ziehen.
 
Statt den geopolitischen Machtkampf bis zum Äußersten zu treiben, kommt es heute darauf an, der geopolitischen Logik eine Denkweise entgegenzusetzen, die sich auf die Zivilisation als Ganze bezieht. Viel wichtiger als die Frage, ob das 21. Jahrhundert ein amerikanisches, europäisches oder chinesisches sein wird, ist die Frage, auf welche Prämissen wir das Leben der menschlichen Gattung gründen wollen. Die USA der Ära Bush haben mit Guantánamo und der Grünen Zone in Bagdad ihre Vorschläge bereits eingereicht. Es bleibt zwar abzuwarten, ob sie unter seinem Nachfolger, wer auch immer dies sein wird, zu einer zivilisierenden Korrektur in der Lage sein werden. Sollte jedoch das Streben nach globaler Vorherrschaft von den USA weiter verfolgt werden, muss Europa reagieren. Als unabdingbarer Partner der USA verfügt nur die „alte Welt" über die Möglichkeit, den amerikanischen Plänen die Unterstützung zu entziehen. Und Europa sollte dies im Interesse der Zivilisation auch tun. (PK)

[10] Vgl. Brzezinski, Second Chance, a.a.O., S. 189.
[11] Naomi Klein, Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt a. M. 2007, S. 303-364.
[12] Vgl. auch Hauke Ritz und Otto Wiesmann, Peak Oil: Der globale Krieg ums Öl, in: „Blätter", 7/2007, S. 837-844.
[13] Vgl. Brzezinski, Second Chance, a.a.O., S. 186-188.
[14] Niall Ferguson, The Next War of the World, in: „Foreign affairs", 5/2006, S. 61-74.

Dieser Beitrag erschien im Juli in „Blätter für deutsche und internationale Politik“.

Online-Flyer Nr. 164  vom 17.09.2008

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