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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Lokales
Offener Dialog mit Arzu Toker („Andere Kulturen, andere Sitten“) in dialogloser Zeit
„Schluss mit der Toleranz!“
Von Carl H. Ewald

Liebe Frau Toker! Ich möchte mich als Autor, der gelegentlich auch in der NRhZ schreibt, zu Ihrer Glosse Andere Kulturen, andere Sitten“ äußern, in der Sie die linke Unterstützung des Moscheeneubaus in Köln-Ehrenfeld kritisieren. Ich schätze die Tradition der Neuen Rheinischen Zeitung, divergierende Meinungen zu veröffentlichen. Mit ihrer Glosse, Frau Toker, treffen Sie den Zeitgeist – den einer unseligen Zeit: Man könnte ihn auf eine einfache Formel bringen: „Schluss mit der Toleranz!“
Ihre Kritik an der linken Unterstützung des Moscheeneubaus fällt in eine Zeit, in der das US-amerikanische Verteidigungs- und das „Heimatschutz- ministerium“ längst den „Kampf der Kulturen“ ausgerufen haben, in eine Zeit, in der das deutsche „Heimatschutzministerium“ ins gleiche Horn bläst. Sie fällt in eine Zeit der Pauschalverdächtigungen, Rasterfahndungen, die alle Muslime betrifft, in eine Zeit, in der die dumpfesten Stammtischparolen auch im Kölner Rathaus und in der Monopolpresse wieder salonfähig geworden sind. Damit machen Sie, Frau Toker, eine pauschale – nicht eine differenzierte – Kritik an den in Deutschland lebenden Muslimen und am Islam im Allgemeinen weiter salonfähig.

Sie werfen den linken Befürwortern des Moschee-Neubaus in Köln-Ehrenfeld vor, sie würden „rechten Migranten“ den Nährboden bereiten, „auf dem sie – befreit von der natürlichen gesellschaftlichen Gegenposition – agieren können.“ Sicher obliegt mir nicht die Definitionshoheit, zu entscheiden, wer sich „rechts“ oder „links“ nennen darf. DITIB, die Bauherren des Projektes an der Venloerstraße allerdings, gehören ganz offensichtlich nicht zur islamistisch-radikalen Szene. Sie werden nicht wie andere Organisationen – beispielsweise „Mili Görüş“ oder der „Kalifatsstaat“ – vom Verfassungsschutz beobachtet, sondern bekennen sich in laizistischer Tradition zu einer Trennung von Staat und Religion. Von Ihnen als vermeintlicher Kennerin des Islam und der Kölner Migrantenszene hätte ich an dieser Stelle etwas weniger Polemik, wenigstens aber saubere journalistische Arbeit erwartet. Aber vielleicht geht es Ihnen und Ihrem Verein, dem „Zentralrat der Ex-Muslime“ ja gar nicht um Aufklärung.


rassistische hetze bild-zeitung BILD moschee bombenattentäter
Hetze gegen Moschee in der „Bildzeitung"
Quelle: BILD-Zeitung


In illustrer Runde...

Im Kölner Kommunalwahlkampf 2004 gab die rechtsradikale „Bürgerbewegung Pro Köln“ den Slogan „gegen die Kölner Großmoschee“ aus. Mittlerweile ist ihre Forderung längst in der vorgeblichen Mitte der Gesellschaft angekommen – oder wohin ist die Mitte gerückt?! Ehrenfelds CDU-Vorsitzender Uckermann polemisiert seit Monaten gegen den geplanten Neubau, OB Schramma, jetzt schon auf die Wahlen im Jahre 2009 schielend, fordert, die geplanten Minarette „zurückzubauen“, der Kölner „Express“ bauscht den geplanten Bau zu einem ganzen „Moschee-Viertel“ auf. Der Kölner Schriftsteller Ralph Giordano sagte, nachdem er Kopftuchträgerinnen mit Pinguinen verglichen hatte, es gäbe „kein Grundrecht auf den Bau einer Großmoschee“. Zum Dank dafür wurde der Ausspruch bei einer Antimoschee-Demo auf einem Transparent von Rechtsradikalen durch Köln-Ehrenfeld getragen.

Das neokonservative Portal „Politically Incorrect“ (Wahlspruch: „proamerikanisch, proisraelisch, gegen die Islamisierung Europas, für Grundgesetz und Menschenrechte“), das keine Gelegenheit auslässt, auf übelste Weise gegen Muslime, Linke und „Alt-68er“ zu hetzen, lobte und veröffentlichte Ihre Glosse prompt. Dort findet man den in der NRhZ erschienenen Artikel, peinlicherweise von einem Aufruf, nach „kriminellen angeblichen Ausländern“ zu suchen, und einem Artikel mit einem Pressefoto von Pro Köln eingerahmt. Vor wenigen Wochen nur wurde dort Marylin Anderegg, ehemalige Kandidatin der Republikaner, für ihr Engagement gegen den Bau der angeblichen Großmoschee in den Himmel gelobt. Frau Toker, Sie befinden sich in illustrer Runde!

Mit Volldampf zurück in die Vorsteinzeit

Allerdings glaube ich nicht, dass es sich bei der Zusammensetzung dieser Runde um eine Verwechslung handelt. Bei „Politically Incorrect“ kann man unzählige Einträge von und über Henryk M. Broder finden – wie auch auf der Webseite Ihres Vereins der „Ex-Muslime“: Neben Beiträgen des CSU-Innenministers Günther Beckstein trifft man dort unter „Weiterführende Texte“ auf einen Text des bekannten Islamophobikers, den er zum Abschluss auch noch mit einem rassistischen Gedicht aus Dänemark (Karikaturenstreit) krönt:

 „Wir bedauern, dass wir Euch Zuflucht gewährten, als Krieg Euch aus Eurem Heimatland vertrieb. Wir bedauern Euch aufgenommen zu haben, als andere Euch zurückwiesen. Wir bedauern, dass wir Euch die Möglichkeit zu einer guten Ausbildung gaben. Wir bedauern, Euch Essen und Obdach gegeben zu haben, als ihr keines hattet. Wir bedauern, Euch die Zusammenführung Eurer Familie erlaubt zu haben, als Euer Heimatland nicht mehr sicher war. Wir bedauern, dass wir Euch nie zur Arbeit gezwungen haben, während WIR alle Eure Rechnungen bezahlt haben. Wir bedauern, dass wir Euch nahezu FREIE Miete, Telefon, Internet, Auto gaben, und freien Schulbesuch für Eure 10 Kinder. Wir bedauern, für Euch Moscheen gebaut zu haben, damit Ihr Euren Gottesdienst in unserem christlichen Land ausüben konntet. Wir bedauern, Euch niemals gezwungen zu haben, unsere Sprache zu lernen, nach 30 Jahren Aufenthalt. Und deshalb – von allen Dänen zur gesamten muslimischen Welt, wollen wir Euch sagen: FUCK YOU!!“

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Homo Neandertalensis – ein zukunftsfähiges Modell?
Foto: Domino | Quelle: Pixelio.de

Und da wundern Sie sich, Frau Toker, dass man Ihnen die Nähe zu Islamophobikern und Rassisten vorwirft?! [1] Das wiederum finde ich äußerst wunderlich – da Sie sich ja offensichtlich bewusst in ihre Nähe begeben haben. Ich frage mich, wann Sie konsequent sein und auf einer Wahlkampf-Veranstaltung von Pro Köln auftreten werden?

„Jeder andere is jeck!“

Die Menschenrechte und auch die Grundrechte in Deutschland sind unteilbar – das ist sicher so, Frau Toker, und dementsprechend sollten alle Menschen die gleichen Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben – bei aller Vielfalt des kulturellen Ausdrucks. Denn nur so kann das kölsche „Jeder Jeck is anders“, das Sie in einen abfälligen Zusammenhang stellen, verstanden werden. „Jeder andere is jeck“, sollte man hinzufügen! In diesem Sinne muss natürlich den etwa hunderttausend in Köln lebenden Muslimen zugestanden werden, ein nach außen erkennbares Gotteshaus zu haben. Entweder wir schließen alle Kirchen, Synagogen und sonstigen Tempel, schmeißen die Kirchen aus dem Rundfunkbeirat, verbannen den Religionsunterricht und christliche Symbole aus dem öffentlichen Leben oder aber wir gestehen anderen Religionsgemeinschaften, Atheisten und Agnostikern die gleichen Rechte zu. 

„Hier treffen sich die Interessen der radikalen Islamisten, der Kulturrelativisten und der Rassisten. Die Einen wollen, dass die Fremden fremd bleiben und sich – entgegen einem menschlichen Grundbedürfnis – keineswegs entwickeln, womit sie noch fremder werden. Die Anderen wollen ihre Andersartigkeit in Parallelgesellschaften behalten und dies rechtlich legitimieren, das Recht so lange verbiegen, bis am Ende ihr Recht übrig bleibt: die Scharia.“, schreiben Sie in Ihrer Glosse, und weiter über die „Kulturrelativisten": „Der Erhalt des Islam aber ist in ihrem Interesse, denn er garantiert ihnen, dass ‚jene Fremden’ fremd bleiben und sich nicht unter ‚ihresgleichen’ mischen werden.“ Man fragt sich unwillkürlich, Frau Toker, ob es Ihnen denn um die Vernichtung des Islam geht. Da haben Sie sich aber etwas vorgenommen!

Selbstverständlich würde ich gerne auch einmal Ihr Konzept der Integration kennenlernen – oder vielleicht lieber doch nicht?! Auf jeden Fall klingt es für mich vielmehr nach „Anpassung an eine Leitkultur“, denn, dass sich die Leute untereinander mischen und gegenseitig bereichern, funktioniert wohl – so muss ich Sie verstehen – nur ohne den Islam. 

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„Die sollen sich endlich mal anpassen, diese Hinterwäldler!"
Foto: Kunstart.net | Quelle: Pixelio.de

Unzweifelhaft leben in Europa Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, kultureller Erfahrung und religiöser Vorlieben. Die Herausforderung dieser Zeit liegt darin, daraus eine neue und vielfältige Gesellschaft zu schaffen. Das kann aber nicht geschehen, wenn sich die Minderheiten an eine vermeintliche Leitkultur anpassen, sondern wenn alle diese Gesellschaft in einem konstruktiven Dialog aufbauen. Doch das wird sicher nicht geschehen, wenn sich die Menschen weiterhin gegeneinander aufhetzen lassen.

In diesem Sinne könnte man – zum Schluss des ost-westlichen Dialogs – tatsächlich das Ende der Toleranz fordern: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." (Johann Wolfgang von Goethe)

Carl Ewald veröffentlichte zu dem Thema in der NRhZ u.a. folgende Artikel:
„Täter sein macht Spaß!“ und „Biedermänner und Brandstifter“ (PK)



[1] Toker: „Da werfen Leute, die ihre christlichen Kirchen mit Recht kritisieren, diese zum Teil deshalb längst verlassen haben und deshalb wohl kaum für einen Kirchenneubau auf die Straße gehen würden, gleichzeitig Kritikern des geplanten Moschee-Neubaus Schüren von Islamophobie vor.“


Online-Flyer Nr. 108  vom 15.08.2007

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