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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2016  

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Kommentar
„Der Spiegel“ - Wahrer der Werte des Abendlandes, Vorkämpfer gegen den Islam
„Täter sein macht Spaß!“
Von Carl H. Ewald

Wohnen Sie zufällig in Köln auf der „Schäl Sick“ und sind katholisch? Falls nicht, macht nichts, aber stellen Sie sich das nur einmal vor... Und stellen Sie sich dazu vor, sie würden jeden zweiten Tag mit Schlagzeilen bombardiert, wie: „Kölner Katholik von der Schäl Sick schlägt Frau...“ Wie würden Sie sich fühlen?
Vermutlich genauso, wie sich tagtäglich männliche und weibliche Muslime in Deutschland fühlen müssen: stigmatisiert, zu deutsch abgestempelt und diskriminiert. Natürlich würde kein Presseorgan – nicht einmal „Der Spiegel“ – auf die Dauer alle rechtsrheinischen Kölner auf diese Art und Weise in einen Topf werfen und beschimpfen. Warum auch?! Trotzdem passiert das den Muslimen dieses Landes zunehmend in der medialen Öffentlichkeit.

muslima
"Es stinkt zum Himmel..."
Bild: Carl H. Ewald


Der aktuellste Fall: Eine Frankfurter Familienrichterin fällt ein Urteil, das sie in einer nachträglichen Erklärung mit einer Sure aus dem Koran begründet. Sie spricht sich gegen die Härtefallscheidung einer Frau von ihrem Mann aus, der sie verprügelt hatte. Die Ehepartner leben allerdings schon seit einem Jahr getrennt, und das Gericht hatte dem Mann verboten, sich seiner Frau zu nähern. „Der Spiegel“ berichtete vergangene Woche über das verfehlte Urteil in epischer Breite als Titelstory.

Zwangssterilisation für Fundamentalisten?!

Dabei ging es dem Blatt anscheinend aber weniger um den Richterspruch und seine Hintergründe, die es schlichtweg verdreht darstellt, als vielmehr darum, sämtliche bekannt gewordenen Verfehlungen von Muslimen von 1984 bis heute und von Deutschland bis in den Iran aufzuzählen und alles lustig in einen Topf zu werfen. Hier wird nicht mehr zwischen radikalen und moderaten Muslimen unterschieden, man würzt das Ganze mit rassistischen Formulierungen wie „Kameltreibergesellschaft“ und beschwert sich, dass Fundamentalisten so viele Kinder zeugten. Was wäre denn die Alternative? Zwangsterilisation?!

Und zum bösen Schluss lässt die Redaktion das Ganze auch noch von ihrem Kommentator Henryk M. Broder – auf seiner Webseite selbsternannter Propagandist der „Achse des Guten“ – abschmecken, der an anderer Stelle gesagt hat: „Israel ist heute mehr Täter als Opfer. Das ist auch gut und richtig so. Es macht mehr Spaß, Täter statt Opfer zu sein." In der Tat weniger abgeschmeckt als abgeschmackt.

Argumentationsvorlage für „Pro Köln“

Die Hetze des „Spiegel“ erinnert peinlich an die Propaganda der Nationalsozialisten gegen die Juden. Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass es einen wachsenden Fundamentalismus und Menschen in diesem Land gibt, die sich lieber das Mittelalter zurückwünschen. [1] Fundamentalisten gibt es jedoch allerorten und in jeder Religion – George W. Bush ist dafür ein lebendiges Beispiel. Und tatsächlich ist in den letzten Jahrzehnten ein Dialog zwischen den Kulturen versäumt worden. Doch an einem Dialog sind per Definition mindestens zwei Seiten beteiligt.

wir sind papst
"Der Spiegel": bald auf Bildzeitungsniveau?
Bild: Carl H. Ewald


Hasspredigten wie die der „Spiegel“-Redakteure wiederum führen sicher nicht zum Dialog, sondern spielen eher sämtlichen versteckt oder offen rechtsradikalen Bestrebungen in die Hände. Sie sind eine schöne Argumentationsvorlage für „Pro Köln“ und Konsorten! Und dafür bedienen sie sich der Strategie aller sogenannten Integrationspolitiker der letzten Jahre, Minderheiten und diskriminierte Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Menschen, die zu einer Minderheit gehören, haben in diesem Land ein Problem: Passen sie sich nicht an, werden sie zum ständigen Kritikpunkt, zum geeigneten Blitzableiter für populistische Politiker und gewissenlose Medien. Passen sie sich an, verschwinden sie in der Mehrheit, und damit auch ihre kulturelle Identität. Sie verlieren sich in der Masse, aber auch die Masse verliert: an Vielfalt. Und gerade diese Vielfalt ist wichtig, in einer Gesellschaft, die sich weiterentwickeln will. Woher sollen denn sonst die Impulse dazu kommen?!

Wie heißt noch mal das Gegenteil von Vielfalt? Genau, Einfalt!


[1] Das islamische Mittelalter war übrigens in vielerlei Hinsicht um einiges toleranter und aufgeklärter als das christliche.

Der Kommentar bezieht sich auf folgende "Spiegel"-Artikel:

Epidemie des Wahnsinns
(kostenpflichtig)

Haben wir schon die Scharia?
(kostenpflichtig)

Wer Broder selbst lesen möchte: http://www.henryk-broder.de/

Online-Flyer Nr. 89  vom 04.04.2007

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