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Medien
Über die Methoden des Historikers und "Welt"-Redakteurs Kellerhoff
Der Beispringer
Von Werner Rügemer

Sven Felix Kellerhoff ist Historiker. Als verantwortlicher Redakteur der Tageszeitung "Die Welt" für Zeitgeschichte durfte er am 4. August 2006 in dieser Zeitung eine Probe seiner Kunst veröffentlichen, Überschrift: "Brisante Falschheiten. In schlechter DDR-Tradition attackiert Werner Rügemer die Privatbank Oppenheim". Darin hat Kellerhoff sich die erste geschwärzte Auflage meines Buches "Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred Freiherr von Oppenheim" vorgenommen.
Der sogenannte Historiker schürt zunächst das Vorurteil: Autor Rügemer "inszeniert sich" als "mutigen David gegen den Goliath Oppenheim, die größte deutsche Privatbank". Woran er diese Inszenierung erkennen will, verrät Kellerhoff uns nicht. Dann noch ist Rügemer, sagt Kellerhoff, "vornehmlich tätig" für die tageszeitung und die junge welt, die sei das "Lieblingsblatt alter Stasi-Kader". Woher er das weiß, verrät er uns wieder nicht. Dass Rügemer z.B. auch schon in der "Welt" geschrieben hat, interviewt und lobend rezensiert wurde (ich gestehe, dass mir das Lob fast übertrieben erschien), das muss einen Historiker offensichtlich nicht kümmern. Er ist ein junger akademischer Aufsteiger, das hindert ihn aber keineswegs, den fauligen Geruch aus den Gräben und Gräbern des Kalten Krieges zu verströmen. Jedenfalls weiß der Leser schon genau, wie das Buch zu beurteilen ist, bevor Kellerhoff auf es selbst zu sprechen kommt. Der Historiker als Vorurteils-Schürer.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Kellerhoff kommt aber noch immer nicht auf das Buch zu sprechen. Er erzählt uns erst mal, dass Rügemer mit seiner Selbstinszenierung "erfolgreich" ist. Weil nämlich andere ihm "beispringen": "Die ZEIT, die Frankfurter Rundschau und der WDR sind ihm beigesprungen, die tageszeitung sowieso". Offensichtlich herrscht bei unserem Historiker die Vorstellung, dass Medien so funktionieren: Einer inszeniert sich, und schon "springen" sie ihm "bei", auf Anweisung des Selbstinszenators oder des Propagandaministers oder der Chefredaktion. Dass Rügemers Lieblingsblatt, das Stasi-Blatt junge welt, ihm nicht "beispringt", passt eigentlich nicht zu Kellerhoffs Logik, das stört ihn wieder nicht. Aber offensichtlich funktioniert einer auf jeden Fall nach dem Beispringer-Modell, nämlich Kellerhoff selbst. Die Bank Oppenheim hat mit ihren einstweiligen Verfügungen das Buch "Der Bankier" nicht in aller Ruhe aus dem Verkehr ziehen können, sondern die genannten Medien und andere haben über das massive Vorgehen der Bank und ihrer berüchtigten Promi-Kanzlei Schertz Bergmann einfach mal informiert. Das Buch wurde weiter verbreitet. Da ist der Redakteur der "Welt", die wiederkehrende Jubelporträts des Bankiers Alfred von Oppenheim veröffentlichte, der Bank beigesprungen. Der Historiker als Banken-Beispringer.

Bevor wir endlich erfahren sollen, was in dem Buch drinsteht, erfahren wir wieder noch etwas anderes: Es enthält "mindestens 89 sachliche Fehler". Wie er zu dieser Zahl kommt, verrät uns der Historiker wieder nicht. Er berichtet, dass die Bank Oppenheim per einstweiliger Verfügung 21 Stellen verbieten ließ. Selbst wenn man, was ein wahrheitsliebender Mensch nicht machen darf, trotzdem macht, nämlich die 21 vom Berliner Landgericht vorläufig untersagten Stellen gleichsetzt mit sachlichen Fehlern, selbst dann kommt man nur auf 21. Inzwischen wurden übrigens in einer ersten Gerichtsverhandlung fünf verbotene Passagen freigegeben. Auch wenn man alle geschwärzten Stellen zählen würde, käme man nur auf knapp über 50. Darunter zählen zudem noch ein Dutzend Unterlassungsforderungen, die die Bank aus unbekannten Gründen zurückgezogen hat, darunter zählen auch mehrere Wiederholungen. Einige der Unterlassungsforderungen der Bank gehen übrigens darauf zurück, dass ich aus der "Welt" zitiert habe, weil die ja immer viel über den Bankier berichtet hat. Also 89 Fehler? Ich rief in der Feuilleton-Redaktion der "Welt" an: "Herr Kellerhoff, wie kommen Sie zu den 89 sachlichen Fehlern?" Er antwortete freundlich, aber knapp: "Ich bin Historiker, ich habe Unterlagen." Ich fragte ihn: "Welche Unterlagen?" Seine Antwort fiel wieder knapp aus: "Das sage ich Ihnen nicht." Geduldig wie ich beim Untersuchen der Wahrheit bin, fragte ich den Kollegen: "Können Sie mir ein Beispiel für einen der 89 sachlichen Fehler geben?" Diesmal fiel die Antwort sehr knapp aus: "Nein." Der Historiker als Dokumenten-Draufhocker.

Kellerhoff zitiert aus meinem Buch einen einzigen Satz, zumindest einen halben, nämlich die Frage, "warum er (der Bankier Alfred von Oppenheim, WR) und seinesgleichen nicht irgendwann aufhören, solchen Reichtum immer weiter und weiter zu mehren, auf Kosten der Gemeinschaft?" Da hat unser Historiker tatsächlich ein sicheres Gespür bewiesen, das ist die Leitfrage des Buches. Doch was folgert er daraus? "Man könnte Rügemer und seine Attacken also schlicht ignorieren." Das kleine "also" macht alles klar: Eine solche Frage ist tabu. Wer sie trotzdem stellt, hat sich selbst erledigt. Der Historiker als Tabu-Hüter.

Obwohl man das Buch ja "schlicht ignorieren" könnte, wie unser Zeithistoriker befindet, befasst er sich endlich doch damit. Gibt er jedenfalls vor. Tatsächlich schafft er es, das Buch weitgehend zu ignorieren, indem er sich damit befasst. Er greift nur einen einzigen, kleinen Themenbereich heraus. Er deutet nicht einmal an, dass es in dem Buch beispielsweise um den Aufstieg der jüdischen Bank als Finanzier von Kaisern und Königen im 19. Jahrhundert geht, um die Mitfinanzierung der Aufrüstung im 1. Weltkrieg und der Hermann-Göring-Werke vor dem 2., um die Mitorganisation der illegalen Parteienfinanzierung für Adenauers und Kohls CDU, um die korruptive Annäherung an SPD-Politiker und vor allem - das macht den größten Teil des Buches aus - um die asozialen Methoden der Gewinnvermehrung für ein elitäres Klientel, um das Abzocken bei der Privatisierung öffentlichen Vermögens. Diese Fakten ignoriert Kellerhof. Der Historiker als Fakten-Ignorierer.

Er greift sich die kurzen Abschnitte zur Arisierung während des 2. Weltkrieges heraus. Beziehungsweise er wiederkäut erst mal umfangreich das, was in einem anderen Buch steht. Er wiederkäut aus der Gefälligkeitsarbeit eines anderen sogenannten Historikers namens Michael Stürmer. Der ist 1989 der Bank zum 200jährigen Jubiläum mit einer Auftragsarbeit beigesprungen. Er hat die offizielle Bankgeschichte schreiben dürfen. Er ist es auch, dem die "Welt" die Jubelartikel auf alle runden Geburtstage des Bankiers auftrug. Aus der Auftragsarbeit Stürmers wiederkäut unser Kellerhoff die dort schon unkritisch wiedergekäute NS-Legende der Oppenheims, dass sie nämlich 1944 von der NSDAP als "politisch unzuverlässig" beurteilt wurden usw. Dies gilt für Kellerhoff als Ausweis dafür, dass die Bank während des NS "eine verfolgte Bank" gewesen sei und diesen Titel entgegen Rügemers "Attacken" zurecht trage, bis heute und in alle Ewigkeit. Der Historiker als Legenden-Widerkäuer.

Schließlich referiert Kellerhoff kurz aus dem Buch: Die Bank war an Arisierungen beteiligt. Das sei zwar richtig, aber es waren nur "formale Arisierungen". Erklärt unser Historiker. Er wirft mir vor, dass ich nicht die Rückgabe einer arisierten Lederfabrik vom Niederrhein nach 1945 an die jüdischen Voreigentümer erwähnt habe. Aber von dieser Lederfabrik habe ich gar nichts geschrieben, weil ich von dieser Arisierung vor Kellerhoffs Artikel noch gar nichts erfahren hatte. Woher der Banken-Beispringer die Unterlagen nur hat? Von einer anderen Arisierung habe ich dagegen berichtet: Da balgte sich die Bank mithilfe des NS-Wirtschaftsministeriums mit einem Konkurrenten um die jüdische Lederfabrik Ideal in Luxemburg. Am Ende bekam ein Konkurrent den Zuschlag, Oppenheim ging leer aus. "Das Geschäft kam nicht zustande", schreibt dazu unser Historiker. Ach so, es handelte sich nur um ein "Geschäft": Der Historiker als Arisierungs-Normalisierer.

Am Ende grummelt Kellerhoff, dass einige Tatsachen im Buch zwar zutreffen. Dass es sich aber um "seltsame" Tatsachen handle. Dazu gehört etwa die Karriere des Chef-Arisierers der Dresdner Bank, Harald Kühnen: 1950 stieg er in der Bank Oppenheim sofort zum Generalbevollmächtigten und persönlich haftenden Gesellschafter auf und blieb deren Ehrenpräsident bis zu seinem Tode 2002. Unser Historiker befindet: Das ist "seltsam". Er murmelt nachdenklich: Das ist "befremdlich". Das passt nicht zu seinem verklärten Bild der Bank. Er kann und will die neuen Tatsachen aber nicht erklären. Das wäre offensichtlich die "schlechte DDR-Tradition". Er bleibt beim dunklen Raunen. Weil ihm sein Tabu über die Gründe der Reichtumsmehrung das Maul verbietet und den Geist vernebelt. Der Historiker als Seltsam-Befinder.

Seltsam ist das alles eigentlich nicht, insgesamt gesehen. Denn wer vom Reichtums-Tabu seinen Vorteil zieht, kann auf Vorurteils-Schürer, Banken-Beispringer, Dokumenten-Draufhocker, Tabu-Hüter, Fakten-Ignorierer, Legenden-Wiederkäuer, Arisierungs-Normalisierer und Seltsam-Befinder wie unseren hoffnungsvollen jungen Redakteur Sven Felix Kellerhoff nicht verzichten.

Buch: Der BankierWerner Rügemers Buch in der 3. Auflage

Werner Rügemer "Der Bankier - Ungebetener Nachruf auf Alfred Freiherr von Oppenheim". Da die bereits geschwärzte Ausgabe durch eine weitere einstweilige Verfügung gestoppt ist, bringt der Nomen Verlag bis zur gerichtlichen Klärung das Buch mit einer weiteren Schwärzung heraus. Mit einer Chronologie der juristischen Auseinandersetzungen und einem Vorwort von Prof. Hans See. Umfang: 136 Seiten, erschienen am 12.08.2006, Nomen-Verlag, Frankfurt 2006, Preis: 14,- Euro, ISBN: 3 - 939816 -00 - 0

Die NRhZ berichtete über Angriffe auf die Presse- und Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit Rügemers Buch in den Ausgaben 50, 56, 57


Online-Flyer Nr. 59  vom 29.08.2006

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