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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Der Fern-Seher - Folge 1
Clement ist kein Parasit
Von Ekkes Frank

Ich habe keinen Fernseher - ich bin ein Fern-Seher. Ich betrachte das Land, in dem ich geboren, erzogen und zu dem wurde, der ich bin, nicht mehr von innen, als Mit-Erlebender, Mit-Leidender, Mit-Kämpfer. Ich bin weg.
Aus der Ferne betrachtet - dabei ist Italien in den Zeiten von Internet und Ryanair gar nicht mehr so fern - wirkt diese BRD ziemlich klein, viel unwichtiger als sie selbst sich gern sieht ("Wir sind wieder wer"). Eben wie ein normales europäisches Land.
Manchmal kriege ich dann etwas mit, das mich zu einer Reaktion motiviert. Und manchmal reise ich auch noch nach Norden, nach Germania. Und ich schalte, irgendwie gewohnheitsmäßig, das noch immer dort herumstehende TV-Gerät ein. Dann bin ich sozusagen ein totaler Fern-Seher...

Danke, Wolfgang Clement, tausend Euro Dank! Ich bin ja selbst ein Mann, der klare Worte liebt, und deshalb war ich begeistert, wie Sie da kürzlich bei Sabine Christiansen erklärt haben, dass - für Sie - jene Arbeitslosen Parasiten sind, die missbräuchlich Geld vom Staat (also von uns Steuerzahlern) beziehen. Sie stellen sich damit, in der Ihnen ja ganz offensichtlich eigenen Bescheidenheit, in eine Reihe mit den großen Politikern Ludwig Erhard (der von Schriftstellern als kleinen Pinschern sprach) und Franz Josef Strauß (unvergesslich sein "Ratten-und-Schmeißfliegen"-Zitat).

Lieber Wolfgang Clement, einmal mehr bedauere ich aus ganzem Herzen, Ihren so würdelosen Rausschmiss aus jenem Amt als Wirtschaftsminister, das Ihnen nicht nur auf den Leib geschrieben, sondern eine wirkliche Herzensangelegenheit war. Wie kaum einer sonst haben Sie auch das nicht unbeträchtliche Geld verdient, das der Staat (also wir Steuerzahler) dafür hinauswer... äh, äh, ausgeben. Sie haben dafür gesorgt, dass die Konjunktur in vorher nicht erwartetem Ausmaß wieder angesprungen ist. Dass die Industrie, dank auch Ihrer tätigen Mithilfe von lästigem Sozialklimbim befreit, Arbeitsplätze in solchen Massen geschaffen hat, dass Ihr Kollege Eichel gar nicht weiß wohin mit den pausenlos auf ihn herunterprasselnden Steuereinnahmen.

Kein Parasit: Wolfgang Clement
Kein Parasit: Wolfgang Clement
Bild: NRhZ-Archiv


Auch Ihnen, lieber Wolfgang Clement, ist zu danken, dass endlich wieder die alte Werte-Rangordnung herrscht, welche Schluss macht mit dem dummen Gewäsch verblendeter Gutmenschen, wonach Männer wie Ackermann und Esser nichts anderes wären als Florida-Rolf oder Schwarzarbeiter-Paula. Zwanzig Prozent der Hartz-Vier-Empfänger, so haben Sie gesagt, seien Ihrer Überzeugung nach Parasiten bzw. Schmarotzer. Erst fiel mir da jenes Tucholsky-Zitat ein, Sie kennen es vielleicht, dass nichts schlimmer sei, als wenn Literaten Literaten Literaten nennen. Aber dann, wie gesagt, hab ich nachgedacht und sofort gespannt, wie falsch ich damit lag. Denn Parasiten und Schmarotzer, nichtwahr, die leben unverdienterweise auf Kosten anderer. Sie dagegen, lieber Wolfgang Clement, haben jeden einzelnen Euro Ihres von uns bezahlten Gehaltes schwer verdient. Und deshalb sage ich es laut und deutlich und besonders all denen, die so gemein und schäbig über Sie herziehen: Wolfgang Clement, sage ich, ist alles Mögliche und vielleicht sogar noch mehr; aber: Wolfgang Clement ist kein Parasit!

Übrigens: diese Ehrenerklärung hier würde ich natürlich nicht von mir geben, wenn ich sicher sein könnte, dass Sie sich fischermäßig via Rom ins fünfte Privatleben zurückziehen und dort Ihre gewiss bescheidene Rente verzehren. Sie sind zwar - wie ein WDR-Redakteur dieser Tage mit Recht und ohne Mitleid zu mir sagte - ein "Mann von gestern", haben aber in der SPD von heute durchaus Zukunft. Solche Clementinen wie Ihr Parasiten-Zitat hören wir schon aus den Koalitionsrunden, wo mit treuherzigen Dackelblicken erklärt wird, man müsse den wirklich Schuldigen an unserer schlechten Finanzlage endlich richtig ans Leder gehen, genau: den Rentnern. Also: Ihr Gedankengut, lieber Wolfgang Clement, hat sich längst durch Ihre ganze Partei hindurchgefressen wie ein trojanischer Wurm durch die Festplatte eines Rechners; anders gesagt: die SPD ist endlich und wahrhaftig total parasitenlos.


Online-Flyer Nr. 17  vom 09.11.2005

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