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Kommentar
Deutschland braucht die Migration
Weg mit der Angst vor allem Fremden
Von Christopher Dömges

Deutschland diskutiert über Migration oft in einem Ton, als gehe es um eine Naturkatastrophe, die über das Land hereinbricht. Dabei geht es in Wahrheit um Menschen. Um Menschen, die arbeiten, lernen, gründen, pflegen, bauen, erfinden, Steuern zahlen, Kinder großziehen und dieses Land mittragen wollen. Vor allem aber geht es um eine Realität, die sich nicht wegreden lässt: Deutschland braucht Migration – wirtschaftlich, demografisch, gesellschaftlich. Wer das bestreitet, verweigert sich nicht nur den Fakten, sondern auch der Zukunft.


Foto: arbeiterfotografie.com

Seit Jahren altert die Gesellschaft. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen nach und nach in Rente, in vielen Branchen fehlen schon heute Fachkräfte und Arbeitskräfte. Pflegeheime suchen Personal, Handwerksbetriebe finden keine Auszubildenden, Kliniken arbeiten am Limit, Restaurants verkürzen Öffnungszeiten, Baustellen verzögern sich, Kitas kämpfen mit Unterbesetzung, Logistikunternehmen suchen Fahrer, die IT sucht Spezialisten. Das Problem ist längst kein fernes Szenario mehr, sondern Alltag. Ohne Zuwanderung wird sich diese Lücke nicht schließen lassen. Nicht in zehn Jahren, sondern schon jetzt.

Migration ist deshalb kein Störfall, sondern ein Teil der Lösung. Sie ist kein Zeichen des Kontrollverlusts, sondern – richtig gesteuert – ein Instrument nationaler Vernunft. Ein starkes Land muss in der Lage sein, zwischen ungeordneter Migration und gezielter Einwanderung zu unterscheiden, Grenzen zu schützen und zugleich offen zu sein für jene, die gebraucht werden und die ihren Beitrag leisten wollen. Diese Unterscheidung fällt in der politischen Debatte jedoch oft unter den Tisch. Statt Klarheit regiert das Gefühl. Statt Lösungen dominieren Schlagworte. Statt nüchterner Interessenpolitik erleben wir hysterische Übertreibung.

Dabei ist die Bilanz vieler Einwanderungsgeschichten eine Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik. Millionen Menschen mit familiären Wurzeln in der Türkei, in Italien, Griechenland, Polen, Ex-Jugoslawien, Syrien, der Ukraine und vielen anderen Ländern sind längst Teil dieses Landes. Sie betreiben Geschäfte, führen Unternehmen, arbeiten in Behörden, sitzen in Hörsälen, forschen in Laboren, spielen in Nationalmannschaften, moderieren Nachrichtensendungen und pflegen Angehörige. Sie sind nicht „die anderen“. Sie sind Deutschland. Dass diese Selbstverständlichkeit noch immer von manchen bestritten wird, sagt mehr über die Ängste der Ablehnenden als über die Realität der Zugewanderten.

Natürlich bringt Migration Herausforderungen mit sich. Integration geschieht nicht automatisch. Sie braucht Sprache, Bildung, Wohnraum, Arbeit, Regeln und einen Staat, der sie durchsetzt. Wer einwandert, muss die Gesetze achten, die Gleichberechtigung akzeptieren und bereit sein, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Wer bleiben will, muss mitmachen. Das ist keine Härte, sondern die Grundlage eines funktionierenden Gemeinwesens. Aber ebenso gilt: Wer von Menschen Integration verlangt, darf ihnen nicht gleichzeitig mit Misstrauen, Ausgrenzung und pauschaler Verachtung begegnen. Integration ist keine Einbahnstraße.

Gerade hier liegt ein Kernproblem der deutschen Debatte. Es wird zu oft so getan, als sei das Fremde an sich bereits verdächtig. Der Akzent, das Kopftuch, der ungewohnte Name, die andere Küche, die andere Religion – all das wird schnell zur Projektionsfläche für Unsicherheit. Aus Einzelfällen werden Generalverdachte. Aus Kriminalität einzelner wird ein Makel ganzer Gruppen. Aus Kontrollproblemen des Staates wird eine moralische Anklage gegen Millionen Menschen. Diese Denkweise ist nicht nur unfair. Sie ist politisch gefährlich. Denn sie vergiftet das Klima, spaltet die Gesellschaft und stärkt jene Kräfte, die aus Angst Kapital schlagen.

Deutschland hat jedes Recht, über Regeln, Grenzen und Belastungen zu sprechen. Ein souveräner Staat muss Migration ordnen, Verfahren beschleunigen, Rückführungen durchsetzen, Kommunen entlasten und Integration besser organisieren. Aber all das ist etwas völlig anderes als die pauschale Abwehr des Fremden. Wer jede Form von Zuwanderung als Bedrohung beschreibt, verkennt die Lage des Landes. Deutschland ist keine Insel. Deutschland ist ein exportorientiertes, alterndes, global vernetztes Land im Herzen Europas. Es lebt von Austausch, Offenheit und Bewegung – wirtschaftlich wie menschlich.

Die Wahrheit ist auch: Viele derjenigen, die am lautesten gegen Migration wettern, profitieren im Alltag längst von ihr. Sie lassen sich im Krankenhaus von eingewanderten Fachkräften behandeln, bestellen Essen bei Fahrern aus aller Welt, wohnen in Häusern, die von internationalen Teams gebaut wurden, und erwarten selbstverständlich, dass Pflege, Transport, Gastronomie, Reinigung und Dienstleistungen funktionieren. Migration wird abgelehnt, solange sie abstrakt bleibt – und stillschweigend akzeptiert, sobald sie den eigenen Alltag trägt. Diese Doppelmoral ist bequem, aber unerquicklich.

Hinzu kommt ein moralischer Aspekt, über den selten mit derselben Lautstärke gesprochen wird wie über Abschottung. Deutschland ist ein reiches Land, das von internationalen Märkten, offenen Handelswegen und globalen Verflechtungen profitiert. Es kann sich nicht glaubwürdig als Gewinner der Globalisierung inszenieren und zugleich so tun, als hätten die Bewegungen von Menschen mit all dem nichts zu tun. Migration ist Teil einer Welt, in der Chancen, Krisen, Kriege, Wohlstand und Ungleichheit nicht an Grenzen haltmachen. Man muss nicht jede Entwicklung gutheißen, um diese Realität anzuerkennen.

Vor allem aber sollte sich Deutschland daran erinnern, was Selbstvertrauen in einer Demokratie bedeutet. Ein starkes Land hat es nicht nötig, in kulturelle Panik zu verfallen. Es muss nicht bei jedem Wandel seine Identität bedroht sehen. Kultur ist kein Museumsstück hinter Glas. Sie verändert sich, nimmt Einflüsse auf, bleibt im Kern erkennbar und wird gerade dadurch lebendig. Wer Heimat wirklich schätzt, sollte wissen: Heimat wird nicht schwächer, weil neue Menschen hinzukommen. Heimat wird schwächer, wenn Angst, Verbitterung und Abschottung sie beherrschen.

Es geht deshalb nicht darum, Probleme schönzureden. Es geht darum, die Debatte zu entgiften. Deutschland braucht einen Staat, der Migration steuert, Missbrauch begrenzt und Integration einfordert. Aber Deutschland braucht ebenso dringend eine Gesellschaft, die aufhört, im Fremden reflexhaft die Gefahr zu sehen. Nicht jede Sorge ist Fremdenfeindlichkeit. Aber wer jede Offenheit beendet, weil er sich vor Veränderung fürchtet, macht aus Angst ein politisches Programm – und aus der Zukunft ein Verlustgeschäft.

Migration ist kein romantisches Projekt. Sie ist oft anstrengend, kompliziert, konfliktreich. Aber sie ist auch produktiv, notwendig und in vielen Fällen eine Erfolgsgeschichte. Ein Land, das altert, Arbeitskräfte sucht und seinen Wohlstand sichern will, kann es sich schlicht nicht leisten, Menschen pauschal abzuweisen, nur weil sie anders aussehen, anders heißen oder anders beten. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Deutschland Migration braucht. Es tut es. Die entscheidende Frage ist, ob Deutschland endlich den Mut findet, das offen auszusprechen.

Und vielleicht gehört zu diesem Mut noch etwas Zweites: wegzukommen von der alten Reflexhaltung, das Fremde zuerst als Bedrohung zu betrachten. Denn eine Gesellschaft, die in jedem Unterschied eine Gefahr erkennt, wird am Ende nicht an den Fremden scheitern – sondern an ihrer eigenen Angst.

Eine Welt ohne Grenzen mit allen Chancen – das ist echter Sozialismus global. Wir wollen, dass die Menschheit sich ungehindert international entfalten kann; ohne Angst vor Ausgrenzung oder Zurückweisung. Eine Welt ohne Krieg und Krisen, das ist Sozialismus auch. Die Organisatoren der unterschiedlichen Erdteile arbeiten einträchtig, in friedlicher Koexistenz zusammen. Kein Platz für engstirnige Nationaldenkweisen. Für Arbeit, Frieden, echten Sozialismus! Das ist keine Utopie, sondern logische Konsequenz...

Online-Flyer Nr. 865  vom 08.07.2026

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