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Literatur
Der neue Roman des Leipziger Schriftstellers und Liedermachers Thomas Bachmann
Ein Traum, den man gerne mitträumt
Von Renate Schoof

Es beginnt in der Stadt mit dem Aufbruch aus dem Obdachlosendasein unter einer Brücke, zunächst unaufgeregt und leise, aber allmählich entwickelt sich eine Dynamik, die zum Weiterlesen reizt. Die Protagonisten seines Romans „Freistaat Wald. Utopia 2025“, besser gesagt die Heldinnen und Helden, stellt Thomas Bachmann zunächst wie folgt vor: „Drei Frauen, die fast noch Mädchen sind, und zwei Männer, von denen der eine das Grau seiner Jahre als Bart im Gesicht trägt. Aber beide sind Krieger, der alte und der junge. Man könnte sie für Vater und Sohn halten, wenn der Alte nicht ganz augenscheinlich ein Europäer und der andere nicht ganz augenscheinlich ein Afrikaner wäre. Weiß und schwarz, Vater und Sohn, die beiden mögen einander, das kann man sehen.“

Damit sind zwei der handelnden Personen bereits eingeführt. Weiter heißt es: „Die Frauen, die Mädchen, sprechen gebrochenes Deutsch, Französisch und Englisch können sie besser. Und die jüngste ist eine Russin aus Sibirien. … Unter die Brücke haben sie alle gefunden, fünf Menschen, fünf Geschichten, die nun für diesen Sommer eine werden soll.“

Eine immer verrückter und bedrohlicher werdende Welt hat die beiden aus unhaltbaren Zuständen geflohenen ehemaligen Scharfschützen Haldor und Mawuko, die Musikerin Belka, das Modell Claire und die Wissenschaftlerin Akai, die einen indianischen Großvater hat, zusammengeführt.

Als der Sommer beginnt, machen sich die fünf Wohnungslosen auf einem Pfad am Fluss entlang auf den Weg zu einem Wald, den Haldor aus seiner Militärzeit bei der NVA kennt und der durch die ehemals militärische Nutzung als „Sondermüll-Deponie“ gilt, und deshalb von Menschen gemieden wird. Aufeinander angewiesen und liebevoll verbunden ist „diese Gemeinschaft alles zugleich, Geschichten und Vergangenheiten, Bruder und Schwester, Mann und Frau, Amerika, Russland, Afrika, Frankreich und am Ende auch Deutschland: ‚Es ist wirklich ein ziemlicher Haufen Glück“, wie es auf Seite 148 heißt.

In einer Welt, in der jeder Fortschritt ein Schritt von sich fort ist, wird die Rückkehr in die Natur für die Fünf zu einer Rückkehr zu „Mutter Natur“ und zu ihrer eigenen Natürlichkeit, wobei eine Menge Wunder geschehen. Thomas Bachmann schafft für die kleine Gruppe, die sich mal als Sammelsurium, mal als Horde von Urmenschen und schließlich als Familie begreift, ein kleines Paradies mit einem See zur Wasserversorgung, zum Baden und Angeln.

Neben Fischen stehen von Haldor und Mawuko geschossene Hasen und alles, was der Wald, die Felder und Obstgärten der etwas ferneren Umgebung hergeben, auf dem Speiseplan. Später kann sogar – dank eines Tante-Emma-Ladens im nächsten Dorf – ein kleiner Garten angelegt werden.

Vertrauen zueinander und Liebe hält die kleine Gemeinschaft zusammen. Das Abenteuer besteht letztlich auch darin, Mensch zu sein und kein Abziehbild. In einer Gesellschaft in der viele ihre Mitte verloren haben, konzentrieren sich fünf Menschen auf Wesentliches; für gesellschaftlichen Schnickschnack gibt es in schön ausgemalten Bildern nur Hohn und Spott.

Selbst unangenehme Überraschungen, erweisen sich durch den klugen Umgang des alten Haldor mit Menschen, die am Rande in die Idylle eindringen, manchmal als Quelle besserer Versorgung, vor allem für den Winter. Denn inzwischen haben sich die „Urmenschen“ mit Geschick und Fleiß in einer Höhle, die bald auch eine Werkstatt, ein Kinderzimmer und eine Bibliothek umfasst, eingerichtet. Jeder bringt sein Können ein: Belka baut einen Ofen, Haldor Möbel und Claire näht Pelzmützen... Und dann ist da noch der von der Zivilisation vergessene, entfernt liegende Bunker aus NVA-Zeiten, der wahre Schätze birgt. So entwickelt sich die Gemeinschaft immer weiter zum „Freistaat Utopia“.

Nicht nur Naturfreunden, Anarchisten, Aussteigern, Hippies, und Menschen, die das derzeitige gesellschaftliche und politische Zusammenleben als dekadent und bedrohlich empfinden, sei die Lektüre dieses ungewöhnlichen Romans empfohlen. In angenehm lakonischem Stil und voller Lebensweisheit hat Thomas Bachmann ein modernes Märchen, eine Art Schelmenroman, geschrieben, in dem sich immer ein Ausweg findet und vieles gelingt – mit großer Sympathie zu Menschen, die im Mainstream nicht mitschwimmen wollen oder können und mit Humor und spitzer Feder gegen die Auswüchse der mehr und mehr bedrückenden Zivilisation.

Es passt, dass der Roman im Berliner Deutschen Militärverlag erschienen ist, der sich, anders als man im ersten Moment vermuten könnte, als Stimme für Frieden versteht in einer Zeit, in der die Kriegsrhetorik von Tag zu Tag lauter wird.


Thomas Bachmann „Freistaat Wald. Utopia 2025“



Deutscher Militärverlag, Berlin 2025, 228 Seiten, 18 Euro

Online-Flyer Nr. 860  vom 08.04.2026

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