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Aktueller Online-Flyer vom 15. April 2026  

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Krieg und Frieden
27. Jahrestag der Bombardierung Jugoslawiens, Veranstaltung in Wien im März 2026
HALTET DEN SERBEN
Von Gordana Milanovic-Kovacevic

Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, nachdem es mit der Zerstörung der SFR Jugoslawien angefangen hatte, endete 1999 mit der flächendeckenden Bombardierung der BR Jugoslawien (Serbien und Montenegro) durch die Kräfte der NATO. Der „Barmherzige Engel“, wie die Serben diese bestialischen Aggression gegen ihr Land nannten, brachte Tausende Tote und Verletzte mit sich, darunter auch über 100 getötete Kinder. Vielerorts kann man die Tötung von Zivilisten nach dem damals - und auch heute - geltenden humanitären Völkerrecht als reines Kriegsverbrechen klassifizieren.

Heute, 27 Jahre danach, scheint es, als seien die Opfer dieser Kriegsverbrechen in den Kreisen der sich für Frieden engagierten Organisationen in Deutschland etwas in Vergessenheit geraten. Nicht so bei Österreichisch-Serbischer Solidaritätsbewegung, Gewerkschaftsinitiative KOMintern, Initiative Plattform Demokratie, Bündnis „Stimmen für Neutralität“ und anderen österreichischen und serbischen Organisationen, die auch in diesem Jahr zum 27. mal in Wien zum Jahrestag des ersten Angriffstages ( 24. März 1999 ) am 23. März im Albert-Hall ein Symposium und am 24. März auf dem Stephansplatz eine Gedenk-Kundgebung gemeinsam organisierten.

Auf ihrem Flugblatt „Da se ne zaboravi - Niemals vergessen 27 Jahre NATO-Aggression gegen Jugoslawien“ konnte man lesen: „Mit dem Krieg gegen Jugoslawien brachen die NATO-EU-Länder nicht nur das Völkerrecht und die UN-Charta. Dieser Krieg beschädigte auch die internationale Ordnung nachhaltig“. U.a. wurde gefordert: Die Verantwortlichen für die Zerstörung Jugoslawiens zur Rechenschaft zu ziehen, aber auch, „die Wiederbelebung der österreichischen Neutralität sowie eine gerechte und friedensfähige Weltordnung heute und in Zukunft“.

Zur Einleitung des Symposiums im Albert-Hall wurde ein Film aus Privatbesitz gezeigt, als die Bomber der NATO die Brücke von Varvarin, eine Kleinstadt in Serbien, am 30. Mai 1999, mittags gegen 13.00 Uhr, am Tag der Heiligen Dreifaltigkeit, zerstörten und dabei 10 Menschen töteten und 37 verletzten, 17 davon schwer.

Die meisten Opfer gab es beim zweiten Angriff unter den Ersthelfern, die geeilt kamen, um die schwerverletzten an der schon zum größten Teil zerstörten Brücke, zu bergen.

Besondere Aufmerksamkeit hat man an beiden Abenden in Wien den unschuldig getöteten zivilen Opfern/Kindern geschenkt und das Hauptwort Marijana Jovanovic erteilt, die bei dem Bombenangriff auf die Brücke von Varvarin, ihre Geburtsstadt, nicht mal 16 jährig mit ihren beiden Schulfreundinnen schwerverletzt wurde und überlebte. Eine ihrer Freundinnen, Sanja, erlag auf dem Weg ins Krankenhaus ihren Verletzungen. Marijanas Rede lies keinen der Anwesenden, weder im Saal noch am nächsten Abend draußen auf dem Platz, unberührt; mit Tränen in den Augen hörte man ihrem Zeugnis zu und verweilte danach noch einige Minuten im Saal stehend applaudierend und danach schweigend, auf dem Platzt erstarrt vor Rührung. Mir, die Marijanas Worte übersetzte, obwohl ich sie seit fast 27 Jahren kenne und sehr oft übersetze, fiel es nicht leicht, den vorherrschenden Gefühlen standzuhalten, den ihren, immer noch von Unverständnis, Ohnmacht und Trauer stark dominierten und meinen Trauer-und-Wut-Vermischten. Mein Thema danach, als Vertreterin des Projektrates „NATO-Opfer klagen auf Schadensersatz“, nüchtern und sachlich vorzutragen, mühte mich doch stark, fand aber insbesondere beim dem Publikum Gehör, das nicht über die Verantwortlichkeit der Mitgliedstaaten innerhalb des NATO-Bündnisses Bescheid wusste.

David Stockinger, österreichischer Friedens-und Neutralitätsaktivist, erörterte in seinem Beitrag „Zeitenwende – Vom Völkerrecht zum Faustrecht“, welche Wendung das Völkerrecht mit der Bombardierung Jugoslawiens 1999, ohne Mandat des Sicherheitsrates der UN, genommen hat und deren Folgen.

Vor der Diskussionsrunde wurde das neue Buch des serbischen Autors, Prof. Zoran Avramovic mit dem Titel: „Serben in der NATO-Demokratie“ vorgestellt, zusammen gestellt aus Artikeln, die der Autor in der serbischen „Politika“ über mehrere Jahre vor der Bombardierung und danach veröffentlichte.

Musikalische Einlagen und eine Fotoausstellung im Foyer mit dem Namen “Klagemauer“, die chronologisch die Veranstaltungen/Kundgebungen der Jahre seit 1999 zeigte, untermauerten den Eindruck an diesem Abend.

Die Redebeiträge auf dem Stephansplatz, am 24. März, waren in ihrer Offenheit und Klarheit so eindeutig, dass ich in manchem Moment damit gerechnet habe, dass eine Armada von Polizisten über die Redner herfällt, was zu meiner Verwunderung und Bewunderung überhaupt nicht passierte. Wie es scheint, in Österreich, trotz der Kompatibilität innerhalb der EU und der Toleranz für die NATO, herrscht immer noch so was wie Meinungsfreiheit.

Es finden sich bei solchen Anlässen leider auch Menschen, die aus nur ihnen oder denen, die sie hinausgeschickt haben, bekannten Gründen, durch Unmenschlichkeit und Bösartigkeit auffallen. So auch während und nach der Kundgebung auf dem Platzt geschehen. Man schickte sich an, während Marijana sprach und im Hintergrund der Film über die Bombardierung der Brücke lief, gehässig zu lächeln, mit dem Finger auf das Transparent – Kosovo ist Serbien, zu zeigen, serbische Symbolik bildlich festzuhalten, bei serbischen Liedern drohende Kommentare abzugeben.

Der anwesenden Polizei, die sich dezent, und trotzdem sichtbar im Hintergrund hielt, ist es, vermute ich, zu verdanken, dass es trotz aller Provokationen nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen ist. Umso mehr überbot man sich im Internet in den sogg. Sozialen Medien in der Verunglimpfung der Organisatoren und Redner in dem man sie als großserbische Nationalisten, Neo-Nazis und Antisemiten bezeichnete. Oft frage ich mich, ob die, die mit so großen Worten um sich werfen, überhaupt über die wahre Bedeutung der selben wissen. Oder plappern sie nur nach, weil das so in ist? Hierbei fällt mir die Geschichte über den Dieb ein, der jedes Mal wenn er auf dem Markt was gestohlen hat, auf einen Unschuldigen mit dem Finger zeigt und laut schreit: „Haltet den Dieb!“ und die Meute rennt hinter dem unschuldigen Menschen her und schreit aus voller Kehle: „Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“

Mein tiefster Dank, auch im Namen Marijanas, gilt unseren Gastgebern und Organisatoren, die uns gute Freunde geworden sind. Solche Freunde zu haben, bedeutet enorm viel in der jetzigen Zeit, der Druck auf Serbien hört nicht auf, das Land kämpft weiterhin um seine Souveränität und Ganzheit.

Die Resolution 1244 soll und muss endgültig auf allen Ebenen ihre Anerkennung und Anwendung finden!

Am Rande meines Aufenthaltes in Wien habe ich einige Fragen David Stockinger, dem Marijanas und meine Teilnahme zu verdanken war, gestellt. Seine Antworten vervollständigen das Bild, das ich über ihn und die Mitorganisatoren um die Gedenkkundgebung gewonnen habe, so möchte ich sie hier in voller Länge weitergeben.

Sie sind gebürtiger Österreicher, sprechen sehr gut serbisch und haben gute Verbindungen in Serbien. Woher kommt das Interesse an meinem Geburtsland?

Als Kind war ich in den 80ern öfters in Jugoslawien auf Urlaub und da blieben gewisse positive Eindrücke hängen. Persönlich habe ich zu Serbien und dem serbischen Volk seit der Nato-Aggression 1999 eine spezielle Beziehung.

Dazu kommt sicher auch meine Familiengeschichte. Mein Opa, der heuer im Jänner 99 Jahre alt wurde, war 1944/45 in Jugoslawien als sehr junger Wehrmachtssoldat im Krieg eingezogen. Kurz vor der Kapitulation wurde er von Tito-Partisanen gefangen genommen und verbrachte mehr als 3 Jahre in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft. Zuerst in Pula, dann in Skopje zum Schluss in Belgrad. Er verlor nie ein schlechtes Wort über die Menschen, die Jugoslawen haben ihn korrekt behandelt. Er gab mir "Nie wieder Krieg!" als oberste Prämisse in mein Leben mit. Das war und ist mir Zeit meines politischen Lebens auch meine Richtschnur geblieben. Über die Jahrzehnte seit 1999 entstanden, besonders in Serbien aber auch in Montenegro und anderen Republiken des ehemaligen Jugoslawiens, viele Freundschaften und persönliche und politische Beziehungen. Inzwischen ist für mich Belgrad meine zweite Heimatstadt und ich bin 3-4 Mal pro Jahr in der Region. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich begonnen, die serbische Sprache ohne Kurs zu lernen und mich in die Kultur und Geschichte zu vertiefen.

Seit Jahren sind Sie Mitorganisator der Gedenkveranstaltungen um den 24. März, dem Jahrestag des Anfangs der Aggression gegen Jugoslawien/Serbien. Was hat Sie dazu bewogen und wie halten Sie, wenn es sie gibt, den öffentlichen Widerständen bei dieser Arbeit stand?

Als blutjunger Sozialist beteiligte ich mich 1999 an den Demonstrationen gegen die NATO-Aggression gemeinsam mit der serbisch-jugoslawischen Diaspora. Teile der Sozialistischen Jugend unterstützten, genauso wie etliche andere kommunistische, friedens-, demokratie- und neutralitätsorientierte Organisationen und Initiativen die täglichen riesigen Demos durch die Wiener Innenstadt. Mir war bereits damals die einseitig-narrative Darstellung des Jugoslawien-Konflikts durch die hiesigen Mainstreammedien und die regelrechte Dämonisierung der Serben ein Graus! Setzten ein Zeichen der Solidarität mit den Angegriffenen, für die Einhaltung des Völkerrechts und die österreichische Neutralität. Diese wurde von den österreichischen Offiziellen im Kontext des Jugoslawien-Konflikts leider mehrmals verletzt. Der Völkerrechtsbruch, die Zertrümmerung der UN-Charta, die Aushebelung sämtlicher internationaler Abkommen hinsichtlich des Kriegsvölkerrechts, die ungerechte einseitige und letztendlich gewaltsame Grenzänderung hinsichtlich des Kosovos, all das führte uns geradewegs in eine Ära des Faustrechts. Die Konsequenzen dieses "Türöffner-Krieges" von 1999 betreffen uns heute mehr denn je, sieht man sich nur die Welt von Venezuela, über die Ukraine, Libanon bis hin zur neuesten Aggression gegen den Iran an. Das Völkerrecht gilt für die Großmächte nicht mehr, der Bruch erfolgte 1999.

Dazu hat ein Kreis von Personen, der im Kern bereits 1999 die Proteste organisiert hat, eine Gedenkkultur "institutionalisiert". Jedes Jahr gibt es rund um den 24.März Symposien, Lesungen, Kulturveranstaltungen und am 24.März immer die Kundgebung am Stephansplatz, zu der Österreicher wie Serben gleichermaßen aufrufen.

Widerstände gab es immer wieder. 1999 war es besonders die damalige FPÖ, die die Untersagung der Demos forderte. Heute kommt Kritik eher aus linksliberalen bis liberalen Kreisen. Mediale Denunziationen und Konstruktionen, die man auch aus anderen Zusammenhängen kennt, poppen immer wieder mal auf. Diese Kreise ärgert es, dass es uns überhaupt noch immer gibt und dass wir der Politik der EU und der NATO den Spiegel vorhalten. Im Kern sind das anti-neutrale Kreise. Wir werden aber nicht aufhören, uns gegen einseitige Narrative auszusprechen und weiterhin für das eintreten, was historisch der Wahrheit am nächsten kommt. Die reine Wahrheit existiert sowieso nicht.

Ich habe Sie auch bei der Kundgebung für Kuba und Venezuela gesehen und gehört. Da waren Sie auch die tragende Kraft. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, für wen Sie eintreten?

Ich bin seit vielen Jahrzehnten mit jenen Ländern solidarisch, die im weitesten Sinne antiimperialistisch verfasst sind oder zumindest versuchen, einen eigenständigen neutralen bis blockfreien Kurs abseits des Mitmarschierens mit den imperialen Großmächten zu finden. Bei Kuba kommt der sozialistische Charakter der Insel natürlich noch speziell dazu. Die Revolution hat dort im sozialen und humanistischen Sinne Großes hervorgebracht. Leider steht das nun hauptsächlich wegen der verschärften US-Blockade aber sicher auch aufgrund interner Problematiken zur Disposition. Das revolutionäre Kuba war Jahrzehnte mit allen Befreiungsbewegungen der 2. Welt solidarisch, hat in den Bereichen Medizin, Alphabetisierung und Bildung nicht nur im eigenen Land sondern im "Globalen Süden" Gewaltiges geleistet. Ja bis hin zur aktiven militärischen Solidarität der Dekolonialisierung in Afrika. Jetzt braucht Kuba unsere Solidarität! Als Internationalist hat das für mich höchste Priorität. Der US-Imperialismus ist gerade dabei, den "lateinamerikanischen Hinterhof" wieder in seinem Sinne zurecht zu bügeln.

Wir sind gerade Zeugen einer total gefährlichen Politik des Westens, angeführt von den USA, die uns an den Rand einer militärischen Auseinandersetzung mit fatalen Folgen führen kann. Welcher ist Ihrer Meinung nach der richtige Weg, um sie abwenden zu können?

Wir leben tatsächlich schon seit einiger Zeit in so etwas wie einem 3. Weltkrieg. Sieht man sich die vielfachen und vielschichtigen Wirtschaftskriege, die Sanktionsregime, den politisch-medialen Krieg aber auch die zahlreichen konkreten militärischen Auseinandersetzungen und die Repression nach innen gegen Kritiker dieses Zustandes an. Ein einfaches Rezept dagegen gibt es nicht. Jeder, der das meint, ist ein realitätsferner Dogmatiker. Aber ganz zentral sind sicher die Stärkung der Souveränität und Kooperation kleinerer Staaten, eine Wiederbelebung der Blockfreien Bewegung. BRICS und SOZ können Keimzellen einer multipolaren Weltordnung sein, sind aber noch zu schwach ausgeprägt, es gibt sogar Rückschläge. Wo war z.B die Unterstützung für Venezuela, warum konnte innerhalb weniger Wochen Syrien fallen? Eine multipolare Weltordnung hat aber auch nur dann einen emanzipativen Charakter, wenn dadurch kleinere und mittlere Staaten aufgewertet werden und eine stärkere Stimme im Weltgefüge bekommen. Parallel dazu muss eine soziale und politische Aufwertung der arbeitenden und unteren Klassen erfolgen, nationale geht ohne soziale Befreiung nicht und umgekehrt. Ich hoffe wir werden das noch erleben, bin mir da aber nicht mehr sicher.

Online-Flyer Nr. 860  vom 08.04.2026

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