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Aktueller Online-Flyer vom 22. März 2026  

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Kommentar
Gerechte Kriege?
Warum Krieg & Krisen im Imperialismus die Menschheit nicht weiterbringen
Von Christopher Dömges

Von außen wirkt es manchmal so, als hätte die Geschichte einen merkwürdigen Lernstil: Weltwirtschaftskrisen, explodierende Preise, Kriege auf mehreren Kontinenten – und jedes Mal heißt es, „die Menschheit“ wachse an ihren Herausforderungen. Aus Katastrophen würden „Lehren gezogen“, aus Kriegen entstünden „neue Ordnungen“, jede Krise sei „eine Chance“. Doch wer genau hinsieht, merkt: Es ist nicht „die Menschheit“, die an all dem wächst – es sind vor allem Profite, Einflusszonen, Machtblöcke. Im Zeitalter des Imperialismus sind Krisen und Kriege keine Reifungsprozesse der Zivilisation, sondern Ausdruck und Werkzeug einer Wirtschafts- und Eigentumsordnung, die der Mehrheit schadet, um einer Minderheit zu nutzen.

1. Imperialismus: Wenn Kapital Grenzen sprengt – und Menschen zerquetscht

Imperialismus bedeutet nicht einfach „Großmachtgehabe“, sondern eine bestimmte historische Stufe des Kapitalismus:
  • Kapital ist in wenigen Konzernen, Banken und Fonds hochkonzentriert.
  • Nationalstaaten fungieren als politische Schutzmächte „ihrer“ Konzerne.
  • Der Weltmarkt wird in Einflusszonen, Rohstoffquellen und Absatzmärkte aufgeteilt.
Auf dieser Grundlage entstehen Konflikte nicht, weil Politiker zufällig „böse“ oder „verrückt“ sind, sondern weil Kapitalblöcke gegeneinander prallen: Wer kontrolliert Öl, Gas, seltene Erden? Wer bestimmt Handelsrouten, Seewege, digitale Infrastruktur? Wer setzt seine Währung, sein Recht, seine Standards global durch?

Wenn Staaten im Interesse „ihres“ Kapitals agieren, ist die Menschheit nur noch Kulisse. Die Bedürfnisse der einfachen Leute – Wohnen, Essen, Bildung, Frieden – tauchen in dieser Logik höchstens als Kostenfaktor auf. Der Imperialismus ist nicht das Ergebnis von Vernunft, sondern von Profitlogik. Und was aus Profitlogik folgt, sind keine moralischen Lektionen, sondern nackte Machtkämpfe.

2. Krisen als „Reinigung“? In Wahrheit soziale Verwüstung

Ökonomische Krisen werden in der bürgerlichen Ideologie gern als „notwendige Korrekturen“ verklärt: Der Markt „bereinigt Fehlentwicklungen“, ineffiziente Unternehmen verschwinden, am Ende sei alles „produktiver“. Das klingt technisch, fast naturgesetzlich – und verschleiert brutal, wer eigentlich „bereinigt“ wird.

Was passiert in einer kapitalistischen Krise?
  • Millionen Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Wohnungen, ihre Ersparnisse.
  • Staaten „retten“ Banken und Konzerne mit öffentlichen Geldern.
  • Schulden werden sozialisiert, Gewinne bleiben privat.
  • Sozialleistungen werden gekürzt, Löhne gedrückt, Arbeitszeiten verlängert.
Die Krise wird zum Hebel, um Besitzverhältnisse noch konzentrierter zu machen. Kleine Betriebe gehen unter, große kaufen sie billig auf. Öffentliche Daseinsvorsorge (Gesundheit, Bildung, Verkehr) wird zur Beute von Privatisierungen. Ganze Regionen werden entindustrialisiert – und später als Billiglohnstandorte „wiederentdeckt“.

Was ist daran ein Fortschritt „für die Menschheit“? Ja, es entstehen neue Technologien, neue Geschäftsmodelle, eine digitale Infrastruktur. Aber deren Richtung wird nicht von den sozialen Bedürfnissen bestimmt, sondern von Renditeerwartungen. Der technologische Sprung ist kein moralischer, kein sozialer, kein humaner Fortschritt – oft sogar das Gegenteil: Überwachung statt Emanzipation, Prekarisierung statt Befreiung von Arbeit.

3. Kriege um Einflusssphären – und die Lüge vom „zivilisatorischen Auftrag“

Ähnlich verlogen ist die Erzählung vom „zivilisatorischen Fortschritt“ durch Kriege. Fast jeder große Krieg wird begleitet von moralischen Parolen: Verteidigung von Menschenrechten, Demokratie, Freiheit. Real geht es um Pipelines, Häfen, Militärbasen, Rohstoffe, Absatzmärkte.

Im Imperialismus haben Kriege typische Funktionen:
  • Sie ordnen Einflusssphären neu: alte Mächte fallen zurück, neue treten hervor.
  • Sie vernichten Kapital in großem Maßstab – und bereiten so den Boden für neue Investitionszyklen.
  • Sie disziplinieren die eigene Bevölkerung, indem jede Kritik als „unpatriotisch“ diffamiert wird.
Die Toten, die Versehrten, die Vertriebenen, die zerstörten Städte – all das wird nachträglich mit Worten wie „Opfer“, „Schicksal“ oder „historische Notwendigkeit“ überdeckt. Als hätten Bomben einen tieferen Sinn, als wäre die systematische Zerstörung von Lebensperspektiven ein „Lehrmeister der Geschichte“.

Der eigentliche Skandal ist: Die Kriegsverlierer sitzen oft in allen Ländern – in Form der lohnabhängigen Klasse. Ob Soldat an der Front, Arbeiterin im Rüstungsbetrieb, Familie unter den Bomben, Geflüchteter ohne Rechte – sie alle zahlen den Preis. Gewonnen haben am Ende jene, deren Aktienkurse steigen, wenn Raketen fliegen.

4. „Aus Katastrophen lernen“ – aber wer lernt eigentlich was?

Verfechter der herrschenden Ordnung behaupten: Jede Krise, jeder Krieg lehre die Politik und die Wirtschaft, es beim nächsten Mal besser zu machen. Man müsse „Resilienz stärken“, „Lieferketten diversifizieren“, „Risikomanagement verbessern“. Die Sprache klingt modern, doch der Horizont bleibt derselbe: Wie rettet man den Profit in der nächsten Krise besser, wie führt man den nächsten Krieg effizienter?

Es wird gelernt – aber:
  • gelernt wird, wie man Krisenkosten besser auf die Bevölkerung abwälzt;
  • gelernt wird, wie man Kriege medial verpackt, um Zustimmung zu organisieren;
  • gelernt wird, wie man soziale Kämpfe spaltet und kontrolliert.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Lernt die Gesellschaft aus Katastrophen? Sondern: Wer lernt was – und gegen wen wird dieses „Wissen“ eingesetzt?

Tatsächlich werden die Strukturen, die Krisen und Kriege hervorbringen, nie ernsthaft infrage gestellt. Das Privateigentum an den zentralen Produktionsmitteln bleibt unangetastet, die Konkurrenznationalstaaten bleiben bestehen, das Diktat der Profitmaximierung bleibt ungebrochen. Man baut ein paar neue Institutionen, unterschreibt neue Abkommen, richtet neue Fonds ein – aber das System, das Menschen im Namen der Rendite opfert, bleibt.

5. Warum Krieg und Krise kein Motor, sondern Fessel des Fortschritts sind

Fortschritt im eigentlichen Sinn wäre:
  • weniger Hunger, Obdachlosigkeit, Krankheit, Analphabetismus;
  • mehr demokratische Kontrolle über Wirtschaft und Politik;
  • mehr freie Zeit, Bildung, Kultur, solidarisches Miteinander;
  • technische Entwicklung im Dienst ökologischer und sozialer Bedürfnisse.
Doch genau das blockiert der Imperialismus:
-Ressourcen fließen in Rüstung statt in Pflege, Schulen, Klimaschutz.
-Forschung orientiert sich an Patenten, nicht an globaler Versorgung.
-Staaten bekämpfen sich um Rohstoffe, statt sie gemeinsam vernünftig zu planen.

Krieg zerstört Produktivkräfte – Menschen, Wissen, Infrastruktur – in gigantischem Ausmaß. Danach wird vom „Wiederaufbau“ geredet, den die Bevölkerung mit Steuern, Schulden, Lohnverzicht bezahlt. Die gleichen Kräfte, die vorher an der Aufrüstung verdient haben, verdienen am Wiederaufbau noch einmal.

So wird der Fortschritt angekettet: Das, was die Menschheit an Fähigkeiten, Wissenschaft, Technik entwickelt hat, könnte längst ausreichen, um Hunger zu beenden, Armut drastisch zu reduzieren, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Stattdessen wird diese Entwicklung immer wieder in imperialistischen Verteilungs- und Vernichtungskriegen verbrannt.

6. Ideologische Nebelkerzen: „Natur des Menschen“ und „unvermeidliche Konflikte“

Um diese Zustände zu legitimieren, wird gern auf eine angebliche „menschliche Natur“ verwiesen: Der Mensch sei nun einmal gierig, aggressiv, zur Gewalt neigend. Konflikte seien daher „unvermeidlich“, Eigentum und Ungleichheit „natürlich“.

Das ist bequem – für diejenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren. Denn wenn Kriege, Ausbeutung und Krisen angeblich aus der Biologie stammen, muss man weder das Wirtschaftssystem anrühren noch Eigentumsverhältnisse infrage stellen.

Tatsächlich ist das Gegenteil plausibel:
  • Menschen können extrem solidarisch handeln – in Streiks, Hilfsaktionen, in der alltäglichen Nachbarschaft.
  • Aggression und Konkurrenz werden gesellschaftlich erzeugt und verstärkt – durch Mangel, Unsicherheit, Leistungsdruck.
Im Imperialismus wird die „Natur des Menschen“ zur Ausrede, um die Natur des Systems zu verschleiern. Man schiebt der Biologie in die Schuhe, was aus Privateigentum, Konkurrenz und Profitzwang folgt.

7. Bricht man mit dem System, ändert sich auch die Rolle der Krise

Krisen sind nicht einfach „überflüssig“ – sie zeigen, wo etwas nicht mehr funktioniert. Aber ob sie zur Chance werden, hängt davon ab, ob die Ursachen wirklich angegriffen werden oder nur Symptome kosmetisch behandelt.

Eine emanzipatorische Perspektive würde heißen:
  • Eigentum an großen Konzernen und Banken vergesellschaften, demokratisch kontrollieren;
  • Produktion nach Plan und Bedarf organisieren, nicht nach Rendite;
  • internationale Kooperation gegen Armut, Klimakrise, Seuchen statt Konkurrenz;
  • Abrüstung und Konversion der Rüstungsindustrie – von Panzern zu Zügen, von Raketen zu Solaranlagen.
Unter solchen Bedingungen wären Krisen keine Hebel mehr zur Umverteilung von unten nach oben, sondern könnten zu Warnsignalen werden, die tatsächlich kollektiv ausgewertet werden: Wo produzieren wir ökologisch falsch? Wo verteilen wir ungerecht? Wo organisieren wir Arbeit inhuman?

Doch davon ist die heutige Weltordnung weit entfernt. Solange der Imperialismus dominiert, bleiben Krisen und Kriege Instrumente einer Minderheit – und Barrieren für den Fortschritt der Mehrheit.

8. „Die Menschheit“ gibt es nicht – aber sie kann entstehen

Wenn wir sagen, Krisen und Kriege brächten „die Menschheit“ nicht weiter, steckt darin auch ein anderer Gedanke: Eine wirkliche Menschheit, die sich als gemeinsame Gattung versteht, existiert noch gar nicht im politischen Sinne. Es gibt Klassen, Staaten, Blöcke, Konzerne – aber kein einheitliches Subjekt „Menschheit“, das über sein Schicksal verfügt.

Ja, es gibt gerechte Kriege! Im echten Sozialismus werden sie darum geführt, die „Menschheit“ gegen jede Form von Revisionismus zu verteidigen. Der Sozialismus ist eine homogene Masse, in welcher niemand mehr Not zu leiden braucht. Immer wieder wird es aber Versuche Einzelner geben, das Gefüge ins Wanken zu bringen, ja, sich selbst zu bereichern – auch mit Waffengewalt. Jenem gilt es, entschieden entgegenzutreten, und konterrevolutionäre Elemente auch militärisch zu eliminieren. AUF DASS DIE MENSCHHEIT EINE GOLDENE ZUKUNFT HAT!!

Online-Flyer Nr. 859  vom 21.03.2026

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