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Globales
Bericht aus Venezuela - aufgezeichnet in Costa Rica, vom 4. bis 10. Januar 2026, nach Gesprächen mit Jiri Spendlingwimmer
Venezuela will sich dem imperialistischen Ungeheuer USA nicht beugen
Von Eva und Markus Heizmann (Bündnis gegen Krieg, Basel)
Zu Beginn des Jahres, am 3. Januar 2026, überfielen US Spezialeinheiten Venezuela. Bei dieser Invasion wurden etwa hundert Menschen, überwiegend Zivilisten, getötet. Der rechtmäßige Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores wurden entführt und in die USA verschleppt. Dies war ein völkerrechtswidriger Angriff mit Ansage: Die Trump-Regierung hatte Venezuela mehrfach gedroht. Venezolanische Fischereiboote wurden von der US-Marine und der US-Luftwaffe mehrfach angegriffen. Bei diesen Angriffen wurden 80 Fischer getötet. Einige wurden aus der Luft oder von Schiffen aus erschossen, während sie um ihr Überleben auf See kämpften, nachdem die US-Mörder ihre Boote versenkt hatten. Diese Angriffe, die am 2. September 2025 begannen, die Invasion Venezuelas und die Entführung des Präsidentenpaares markieren eine neue Stufe der imperialistischen Eskalation. Wer auch immer die Illusion hatte, dass sich die Vereinigten Staaten auch nur einen Deut um nationale Rechtsstaatsprinzipien oder um das Völkerrecht scheren würden, wurde enttäuscht. Der offensichtlich unzurechnungsfähige US-Präsident Donald Trump wird von den Eliten des Deep State benutzt, um zu demonstrieren, dass von nun an das Recht des Stärkeren endgültig die Weltagenda bestimmt.
Es ist keineswegs sicher, dass diese Rechnung aufgehen wird, insbesondere in Venezuela, aber auch anderswo, wie im Iran und in der arabischen Region könnten sich die imperialen Strategen verrechnen. Auf jeden Fall ist der Widerstandswillen des venezolanischen Volkes ungebrochen. Ebenso ungebrochen ist der Widerstandswille der Völker Westasiens, sei es in Palästina, im übrigen arabischen Raum oder im Iran.
Die Rolle, welche die Zionisten in diesem Szenario spielen, ist offensichtlich: Im Schatten der Verbrechen, die die Vereinigten Staaten in Venezuela begehen, startet „Israel“ neue blutige Offensiven im Libanon, im besetzten Palästina und speziell im Gazastreifen.
In Costa Rica hatten wir Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen mit Jiri Spendlingwimmer. Er ist ein langjähriger politischer Aktivist, insbesondere im ökologischen Bereich, in Costa Rica und in der Region. Er berichtete uns über die „Versammlung der Völker für die Souveränität und den Frieden unseres Amerikas“, welche am 9., 10. und 11. Dezember 2025 in Caracas stattfand. Folgende Fragen erörterten wir zu Beginn unseres Gespräches:
Die Organisation MAR (Movimiento de Afectados por Represas)
Gegründet wurde MAR als „Bewegung der von Staudämmen Betroffenen” in Lateinamerika; ihre Gründung war ein mehrjähriger Prozess der Organisation und der Bildung, bis die Bewegung 2016 schließlich in Chapeco, Santa Catarina, Brasilien, während des „IV. Internationalen Treffens für Sozialwissenschaften und Staudämme“ offiziell gegründet wurde. MAR hat sich drei große Ziele gesetzt:
Die MAR arbeitet mit einer provisorischen Kontinentalkoordination, die sich aus Vertretern zusammensetzt, die in den Ausbildungsschulen gewählt werden. Diese Schulen sind politische Ausbildungsprogramme mit einer Methodik der Volksbildung, in denen sich eine Gruppe von Aktivisten verschiedener Organisationen und Länder des MAR ein- bis zweimal im Jahr für mehrere Tage trifft. Zwischen 2023 und 2025 nahm Jiri Spendlingwimmer an internationalen Ausbildungstreffen in Kolumbien, Kuba, Mexiko und Brasilien teil.
Schulungen
Venezuela, Kuba und Nicaragua sind die Achse des Widerstands gegen den Imperialismus in Lateinamerika. Daher ist es sehr wichtig, dass es Organisationen und Vertreter dieser Länder in der MAR gibt und dass in diesen Ländern auch Ausbildungstreffen zur politischen Bildung von Aktivisten aus dem Rest des Kontinents stattfinden.
In Kuba finden die Ausbildungskurse im Martin-Luther-King-Zentrum (CMLK) statt, das über Unterrichtsräume, Gästezimmer, Verpflegungsservice und Plenarsäle verfügt.
Das CMLK führt ganzjährig nationale Aktivitäten sowie Ausbildungsprogramme für politische Parteien, Organisationen und soziale Bewegungen aus ganz Lateinamerika durch und erfüllt eine sehr wichtige pädagogische und ideologische Rolle und Funktion. Obwohl Kuba seit Jahrzehnten Opfer von heftigen antikommunistischen Attacken, Blockaden, Sanktionen, internen Problemen und jährlichen Naturkatastrophen ist, bleibt das Land ein politischer Bezugspunkt und eine Inspiration für soziale Bewegungen, die in Lateinamerika einzigartig sind. Dies verleiht den Ausbildungskursen ein hohes Niveau.
Brasilien
Personen und Organisationen aus Venezuela sind seit 2019 Teil der MAR. Auch wenn das Vertrauen zuweilen nicht gut ist, da beispielsweise 2024 der brasilianische Präsident Lula da Silva den Beitritt Venezuelas zu den BRICS+ verhinderte, was auch zu Misstrauen der Institutionen und Organisationen Venezuelas gegenüber den sozialen Bewegungen Brasiliens führte.
Das Instituto Simón Bolívar und die Frente Ecosocialista de Venezuela (2) organisierten und begleiteten die Volksversammlung in Caracas. Venezuela ist nun ein integraler und wichtiger Teil von MAR. Nach den Angriffen der USA und der Entführung des Präsidentenpaares kann jedoch noch niemand sagen, wie sich die Lage in Venezuela weiterentwickeln wird. Geplant ist jedenfalls, 2026 ein Fortbildungstreffen in Venezuela, der Heimat des Befreiers Simón Bolívar abzuhalten.
Nicaragua
Die Eingliederung Nicaraguas in MAR war nicht möglich. Dies liegt daran, dass Basisorganisationen in Nicaragua das Land nicht mehr verlassen. Der Grund ist folgender: 2018 fand in Nicaragua die inszenierte Farbrevolution statt, deren Ziel es war, die sandinistische Regierung zu stürzen. Der Versuch scheiterte und seitdem hat die Regierung kein Interesse mehr daran, sich mit Organisationen auszutauschen, denen sie nicht voll vertraut. Der Grund liegt auf der Hand: Die Länder, die sich in MAR organisieren, sind fast ausschließlich weitgehend westlich orientierte Länder. Die Ausnahmen sind Kuba und Venezuela, daher gibt es auch zwischen diesen Ländern und den Mitgliedern des ALBA-Bündnisses (3) Delegierte aus Nicaragua.
Die Rolle der Kirchen
In Nicaragua ist die katholische Kirche, die zu Beginn und während der sandinistischen Revolution auf der Seite der Sandinisten stand ("Befreiungstheologie"), inzwischen vollständig auf die Seite der Opposition gegen die sandinistische Regierung geschwenkt. Es ist interessant, dass demgegenüber Evangelikale ein gutes Verhältnis zur Regierung haben. Diese Situation kann jedoch nicht allgemein auf alle südamerikanischen Länder übertragen werden. In Venezuela arbeitet die Regierung sowohl mit Katholiken als auch mit Evangelikalen zusammen. In Brasilien arbeiten Evangelikale mit der CIA zusammen. Auch ein Befreiungstheologe, der in Mexiko gegen Staudämme kämpft, nahm an MAR teil. Manche Theologen bewegen sich auch von rechts nach links und nicht nur umgekehrt. Wir sehen also, diese Szene ist sehr ambivalent.
Austausch mit vielen Ländern und Organisationen
Große Organisationen sind auch in MAR vertreten, darunter das Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) aus Brasilien (4) mit Vertretung in 21 der 26 Bundesstaaten des "Riesen des Südens", Rondas Perus mit mehr als 2 Millionen Mitgliedern, (5) der Maya-Volksrat von Guatemala (CPO), (6) die Verteidigungsbewegung für den Zugang zu Wasser, Land und Umweltschutz von Chile (Modatima), (7) die kolumbianische Bewegung Living Rivers, die Global Justice Alliance (Grassroots Global Justice Alliance der Vereinigten Staaten).
Länder wie Peru, Ecuador, Bolivien oder Guatemala sind mit überwiegend indigenen Mitgliedern vertreten. Die MAR-Delegierten treffen sich bis zu zweimal jährlich in verschiedenen Destinationen und sie pflegen einen intensiven Austausch.
Bisher konnten die Organisatoren von MAR das stetige Wachstum der Organisation bewältigen. Die Tatsache, dass MAR trotz der großen Mitgliederzahl eine Basisorganisation bleibt, bedeutet, dass ihr ein imperialistisches Profil fehlt. Trotz der Tatsache, dass es in einigen Ländern staatliche Unterstützung gibt, gibt es dennoch keinerlei staatliche Eingriffe in den Inhalt.
Perspektiven von MAR
MAR wächst. Kürzlich, im November 2025, in Betel, Brasilien, wurde die internationale Bewegung der von Staudämmen, sozio-ökologischen Verbrechen und Klimakrise betroffenen Gemeinden in Anwesenheit von Vertretern und Organisationen aus 5 Kontinenten ins Leben gerufen. Das Ziel ist jetzt größer, nämlich MAR in eine internationale Bewegung betroffener Menschen aus aller Welt zu verwandeln. Das nächste internationale Treffen soll in 5 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden.
Auch wichtig zu erwähnen: Beim Aufbau des Globalen MAR wäre es wichtig, Vertreter von Basisorganisationen aus der Türkei und Äthiopien dabei zu haben. Die Türkei baut mit ihrem GAP-Projekt weiterhin Staudämme in Südostanatolien. Das Südostanatolien-Projekt (GAP) ist das größte und teuerste in der Geschichte der Republik Türkei. Die Türkei und ihre Geldgeber (IWF, Weltbank usw.). bezeichnen diese Dämme als "Entwicklungsprojekte". In Wirklichkeit handelt es sich um ein Erpressungsinstrument gegen stromabwärts lebende Nachbarländer. So ist die Türkei jetzt in der Lage, den Tigris und den Euphrat zu stauen. Auf diese Weise kann sie die Wasserversorgung Syriens und des Irak fast vollständig kappen. Wasser als Waffe!
Dasselbe Szenario sehen wir in Äthiopien: Mit dem Bau des Gerald-Staudamms Nr.1 am Blauen Nil kann Äthiopien einen Großteil der Wasserversorgung Ägyptens und des Sudan kappen. Wenn diese Projekte nicht von ernsthaften und sorgfältigen Verhandlungen begleitet werden, ist das Risiko von Konflikten mit den weiter unten am Fluss gelegenen Anrainerstaaten garantiert. Ein Umstand, der zweifellos den imperialistischen Kreditgebern zugutekommt.
Die Realität, welche Jiri Spendlingwimmer in Venezuela erlebte und die er uns schildert:
Medien und Kommunikation: Im Gegensatz zu dem, was die Propaganda gegen Venezuela berichtet, fand unser Berichterstatter die Regale von Geschäften und Supermärkten voll. Als Gegengewicht zur imperialistischen Propaganda werden authentische Informationen empfohlen, wie zum Beispiel der nicaraguanische Sender "Radio Primerísima", (8) auch Telesur (9) wird weiterhin empfohlen. In Venezuela selbst können alle Sender empfangen werden, auch westliche Propaganda wie z.B. die "Deutsche Welle". Eine Ausnahme ist CNN: Der Westen verbot Telesur, noch unter der Regierung von Hugo Chávez. Im Gegenzug verbot Chávez CNN. Alle anderen Sender, sowohl Al Jazeera als auch Al Mayadeen, konnten empfangen werden.
Unterschiede: Es stimmt, dass es in Venezuela Armut gibt. Es gibt jedoch kein Elend. In Venezuela gibt es keine Favelas wie in Brasilien, wo die Menschen in Holzhütten leben müssen, die nur mit Plastikplanen bedeckt sind. Die Missiones genannten Programme und das System der Organisation von Comunas verhindern, dass Menschen so leben müssen. Infolgedessen ist die Kluft zwischen Arm und Reich nicht so groß wie zum Beispiel in Costa Rica, Kolumbien oder in Brasilien. Um in Brasilien zu bleiben: Wir wissen, dass unter dem Bolsonaro-Regime Hubschrauber über die Favelas geflogen sind und diese aus Hubschraubern mit schweren Waffen beschossen haben, was Hunderte von Todesopfern verursacht hat. Diese Praktiken haben übrigens unter Lula da Silva keineswegs aufgehört. Angeblich "musste das Verbrechen bekämpft werden."(!) So etwas ist in Venezuela absolut undenkbar. Venezuela, Kuba und Nicaragua sind Vorreiter in der Region, wenn es um gerechte Verteilung geht.
Das Öl: Westliche Ölfirmen förderten Rohöl für 8 US Dollar pro Barrel. Von diesen 8 Dollar erhielt Venezuela genau 1 US Dollar. Später stieg der Wert des raffinierten Öls auf dem Weltmarkt auf 125 US Dollar pro Barrel. Die bolivarische Revolution von Hugo Chávez setzte dieser Situation ein Ende. In diesem Zusammenhang wird Karam Khella zitiert, der im Wesentlichen sagte: "Es gibt keinen Krieg um Öl. Die Imperialisten könnten das Öl zu völlig überteuerten Preisen kaufen und es wäre immer noch billiger als ein Krieg. Wenn ein Krieg geführt wird, geht es um Macht und Hegemonie, der Krieg um Öl ist eine Ausrede."
Heutzutage geht es in Venezuela hauptsächlich um die sogenannten "Sicherheitsgarantien". (Collaterals) Westliche Währungen sind heute nichts mehr wert. Um diesem wertlosen Geld (US-Dollar / Euro) relative Sicherheit zu geben, ist eine Garantie erforderlich. Früher war es Gold. Heute wird versucht, die „Sicherheit“ mit Erdöl herbei zu beschwören. Aber: Die USA als Staat zahlen an die Banken mehr Schuldzinsen als sie pro Jahr für ihr Militär ausgeben.
Entwicklungsperspektiven:
Auch nach dem völkerrechtswidrigen Überfall gegen Venezuela durch die USA und die Entführung des Präsidentenpaares durch die imperialistischen Schwerverbrecher wird es in Venezuela weiter gehen. Natürlich kann eine großflächige Bombardierung des Landes niemals ausgeschlossen werden. Aber dann würden auch die erwähnten begehrten Sicherheitsgarantien verschwinden. Daher befinden sich die Vereinigten Staaten in einem Dilemma. Das venezolanische Volk wird sich nicht freiwillig unterwerfen und die Gringos können keine Schlacht mit Bodentruppen gewinnen. Seit der bolivarischen Revolution unter den Präsidenten Chávez und Maduro lebt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Venezuelas im Vergleich zu anderen Ländern der Region sehr gut. Sie werden nicht zulassen, dass ihnen das genommen wird. Kommt hinzu, dass der einstigen Vizepräsidentin und jetzigen Interimspräsidentin Delcy Rodriguez nachgesagt wird, sie sei „chavinistischer als Chavez selbst“. Gut möglich, dass die USA hier versuchen, einen Brocken zu schlucken, an dem sie ersticken.
Versammlung der Völker für Souveränität und Frieden
Zusätzlich zu den Internationalen Treffen von MAR, an denen Jiri Spendlingwimmer im Namen der Bewegung der lebendigen Flüsse von Costa Rica teilgenommen hat, wurde bereits Ende des Jahres, im Dezember 2025, eine Gruppe von MAR zur Versammlung der Völker für Souveränität und Frieden eingeladen, die, wie oben erwähnt, am 9., 10. und 11. Dezember 2025 Caracas stattfand. Das Treffen zielte darauf ab, Solidarität mit einem vom Imperialismus angegriffenen Land in die Praxis umzusetzen.
Die Einberufung dieser Versammlung ging auf die konsequente Führung von Nicolas Maduro zurück, der angesichts der wirtschaftlichen, militärischen, medialen und diplomatischen Offensive, die Venezuela bedroht, erkannte, dass es nicht ausreicht, Widerstand zu leisten. Vielmehr müssen wir die Völker der Welt vereinen, wir müssen uns artikulieren und die Welt mobilisieren, um den Frieden als aktive und offensive Strategie gegen den Imperialismus zu vertiefen. So wurde Caracas zum internationalen Treffpunkt, um einen gemeinsamen Weg zu finden, wie wir dem multidimensionalen Krieg begegnen, der unsere Regionen bedroht.
Die Reise von Costa Rica
Da der Luftraum über Venezuela zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend gesperrt war, stellten viele Fluggesellschaften die Flüge nach Caracas ein. Daher wurde die Flugreise nach Venezuela über Kuba und Kolumbien organisiert. So konnten von den ursprünglich geplanten 2000 Delegierten nur deren 500 teilnehmen. Der internationale Flughafen Maiquetia Simon Bolivar in La Guaira war fast leer.
Kernpunkte der Konferenz
Während der ersten beiden Tage der Agenda wurde ein sehr umfassendes Programm mit verschiedenen Themen durchgeführt, darunter
Unter den zahlreichsten Gruppen waren kubanische und panamaische Delegationen. Die Delegation Panamas berichtete ausführlich über die Ermordung von 3000 Menschen, vorwiegend afroamerikanischer Herkunft, während der US-Intervention und der Entführung von Noriega im Jahr 1989. (10) Beeindruckend auch die Anwesenheit organisierter venezolanischer Fischer.
Venezolanische Fischer sind heute die vorderste Linie der maritimen Verteidigung Venezuelas. Nach der Ermordung von 80 Fischern aus mehreren karibischen Ländern durch US-Staatsterroristen werden die Fischer immer militanter. Schon vor Jahren haben sie hervorragende Arbeit bei der Aufdeckung und Gefangennahme von Söldnerinvasoren geleistet, die versuchten, auf dem Seeweg nach Venezuela einzudringen.
Ein vertiefter Blick auf die Comunas: Am dritten Veranstaltungstag hatten die Delegationen Gelegenheit, mehrere Comunas (11) Venezuelas zu besuchen. Interessant ist, unter anderem die Tatsache, dass die Comunas ihre eigenen Universitäten verwalten.
Besuch des Präsidentenpaares
Wie bereits oben erwähnt, sind die Comunas ein unverzichtbarer Bestandteil des sozialen Lebens in Venezuela. Heute gibt es in Venezuela mehr als 5000 Comunas, je nach Bevölkerungsdichte variiert die Anzahl der Mitglieder innerhalb der Comunas, in Stadtvierteln sind es oft mehrere Tausend. Comunas sollten nicht mit Gemeinden verwechselt werden. Das Handlungsfeld der Comunas orientiert sich an allen möglichen Bereichen: Infrastruktur, Wohnen, Landwirtschaft, lokale Wirtschaft, Bildung, Kultur, Gesundheit, Sicherheit, ... jeder Bereich, der für die Gemeinde relevant ist, kann von der Comuna abgedeckt werden.
Als unser Berichterstatter die Comunas besuchte, war zufällig auch Präsident Maduro anwesend. Diese regelmäßigen Besuche des Präsidenten stehen in der Tradition von Präsident Hugo Chávez, der über sein Programm "Alo Presidente" regelmäßig mit dem Volk kommunizierte. Der nun von den Vereinigten Staaten entführte Nicolás Maduro setzt diese Tradition fort, wenn auch nicht mit einer eigenen Fernsehsendung, sondern mit Besuchen in den Gemeinden und mit regelmäßigen öffentlichen Auftritten.
Betrieb
Wenn jemand ein Projekt in einer Comuna durchführen möchte, kann es eingereicht werden. In der Regel werden mehrere Projekte zur Diskussion gestellt und die Prioritäten per Abstimmung festgelegt. Es kann sich um den Bau einer Schule, den Bau neuer Wohnungen, die Vorbereitung eines Theaterstücks oder jede andere Aktivität handeln. Wenn sich die Mehrheit für ein Projekt entschieden hat, wird für dieses Projekt Geld vom Staat angefordert und in der Regel wird dieses Geld auch bewilligt. Die Projekte, die schließlich in den Comunas durchgeführt werden, sind immer an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst, denn schließlich entscheidet die Bevölkerung darüber. Die Comunas decken nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens ab.
Einige praktische Beispiele:
Neben dem venezolanischen Modell der sozialen und staatlichen Organisation gibt es andere lateinamerikanische Erfahrungen, wie den multinationalen Staat in Bolivien, den sozialistischen Volksbasisstaat in Kuba oder die autonomen Prozesse ethnisch-populärer Organisationsprozesse.
Die Kommunen in Venezuela sind ein eigenes Modell dafür, wie kollektives Leben jenseits der Logik des Kapitals, des anhaltenden Kolonialismus und des Krieges als Mechanismus globaler Ordnung organisiert werden kann.
Im Kontext der systemischen Krise und des zivilisatorischen Zusammenbruchs der westlichen Ordnung erhält die Aufgabe, andere Staatsformen, andere Formen der sozialen Organisation und andere Formen der Reproduktion des Lebens zu entwickeln und aufzubauen, einen vorrangigen Charakter.
Fazit
Soviel zu den Erlebnissen, Berichten und Gesprächen mit Jiri Spendlingwimmer. Es muss angemerkt werden, dass Initiativen wie MAR in Europa wahrscheinlich eher unbekannt sind. Schade, denn gerade aus solchen Projekten lässt sich viel für die eigene politische Arbeit lernen. Was uns an MAR fasziniert, ist die Natürlichkeit, mit der hier Theorie und Praxis kombiniert werden. Praktische Arbeit vor Ort, sei es gegen Staudammprojekte, die das Leben und die Ökologie der Bauern direkt bedrohen, oder jede andere politische Arbeit, wie die Solidarität mit dem palästinensischen Volk und dem venezolanischen Volk, ist ohne eine angemessene politische Analyse kaum möglich. Diese Analyse wird in den erwähnten Schulungen erarbeitet, was gleichzeitig die Nachhaltigkeit der Projekte gewährleistet.
Es ist möglich, dass die europäische Restlinke genau daran leidet: entweder an einer überbordenden Theorie fern von der Realität, ohne Bezug zur Praxis, oder an einem blinden Aktivismus, ohne theoretische Grundlage. Zweifellos wäre eine ehrliche, angemessene und projektorientierte anti imperialistische Schulung ein Ansatz, der berücksichtigt werden sollte.
Eva und Markus Heizmann bedanken sich bei Jiri Spendlingwimmer und bei Christoph Burkhard für die Unterstützung bei der Arbeit an diesem Bericht.
Epilog: Die wichtige Funktion der Comunas
Ein Mitglied unserer Diskussionsrunde rund um die Ereignisse in Venezuela sandte uns einen Artikel von Marcos Joel zu, der in der venezolanischen Zeitung „Ciudad Valencia“ erschienen ist. (12) Wir sind der Ansicht, dass dieser Artikel sehr adäquat die Situation von vor Ort analysiert. Vor allem zeigt uns der Autor anschaulich auf, dass die Strukturen und die Auswirkungen der Comunas weit über ein rein ökonomisches Moment hinaus gehen. Wir nehmen das zum Anlass den (mit Hilfe von „Yandex“ übersetzten) Artikel hier als Epilog einzufügen:
Die anachronistische imperialistische Strategie gegen Nicolás Maduro
Hier der Artikel von Marcos Joel: Dass heute obsessiv darüber diskutiert wird, ob Nicolás Maduro Präsident Venezuelas ist oder nicht, zeugt von einem tiefen Unverständnis des laufenden politischen Prozesses. Diese Diskussion gehört zur alten Welt der liberalen Politik, zum institutionellen Theater der bürgerlichen repräsentativen Demokratien, wo sich alles um Namen, Ämter und rechtliche Formalitäten dreht. Aber Venezuela spielt nicht mehr auf dieser Niveau Ebene mit.
Wochen vor der Entführung: Maduro erlässt etwas, das die Machtarchitektur von Grund auf verändert, nämlich die effektive Übertragung von Kompetenzen auf die Comunas, auf das organisierte Volk. Diese Maßnahme ist weder unbedeutend noch dekorativ. Sie bedeutet, den Schwerpunkt der Macht zu verlagern, ihn aus der Person des Präsidenten herauszunehmen und ihn in das Territorium, in die konkrete Volksorganisation zu verlagern. Historisch gesehen markiert dies einen Bruch: Die Macht wird nicht mehr delegiert, sondern direkt ausgeübt.
In diesem Moment hört Maduro auf, der Dreh- und Angelpunkt des politischen Systems zu sein. Nicht weil er verschwindet, nicht weil er „zurücktritt“, sondern weil seine Person als Machtkonzentrator nicht mehr gebraucht wird. Die persönliche Führung verliert an Bedeutung, weil die Macht nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben durch direkte Demokratie ausgeübt wird. Hier wird endgültig mit der Logik des klassischen bürgerlichen Staates gebrochen, in dem das Volk von Zeit zu Zeit wählt und dann auf die Rolle eines Zuschauers reduziert wird.
Was entsteht, ist etwas anderes, eine Form der aktiven Volkssouveränität, in der die Comunas keine beratenden oder dekorativen Organe sind, sondern reale Räume der Entscheidung, Planung und Regierung. Das Volk „beteiligt” sich nicht im liberalen Sinne des Wortes, das Volk regiert. Dies verändert die zentrale politische Frage völlig: Es geht nicht mehr darum, wer ein Amt bekleidet, sondern wie Macht ausgeübt wird und wer sie täglich ausübt.
Daher ist es eine anachronistische Strategie, den Prozess zu destabilisieren, indem man ausschließlich gegen Maduro vorgeht. Der Imperialismus und die lokalen Eliten sind es gewohnt, Macht zu personalisieren, weil es immer einfacher war, eine Person zu stürzen, als sich einem organisierten Volk zu stellen. Aber wenn Macht sozialisiert wird, wenn sie auf Tausende von territorialen Einheiten verteilt wird, verliert die Logik des Staatsstreichs, der Sanktionen oder der Intervention ihre Wirksamkeit.
Hier gibt es weder ein Machtvakuum noch Improvisation. Es gibt eine bewusste Neugestaltung des Staates, einen konfliktreichen, aber notwendigen Übergang von der repräsentativen zur direkten Demokratie. Damit wird eine staatliche Struktur begraben, die darauf ausgelegt war, die Klassenherrschaft zu verwalten, und es wird, mit allen damit verbundenen Spannungen, eine Form der Volksmacht angestrebt, die weder um Erlaubnis noch um externe Legitimation bittet.
In diesem Szenario übernimmt Maduro eine andere historische Rolle: Er erleichtert den Übergang und monopolisiert nicht die Macht. Seine Bedeutung liegt nicht mehr darin, zu herrschen, sondern darin, dass er unter extrem ungünstigen Rahmenbedingungen einen Prozess ermöglicht hat, in dem das organisierte Volk das zentrale politische Subjekt ist. Und das ist für die globale kapitalistische Ordnung unendlich viel gefährlicher als jeder Präsident, denn einen Präsidenten kann man blockieren, sanktionieren oder stürzen. Ein bewusstes, organisiertes Volk, das seine Macht ausübt, hingegen nicht.
Fußnoten:
1 Zur Landlosenbewegung siehe auch: https://www.aktion-agrar.de/initiative-6-die-landlosenbewegung-mst/
(zuletzt abgerufen im Januar 2026).
2 "Ökosozialistische Front des Simon Bolivar Instituts in Venezuela", ein Ausdruck, der in Europa unmöglich erscheint. In unseren Breiten ist die "ökologische und grüne" Politik längst zu einem Machtfaktor, also einer kriegerischen Partei geworden. Das hat mit Sozialismus nichts mehr zu tun.
3 Das Alba-Bündnis, offiziell bekannt als Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika – Handelsvertrag der Völker (spanisch: Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América – Tratado de Comercio de los Pueblos, ALBA-TCP), ist ein wirtschaftliches und politisches Bündnis, das im Dezember 2004 gegründet wurde. Es umfasst derzeit zehn Staaten in Lateinamerika und der Karibik und wurde als Reaktion auf die von den USA geplante Freihandelszone ALCA ins Leben gerufen.
4 Siehe dazu https://mab.org.br/en/ (letzter Zugriff Januar 2026
5 Weitere Informationen zu Rondas hier: https://www.jstor.org/stable/3339025 (letzter Zugriff Januar 2026)
6 Siehe dazu: https://www.cpo.org.gt/conocenos/ (letzter Zugriff Januar 2026)
7 Siehe dazu: https://modatima.cl/ (letzter Zugriff Januar 2026)
8 https://radiolaprimerisima.com/ (letzter Zugriff Januar 2026)
9 https://www.telesurtv.net/ (letzter Zugriff Januar 2026)
10 Es gibt nichts Neues unter der Sonne: 1989 wurde Manuel Noriega von den Vereinigten Staaten überfallen, damals unter dem Regime von Bush Sr., und der Führer der Nationalgarde Manuel Noriega, der auch das Amt des Präsidenten innehatte, wurde entführt und in die Vereinigten Staaten gebracht, wo er in einem Schauprozess zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, obwohl er sein ganzes Leben lang ein Verbündeter der Vereinigten Staaten war. Er verbüßte 17 Jahre seiner Haftstrafe, danach wurde er aus gesundheitlichen Gründen freigelassen und nach Panama ausgeliefert, wo er 2017 starb.
11 Die Comunas Venezuelas sind ein wichtiges Element der politischen und sozialen Struktur des Landes. Diese Gemeinschaften sind in der Regel autonom und basieren auf den Prinzipien der Selbstverwaltung und der direkten Demokratie. Siehe hierzu auch den separaten Bericht von Juri Spendlingwimmer.
12 https://www.ciudadvalencia.com.ve/la-anacronica-estrategia-imperialista-contra-nicolas-maduro-por-marcos-joel/ (Letzter Zugriff Januar 2026)
Siehe auch:
Erklärung zur US-Militäroperation in Venezuela
Sofortige Freilassung von Nicolás Maduro und seiner Frau
Von NRhZ-Herausgebern
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29699
Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zum Überfall auf Venezuela am 3. Januar 2026
Demonstration der Macht oder der Machtlosigkeit?
Von NRhZ-Redaktion
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29690
Piraterie, Militärschlag, Präsidentenentführung
Kanonenboot-Politik in der Karibik
Von Wolfgang Effenberger
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29704
Online-Flyer Nr. 857 vom 23.01.2026
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Globales
Bericht aus Venezuela - aufgezeichnet in Costa Rica, vom 4. bis 10. Januar 2026, nach Gesprächen mit Jiri Spendlingwimmer
Venezuela will sich dem imperialistischen Ungeheuer USA nicht beugen
Von Eva und Markus Heizmann (Bündnis gegen Krieg, Basel)
Zu Beginn des Jahres, am 3. Januar 2026, überfielen US Spezialeinheiten Venezuela. Bei dieser Invasion wurden etwa hundert Menschen, überwiegend Zivilisten, getötet. Der rechtmäßige Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores wurden entführt und in die USA verschleppt. Dies war ein völkerrechtswidriger Angriff mit Ansage: Die Trump-Regierung hatte Venezuela mehrfach gedroht. Venezolanische Fischereiboote wurden von der US-Marine und der US-Luftwaffe mehrfach angegriffen. Bei diesen Angriffen wurden 80 Fischer getötet. Einige wurden aus der Luft oder von Schiffen aus erschossen, während sie um ihr Überleben auf See kämpften, nachdem die US-Mörder ihre Boote versenkt hatten. Diese Angriffe, die am 2. September 2025 begannen, die Invasion Venezuelas und die Entführung des Präsidentenpaares markieren eine neue Stufe der imperialistischen Eskalation. Wer auch immer die Illusion hatte, dass sich die Vereinigten Staaten auch nur einen Deut um nationale Rechtsstaatsprinzipien oder um das Völkerrecht scheren würden, wurde enttäuscht. Der offensichtlich unzurechnungsfähige US-Präsident Donald Trump wird von den Eliten des Deep State benutzt, um zu demonstrieren, dass von nun an das Recht des Stärkeren endgültig die Weltagenda bestimmt.Es ist keineswegs sicher, dass diese Rechnung aufgehen wird, insbesondere in Venezuela, aber auch anderswo, wie im Iran und in der arabischen Region könnten sich die imperialen Strategen verrechnen. Auf jeden Fall ist der Widerstandswillen des venezolanischen Volkes ungebrochen. Ebenso ungebrochen ist der Widerstandswille der Völker Westasiens, sei es in Palästina, im übrigen arabischen Raum oder im Iran.
Die Rolle, welche die Zionisten in diesem Szenario spielen, ist offensichtlich: Im Schatten der Verbrechen, die die Vereinigten Staaten in Venezuela begehen, startet „Israel“ neue blutige Offensiven im Libanon, im besetzten Palästina und speziell im Gazastreifen.
In Costa Rica hatten wir Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen mit Jiri Spendlingwimmer. Er ist ein langjähriger politischer Aktivist, insbesondere im ökologischen Bereich, in Costa Rica und in der Region. Er berichtete uns über die „Versammlung der Völker für die Souveränität und den Frieden unseres Amerikas“, welche am 9., 10. und 11. Dezember 2025 in Caracas stattfand. Folgende Fragen erörterten wir zu Beginn unseres Gespräches:
- War diese Invasion der USA abgesprochen, und wenn ja, mit wem? Benjamin Netanjahu, der im Gegensatz zum entführten Präsidenten Venezuelas vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesucht wird, besuchte Trump vor der Invasion in Florida. Ein palästinensischer Genosse, mit dem wir regelmäßig in Kontakt stehen, spekuliert darüber: „Netanyahu wurde nach Florida bestellt, damit Trump ihm klar machen konnte, dass derzeit keine Eskalation über das „übliche Maß hinaus” im Gazastreifen hinaus erlaubt ist, da sich die USA auf Venezuela konzentrieren müssen.“
- Ein weiterer Grund für den Schlag gegen Venezuela könnte rein propagandistischer Natur sein: Nachdem Trump in der Ukraine an allen Fronten gescheitert ist, braucht er dringend eine Erfolgsnachricht. Es ist jedoch mehr als zweifelhaft, dass eine Entführung und die Zerstörung der zivilen Infrastruktur in Venezuela dafür geeignet sind.
- Delcy Rodríguez, Vizepräsidentin und amtierende Präsidentin nach der Entführung von Präsident Maduro, macht bislang nicht den Eindruck, als wolle sie sich dem imperialistischen Ungeheuer USA beugen. Im Gegenteil, von verschiedenen Seiten wird ihr die Bereitschaft zugeschrieben, die Politik von Nicolás Maduro fortzusetzen. An den Grundfesten der von Hugo Chávez begonnenen Bolivarischen Revolution soll jedenfalls nicht gerüttelt werden.
- Es sei darauf hingewiesen, dass diese Art imperialistischer Inszenierung nichts Neues ist, auch nicht in unserer Zeit: Die gemeinsame Aggression der USA und Israels gegen den Iran, die am 13. Juni 2025 begann (bekannt als der „12-Tage-Krieg”), wurde von den USA und Israel als „Sieg” gefeiert. Eine dreiste Lüge, da der Iran eindeutig als Sieger aus diesem Angriffskrieg hervorging.
- Vor den Angriffen bot Präsident Maduro den Vereinigten Staaten an, venezolanisches Öl zu günstigen Konditionen zu kaufen. Sie lehnten ab. Einige wenige US-Ölkonzerne sind weiterhin in Venezuela tätig, nämlich diejenigen, welche die – übrigens sehr moderaten – Bedingungen der venezolanischen Regierung akzeptieren.
Die Organisation MAR (Movimiento de Afectados por Represas)
Gegründet wurde MAR als „Bewegung der von Staudämmen Betroffenen” in Lateinamerika; ihre Gründung war ein mehrjähriger Prozess der Organisation und der Bildung, bis die Bewegung 2016 schließlich in Chapeco, Santa Catarina, Brasilien, während des „IV. Internationalen Treffens für Sozialwissenschaften und Staudämme“ offiziell gegründet wurde. MAR hat sich drei große Ziele gesetzt:
- Aufbau und Stärkung der Einheit der Bewegung der betroffenen Gemeinschaften durch die Verteidigung und die Durchsetzung ihrer Rechte.
- Förderung der Untersuchung und der permanenten Debatte über das Energiemodell jedes Landes zum Aufbau eines populären Energieprojekts für die Souveränität der Völker und für das kollektive Wohlergehen.
- Förderung des Aufbaus einer alternativen Gesellschaft zum Kapitalismus auf der Grundlage von Solidarität und Internationalismus.
Die MAR arbeitet mit einer provisorischen Kontinentalkoordination, die sich aus Vertretern zusammensetzt, die in den Ausbildungsschulen gewählt werden. Diese Schulen sind politische Ausbildungsprogramme mit einer Methodik der Volksbildung, in denen sich eine Gruppe von Aktivisten verschiedener Organisationen und Länder des MAR ein- bis zweimal im Jahr für mehrere Tage trifft. Zwischen 2023 und 2025 nahm Jiri Spendlingwimmer an internationalen Ausbildungstreffen in Kolumbien, Kuba, Mexiko und Brasilien teil.
Schulungen
Venezuela, Kuba und Nicaragua sind die Achse des Widerstands gegen den Imperialismus in Lateinamerika. Daher ist es sehr wichtig, dass es Organisationen und Vertreter dieser Länder in der MAR gibt und dass in diesen Ländern auch Ausbildungstreffen zur politischen Bildung von Aktivisten aus dem Rest des Kontinents stattfinden.
In Kuba finden die Ausbildungskurse im Martin-Luther-King-Zentrum (CMLK) statt, das über Unterrichtsräume, Gästezimmer, Verpflegungsservice und Plenarsäle verfügt.
Das CMLK führt ganzjährig nationale Aktivitäten sowie Ausbildungsprogramme für politische Parteien, Organisationen und soziale Bewegungen aus ganz Lateinamerika durch und erfüllt eine sehr wichtige pädagogische und ideologische Rolle und Funktion. Obwohl Kuba seit Jahrzehnten Opfer von heftigen antikommunistischen Attacken, Blockaden, Sanktionen, internen Problemen und jährlichen Naturkatastrophen ist, bleibt das Land ein politischer Bezugspunkt und eine Inspiration für soziale Bewegungen, die in Lateinamerika einzigartig sind. Dies verleiht den Ausbildungskursen ein hohes Niveau.
Brasilien
Personen und Organisationen aus Venezuela sind seit 2019 Teil der MAR. Auch wenn das Vertrauen zuweilen nicht gut ist, da beispielsweise 2024 der brasilianische Präsident Lula da Silva den Beitritt Venezuelas zu den BRICS+ verhinderte, was auch zu Misstrauen der Institutionen und Organisationen Venezuelas gegenüber den sozialen Bewegungen Brasiliens führte.
Das Instituto Simón Bolívar und die Frente Ecosocialista de Venezuela (2) organisierten und begleiteten die Volksversammlung in Caracas. Venezuela ist nun ein integraler und wichtiger Teil von MAR. Nach den Angriffen der USA und der Entführung des Präsidentenpaares kann jedoch noch niemand sagen, wie sich die Lage in Venezuela weiterentwickeln wird. Geplant ist jedenfalls, 2026 ein Fortbildungstreffen in Venezuela, der Heimat des Befreiers Simón Bolívar abzuhalten.
Nicaragua
Die Eingliederung Nicaraguas in MAR war nicht möglich. Dies liegt daran, dass Basisorganisationen in Nicaragua das Land nicht mehr verlassen. Der Grund ist folgender: 2018 fand in Nicaragua die inszenierte Farbrevolution statt, deren Ziel es war, die sandinistische Regierung zu stürzen. Der Versuch scheiterte und seitdem hat die Regierung kein Interesse mehr daran, sich mit Organisationen auszutauschen, denen sie nicht voll vertraut. Der Grund liegt auf der Hand: Die Länder, die sich in MAR organisieren, sind fast ausschließlich weitgehend westlich orientierte Länder. Die Ausnahmen sind Kuba und Venezuela, daher gibt es auch zwischen diesen Ländern und den Mitgliedern des ALBA-Bündnisses (3) Delegierte aus Nicaragua.
Die Rolle der Kirchen
In Nicaragua ist die katholische Kirche, die zu Beginn und während der sandinistischen Revolution auf der Seite der Sandinisten stand ("Befreiungstheologie"), inzwischen vollständig auf die Seite der Opposition gegen die sandinistische Regierung geschwenkt. Es ist interessant, dass demgegenüber Evangelikale ein gutes Verhältnis zur Regierung haben. Diese Situation kann jedoch nicht allgemein auf alle südamerikanischen Länder übertragen werden. In Venezuela arbeitet die Regierung sowohl mit Katholiken als auch mit Evangelikalen zusammen. In Brasilien arbeiten Evangelikale mit der CIA zusammen. Auch ein Befreiungstheologe, der in Mexiko gegen Staudämme kämpft, nahm an MAR teil. Manche Theologen bewegen sich auch von rechts nach links und nicht nur umgekehrt. Wir sehen also, diese Szene ist sehr ambivalent.
Austausch mit vielen Ländern und Organisationen
Große Organisationen sind auch in MAR vertreten, darunter das Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) aus Brasilien (4) mit Vertretung in 21 der 26 Bundesstaaten des "Riesen des Südens", Rondas Perus mit mehr als 2 Millionen Mitgliedern, (5) der Maya-Volksrat von Guatemala (CPO), (6) die Verteidigungsbewegung für den Zugang zu Wasser, Land und Umweltschutz von Chile (Modatima), (7) die kolumbianische Bewegung Living Rivers, die Global Justice Alliance (Grassroots Global Justice Alliance der Vereinigten Staaten).
Länder wie Peru, Ecuador, Bolivien oder Guatemala sind mit überwiegend indigenen Mitgliedern vertreten. Die MAR-Delegierten treffen sich bis zu zweimal jährlich in verschiedenen Destinationen und sie pflegen einen intensiven Austausch.
Bisher konnten die Organisatoren von MAR das stetige Wachstum der Organisation bewältigen. Die Tatsache, dass MAR trotz der großen Mitgliederzahl eine Basisorganisation bleibt, bedeutet, dass ihr ein imperialistisches Profil fehlt. Trotz der Tatsache, dass es in einigen Ländern staatliche Unterstützung gibt, gibt es dennoch keinerlei staatliche Eingriffe in den Inhalt.
Perspektiven von MAR
MAR wächst. Kürzlich, im November 2025, in Betel, Brasilien, wurde die internationale Bewegung der von Staudämmen, sozio-ökologischen Verbrechen und Klimakrise betroffenen Gemeinden in Anwesenheit von Vertretern und Organisationen aus 5 Kontinenten ins Leben gerufen. Das Ziel ist jetzt größer, nämlich MAR in eine internationale Bewegung betroffener Menschen aus aller Welt zu verwandeln. Das nächste internationale Treffen soll in 5 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden.
Auch wichtig zu erwähnen: Beim Aufbau des Globalen MAR wäre es wichtig, Vertreter von Basisorganisationen aus der Türkei und Äthiopien dabei zu haben. Die Türkei baut mit ihrem GAP-Projekt weiterhin Staudämme in Südostanatolien. Das Südostanatolien-Projekt (GAP) ist das größte und teuerste in der Geschichte der Republik Türkei. Die Türkei und ihre Geldgeber (IWF, Weltbank usw.). bezeichnen diese Dämme als "Entwicklungsprojekte". In Wirklichkeit handelt es sich um ein Erpressungsinstrument gegen stromabwärts lebende Nachbarländer. So ist die Türkei jetzt in der Lage, den Tigris und den Euphrat zu stauen. Auf diese Weise kann sie die Wasserversorgung Syriens und des Irak fast vollständig kappen. Wasser als Waffe!
Dasselbe Szenario sehen wir in Äthiopien: Mit dem Bau des Gerald-Staudamms Nr.1 am Blauen Nil kann Äthiopien einen Großteil der Wasserversorgung Ägyptens und des Sudan kappen. Wenn diese Projekte nicht von ernsthaften und sorgfältigen Verhandlungen begleitet werden, ist das Risiko von Konflikten mit den weiter unten am Fluss gelegenen Anrainerstaaten garantiert. Ein Umstand, der zweifellos den imperialistischen Kreditgebern zugutekommt.
Die Realität, welche Jiri Spendlingwimmer in Venezuela erlebte und die er uns schildert:
Medien und Kommunikation: Im Gegensatz zu dem, was die Propaganda gegen Venezuela berichtet, fand unser Berichterstatter die Regale von Geschäften und Supermärkten voll. Als Gegengewicht zur imperialistischen Propaganda werden authentische Informationen empfohlen, wie zum Beispiel der nicaraguanische Sender "Radio Primerísima", (8) auch Telesur (9) wird weiterhin empfohlen. In Venezuela selbst können alle Sender empfangen werden, auch westliche Propaganda wie z.B. die "Deutsche Welle". Eine Ausnahme ist CNN: Der Westen verbot Telesur, noch unter der Regierung von Hugo Chávez. Im Gegenzug verbot Chávez CNN. Alle anderen Sender, sowohl Al Jazeera als auch Al Mayadeen, konnten empfangen werden.
Unterschiede: Es stimmt, dass es in Venezuela Armut gibt. Es gibt jedoch kein Elend. In Venezuela gibt es keine Favelas wie in Brasilien, wo die Menschen in Holzhütten leben müssen, die nur mit Plastikplanen bedeckt sind. Die Missiones genannten Programme und das System der Organisation von Comunas verhindern, dass Menschen so leben müssen. Infolgedessen ist die Kluft zwischen Arm und Reich nicht so groß wie zum Beispiel in Costa Rica, Kolumbien oder in Brasilien. Um in Brasilien zu bleiben: Wir wissen, dass unter dem Bolsonaro-Regime Hubschrauber über die Favelas geflogen sind und diese aus Hubschraubern mit schweren Waffen beschossen haben, was Hunderte von Todesopfern verursacht hat. Diese Praktiken haben übrigens unter Lula da Silva keineswegs aufgehört. Angeblich "musste das Verbrechen bekämpft werden."(!) So etwas ist in Venezuela absolut undenkbar. Venezuela, Kuba und Nicaragua sind Vorreiter in der Region, wenn es um gerechte Verteilung geht.
Das Öl: Westliche Ölfirmen förderten Rohöl für 8 US Dollar pro Barrel. Von diesen 8 Dollar erhielt Venezuela genau 1 US Dollar. Später stieg der Wert des raffinierten Öls auf dem Weltmarkt auf 125 US Dollar pro Barrel. Die bolivarische Revolution von Hugo Chávez setzte dieser Situation ein Ende. In diesem Zusammenhang wird Karam Khella zitiert, der im Wesentlichen sagte: "Es gibt keinen Krieg um Öl. Die Imperialisten könnten das Öl zu völlig überteuerten Preisen kaufen und es wäre immer noch billiger als ein Krieg. Wenn ein Krieg geführt wird, geht es um Macht und Hegemonie, der Krieg um Öl ist eine Ausrede."
Heutzutage geht es in Venezuela hauptsächlich um die sogenannten "Sicherheitsgarantien". (Collaterals) Westliche Währungen sind heute nichts mehr wert. Um diesem wertlosen Geld (US-Dollar / Euro) relative Sicherheit zu geben, ist eine Garantie erforderlich. Früher war es Gold. Heute wird versucht, die „Sicherheit“ mit Erdöl herbei zu beschwören. Aber: Die USA als Staat zahlen an die Banken mehr Schuldzinsen als sie pro Jahr für ihr Militär ausgeben.
Entwicklungsperspektiven:
Auch nach dem völkerrechtswidrigen Überfall gegen Venezuela durch die USA und die Entführung des Präsidentenpaares durch die imperialistischen Schwerverbrecher wird es in Venezuela weiter gehen. Natürlich kann eine großflächige Bombardierung des Landes niemals ausgeschlossen werden. Aber dann würden auch die erwähnten begehrten Sicherheitsgarantien verschwinden. Daher befinden sich die Vereinigten Staaten in einem Dilemma. Das venezolanische Volk wird sich nicht freiwillig unterwerfen und die Gringos können keine Schlacht mit Bodentruppen gewinnen. Seit der bolivarischen Revolution unter den Präsidenten Chávez und Maduro lebt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Venezuelas im Vergleich zu anderen Ländern der Region sehr gut. Sie werden nicht zulassen, dass ihnen das genommen wird. Kommt hinzu, dass der einstigen Vizepräsidentin und jetzigen Interimspräsidentin Delcy Rodriguez nachgesagt wird, sie sei „chavinistischer als Chavez selbst“. Gut möglich, dass die USA hier versuchen, einen Brocken zu schlucken, an dem sie ersticken.
Versammlung der Völker für Souveränität und Frieden
Zusätzlich zu den Internationalen Treffen von MAR, an denen Jiri Spendlingwimmer im Namen der Bewegung der lebendigen Flüsse von Costa Rica teilgenommen hat, wurde bereits Ende des Jahres, im Dezember 2025, eine Gruppe von MAR zur Versammlung der Völker für Souveränität und Frieden eingeladen, die, wie oben erwähnt, am 9., 10. und 11. Dezember 2025 Caracas stattfand. Das Treffen zielte darauf ab, Solidarität mit einem vom Imperialismus angegriffenen Land in die Praxis umzusetzen.
Die Einberufung dieser Versammlung ging auf die konsequente Führung von Nicolas Maduro zurück, der angesichts der wirtschaftlichen, militärischen, medialen und diplomatischen Offensive, die Venezuela bedroht, erkannte, dass es nicht ausreicht, Widerstand zu leisten. Vielmehr müssen wir die Völker der Welt vereinen, wir müssen uns artikulieren und die Welt mobilisieren, um den Frieden als aktive und offensive Strategie gegen den Imperialismus zu vertiefen. So wurde Caracas zum internationalen Treffpunkt, um einen gemeinsamen Weg zu finden, wie wir dem multidimensionalen Krieg begegnen, der unsere Regionen bedroht.
Die Reise von Costa Rica
Da der Luftraum über Venezuela zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend gesperrt war, stellten viele Fluggesellschaften die Flüge nach Caracas ein. Daher wurde die Flugreise nach Venezuela über Kuba und Kolumbien organisiert. So konnten von den ursprünglich geplanten 2000 Delegierten nur deren 500 teilnehmen. Der internationale Flughafen Maiquetia Simon Bolivar in La Guaira war fast leer.
Kernpunkte der Konferenz
Während der ersten beiden Tage der Agenda wurde ein sehr umfassendes Programm mit verschiedenen Themen durchgeführt, darunter
- die Verteidigung des Friedens und der Souveränität gegen Militarisierung und Interventionismus,
- die Verteidigung der Wahrheit und die Kommunikation der Völker gegen den kognitiven Krieg
- die Verteidigung von Mutter Erde gegen den kapitalistischen Ökozid
- die Verteidigung von Migranten gegen ihre Kriminalisierung
- die Süd-Süd-Einheit in Kooperation mit der bolivarianischen Bewegung
- Jugend, Hoffnung und Zukunft.
Unter den zahlreichsten Gruppen waren kubanische und panamaische Delegationen. Die Delegation Panamas berichtete ausführlich über die Ermordung von 3000 Menschen, vorwiegend afroamerikanischer Herkunft, während der US-Intervention und der Entführung von Noriega im Jahr 1989. (10) Beeindruckend auch die Anwesenheit organisierter venezolanischer Fischer.
Venezolanische Fischer sind heute die vorderste Linie der maritimen Verteidigung Venezuelas. Nach der Ermordung von 80 Fischern aus mehreren karibischen Ländern durch US-Staatsterroristen werden die Fischer immer militanter. Schon vor Jahren haben sie hervorragende Arbeit bei der Aufdeckung und Gefangennahme von Söldnerinvasoren geleistet, die versuchten, auf dem Seeweg nach Venezuela einzudringen.
Ein vertiefter Blick auf die Comunas: Am dritten Veranstaltungstag hatten die Delegationen Gelegenheit, mehrere Comunas (11) Venezuelas zu besuchen. Interessant ist, unter anderem die Tatsache, dass die Comunas ihre eigenen Universitäten verwalten.
Besuch des Präsidentenpaares
Wie bereits oben erwähnt, sind die Comunas ein unverzichtbarer Bestandteil des sozialen Lebens in Venezuela. Heute gibt es in Venezuela mehr als 5000 Comunas, je nach Bevölkerungsdichte variiert die Anzahl der Mitglieder innerhalb der Comunas, in Stadtvierteln sind es oft mehrere Tausend. Comunas sollten nicht mit Gemeinden verwechselt werden. Das Handlungsfeld der Comunas orientiert sich an allen möglichen Bereichen: Infrastruktur, Wohnen, Landwirtschaft, lokale Wirtschaft, Bildung, Kultur, Gesundheit, Sicherheit, ... jeder Bereich, der für die Gemeinde relevant ist, kann von der Comuna abgedeckt werden.
Als unser Berichterstatter die Comunas besuchte, war zufällig auch Präsident Maduro anwesend. Diese regelmäßigen Besuche des Präsidenten stehen in der Tradition von Präsident Hugo Chávez, der über sein Programm "Alo Presidente" regelmäßig mit dem Volk kommunizierte. Der nun von den Vereinigten Staaten entführte Nicolás Maduro setzt diese Tradition fort, wenn auch nicht mit einer eigenen Fernsehsendung, sondern mit Besuchen in den Gemeinden und mit regelmäßigen öffentlichen Auftritten.
Betrieb
Wenn jemand ein Projekt in einer Comuna durchführen möchte, kann es eingereicht werden. In der Regel werden mehrere Projekte zur Diskussion gestellt und die Prioritäten per Abstimmung festgelegt. Es kann sich um den Bau einer Schule, den Bau neuer Wohnungen, die Vorbereitung eines Theaterstücks oder jede andere Aktivität handeln. Wenn sich die Mehrheit für ein Projekt entschieden hat, wird für dieses Projekt Geld vom Staat angefordert und in der Regel wird dieses Geld auch bewilligt. Die Projekte, die schließlich in den Comunas durchgeführt werden, sind immer an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst, denn schließlich entscheidet die Bevölkerung darüber. Die Comunas decken nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens ab.
Einige praktische Beispiele:
- Wasser: An der Küste, in La Guaira, gibt es Probleme mit der Trinkwasserversorgung, was dazu führt, dass die Menschen auch kein fließendes Wasser in ihren Häusern haben. Trinkwasser wird aufbereitet und in großen Fässern an sie verkauft. Um dieses Problem in der Gemeinde Marival zu lösen, die aus 3.700 Familien und 8.715 Menschen besteht, übernahm die Comuna die Trinkwasseraufbereitung, die bis dahin in den Händen mehrerer privater Unternehmen lag, die vom Verkauf des Wassers profitierten. In der Folge wurde das Trinkwasser mit der gleichen Qualität und Kontrolle wie das private Unternehmen geliefert. Aber: Dank des Managements der Comuna in Marival ist das Wasser jetzt sage und schreibe viermal billiger als das von der Firma verkaufte. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass das private Unternehmen, um im Geschäft zu bleiben, den Preis für sein Wasser deutlich senken musste. Obwohl sein Wasser immer noch teurer ist als das der Comuna, der Preis musste gesenkt werden.
- Wohnen: Wohnprojekte sind sehr wichtig! Vor allem in den Städten ist Wohnraum knapp. Auch hier helfen die Comunas. Die durch die Comunas gebauten Häuser sind sehr schön gestaltet, sehr geräumig, mit genügend Grünflächen und vor allem sind sie erschwinglich. Diese Wohnbauprojekte werden als "Wohnungsmissionsprogramm" bezeichnet. Ein Haus in einem dieser Projekte, das wir besucht haben (manchmal sogar mit Meerblick), kann für umgerechnet 200 Dollar und eine monatliche Gebühr von 5 Dollar pro Monat für Nebenkosten und Reparaturen erworben werden. Dies sind Preise, die für die Meisten erschwinglich sind.
- Kriminalität / Sicherheit: Im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Region ist Venezuela ein sicheres Land, dank der Zusammenarbeit zwischen den Behörden und den Comunas, die auch für die Sicherheit der Bevölkerung verantwortlich sind. Die Comunas sind auch eine Art Miliz zur Verteidigung des Landes, sowie Bürgerwehren und Garanten für die korrekte Entwicklung von Wahlen und Abstimmungen. Auch dies geschieht alles in engem Kontakt unter Kontrolle und im Einklang mit der Bevölkerung.
Neben dem venezolanischen Modell der sozialen und staatlichen Organisation gibt es andere lateinamerikanische Erfahrungen, wie den multinationalen Staat in Bolivien, den sozialistischen Volksbasisstaat in Kuba oder die autonomen Prozesse ethnisch-populärer Organisationsprozesse.
Die Kommunen in Venezuela sind ein eigenes Modell dafür, wie kollektives Leben jenseits der Logik des Kapitals, des anhaltenden Kolonialismus und des Krieges als Mechanismus globaler Ordnung organisiert werden kann.
Im Kontext der systemischen Krise und des zivilisatorischen Zusammenbruchs der westlichen Ordnung erhält die Aufgabe, andere Staatsformen, andere Formen der sozialen Organisation und andere Formen der Reproduktion des Lebens zu entwickeln und aufzubauen, einen vorrangigen Charakter.
Fazit
Soviel zu den Erlebnissen, Berichten und Gesprächen mit Jiri Spendlingwimmer. Es muss angemerkt werden, dass Initiativen wie MAR in Europa wahrscheinlich eher unbekannt sind. Schade, denn gerade aus solchen Projekten lässt sich viel für die eigene politische Arbeit lernen. Was uns an MAR fasziniert, ist die Natürlichkeit, mit der hier Theorie und Praxis kombiniert werden. Praktische Arbeit vor Ort, sei es gegen Staudammprojekte, die das Leben und die Ökologie der Bauern direkt bedrohen, oder jede andere politische Arbeit, wie die Solidarität mit dem palästinensischen Volk und dem venezolanischen Volk, ist ohne eine angemessene politische Analyse kaum möglich. Diese Analyse wird in den erwähnten Schulungen erarbeitet, was gleichzeitig die Nachhaltigkeit der Projekte gewährleistet.
Es ist möglich, dass die europäische Restlinke genau daran leidet: entweder an einer überbordenden Theorie fern von der Realität, ohne Bezug zur Praxis, oder an einem blinden Aktivismus, ohne theoretische Grundlage. Zweifellos wäre eine ehrliche, angemessene und projektorientierte anti imperialistische Schulung ein Ansatz, der berücksichtigt werden sollte.
Eva und Markus Heizmann bedanken sich bei Jiri Spendlingwimmer und bei Christoph Burkhard für die Unterstützung bei der Arbeit an diesem Bericht.
Epilog: Die wichtige Funktion der Comunas
Ein Mitglied unserer Diskussionsrunde rund um die Ereignisse in Venezuela sandte uns einen Artikel von Marcos Joel zu, der in der venezolanischen Zeitung „Ciudad Valencia“ erschienen ist. (12) Wir sind der Ansicht, dass dieser Artikel sehr adäquat die Situation von vor Ort analysiert. Vor allem zeigt uns der Autor anschaulich auf, dass die Strukturen und die Auswirkungen der Comunas weit über ein rein ökonomisches Moment hinaus gehen. Wir nehmen das zum Anlass den (mit Hilfe von „Yandex“ übersetzten) Artikel hier als Epilog einzufügen:
Die anachronistische imperialistische Strategie gegen Nicolás Maduro
Hier der Artikel von Marcos Joel: Dass heute obsessiv darüber diskutiert wird, ob Nicolás Maduro Präsident Venezuelas ist oder nicht, zeugt von einem tiefen Unverständnis des laufenden politischen Prozesses. Diese Diskussion gehört zur alten Welt der liberalen Politik, zum institutionellen Theater der bürgerlichen repräsentativen Demokratien, wo sich alles um Namen, Ämter und rechtliche Formalitäten dreht. Aber Venezuela spielt nicht mehr auf dieser Niveau Ebene mit.
Wochen vor der Entführung: Maduro erlässt etwas, das die Machtarchitektur von Grund auf verändert, nämlich die effektive Übertragung von Kompetenzen auf die Comunas, auf das organisierte Volk. Diese Maßnahme ist weder unbedeutend noch dekorativ. Sie bedeutet, den Schwerpunkt der Macht zu verlagern, ihn aus der Person des Präsidenten herauszunehmen und ihn in das Territorium, in die konkrete Volksorganisation zu verlagern. Historisch gesehen markiert dies einen Bruch: Die Macht wird nicht mehr delegiert, sondern direkt ausgeübt.
In diesem Moment hört Maduro auf, der Dreh- und Angelpunkt des politischen Systems zu sein. Nicht weil er verschwindet, nicht weil er „zurücktritt“, sondern weil seine Person als Machtkonzentrator nicht mehr gebraucht wird. Die persönliche Führung verliert an Bedeutung, weil die Macht nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben durch direkte Demokratie ausgeübt wird. Hier wird endgültig mit der Logik des klassischen bürgerlichen Staates gebrochen, in dem das Volk von Zeit zu Zeit wählt und dann auf die Rolle eines Zuschauers reduziert wird.
Was entsteht, ist etwas anderes, eine Form der aktiven Volkssouveränität, in der die Comunas keine beratenden oder dekorativen Organe sind, sondern reale Räume der Entscheidung, Planung und Regierung. Das Volk „beteiligt” sich nicht im liberalen Sinne des Wortes, das Volk regiert. Dies verändert die zentrale politische Frage völlig: Es geht nicht mehr darum, wer ein Amt bekleidet, sondern wie Macht ausgeübt wird und wer sie täglich ausübt.
Daher ist es eine anachronistische Strategie, den Prozess zu destabilisieren, indem man ausschließlich gegen Maduro vorgeht. Der Imperialismus und die lokalen Eliten sind es gewohnt, Macht zu personalisieren, weil es immer einfacher war, eine Person zu stürzen, als sich einem organisierten Volk zu stellen. Aber wenn Macht sozialisiert wird, wenn sie auf Tausende von territorialen Einheiten verteilt wird, verliert die Logik des Staatsstreichs, der Sanktionen oder der Intervention ihre Wirksamkeit.
Hier gibt es weder ein Machtvakuum noch Improvisation. Es gibt eine bewusste Neugestaltung des Staates, einen konfliktreichen, aber notwendigen Übergang von der repräsentativen zur direkten Demokratie. Damit wird eine staatliche Struktur begraben, die darauf ausgelegt war, die Klassenherrschaft zu verwalten, und es wird, mit allen damit verbundenen Spannungen, eine Form der Volksmacht angestrebt, die weder um Erlaubnis noch um externe Legitimation bittet.
In diesem Szenario übernimmt Maduro eine andere historische Rolle: Er erleichtert den Übergang und monopolisiert nicht die Macht. Seine Bedeutung liegt nicht mehr darin, zu herrschen, sondern darin, dass er unter extrem ungünstigen Rahmenbedingungen einen Prozess ermöglicht hat, in dem das organisierte Volk das zentrale politische Subjekt ist. Und das ist für die globale kapitalistische Ordnung unendlich viel gefährlicher als jeder Präsident, denn einen Präsidenten kann man blockieren, sanktionieren oder stürzen. Ein bewusstes, organisiertes Volk, das seine Macht ausübt, hingegen nicht.
Fußnoten:
1 Zur Landlosenbewegung siehe auch: https://www.aktion-agrar.de/initiative-6-die-landlosenbewegung-mst/
(zuletzt abgerufen im Januar 2026).
2 "Ökosozialistische Front des Simon Bolivar Instituts in Venezuela", ein Ausdruck, der in Europa unmöglich erscheint. In unseren Breiten ist die "ökologische und grüne" Politik längst zu einem Machtfaktor, also einer kriegerischen Partei geworden. Das hat mit Sozialismus nichts mehr zu tun.
3 Das Alba-Bündnis, offiziell bekannt als Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika – Handelsvertrag der Völker (spanisch: Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América – Tratado de Comercio de los Pueblos, ALBA-TCP), ist ein wirtschaftliches und politisches Bündnis, das im Dezember 2004 gegründet wurde. Es umfasst derzeit zehn Staaten in Lateinamerika und der Karibik und wurde als Reaktion auf die von den USA geplante Freihandelszone ALCA ins Leben gerufen.
4 Siehe dazu https://mab.org.br/en/ (letzter Zugriff Januar 2026
5 Weitere Informationen zu Rondas hier: https://www.jstor.org/stable/3339025 (letzter Zugriff Januar 2026)
6 Siehe dazu: https://www.cpo.org.gt/conocenos/ (letzter Zugriff Januar 2026)
7 Siehe dazu: https://modatima.cl/ (letzter Zugriff Januar 2026)
8 https://radiolaprimerisima.com/ (letzter Zugriff Januar 2026)
9 https://www.telesurtv.net/ (letzter Zugriff Januar 2026)
10 Es gibt nichts Neues unter der Sonne: 1989 wurde Manuel Noriega von den Vereinigten Staaten überfallen, damals unter dem Regime von Bush Sr., und der Führer der Nationalgarde Manuel Noriega, der auch das Amt des Präsidenten innehatte, wurde entführt und in die Vereinigten Staaten gebracht, wo er in einem Schauprozess zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, obwohl er sein ganzes Leben lang ein Verbündeter der Vereinigten Staaten war. Er verbüßte 17 Jahre seiner Haftstrafe, danach wurde er aus gesundheitlichen Gründen freigelassen und nach Panama ausgeliefert, wo er 2017 starb.
11 Die Comunas Venezuelas sind ein wichtiges Element der politischen und sozialen Struktur des Landes. Diese Gemeinschaften sind in der Regel autonom und basieren auf den Prinzipien der Selbstverwaltung und der direkten Demokratie. Siehe hierzu auch den separaten Bericht von Juri Spendlingwimmer.
12 https://www.ciudadvalencia.com.ve/la-anacronica-estrategia-imperialista-contra-nicolas-maduro-por-marcos-joel/ (Letzter Zugriff Januar 2026)
Siehe auch:
Erklärung zur US-Militäroperation in Venezuela
Sofortige Freilassung von Nicolás Maduro und seiner Frau
Von NRhZ-Herausgebern
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29699
Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zum Überfall auf Venezuela am 3. Januar 2026
Demonstration der Macht oder der Machtlosigkeit?
Von NRhZ-Redaktion
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29690
Piraterie, Militärschlag, Präsidentenentführung
Kanonenboot-Politik in der Karibik
Von Wolfgang Effenberger
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29704
Online-Flyer Nr. 857 vom 23.01.2026
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