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Aktueller Online-Flyer vom 02. Januar 2026  

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Kommentar
Ein kritischer Blick zurück
Habe ich mich von einer Illusion leiten lassen?
Von Rudolf Hänsel

Das Ende des alten und der Beginn des neuen Jahres ist ein Zeitpunkt, sich zu fragen, was man in der Vergangenheit richtig oder falsch gemacht hat. Wie im vergangenen Jahr kommentiere ich seit Jahrzehnten politische Themen. Dabei gehe ich In der Regel von Gehörtem oder Gelesenem aus und versuche, meine Leser darüber aufzuklären, ob das, was die staatsnahen Medien an Meinungen oder Tatsachen kolportieren, meines Erachtens der Wahrheit entspricht oder nicht. Aber was ist die Wahrheit?

Politiker verhandeln maßgebliche Probleme hinter verschlossenen Türen, damit die Öffentlichkeit nichts davon erfährt und sich nicht dagegen wehren kann. Hinzu kommt, dass sie ihre Meinung täglich wechseln.

Ich reagierte nahezu auf jedes bedeutende Ereignis und tat meine Meinung dazu kund. Immer meinte ich, etwas zur Thematik sagen zu können oder sagen zu müssen.

Am Ende eines Artikels appellierte ich an die Leser und Mitmenschen, endlich aufzuwachen und gegen den Irrsinn der Politik zu rebellieren, etwas zu unternehmen. In diesen Handlungsanweisungen ging es meist darum, wie man sich das Leben besser, das heißt lebenswerter und friedlicher einrichten kann.

Schaue ich heute zurück auf all diese Bemühungen, muss ich feststellen, dass meine Aufklärungsarbeit sehr wenig Erfolg hatte, sich nichts Wesentliches änderte: Das Leben der meisten Menschen ist nach wie vor beschwerlich und die Welt weniger friedlich. Wann ändert sich etwas? Wenn Politiker es ändern wollen!

Vielleicht hat irgendjemand über meine Worte nachgedacht, war aber nicht in der Lage, das in die Praxis umzusetzen, was ich vorschlug? Habe ich mich von einer Illusion leiten lassen?

Ein Kollege aus der Nachbarschaft machte mich in einem Brief bereits vor Monaten darauf aufmerksam. Der Mensch unserer Kultur ist aufgrund seiner Erziehung heute noch nicht in der Lage, die Meinung von Politikern wirklich in Frage zu stellen, NEIN zu sagen. Er muss der Autorität gehorchen wie er es beim Vater in der Familie und beim Lehrer in der Schule gelernt hat.

So kann zum Beispiel ein erwachsener Mann nicht sagen: „Nein, ich gehe nicht in den Krieg! Ich lasse meine Frau und meine Kinder nicht von heute auf morgen alleine zurück, nur weil die Obrigkeit zu den Waffen ruft!“

Das kann er nicht, weil seine Erziehung bei ihm so gewirkt hat, dass er gehen muss. Er kann nicht anders. Es ist kein Wille, sondern sein Gefühlsleben ist so geprägt, dass er nicht NEIN sagen kann. Er musste als Kind den Eltern folgen. Das trägt er als Erwachsener mit. Diese Erkenntnis der Tiefenpsychologie (Freud und Adler) ist nicht neu, wird aber noch nicht zur Kenntnis genommen.

In diesem Sinne werden wieder alle Bürger eines Landes – wie gehabt – mit wenigen Ausnahmen einem sogenannten grossen Führer bedingungslos folgen. Da ihm der psychologische Zusammenhang nicht bewusst ist, kann dem Menschen sein Verhalten nicht vorgeworfen werden.

Das Kind muss wie ein geschätzter Freund behandelt werden: ohne Gewalt, ohne Autoritätsgebaren oder Verwöhnung. Dem Kind muss erklärt werden, warum zum Beispiel das Händewaschen vor dem Essen wichtig ist: weil eventuell Bakterien an seinen Händen kleben.

In aller Ruhe sind dem heranwachsenden Menschen die Dinge zu erklären, die man von ihm verlangt. Dabei darf der Erwachsene, ob Vater, Mutter oder Lehrkraft nicht ungeduldig oder ärgerlich werden, wenn das Kind den Sachverhalt nicht gleich versteht oder Dinge aus Gewohnheit immer wieder „falsch“ macht.

Nur dann wird der spätere Erwachsene NEIN sagen können zu den Forderungen eines Politikers oder einer Autorität, wenn er dieses Verständnis in seiner Kindheit bei den Eltern oder Lehrkräften erleben durfte.

Abschließend ist zu betonen, dass das Gesagte nicht als Entmutigung verstanden werden darf, weiterhin wertvolle Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Rolle von Intellektuellen ist hierbei von enormer Bedeutung.


English version:
A Critical Look Back
Was I guided by an illusion?

By Dr. Rudolf Hänsel

The end of the old year and the beginning of the new year is a time to ask ourselves what we did right or wrong in the past. As in the past year, I have been commenting on political issues for decades. I usually base my comments on what I have heard or read and try to inform my readers whether, in my opinion, the opinions or facts reported by the state-affiliated media correspond to the truth or not. But what is the truth?

Politicians negotiate important issues behind closed doors so that the public does not find out about them and cannot oppose them. In addition, they change their minds on a daily basis.

I reacted to almost every significant event and expressed my opinion on it. I always felt that I could or had to say something on the subject.

At the end of an article, I appealed to readers and fellow human beings to finally wake up and rebel against the madness of politics, to take action.
These instructions for action were mostly about how to make life better, that is, more liveable and peaceful.

Looking back on all these efforts today, I have to conclude that my educational work had very little success and that nothing significant has changed: most people's lives are still difficult and the world is less peaceful. When will something change? When politicians want to change it!

Perhaps someone thought about my words but was unable to put what I suggested into practice? Was I guided by an illusion?

A colleague from the neighbourhood pointed this out to me in a letter months ago.

Due to their upbringing, people in our culture are still unable to truly question the opinions of politicians and say NO. They must obey authority, as they learned to do with their fathers in the family and their teachers at school.

For example, an adult man cannot say: ‘No, I'm not going to war! I'm not going to leave my wife and children alone overnight just because the authorities are calling to arms!’

He cannot do so because his upbringing has had such an effect on him that he has to go. He cannot do otherwise.

It is not a matter of will, but rather his emotional life is so shaped that he cannot say NO. As a child, he had to obey his parents. He carries this with him into adulthood. This insight from depth psychology (Freud and Adler) is not new, but it is not yet widely recognised.

In this sense, all citizens of a country – as before – will once again follow a so-called great leader unconditionally, with few exceptions.

Since he is not aware of the psychological connection, people cannot be blamed for their behaviour.

The child must be treated like a valued friend: without violence, without authoritarian behaviour or pampering.

The child must be explained why, for example, washing their hands before eating is important: because there may be bacteria on their hands.

The things that are expected of them must be explained to young people calmly. Adults, whether fathers, mothers or teachers, must not become impatient or angry if the child does not understand the situation immediately or repeatedly does things “wrong” out of habit.

Only then will the future adult be able to say NO to the demands of a politician or authority figure if they were able to experience this understanding from their parents or teachers during their childhood.

Finally, it should be emphasised that what has been said should not be understood as discouragement to continue valuable educational work.
The role of intellectuals is of enormous importance here.


Dr. Rudolf Lothar Hänsel ist Schul-Rektor, Erziehungswissenschaftler (Dr. paed.) und Psychologe (Dipl.-Psych.). Nach seinen Universitätsstudien wurde er wissenschaftlicher Lehrer (Professor) in der Erwachsenenbildung: unter anderem Leiter eines freien Schul-Modell-Versuchs und Fortbildner bayerischer Beratungslehrkräfte und Schulpsychologen. Als Pensionär arbeitete er als Psychotherapeut in eigener Praxis. Bei einer Öffentlichen Anhörung zur Jugendkriminalität im Europa-Parlament war er Berichterstatter für Deutschland. In seinen Büchern und Fachartikeln fordert er eine bewusste ethisch-moralische Werteerziehung sowie eine Erziehung zu Gemeinsinn und Frieden. Für seine Verdienste um Serbien bekam er 2021 von den Universitäten Belgrad und Novi Sad den Republik-Preis „Kapitän Misa Anastasijevic“ verliehen.

Dr. Rudolf Lothar Hänsel is a school rector, educationalist (Dr. paed.) and psychologist (Dipl.-Psych.). After his university studies, he became an academic teacher (professor) in adult education: among other things, he was the head of an independent school model experiment and a trainer of Bavarian counselling teachers and school psychologists. As a retiree, he worked as a psychotherapist in private practice. He was rapporteur for Germany at a public hearing on juvenile delinquency in the European Parliament. In his books and articles, he calls for a conscious ethical-moral education and an education for public spirit and peace. For his services to Serbia, he was awarded the Republic Prize "Captain Misa Anastasijevic" by the Universities of Belgrade and Novi Sad in 2021.




Online-Flyer Nr. 856  vom 31.12.2025

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