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Aktueller Online-Flyer vom 22. April 2024  

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Kultur und Wissen
Um die Fremdheit in dieser Welt überwinden zu können, sich in der mitmenschlichen Gemeinschaft ein Zuhause schaffen
Erkennen, dass das Schicksal vom Menschen abhängt
Von Rudolf Hänsel

Es ist nicht einfach, in diesen außergewöhnlichen Zeiten und angesichts der unzähligen Welt-Untergangs-Szenarien die persönlichen Gefühle einigermaßen in den Griff zu bekommen sowie die eigenen Gedanken zu ordnen und sie in allgemein verständlicher Sprache zu Papier zu bringen. Doch der hellsichtig gewordene Mensch, der die Absurdität des Lebens erkannt hat, nimmt Stellung dazu und weicht nicht aus. Gleichgültigkeit ist ausgeschlossen. Er empfindet sich als Herr seines Schicksals und will dieser sinnlosen Welt doch noch ein Maß von Sinn aufzwingen. Er erkennt, dass alleine sein Entschluss dieses Leben und diese Welt verändern kann. Wie alle Gespenster, so entweicht auch das Gespenst der Absurdität, wenn man den Mut aufbringt, es zu stellen. Um die Fremdheit in dieser Welt überwinden zu können, versucht er, sich in der mitmenschlichen Gemeinschaft eine Heimstätte zu schaffen.

Fremdheit in dieser Welt

Als Bürger der Nachkriegsgeneration fühle ich mich in der gegenwärtigen Welt immer fremder. Ethisch-moralische Werte wie Empathie und Friedfertigkeit gelten nichts mehr. Politiker sind nur noch fügsame Marionetten des digital-finanziellen Komplexes, der für die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen eine viel größere Gefahr darstellt als der militärisch-industrielle Komplex (Ernst Wolff).

Die Bürger werden nicht nur über die Reduzierung der Weltbevölkerung oder die wirtschaftlichen Probleme (Deindustrialisierung, Werkschließungen, Abwanderung, Stellenabbau) belogen oder „hinters Licht geführt“. Auch über die tödlichen Folgen der COVID-Impfungen wird nicht informiert und ein weiteres Mal ein weltweiter Impf-Zwang empfohlen und umgesetzt. Wer diese negative Entwicklung (noch) nicht sieht oder die Aufklärung in den alternativen Medien nicht wahrnimmt, wird bald eines Besseren belehrt werden.

Auch neue große Kriege werden geplant und von der US-NATO und ihren EU-Vasallen lautstark und angsteinflößend angekündigt. Zu deren Rechtfertigung werden die üblichen Feindbilder von Neuem aktiviert. Russland wird auch nach dem Interview des US-Amerikaners Tucker Carlson mit dem russischen Präsidenten oder nach der Wahl in den USA vom gesamten Westen als gefährlicher Feind präsentiert werden.

Lebt man längere Zeit in einem dieser slawischen Länder wie Russland oder Serbien, wird einem bewusst, dass politisch fabrizierte Feindbilder nichts mit der Realität zu tun haben, sondern einem anderen Zweck dienen.

Die Erkenntnis der Absurdität dieser Welt enthält in sich jedoch die Aufforderung, dieser Absurdität Herr zu werden und sich entschlossen dem Dasein zuzuwenden, das nur dadurch Sinn bekommt. Das Schicksal der Welt hängt alleine von den Menschen ab. Da es nur diese eine Welt gibt, wäre es widersinnig, sie nicht zu bejahen.

Sich in der mitmenschlichen Gemeinschaft ein Zuhause schaffen


Um die Fremdheit in dieser Welt überwinden zu können, sollten wir Menschen versuchen, uns in der mitmenschlichen Gemeinschaft eine Heimstätte, ein Zuhause zu schaffen. Dieses Zuhause entwickelt sich mit der Zeit durch die Anteilnahme an den Freuden und Leiden der Mitmenschen.

Der Mensch ist von Natur aus ein Gemeinschaftswesen. Aus den Eindrücken seiner frühen Kindheit erwächst ihm ein bestimmter Grad von mitmenschlicher Verbundenheit, ein Interesse für den anderen, das man als „Gemeinschaftsgefühl“ bezeichnen kann.

In den Grundbedingungen des menschlichen Zusammenlebens liegt ein Zwang, einander zu verstehen (Alfred Adler). Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit der Einfühlung und des Mitempfindens. Die Gefühle des anderen werden miterlebt und begriffen. Freud und Leid werden mit dem anderen geteilt; man hilft sich gegenseitig, die schweren Zeiten des Lebens zu ertragen (Kropotkin).

Je nach Reife, Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis und Weltanschauung ist der Mensch in der Lage, sich in den anderen hineinzuversetzen. Das bewirkt beim anderen Vertrauen, Wärme und Sicherheit.

Selbstverständlich ist dies ein beschwerlicher Prozess, der viel Mut, Zeit und Geduld erfordert, aber für das Leben jedes Einzelnen von großer Bedeutung ist. Die autoritäre Erziehung der vergangenen Jahrzehnte hat leider bewirkt, dass wir von Kindheit an vom Mitmenschen abgeschreckt wurden. Erst eine nicht-autoritäre, freiheitliche Erziehung, die auf übertriebenes Autoritätsgebaren, auf Gewaltanwendung wie auch auf Verzärtelung verzichtet und sich mit wahrem Verständnis dem kindlichen Seelenleben anpasst, wird eine humane Gesellschaftsordnung sowie eine würdige Zukunft schaffen.

Erkennen, dass das Schicksal vom Menschen abhängt

Seit Menschen existieren und wir Erkenntnisse über sie haben, wissen wir, dass sie stets nach einer besseren Lebens-Situation streben; in erster Linie nach einem freien Leben in Frieden ohne Gewalt und Krieg. Die meisten Menschen lieben es, ihrer täglichen Arbeit nachzugehen oder den Acker zu bestellen und mit den Nachbarn in Frieden und Freundschaft zusammen zu leben.

Doch die Geschichte strebt nicht selbst durch ihre Eigengesetzlichkeit zur Freiheit und zum Frieden – quasi über unsere Köpfe hinweg. Eine freie Welt ohne Gewalt, ohne Waffen und Kriege kann einzig und allein durch den Entschluss der Menschen realisiert werden, durch ein Denken und Handeln, das sich am Ideal der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit orientiert. Und diese Reduzierung der Gewalt muss hier und heute erfolgen.

Aber leider erzeugt die Erziehung in unserer Kultur bei den Kindern Angst vor dem anderen Menschen, eine Gefühlsreaktion, die sich gegen den anderen wendet. Wenn sie dann heranwachsen, sind sie nicht imstande, mit den Mitmenschen zusammen zu wirken und zu leben. Auch das eigene Leben können sie sich nicht gut einrichten.

Deshalb sollte bereits das Kind von den Eltern und Lehrkräften erfahren, dass man vor dem anderen Menschen keine Angst haben muss, sondern dass der Andere gerne mit ihm spielt und zusammenlebt. Auftretende Konflikte würden sich immer in Freundschaft und ohne jegliche verbale oder körperliche Gewalt lösen lassen. Erwachsene sollten deshalb gewaltfreie Modelle sein.

Zudem sollten wir davon ausgehen, dass das menschliche Gefühlsleben nicht nur als Resultat der Eltern-Kind-Beziehung zu verstehen ist, sondern dass das soziokulturelle Milieu und die damit korrespondierenden Gefühle ebenso entscheidend sind, weil Eltern, Lehrer und Erzieher die Werte einer Kultur tagtäglich in Wort und Tat an das Kind herantragen.

In diesem Zusammenhang ist positiv anzumerken, dass die Menschheit in den letzten Jahrtausenden mehr und mehr die Stimme des Menschheitsgewissens in sich vernommen hat und sich dessen bewusst ist, dass es darum geht, in Freiheit und Brüderlichkeit zusammen zu leben und durch den gemeinsamen Kampf gegen die Naturgewalten das Leben auf dieser Erde zu sichern.

Die Verpflichtung gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu geben

Verantwortungsbewusste Erwachsene fragen sich immer wieder, was die ältere Generation tun kann, um der Jugend eine friedliche Zukunft und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

In einem Satz Pindars, der der Abhandlung von Camus‘ Versuch über das Absurde „Der Mythos von Sisyphos“ vorangestellt ist, heißt es:

„Liebe Seele, trachte nicht nach dem ewigen Leben, sondern schöpfe das Mögliche aus.“ (1)

Der hellsichtig gewordene Mensch, der sich als Herr seines Schicksals weiß, verschreibt sich nach dem französischen Philosophen-Schriftsteller und Existentialisten atheistischer Prägung Albert Camus dem Geist der Revolte. Die Liebe, die frühere Generationen einem himmlischen Wesen zukommen ließen, richtet er nur noch auf die Erde und die Mitmenschen. Das ist sein Glaube, seine Leidenschaft und seine Zukunft; die Vertrautheit mit dem Diesseits sein höchstes Ziel.

In einem Interview mit der libertären Zeitschrift „Défense de l’homme“ sagte Camus:

„Ich setze auf den Frieden. Darin liegt mein ganz eigener Optimismus. Aber man muss für ihn etwas tun und das wird schwer. Darin liegt mein Pessimismus.“ (2)

Für freie Menschen gibt es kein höheres Ziel als die Verwirklichung der Freiheit aller. Sie geben sich der Leidenschaft der Revolte hin, dieser unbegreiflichen Großzügigkeit, dieser seltsamen Liebe. Ihr Stolz ist, keine Berechnungen auf die Zukunft auszustellen und alles an das gegenwärtige Leben und die lebenden Brüder zu verschwenden. Gerade das ist die eigentliche Hingabe an die Menschen der Zukunft.

Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu geben.


Literatur:

(1) Camus, Albert (1959). Der Mythos von Sisyphos. Hamburg, S. 7
(2) Marin, Lou (Hrsg.) (2013). Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960). Hamburg, S. 82



English version:
To be able to overcome the strangeness in this world, to create a home in the human community
Recognising that destiny depends on people

By Dr. Rudolf Hänsel

In these extraordinary times and in the face of countless doomsday scenarios, it is not easy to get a grip on your personal feelings, organise your thoughts and put them down on paper in generally understandable language. But the clairvoyant person who has recognised the absurdity of life takes a stand and does not avoid it. Indifference is out of the question. He sees himself as the master of his fate and still wants to impose a measure of meaning on this senseless world. He realises that his decision alone can change this life and this world. Like all ghosts, the spectre of absurdity escapes if you have the courage to confront it. In order to overcome the strangeness of this world, he tries to create a home for himself in the human community.

Strangeness in this world

As a citizen of the post-war generation, I feel increasingly alienated in today's world. Ethical and moral values such as empathy and peacefulness no longer apply. Politicians are nothing more than docile puppets of the digital-financial complex, which poses a much greater threat to people's freedom and self-determination than the military-industrial complex (Ernst Wolff).

Citizens are not only being lied to or "hoodwinked" about the reduction in the world's population or the economic problems (deindustrialisation, plant closures, emigration, job cuts). There is also no information about the deadly consequences of COVID vaccinations and once again a worldwide vaccination obligation is recommended and implemented. Anyone who does not (yet) see this negative development or is not aware of the information in the alternative media will soon be taught better.

New major wars are also being planned and loudly and frighteningly announced by the US-NATO and its EU vassals. The usual enemy stereotypes are being activated once again to justify them. Russia will continue to be presented as a dangerous enemy by the entire West after the interview with the Russian president by the US American Tucker Carlson or after the elections in the USA.

If you live in one of these Slavic countries such as Russia or Serbia for a longer period of time, you realise that politically fabricated images of the enemy have nothing to do with reality, but serve a different purpose.

Recognising the absurdity of this world, however, contains within it the invitation to master this absurdity and to turn resolutely towards an existence that only makes sense as a result. The fate of the world depends solely on people. Since there is only this one world, it would be absurd not to affirm it.

Creating a home in the human community

In order to overcome the strangeness in this world, we humans should try to create a home for ourselves in the human community. This home develops over time through sharing in the joys and sufferings of our fellow human beings.

Humans are by nature communal beings. From the impressions of their early childhood, they develop a certain degree of human connection, an interest in others that can be described as a "sense of community".

In the basic conditions of human coexistence lies a compulsion to understand one another (Alfred Adler). Everyone has the ability to empathise and sympathise. The feelings of others are experienced and understood. Joys and sorrows are shared with the other; people help each other to endure the difficult times of life (Kropotkin).

Depending on their maturity, life experience, self-knowledge and world view, people are able to empathise with others. This creates trust, warmth and security in the other person.

Of course, this is an arduous process that requires a lot of courage, time and patience, but it is of great importance for the life of every individual. The authoritarian upbringing of recent decades has unfortunately had the effect of deterring us from our fellow human beings from childhood onwards. Only a non-authoritarian, liberal education that refrains from exaggerated authoritarianism, the use of force and indulgence and adapts to the child's inner life with true understanding will create a humane social order and a dignified future.

Recognising that destiny depends on man

Ever since humans have existed and we have had knowledge about them, we have known that they always strive for a better life situation; first and foremost for a free life in peace without violence and war. Most people love to go about their daily work or till the fields and live together with their neighbours in peace and friendship.

But history itself does not strive for freedom and peace through its own laws - virtually over our heads. A free world without violence, without weapons and wars can only be realised by the decision of the people, by thinking and acting in accordance with the ideal of freedom, peace and justice. And this reduction of violence must take place here and now.

Unfortunately, however, the upbringing in our culture creates a fear of other people in children, an emotional reaction that turns against others. When they grow up, they are unable to work and live together with their fellow human beings. They are also unable to organise their own lives well.

For this reason, children should learn from their parents and teachers that there is no need to be afraid of other people, but that others enjoy playing and living with them. Any conflicts that arise can always be resolved in friendship and without any verbal or physical violence. Adults should therefore be non-violent models.

We should also assume that human emotional life is not just the result of the parent-child relationship, but that the socio-cultural milieu and the corresponding feelings are just as decisive, because parents, teachers and educators convey the values of a culture to the child in word and deed on a daily basis.

In this context, it is positive to note that in recent millennia humanity has increasingly heard the voice of humanity's conscience within itself and is aware that it is important to live together in freedom and brotherhood and to secure life on this earth by fighting together against the forces of nature.

The obligation towards the future is to give everything to the present

Responsible adults are constantly asking themselves what the older generation can do to ensure a peaceful future and a dignified life for young people.

A sentence by Pindar, which precedes Camus' essay on the absurd, "The Myth of Sisyphus", reads:

"Dear soul, do not strive for eternal life, but make the most of what is possible." (1)

According to the French philosopher-writer and atheist existentialist Albert Camus, the clear-sighted person who knows himself to be the master of his own destiny is committed to the spirit of revolt. The love that previous generations bestowed on a heavenly being is now only directed towards the earth and his fellow human beings. This is his faith, his passion and his future; familiarity with this world is his ultimate goal.

In an interview with the libertarian magazine "Défense de l'homme", Camus said:

"I am betting on peace. That is my very own optimism. But you have to do something for it and that will be difficult. Therein lies my pessimism." (2)

For free people, there is no higher goal than the realisation of freedom for all. They give themselves over to the passion of revolt, to this incomprehensible generosity, this strange love. Their pride is not to make any calculations for the future and to waste everything on the present life and the living brothers. This is the real devotion to the people of the future.

True generosity towards the future consists in giving everything to the present.


Literature:

(1) Camus, Albert (1959). The Myth of Sisyphus. Hamburg, p. 7
(2) Marin, Lou (ed.) (2013). Albert Camus - Libertarian Writings (1948-1960). Hamburg, p. 82



Dr. Rudolf Lothar Hänsel ist Schul-Rektor, Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe. Nach seinen Universitätsstudien wurde er wissenschaftlicher Lehrer in der Erwachsenenbildung. Als Pensionär arbeitete er als Psychotherapeut in eigener Praxis. In seinen Büchern und Fachartikeln fordert er eine bewusste ethisch-moralische Werteerziehung sowie eine Erziehung zu Gemeinsinn und Frieden.

Dr Rudolf Lothar Hänsel is a school rector, educational scientist and qualified psychologist. After his university studies, he became an academic teacher in adult education. As a pensioner, he worked as a psychotherapist in his own practice. In his books and specialist articles, he calls for a conscious ethical and moral education of values as well as an education for public spirit and peace.




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