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Aktueller Online-Flyer vom 27. Mai 2024  

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Kommentar
Berlinale Film-Palast
Wollt Ihr den totalen Selenskyj?
Von Ulrich Gellermann

Die andauernden Selenskyj-Festwochen in den deutschen Medien haben auf der Berlinale, dem wesentlichen deutschen Filmfestival, einen neuen Höhepunkt erreicht. Selenskyj durfte das Festival eröffnen, den Russen „die Stimme des Bösen“ zuweisen und bekam dafür vom Publikum im Filmpalast stehende Ovationen. Das „Festival della Canzone Italiana“ in Sanremo, die FAZ nennt es „das jährliche Lagerfeuer der Populärkultur, bei dem sich die Nation ihrer selbst vergewissert“, sah die Selenskyj-Aktion deutlich anders. Eine Petition gegen die „Militarisierung“ des Festivals ist in Sanremo im Umlauf, die Zahl der Unterzeichner unter Künstlern, Intellektuellen und Diplomaten wächst.

Ukraine zurück zur Atommacht

Dass der Präsident der Ukraine im Januar ein Dekret gegen Verhandlungen mit Russlands Staatschef erlassen hat und damit den Krieg weiter verschärfte, interessierte das Berlinale Publikum offenkundig nicht. Auch, dass der ukrainische Botschafter in Berlin, Olexij Makejew, es für notwendig hält, dass sein Land zu seinem Status als Atommacht zurückkehrt, wollen die Cineasten nicht wahrnehmen: Man fährt im luxuriösen Schlafwagen in den Atomkrieg. Hier ein Häppchen, dort ein Filmchen, zwischendurch zieht man sich den totalen Selenskyj rein. Und warum soll das Berlinale-Publikum mehr Verantwortung zeigen als die deutsche Regierung?

Es begann mit einem Bürgerkrieg

Wer mag sich noch an den Beginn des Krieges erinnern? Er begann mit einem Bürgerkrieg gegen die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine, mit dem faktischen Verbot der russischen Sprache im April 2019. Verstöße gegen das Sprachgesetz wurden mit Bußgeldern bestraft. Als sich die mehrheitlich russischsprachige Bevölkerung des Donbas im April 2014 für autonom erklärte, bezeichnete die Kiewer Regierung die Kräfte im Donbas als „terroristisch“ und versuchte, die Autonomie-Bewegung mit Waffengewalt zu unterdrücken. Die Vereinten Nationen zählten im Ergebnis der Kiewer Intervention im November 2015 etwa 9.100 Tote und 20.700 Verletzte.

Minsker Friedensabkommen: Pause für Aufrüstung

Mit dem Minsker Friedensabkommen von 2015 - unterzeichnet von Russland, der Ukraine, Frankreich und Deutschland - sollte der Krieg beendet werden. Es sollte eine Anerkennung der Autonomie des Donbas und eine entsprechende neue Verfassung der Ukraine verankern. Die Kiewer Regierung hielt sich nicht an das Abkommen. Im Gegenteil: Das Abkommen war, wie die Welt von Kanzlerin Merkel erfuhr, der Versuch gewesen, der Ukraine Zeit zu geben: "Sie hat diese Zeit auch genutzt, um stärker zu werden, wie man heute sieht." Aus dem Merkelschen übersetzt: Die NATO hat die Atempause genutzt, um die Ukraine aufzurüsten.

Zeitenwende für Aufrüstung

Es war immerhin Jürgen Habermas, der in diesen Tagen davor gewarnt hatte, „unbemerkt über die Schwelle zu einem dritten Weltkrieg hinausgetrieben zu werden“. Und in einer Umfrage für RTL/ntv im Juni hielt es die Hälfte der Bundesbürger für möglich, dass der Krieg in der Ukraine sich zu einem Konflikt zwischen Russland und der NATO ausweiten und in einen Dritten Weltkrieg münden könnte. Aber wenn Scholz & Co. von einer „Zeitenwende“ schwafeln, meint das nur, dass noch mehr Waffen in die Ukraine geliefert werden sollen. Und wenn die kulturellen Eliten des Landes auf der Berlinale Selenskyj beklatschten, dann ist das die öffentliche Solidarität mit einer NATO-Marionette, die uns alle dem nächsten Weltkrieg näher bringt.

Krieg verlangt Klartext

Wenn Habermas davon redet, man würde über eine Schwelle „hinausgetrieben“, dann blendet er die Treiber aus. Sein Text kennt keine Waffen-Industrie und keine grünen Scharfmacher. Doch der kommende Krieg kann nur mit der Wahrheit bekämpft werden: Mit der Wahrheit darüber, wie er begonnen hat und der Wahrheit darüber, wer sich Vorteile von ihm verspricht. Ein Text zum Ukraine-Krieg, in dem weder die Rolle der NATO noch die der USA beleuchtet wird, der bleibt unverbindlich; so verdienstvoll die Forderungen nach Verhandlungen auch sind, der Krieg verlangt Klartext.

TAZisten mit Atombunker?

Klartext schreibt die grün vergiftete TAZ zum Habermas-Text: „Die Ukraine ist undenkbar als amputierte Nation und neutraler Pufferstaat zwischen Ost und West; zu garantieren ist ihre Integrität und Unabhängigkeit nur als westliche Bündnisnation.“ Die grünen NATO-Lover wollen keinen „Pufferstaat zwischen Ost und West“, sie wollen Krieg. Als hätten sie einen eigenen Atombunker im Garten, fordern die TAZisten „Seitens des Westens muss man dennoch jeden noch so kleinen Keim des Widerstands fördern, mit der Aufnahme russischer Oppositioneller, mit dem Aufbau von Nachwuchskräften bis hin zu einer Exilregierung“. Die Kriegshetzer wollen nichts weniger als den Sturz Putins und die Liquidierung russischer Sicherheits-Interessen.

Fantasien, die im Atomsturm verglühen

Der Ton der TAZ wirkt geradezu regierungsamtlich: „Die Demokratisierung Russlands darf sich nicht auf die Abhaltung von regelmäßigen Wahlen ohne normativen und institutionellen Unterbau beschränken.“ Es ist der aus deutschen Medien bekannte Ton der Herrenmenschen: ‚Wir sagen dem Russen jetzt mal wo es langgeht‘. Man wähnt sich schon „danach“, nach dem Sieg der NATO. Das sind die gefährlichen Fantasien von Baerbock & Co. Das sind die Fantasien, die im Atomsturm verglühen, wenn wir die NATO-Agenten nicht stoppen.


Erstveröffentlichung am 21. Februar 2023 bei rationalgalerie.de – Eine Plattform für Nachdenker und Vorläufer


Online-Flyer Nr. 807  vom 01.03.2023

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