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Aktueller Online-Flyer vom 04. Februar 2023  

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Kultur und Wissen
Jeder Mensch kann das ihm in der Erziehung eingeflößte, mittelalterlich anmutende Bild vom Menschen korrigieren, um auf der Basis eines naturwissenschaftlichen Menschenbildes denken zu lernen, sein Leben besser zu verstehen und besser zu leben.
„In der Politik passiert nichts zufällig. Wenn es passiert, kann man darauf wetten, dass es so geplant war.“
Von Rudolf Hänsel

Das oben erwähnte Zitat, das dem US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1882 bis 1945) zugeschrieben wird, sei in der Diplomatie gang und gebe. Untersucht man relevante politische Entscheidungen unter diesem Aspekt, gehen einem die Augen auf. Als Mitmensch fühlt man sich jedoch mitverantwortlich für das Schicksal der Menschen, weil man in der Regel tatenlos geschehen ließ, dass eine Minderheit auf Kosten der Mehrheit lebt. Dabei ist die Welt so reich, dass alle Menschen ohne Ausnahme im Wohlstand leben könnten. Aber das wird nicht zugelassen. Auch Ungerechtigkeiten müssten nicht sein; niemand würde in seinem Leben zu kurz kommen. Hunger und Not würden ebenfalls nicht aufkommen. Doch die Herrschenden und ihre Politiker haben geplant, das naturwissenschaftliche Menschenbild nicht aufkommen zu lassen, damit die Menschen nicht denken lernen und ihr Leben besser verstehen sowie besser leben.

Anthropologische Prämissen der Natur des Menschen

Menschenbild und Weltsicht sind für das Individuum von großer Bedeutung, ob sie ihm bewusst sind oder nicht. Das Menschenbild umfasst Ansichten über die Natur des Menschen, über seine Lebensbedingungen und Entwicklung, über seine Stellung in der Natur, im Kosmos und in der Gesellschaft. Jede Theorie über den Menschen hängt von anthropologischen Prämissen seiner Kultur ab, von der Vorstellung über die menschliche Natur und damit auch von der Weltanschauung.

Das Konzept der Natur des Menschen impliziert aus naturwissenschaftlicher Sicht die völlige Abwesenheit genetisch determinierter aggressiver Triebe. Dadurch ergibt sich die Fähigkeit des Menschen und die Notwendigkeit, ohne Gewalt und Krieg in einer friedlichen Gesellschaft zu leben und sich darin zu organisieren.

Eine zweite Annahme resultiert aus der biologischen Existenz des Menschen: Der Mensch besitzt keine voraus-definierten Instinkte; bei seiner Geburt verfügt er lediglich über ein paar Reflexe.

Daraus folgt, dass die intellektuellen Fähigkeiten, die gefühlsmäßigen Reaktionen, die subjektive Bestandaufnahme der Umwelt, die geistigen Vorstellungen der Außenwelt und die Persönlichkeit des Menschen durch Sozialisation erworben werden. „Sozialisation“ als lebenslanger Lernprozess der Eingliederung beziehungsweise Anpassung des heranwachsenden Menschen in die umgebende Gesellschaft und Kultur. Menschen können und müssen alles lernen. Dieses Lernen setzt die Beziehung zu mindestens einem Mitmenschen voraus (1).

Arbeit, Liebe und Gemeinschaft als die drei großen Lebensaufgaben

Das menschliche Leben als Ganzes hat den Charakter einer Aufgabe. In jedem Augenblick unseres Daseins sehen wir uns vor Aufgaben gestellt, die wir zu bewältigen haben. Die drei großen Lebensaufgaben, die uns unausweichlich zur Auseinandersetzung drängen sind Arbeit, Liebe und Gemeinschaft. Dieser Auffassung des Individualpsychologen Alfred Adler kann man sich nur anschließen.

Die Notwendigkeit der Arbeit geht aus der Tatsache hervor, dass sich die Menschen nur erhalten können, wenn sie einer produktiven Tätigkeit nachgehen. Somit leisten sie einen Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt, die den Bestand des Menschengeschlechts sichert.

Die Forderung der Liebe ist dadurch gegeben, dass die Natur die Zweigeschlechtlichkeit vorgesehen hat und damit die Aufgabe schuf, sich mit einem Liebespartner zu verbinden.

Arbeit und Liebe sind zugleich auch Gemeinschaftsfragen. Sie entspringen dem Umstand, dass der Mensch ein soziales Lebewesen ist und dass alle seine Lebensprobleme einen sozialen Charakter haben. Daraus lässt sich ableiten, dass zu einer gesunden Lebensgestaltung vor allem das Gemeinschaftsgefühl, die Verbundenheit mit den Mitmenschen erforderlich ist. Dieses äußert sich nicht nur in der Bereitschaft zur Arbeit und Liebe, sondern auch in der Anteilnahme zu Fragen des größeren Zusammenhangs, Fragen von Stadt und Land, Volk und Menschheit (2).

Die wichtigsten Grundsätze des Menschenbildes einschließlich soziobiologischer, erzieherischer und kultureller Dimensionen

Die erste Dimension ist die sozialbiologische. Sie lautet: Der Mensch ist ein soziales Lebewesen. Dabei hängen Überleben und Entwicklung der menschlichen Spezies von der gegenseitigen Hilfe (Kropotkin) und der interpersonalen Beziehung ab. Schließlich ist der Mensch ein Kind seiner Kultur, der seinerseits Kultur schafft.

Die zweite, erzieherische Dimension besagt: Der Mensch ist abhängig von seiner Erziehung. Das heißt, Charakter, Verhalten und intellektuelle Fähigkeiten sind nicht angeboren, sondern entwickeln sich im Rahmen interpersoneller Beziehungen und des soziokulturellen Milieus.

Die dritte, kulturelle Dimension besagt: Der Mensch ist ein Wesen der Kultur und abhängig von ihr. Das bedeutet, der Mensch erschafft sich sein Menschenbild; seine Weltanschauung beeinflusst seine Sicht vom Menschen, seine Sicht der Erziehung und seine interpersonalen Beziehungen (3).

Als wissenschaftlicher Pädagoge und Psychologe mache ich mir vor allem Gedanken über das gegenwärtig noch existierende – weil gewollte – vorpsychologische und mittelalterlich anmutende Menschenbild, das einem zeitgemäßen naturwissenschaftlichen partout nicht weicht. Der Mensch wird dadurch nicht aufgeklärt.

Menschen sollen an einen Aggressionstrieb glauben, damit sie sich von ihrer Liebe und den Kindern trennen und in den Krieg ziehen, um zu töten und sich töten zu lassen.

Im Buch von Arno Plack aus dem Jahr 1973 „Der Mythos vom Aggressionstrieb“ schreibt der Wissenschaftler Dr. sc. at. August Kaiser im Kapitel „Aggressivität als anthropologisches System“:

„Die Auffassung, dem Menschen wohne eine naturgegebene, angeborene Neigung inne, seinen Mitmenschen zu schaden, zieht sich durch die Jahrtausende menschlicher Kulturgeschichte wie ein roter Faden. Die Moralvorschriften aller Religionen enthalten Gebote im Sinne von „Du sollst nicht töten!“, womit die natürliche Neigung zum Bösen ausdrücklich als menschlicher Wesenszug angenommen wird. Heute zählt die Berufung auf theologische Auffassungen allerdings nicht mehr viel. Dem Bedürfnis nach wissenschaftlichen Erklärungen nachgebend, spricht man jetzt lieber von einem angeborenen ‚Aggressionstrieb‘ als von der Erbsünde.

Dieser ‚Aggressionstrieb‘ wird heute allgemein, außer von Fachleuten, als bewiesene Selbstverständlichkeit angesehen. Jeder Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer kennt die Namen von SIEGMUND FREUD und KONRAD LORENZ, die durch ihre Arbeiten die Aggressionstrieb-Hypothese bewiesen zu haben meinten. Eine große Zahl von Schülern hat ihre Aussagen übernommen, ohne diese kritisch zu überprüfen und ohne neue Argumente beizutragen. Sind die Beweise für diese Hypothese wirklich erbracht? Oder hat die Aggressivität des Menschen andere Ursachen? Die Beantwortung dieser Fragen hat für die Menschheit schicksalhaften Charakter.“ (4)

Es ist die gewalttätige Erziehung, die beim Kind Aggressionen auslöst. Diese sind anerzogen. Der Mensch wäre nicht imstande, seinen Mitmenschen umzubringen; das entspricht nicht seiner menschlichen Natur.

Das vorpsychologische Menschenbild geht davon aus, dass Menschen in den Krieg ziehen wollen. Doch das ist ein Betrug, ein Schwindel, ein großer Unsinn. Kein Mensch verlässt seine Liebe, kein Mann Frau und Kinder, um in den Krieg zu ziehen, andere umzubringen und sich selbst umbringen zu lassen. Das sagen nahezu alle jungen Menschen im vertraulichen Gespräch.

Die Theoretiker des Aggressionstriebes verstehen den Menschen nicht. In Wirklichkeit wollen die Menschen in ihrem Haus, Hof und Garten ruhig und in Frieden leben. Auf einmal sollen sie einen Aggressionstrieb haben und gegen das andere Volk in den Krieg ziehen wollen. Haben wir den Mut und die Geduld, unsere Meinung zu revidieren. Die psychologische Fakultät der Universitäten vermittelt in weltanschaulicher und politischer Beziehung leider viel Unsinn.

Die Beiträge im erwähnten Buch „Der Mythos vom Aggressionstrieb“ stammen von Vertretern verschiedener Wissenschaften, die alle mit dem Aggressionsproblem konfrontiert sind. Auf der Buch-Rückseite steht geschrieben: „So wird von mehreren Seiten gezeigt, dass die Selbstverständlichkeit, mit der heute im Anschluss an Konrad Lorenz von einem angeborenen Aggressionstrieb gesprochen wird, keinesfalls berechtigt ist.“ (5)

Menschen sollen durch autoritäre Erziehung das Folgen lernen und vor Mitmenschen Angst bekommen, damit sie sich nicht mit ihnen zusammentun, zusammenwirken und zusammenleben.

Nicht nur ausgewiesene wissenschaftliche Experten, sondern auch aufgeklärte Erzieher wissen seit langem, dass die autoritäre, gewalttätige Erziehung aus der Zeit vor den großen Weltkriegen viel Schaden anrichtete, obgleich Eltern und Erzieher das nicht wollten. Die jungen Menschen sollten das Folgen lernen, damit sie als Erwachsene an Autoritäten glauben, ihre Befehle befolgen und in den Krieg ziehen (siehe Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss).

Die Erziehung in unserer Kultur ist nach wie vor darauf aufgebaut, dass wir Angst haben vor den Menschen. Die Art, wie die Erzieher mit dem Kind umgehen, erzeugt in ihm Gefühlsreaktionen, die sich gegen den Menschen wenden. Der junge Mensch hat Angst vor den Mitmenschen. Wenn er dann heranwächst, ist er nicht imstande zusammenzuwirken und zusammenzuleben. Er kann sich das Leben nicht gut einrichten.

Auch eine verwöhnende und verzärtelnde Erziehung ändert daran nichts. Dazu schreibt der bereits erwähnte Naturwissenschaftler und Psychologe August Kaiser:

„Eine autoritäre Erziehung erschöpft sich nicht in psychischer Gewaltanwendung, sondern umfasst eine Reihe von subtileren Methoden, mit denen das Kind bezwungen wird. Eine versteckte Form des Zwanges liegt in der Verwöhnung vor. Durch das Überschütten mit ‚Liebe‘, das Wegnehmen aller Mühe und Schwierigkeiten wird das Kind seiner Möglichkeiten zur freien Entscheidung und Auseinandersetzung beraubt, es wir in Abhängigkeit und Unabhängigkeit gehalten. Der Charakter des Kindes wird dadurch korrumpiert. Die Strenge erzwingt die Unterwerfung mit Gewalt, die Verwöhnung hingegen erkauft sie. Beides findet sich in der traditionellen Erziehung nebeneinander.“ (6)

Hinzu kommt der Zwang der Erzieher. Das Kind versagt, wenn es bezwungen wird. Das liegt in seiner Natur. Es hat dann ein Unbehagen und kann nicht mehr lernen. Ohne Angst und Zwang lernt es gerne. Doch diese unglückliche Art der Erziehung wird auch in der Schule nicht aufgegeben.

Eigentlich ist die Schule das geeignete Werkzeug, um die Gesamtpersönlichkeit des Kindes zu bilden, meint Alfred Adler: „Dass die Schule als die Basis der ganzen Erziehung des Volkes angesehen werden muss, daran ist kein Zweifel. Die Aufgabe der Schule ist: Wie entwickeln wir Menschen, die im Leben selbständig weiterarbeiten, die alle Erfordernisse notwendiger Art nicht als fremde Angelegenheit, sondern auch als ihre Angelegenheit betrachten, um daran mitzuwirken.“ (7)

Wenn Studenten der Psychologie in der Universität nichts Vernünftiges kernen, werden keine Psychologen ausgebildet, die dem Menschen helfen wollen und können.

Tatsache ist, dass aufgrund mangelhafter Ausbildung an den Universitäten keine Psychologen herangebildet werden, die sich der Sache der Menschen annehmen.

Der Autor hat das selbst erlebt. Er hatte jedoch das Glück, dass er sich im Anschluss an sein Psychologiestudium der Tiefenpsychologie sowie der Psychotherapie zuwenden konnte.

Da der Mensch keine Ungleichheit, keine hierarchischen Strukturen verträgt, sollte auch die Haltung eines echten Psychologen oder Psychotherapeuten von absoluter Gleichwertigkeit und Gewaltlosigkeit getragen sein. Weil zwischen einem Therapeuten und einem Patienten nur graduelle Unterschiede bestehen, sollten „Hilfesuchende“ einen geeigneten „Gesprächspartner“ finden, der die fundamentale Gleichheit im Verhältnis Therapeut-Patient wertschätzt und befolgt. Um sein Gegenüber – auch im Gefühl – erreichen beziehungsweise „berühren“ zu können, muss der Psychotherapeut zudem in der Lage sein, von einem akademisch-elitären Sprachgebrauch abzusehen und die jeweilige Sprache seines Gegenübers zu sprechen.

Menschen sollen nicht zur Vernunft kommen und denken lernen, weil sie sonst von der mystischen Auffassung Abschied nehmen und die Ungerechtigkeiten in der Welt nicht mehr sprachlos hinnehmen werden.

Die mystische Auffassung als Gegensatz zur wissenschaftlichen Sicht hatte schon die Gedanken der Philosophen, der neu-Hegelianischen und der libertären Sozialisten beschäftigt. Ludwig Feuerbach (1804 bis 1872) hatte gezeigt, dass jede Religion anthropomorph ist, dass der Mensch also schon vorhandene Anschauungen auf die religiöse Ebene projiziert, so dass etwa aus dem autoritären Vater der allmächtige Gott im Himmel wird. Karl Marx (1818 bis 1883) hatte darüber hinaus die Funktion der Religion für die Gesellschaft analysiert („das Opium des Volkes“) und mit der Einführung der materialistischen Geschichtsauffassung den Menschen vom Himmel herunter und auf die Erde gestellt.

Noch heute gibt es ernstzunehmende, aufgeklärte Wissenschaftler und andere Zeitgenossen, die sich die Frage stellen, welche Wirkung eine religiöse Erziehung auf die seelische Gesundheit, auf die Fähigkeit adäquat zu denken und mit anderen in Beziehung zu treten, auf die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls und die spätere Entstehung von Neurosen haben kann. Da das vorpsychologische Menschenbild bewusst aufrechterhalten wird, deshalb verharrt der Mensch im Glauben.

Es gibt Zeitgenossen, die der Auffassung sind,
  • dass Kinder, denen in jungen Jahren mystische Vorstellungen aufgedrängt werden, kein Gemeinschaftsgefühl entwickeln,
  • dass dem in der mystischen Auffassung Erzogenen die irrationale Spekulation als Methode zur Erklärung von Sachen und Ereignissen dient,
  • dass sich die Spekulation zu einem mehr oder weniger bewussten „Deutungsorgan“ des Menschen entwickelt, das ständig im Unbewussten wirkt,
  • dass die Entwicklung des Einzelnen und der Menschheit wirksamer durch Prophylaxe gefördert werden kann als beim Erwachsenen in einer Psychotherapie und
  • dass eine rationale Erziehung ohne jegliche übernatürliche Instanz der Weg zu einer gesunden Entwicklung und einer würdigen Existenz des Menschen und der Gesellschaft ist (8).
Wir Menschen haben uns noch nicht gelöst vom Mittelalter. Das Ablehnen der Mystik fällt vielen sehr schwer; die Menschen sollen nicht zur Vernunft kommen. Sie sind eingebettet in den Glauben – und damit kann nicht nur die heutige Wirtschaft aufrechterhalten werden.

Heute glauben die Menschen, weil das künstlich aufrechterhalten wird. Die Menschen können lesen und würden sich abwenden und nicht mehr glauben. Aber das wird ihnen eingeflößt. Was sie in der Schule lernen, das bestimmt die Kirche. Die Lehrpläne für diese Institution werden vorwiegend von der Kirche erstellt. Staat und Kirche sind vereint und arbeiten Hand in Hand.

Vor vielen Tausenden von Jahren haben sich die Menschen Götter erdacht – und glauben heute noch daran. Die Psychologie versucht, die Natur des Menschen und sein Wesen zu erkennen und erfährt dabei, dass die Mystik sie noch beherrscht.

Erst wenn Menschen ihr in der Erziehung erworbenes, vom Staat eingeflößtes Menschenbild korrigieren, haben sie ein Instrument in der Hand, um denken zu lernen und um das eigene Leben besser zu verstehen und zu gestalten.

Die Psychologie ist das Werkzeug, das die Menschen in die Lage versetzt, sich selbst, die politische Situation und die notwendigen gesellschafts- und kulturverändernden Maßnahmen angemessen beurteilen zu können. Ohne psychologische Kenntnis der Natur des Menschen versandet alles genauso, wie ohne geschichtliches Wissen und vertiefte Kulturkritik.

Ein Mensch kann sich in seiner Denkungsart, in seiner Weltmeinung, in seiner Gedankenwelt vollkommen ändern. Er hat Angst, es sei eine Sünde, nicht zu glauben. Wenn er jedoch anfängt die Kirchengeschichte zu lesen, die Geschichte der anderen Seite, der Zweifler, die sich aufgelehnt haben und er Einblick in die Naturwissenschaft bekommt, dann hat er andere Gedanken, eine andere Lebensauffassung.

Die Psychologie und Psychotherapie ist keine leichte Sache. Sie erfordert vom Einzelnen viel Mut, Vertrauen in den Gesprächspartner und Geduld; Gefühle und Einstellungen ändern sich nicht von einem Tag auf den anderen und das psychotherapeutische Gespräch ist kein Plaudern. Vorurteile müssen durch Wissen ersetzt werden. Insgesamt haben wir es sehr schwer, die Tatsachen, die Realität natürlich zu sehen und zu empfinden. Wie ist das im 21. Jahrhundert noch möglich? Da sich alles wehrt gegen die Psychologie und ihre Erkenntnisse, ist es schwer, sie zu vermitteln. Vielleicht muss man noch ein paar Generationen abwarten.


Fußnoten:

(1) Ansbacher, H. L. und Ansbacher, R. R. (Hrsg.). (1982). Alfred Adlers Individualpsychologie. Eine systematische Darstellung seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften, München
(2) A. a. O.
(3) A. a. O.
(4) Plack, Arno (Hrsg.). (1973). Der Mythos vom Aggressionstrieb. München, S. 43
(5) A. a. O.
(6) A. a. O., S. 63
(7) Adler, A. (1914). Individualpsychologie in der Schule. Frankfurt / Main, S. 25f.
(8) Zum Beispiel: Gassmann, M., Gleich, W., Greuter, D., Hug, H., Palmer, U. (1979). Soziale Psychologie. Zürich



English version:
Every person can correct the medieval-looking image of man instilled in him by his upbringing in order to learn to think on the basis of a scientific view of man, to understand his life better and to live it better.
„In politics, nothing happens by accident. If it happens, you can bet it was planned that way.”

By Dipl.-Psych. Dr. Rudolf Hänsel


The above-mentioned quotation, which is attributed to the US President Franklin D. Roosevelt (1882 to 1945) is commonplace in diplomacy. If one examines relevant political decisions under this aspect, one's eyes open. As a fellow human being, however, one feels co-responsible for the fate of people, because as a rule one has allowed a minority to live at the expense of the majority without doing anything. Yet the world is so rich that all people without exception could live in prosperity. But this is not allowed to happen. Injustice would not have to be; no one would be short-changed in life. Hunger and hardship would not arise either. But the rulers and their politicians have planned not to allow the natural-scientific image of man to arise, so that people do not learn to think and understand their lives better as well as live better.

Anthropological premises of human nature

Human image and worldview are of great importance to individuals, whether they are aware of them or not. The conception of man includes views about the nature of man, about his living conditions and development, about his position in nature, in the cosmos and in society. Every theory about man depends on anthropological premises of his culture, on the concept of human nature and thus also on the worldview.

From a scientific point of view, the concept of human nature implies the complete absence of genetically determined aggressive drives. This results in the ability of human beings and the necessity to live and organise themselves in a peaceful society without violence and war.

A second assumption results from man's biological existence: Man has no pre-defined instincts; at birth he has only a few reflexes.

It follows that the intellectual faculties, the emotional reactions, the subjective apprehension of the environment, the mental conceptions of the external world and the personality of man are acquired through socialisation. "Socialisation" as a lifelong learning process of integration or adaptation of the growing human being into the surrounding society and culture. People can and must learn everything. This learning requires a relationship with at least one fellow human being (1).

Work, Love and Community as the Three Great Tasks of Life

Human life as a whole has the character of a task. At every moment of our existence we are confronted with tasks that we have to overcome. The three great tasks of life that inevitably urge us to confront are work, love and community. One can only agree with this view of the individual psychologist Alfred Adler.

The necessity of work stems from the fact that people can only sustain themselves if they engage in productive activity. In this way they contribute to the general welfare, which secures the existence of the human race.

The requirement of love is given by the fact that nature has provided for bisexuality and thus created the task of connecting with a love partner.

Work and love are also community issues. They arise from the fact that man is a social creature and that all his life problems have a social character. From this it can be deduced that a healthy way of life requires above all a sense of community, a bond with one's fellow human beings. This is expressed not only in the willingness to work and love, but also in the sympathy for questions of the larger context, questions of city and country, people and humanity (2).

The main principles of the concept of man, including socio-biological, educational and cultural dimensions

The first dimension is the socio-biological one. It is: Man is a social living being. In this respect, the survival and development of the human species depend on mutual aid (Kropotkin) and interpersonal relationships. Finally, man is a child of his culture, which in turn creates culture.

The second, educational dimension says: Man is dependent on his upbringing. This means that character, behaviour and intellectual abilities are not innate, but develop within the framework of interpersonal relationships and the socio-cultural milieu.

The third, cultural dimension says: Man is a being of culture and dependent on it. This means that man creates his image of man; his world view influences his view of man, his view of education and his interpersonal relationships (3).

As a scientific educator and psychologist, I am particularly concerned about the pre-psychological and medieval-looking image of man that still exists today – because it is intentional – and which refuses to give way to a contemporary scientific image of man. The human being is not enlightened by this.

People are supposed to believe in an aggression instinct so that they separate themselves from their love and children and go to war to kill and be killed.

In Arno Plack's 1973 book "The Myth of the Aggression Instinct", the scientist Dr. sc. at. August Kaiser in the chapter "Aggressiveness as an anthropological system":

"The view that man has a natural, innate tendency to harm his fellow man runs like a red thread through the millennia of human cultural history. The moral rules of all religions contain commandments in the sense of "Thou shalt not kill!", whereby the natural inclination to evil is explicitly accepted as a human trait. Today, however, the appeal to theological views no longer counts for much. Giving in to the need for scientific explanations, one now prefers to speak of an innate 'instinct of aggression' rather than of original sin.

This 'aggression instinct' is now generally taken for granted, except by experts. Every newspaper reader or television viewer knows the names of SIEGMUND FREUD and KONRAD LORENZ, who thought they had proved the aggression instinct hypothesis through their work. A large number of students have adopted their statements without critically examining them and without contributing new arguments. Has the evidence for this hypothesis really been produced? Or does human aggressiveness have other causes? The answer to these questions has a fateful character for humanity." (4)

It is violent upbringing that triggers aggression in the child. These are instilled. Man would not be able to kill his fellow man; that does not correspond to his human nature.

The pre-psychological conception of man assumes that people want to go to war. But this is a fraud, a swindle, a great nonsense. No man leaves his love, no man leaves his wife and children to go to war, to kill others and to get himself killed. That is what almost all young people say in confidential conversation.

The theorists of the aggression instinct do not understand man. In reality, people want to live quietly and in peace in their house, yard and garden. All of a sudden they are supposed to have an aggression instinct and want to go to war against the other people. Let us have the courage and patience to revise our opinion. The psychology faculty of the universities unfortunately teaches a lot of nonsense in ideological and political terms.

The contributions in the aforementioned book "The Myth of the Aggression Instinct" come from representatives of various sciences, all of which are confronted with the problem of aggression. On the back of the book it says:

"Thus it is shown from several sides that the self-evidence with which today, following Konrad Lorenz, an innate aggression instinct is spoken of, is by no means justified." (5)

People are supposed to learn to follow and become afraid of fellow human beings through authoritarian education, so that they do not associate, cooperate and live together with them.

Not only proven scientific experts, but also enlightened educators have known for a long time that the authoritarian, violent education from the time before the great world wars caused a lot of damage, although parents and educators did not want this. Young people were supposed to learn to follow so that as adults they would believe in authority, obey its orders and go to war (see Auschwitz commander Rudolf Höss).

Education in our culture is still built on being afraid of people. The way educators treat the child creates emotional reactions in him that turn against the human being. The young person is afraid of fellow human beings. When he then grows up, he is not able to cooperate and live together. He cannot arrange life well for himself.

Even a spoiling and pampering upbringing does not change this. The aforementioned natural scientist and psychologist August Kaiser writes on this:

"An authoritarian upbringing is not exhausted in the use of psychological force, but includes a number of more subtle methods by which the child is subdued. A hidden form of coercion is pampering. By showering the child with ‘love’ and taking away all effort and difficulties, the child is deprived of its possibilities for free decision-making and discussion, and is kept dependent and independent. The child's character is thereby corrupted. Strictness enforces submission by force, whereas pampering buys it. Both are found side by side in traditional education." (6)

Added to this is the coercion of the educators. The child fails when it is forced. That is in its nature. It then feels uneasy and can no longer learn. Without fear and coercion, it likes to learn. But this unfortunate way of education is not abandoned even in school.

Actually, school is the appropriate tool to form the child's total personality, Alfred Adler believes: "That the school must be regarded as the basis of the whole education of the people, there is no doubt about it. The task of the school is: how do we develop people who will continue to work independently in life, who will regard all requirements of a necessary nature not as a foreign matter, but also as their business, in order to participate in them." (7)

If students of psychology do not learn anything sensible at university, no psychologists will be trained who want to and can help people.

The fact is that because of inadequate training in universities, psychologists are not being trained to take up people's cause. The author has experienced this himself. However, he was lucky enough to be able to turn to depth psychology as well as psychotherapy after his psychology studies.

Since human beings do not tolerate inequality, hierarchical structures, the
The attitude of a genuine psychologist or psychotherapist should be based on absolute equality and non-violence. Because there are only gradual differences between a therapist and a patient, "help-seekers" should find a suitable "interlocutor" who values and follows the fundamental equality in the therapist-patient relationship. In order to be able to reach or "touch" his counterpart – also in feeling – the psychotherapist must also be able to refrain from an academic-elitist use of language and speak the respective language of his counterpart.

People should not come to their senses and learn to think, because otherwise they will say goodbye to the mystical view and no longer accept the injustices in the world speechlessly.

The mystical conception as an antithesis to the scientific view had already occupied the thoughts of the philosophers, the New Hegelians and the libertarian socialists. Ludwig Feuerbach (1804 to 1872) had shown that every religion is anthropomorphic, that is, that man projects already existing views onto the religious plane, so that, for example, the authoritarian father becomes the almighty God in heaven. Karl Marx (1818 to 1883) had also analysed the function of religion for society ("the opium of the people") and, with the introduction of the materialist conception of history, placed man down from heaven and onto earth.

Even today, there are serious, enlightened scientists and other contemporaries who ask themselves what effect a religious education has on the on mental health, on the ability to think adequately and to relate to others, on the development of a sense of community and on the later development of neuroses. Since the pre-psychological image of man is consciously maintained, that is why man persists in believing.

There are contemporaries who are of the opinion
  • that children who have mystical ideas forced upon them at a young age do not develop a sense of community,
  • that irrational speculation serves as a method of explaining things and events to those brought up in the mystical conception,
  • that speculation develops into a more or less conscious "organ of interpretation" of man, constantly at work in the unconscious,
  • that the development of the individual and of humanity can be promoted more effectively by prophylaxis than in adults in psychotherapy, and
  • that a rational education without any supernatural agency is the way to a healthy development and a dignified existence of man and society (8).
We humans have not yet detached ourselves from the Middle Ages. Rejecting mysticism is very difficult for many; people are not supposed to come to their senses. They are embedded in faith – and this is not the only way to sustain today's economy.

Today people believe because that is artificially maintained. People can read and would turn away and no longer believe. But that is instilled in them. What they learn in school is determined by the church. The curricula for this institution are mainly created by the church. State and Church are united and work hand in hand.

Many thousands of years ago, people invented gods – and still believe in them today. Psychology tries to recognise the nature of man and his essence and learns that mysticism still dominates it.

Only when people correct their image of man, acquired in education and instilled by the state, do they have an instrument in their hands to learn to think and to better understand and shape their own lives.

Psychology is the tool that enables people to adequately assess themselves, the political situation and the necessary measures to change society and culture. Without psychological knowledge of the nature of man, everything peters out just as it does without historical knowledge and in-depth cultural criticism.

A person can change completely in his way of thinking, in his world view, in his world of thought. He is afraid that it is a sin not to believe. But when he starts to read the history of the church, the history of the other side, of the doubters who rebelled and he gets insight into natural science, then he has different thoughts, a different view of life.

Psychology and psychotherapy is not an easy thing. It requires a lot of courage from the individual, trust in the interlocutor and patience; feelings and attitudes do not change from one day to the next and the psychotherapeutic conversation is not a chat. Prejudices have to be replaced by knowledge. Overall, we have a very hard time seeing and feeling the facts, the reality naturally. How is that still possible in the 21st century? Since everything resists psychology and its findings, it is difficult to communicate them. Perhaps one has to wait for a few more generations.


Footnotes:

(1) Ansbacher, H. L. and Ansbacher, R. R. (eds.). (1982). Alfred Adler's Individual Psychology. A systematic presentation of his teachings in excerpts from his writings, Munich.
(2) Op. cit.
(3) Op. cit.
(4) Plack, Arno (ed.). (1973). The myth of the aggression instinct. Munich, p. 43
(5) A. op. cit.
(6) op. cit., p. 63
(7) Adler, A. (1914). Individual psychology in schools. Frankfurt / Main, p. 25f.
(8) For example: Gassmann, M., Gleich, W., Greuter, D., Hug, H., Palmer, U. (1979). Social psychology. Zurich



Dipl.-Psych. Dr. Rudolf Lothar Hänsel ist Volksschul-Lehrer (Rektor), Erziehungswissenschaftler (Dr. paed.) und Psychologe (Dipl.-Psych.). Nach Hochschul-Ausbildung, Referendarzeit und Universitätsstudium wurde er wissenschaftlicher Lehrer in der Erwachsenenbildung. In dieser Funktion war er Ausbildungsleiter bei der BAYER-AG/Leverkusen, Mitbegründer und Leiter eines freien Schul-Modell-Versuchs in Köln, Fortbildner bayerischer Beratungslehrkräfte und Schulpsychologen an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen/Donau und Leiter der Zentralen Staatlichen Schulberatungsstelle München. Als Pensionär arbeitete er als Psychotherapeut in eigener Praxis und war Berichterstatter bei einer Öffentlichen Anhörung zur Jugendkriminalität im Europäischen Parlament in Brüssel. Seine Bücher befassen sich mit den Themen: Möglichkeiten der Anwendung der Individualpsychologie in der Schule (Verstehen und helfen; Wie geht es Ingo? Oder: Wie wird man Mitmensch? – Vorwort: Peter Handke), psychische Folgeschäden von „Unterhaltungsgewalt“ (Game over! ; Das spiel ich nicht mit!), psychologisches Manifest des gesunden Menschenverstands (Keinem die Macht übergeben!). In allen seinen Veröffentlichungen fordert er eine bewusste ethisch-moralische Werteerziehung sowie eine Erziehung zu Gemeinsinn und Frieden. Für seine Verdienste um Serbien bekam er 2021 von den Universitäten Belgrad und Novi Sad den Republik-Preis „Kapitän Misa Anastasijevic“ verliehen.

Rudolf Lothar Hänsel is an elementary school teacher (Rector), educationalist (Dr. paed.) and psychologist (Dipl.-Psych.). After university training, traineeship and university studies, he became a scientific teacher in adult education. In this capacity he was head of training at BAYER AG/Leverkusen, co-founder and head of an independent school model trial in Cologne, in-service trainer of Bavarian guidance counsellors and school psychologists at the Academy for Teacher Training and Personnel Management in Dillingen/Donau and head of the Central State School Guidance Office in Munich. As a retiree, he worked as a psychotherapist in private practice and was rapporteur at a public hearing on juvenile delinquency in the European Parliament in Brussels. His books deal with the topics: Possibilities of applying individual psychology in schools (Understanding and helping; How is Ingo? Or: How to become a fellow human being? - Foreword: Peter Handke), psychological consequences of "entertainment violence" (Game over!; I'm not playing that game!), psychological manifesto of common sense (Don't hand over power to anyone!). In all his publications, he calls for a conscious ethical-moral values education as well as an education for public spirit and peace. For his services to Serbia, he was awarded the Republic Prize "Captain Misa Anastasijevic" by the Universities of Belgrade and Novi Sad in
2021.



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