NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Dezember 2022  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Den Menschen zur Natur zurückführen. Paul Thiry d’Holbach (Teil II)
Das Wesen des Menschen besteht darin, zu empfinden, zu denken und zu handeln
Von Rudolf Hänsel

Paul-Henry Thiry d’Holbach (1723-1789), einer der führenden Köpfe der französischen Enzyklopädisten, will mit seinem 1770 erschienenen Buch „System der Natur“ den Menschen, der das „Werk der Natur ist, in ihr existiert und ihren Gesetzen unterworfen ist“, zur Natur zurückführen (1). Siehe hierzu Teil I: „Die Menschen müssen die Wahrheit erfahren.“ (2) Holbachs Buch gilt wegen seiner radikal sensualistischen Argumentation, die alle Erkenntnis allein auf Sinneswahrnehmungen zurückführt, noch heute als eines der Schlüsselwerke der Aufklärung. Er erklärte damit der herrschenden Ideologie und den herrschenden Mächten offen den Krieg. Für den empfindenden, denkenden und handelnden Menschen können Holbachs „Entdeckungen“ aus der Zeit der „Aufklärung“ noch immer dazu führen, das menschliche Bewusstsein von individuellen und kollektiven Vorurteilen zu reinigen. Der „aufgeklärte Verstand“ ist fähig, gesunde Lebensziele ins Auge zu fassen.
 
Zitat von Plinius als Widmung
 
Holbach widmete seinem Buch ein Zitat von Plinius („Naturgeschichte“). Dabei handelt es sich vermutlich um ein Zitat des römischen Historikers und Schriftstellers Gaius Plinius Secundus Maior (auch Plinius der Ältere) (23-79) aus dessen enzyklopädischem Werk zur Naturgeschichte „Naturalis historia“. Diese „Naturgeschichte“ behandelt Themen, die man heutzutage vor allem den Naturwissenschaften zuordnen würde. Es ist die älteste vollständig überlieferte systematische Enzyklopädie. Sie umfasst 37 Bücher mit insgesamt 2493 Kapiteln. Nach dem Literaturverzeichnis wurden annähernd 500 Autoren verarbeitet (3):
    „Naturae rerum vis atque majestas in omnibus momentis fide caret,
    si quis modo partes eius, ac non totam domplectatur animo.”
    (Die Macht und die Würde der Natur bleiben stets unverständlich,
    wenn man nur ihre Teile und nicht ihre Gesamtheit erfasst.) (4)
Das Wesen des Menschen besteht darin, zu empfinden, zu denken, zu handeln, kurz, sich auf eine Art zu bewegen, die ihn von anderen Dingen unterscheidet, mit denen er sich vergleicht.
 
Nachfolgend eine Auswahl von Zitaten aus dem 1. Kapitel „Von der Natur“ (5):
    „Die Menschen werden sich immer irren, wenn sie die Erfahrung um solcher Systeme willen preisgeben, die durch die Einbildungskraft geschaffen wurden. Der Mensch ist das Werk der Natur, er existiert in der Natur, er ist ihren Gesetzen unterworfen, er kann sich nicht von ihr freimachen, er kann nicht einmal durch das Denken von ihr loskommen; vergeblich strebt sein Geist über die Grenzen der sichtbaren Welt hinaus, immer ist er gezwungen, zu ihr zurückzukehren.
     
    (…)
     
    Der Mensch höre also auf, außerhalb der Welt, die er bewohnt, Wesen zu suchen, die ihm ein Glück verschaffen sollen, das die Natur ihm versagt: er studiere die Natur, lerne ihre Gesetze kennen und betrachte ihre Energie und die unveränderliche Art, wie sie wirkt; er nutze seine Entdeckungen für seine eigene Glückseligkeit und unterwerfe sich stillschweigend Gesetzen, denen ihn nichts zu entziehen vermag; er verzichte darauf, nach den Ursachen zu forschen, die für ihn mit einem undurchdringlichen Schleier umgeben sind, er ertrage ohne Murren die Entscheidungen einer universellen Kraft, die weder umkehren noch jemals von den Regeln abweichen kann, die ihr Wesen ihr vorschreibt.
     
    (…)
     
    Auch weil der Mensch die Natur und ihre Gesetze ungenügend studierte und ungenügende Versuche unternahm, ihre Hilfsquellen und Eigenschaften zu entdecken, ist er zutiefst in Unwissenheit geraten oder macht er so langsame und unsichere Schritte, um sein Los zu verbessern. Seine Trägheit findet Genüge darin, sich lieber durch das Beispiel, das Herkömmliche, die Autorität führen zu lassen als durch die Erfahrung, welche Tätigkeit verlangt, und durch die Vernunft, welche Überlegung erfordert.
     
    Daher jene Abneigung, die die Menschen gegen alles zeigen, was ihnen von den Regeln abzuweichen scheint, an die sie gewöhnt sind; daher ihr dummer und ängstlicher Respekt vor allem Alten und vor den unsinnigsten Institutionen ihrer Väter; daher die Furcht, die sie ergreift, wenn man ihnen die vorteilhaftesten Veränderungen oder die erfolgversprechendsten Versuche vorschlägt.
     
    Aus diesem Grunde sehen wir die Völker in einer beschämenden Lethargie befangen und unter Missbräuchen seufzen, die von Jahrhundert zu Jahrhundert mitgeschleppt wurden. Sie zittern selbst vor der Idee dessen, was ihren Leiden Abhilfe schaffen könnte. Durch dieselbe Trägheit und durch den Mangel an Erfahrung machen die Medizin, die Physik, die Landwirtschaft, mit einem Wort alle nutzbringenden Wissenschaften so wenig spürbare Fortschritte und verharren so lange in den Fesseln der Autorität: diejenigen, die diese Wissenschaften betreiben, folgen lieber den ihnen vorgezeichneten Wegen, als sich neue zu bahnen; (…).
     
    (…)
     
    Kurz, indem die Menschen entweder aus Faulheit oder aus Furcht auf das Zeugnis ihrer Sinne verzichtet haben, sind sie in allen ihren Handlungen und Unternehmungen nur von der Einbildungskraft, von der Schwärmerei, von der Gewohnheit, von dem Vorurteil und besonders von der Autorität geleitet worden, die die Unwissenheit der Menschen zu nutzen wusste, um sie zu täuschen. Durch die Einbildungskraft geschaffene Systeme traten an die Stelle der Erfahrung, der Überlegung, der Vernunft: (…).
     
    (…)
     
    Auf diese Weise ist das Menschengeschlecht (…) in einer langen Kindheit verblieben, aus der sich zu lösen ihn soviel Mühe kostet. (…).
     
    (…)
     
    Erheben wir uns also über die Nebel des Vorurteils. (…). Misstrauen wir einer unbeständigen Einbildungskraft, nehmen wir die Erfahrung zum Führer; fragen wir die Natur um Rat; (…); gehen wir auf unsere Sinne zurück, die man uns fälschlicherweise als verdächtig ansehen lässt; befragen wir die Vernunft, die man schändlich verleumdet und herabgewürdigt hat; betrachten wir aufmerksam die sichtbare Welt, und sehen wir, ob sie nicht ausreicht, um über unbekannte Bereiche der Geisteswelt urteilen zu können; vielleicht werden wir finden, dass man kein Recht gehabt hat, zwischen beiden einen Unterschied zu machen, und dass man ohne Gründe zwei Reiche getrennt hat, die gleichermaßen unter der Herrschaft der Natur stehen.“
 
Fußnoten:
 
(1) Holbach, P.-H.T. (1978). System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Frankfurt am Main
(2) https://www.globalresearch.ca/bringing-people-back-nature-paul-thiry-dholbach/5797669 und http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28317
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Plinius_der_Ältere und https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalis_historia
(4) Holbach, P.-H.T. (1978). System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Frankfurt am Main, S. 16
(5) Holbach, P.-H.T. (1978). System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Frankfurt am Main. Teil I: „Von der Natur und ihren Grenzen, Vom Menschen, Von der Seele und ihren Fähigkeiten, Von der Unsterblichkeitslehre, Vom Glück“. 1. Kapitel: „Von der Natur“, S. 17-25


Siehe auch:

Den Menschen zur Natur zurückführen. Paul Thiry d’Holbach (Teil I)
Die Menschen müssen die Wahrheit erfahren
Von Rudolf Hänsel
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28317



English version:
Returning Man to Nature. Paul Thiry d'Holbach (Part II)
The essence of man is to feel, to think and to act

By Dr. Rudolf Hänsel
 
Paul-Henry Thiry d'Holbach (1723-1789), one of the leading figures of the French encyclopaedists, in his book "System of Nature", published in 1770, wants to lead man, who is the "work of nature, exists in it and is subject to its laws", back to nature (1). On this, see Part I: "Men must know the truth." (2) Holbach's book is still acknowledged today as one of the key works of the Enlightenment because of its radically sensualist argumentation, which attributes all knowledge to sensory perceptions alone. With it, he openly declared war on the ruling ideology and powers. For the sensing, thinking and acting human being, Holbach's "discoveries" from the time of the "Enlightenment" can still lead to the purification of human consciousness from individual and collective prejudices. The "enlightened mind" is capable of envisaging healthy life goals.
 
Quote from Pliny as dedication
 
Holbach dedicated a quotation from Pliny ("Natural History") to his book. This is presumably a quotation from the Roman historian and writer Gaius Plinius Secundus Maior (also Pliny the Elder) (23-79) from his encyclopaedic work on natural history "Naturalis historia". This "natural history" deals with topics that today would be assigned primarily to the natural sciences. It is the oldest completely preserved systematic encyclopaedia. It comprises 37 books with a total of 2493 chapters. According to the bibliography, nearly 500 authors were involved (3):
    "Naturae rerum vis atque majestas in omnibus momentis fide caret,
    si quis modo partes eius, ac non totam domplectatur animo."
    (The power and dignity of nature always remain incomprehensible,
    if one grasps only its parts and not its totality). (4)
The essence of man consists in feeling, thinking, acting, in short, in moving in a way that distinguishes him from other things with which he compares himself.
 
The following is a selection of quotations from the 1st chapter "Of Nature" (5):
    "Men will always err if they abandon experience for the sake of such systems as have been created by imagination. Man is the work of nature, he exists in nature, he is subject to its laws, he cannot free himself from it, he cannot even get away from it by thinking; in vain does his spirit strive beyond the limits of the visible world, he is always forced to return to it.
     
    (...)
     
    Let man, therefore, cease to seek beings outside the world he inhabits, which are to provide him with a happiness which nature denies him: let him study nature, learn its laws, and contemplate its energy and the unchanging way in which it acts; let him use his discoveries for his own happiness, and tacitly submit to laws from which nothing can escape him; let him refrain from inquiring into the causes which are surrounded for him with an impenetrable veil, let him bear without grumbling the decisions of a universal power which can neither turn back nor ever deviate from the rules which its nature prescribes for it.
     
    (...)
     
    It is also because man has insufficiently studied nature and its laws, and has made insufficient attempts to discover its auxiliary sources and properties, that he is profoundly ignorant or takes such slow and uncertain steps to improve his lot. His indolence finds satisfaction in preferring to be led by example, by conventionality, by authority, rather than by experience, which requires action, and by reason, which requires deliberation.
     
    Hence that aversion which men show to everything which seems to them to deviate from the rules to which they are accustomed; hence their stupid and fearful respect for everything old and for the most nonsensical institutions of their fathers; hence the fear which seizes them when the most advantageous changes or the most promising experiments are proposed to them.
     
    For this reason we see the peoples caught in a shameful lethargy and groaning under abuses dragged along from century to century. They tremble at the very idea of what might remedy their sufferings. It is through the same inertia and lack of experience that medicine, physics, agriculture, in a word all useful sciences, make so little perceptible progress and remain so long in the fetters of authority: those who practise these sciences prefer to follow the paths marked out for them rather than to blaze new ones; (...).
     
    (...)
     
    In short, by renouncing, either through laziness or fear, the testimony of their senses, men have been guided in all their actions and undertakings only by imagination, by rapture, by habit, by prejudice, and especially by authority, which has known how to use the ignorance of men to deceive them. Systems created by imagination took the place of experience, reflection, reason: (...).
     
    (...)
     
    In this way the human race (...) has remained in a long childhood, from which it costs it so much effort to free itself. (...).
     
    (...)
     
    So let us rise above the mists of prejudice. (...). Let us distrust a fickle imagination, let us take experience for our guide; let us ask nature for advice; (.... ); let us go back to our senses, which we have been falsely led to regard as suspect; let us consult reason, which has been shamefully slandered and degraded; let us look attentively at the visible world, and see if it is not sufficient to enable us to judge of unknown realms of the spiritual world; perhaps we shall find that no right has been had to make a distinction between the two, and that two kingdoms have been separated without reasons, which are equally under the dominion of nature. "
 
Footnotes:
 
(1) Holbach, P.-H.T. (1978). System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Frankfurt am Main
(2) https://www.globalresearch.ca/bringing-people-back-nature-paul-thiry-dholbach/5797669 and http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28317
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Plinius_der_Ältere and https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalis_historia
(4) Holbach, P.-H.T. (1978). System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Frankfurt am Main, p. 16
(5) Holbach, P.-H.T. (1978). System of nature or of the laws of the physical and moral world. Frankfurt am Main. Part I: "Of nature and its limits, Of man, Of the soul and its faculties, Of the doctrine of immortality, Of happiness". Chapter 1: "Of Nature", pp. 17-25
 

See also:

Bringing People Back to Nature. Paul Thiry d'Holbach (Part I)
People need to know the truth
By Dr. Rudolf Hänsel
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28317


 
Dr. Rudolf Lothar Hänsel ist Lehrer (Rektor a. D.), Doktor der Pädagogik (Dr. paed.) und Diplom-Psychologe (Dipl.-Psych.). Viele Jahrzehnte unterrichtete er und bildete Fachkräfte fort. Als Pensionär arbeitete er als Psychotherapeut in eigener Praxis. In seinen Büchern und pädagogisch-psychologischen Fachartikeln fordert er eine bewusste ethisch-moralische Werteerziehung sowie eine Erziehung zum Gemeinsinn und zum Frieden.
 
Dr. Rudolf Lothar Hänsel is a teacher (retired headmaster), doctor of education (Dr. paed.) and graduate psychologist (Dipl.-Psych.). He taught and trained professionals for many decades. As a retiree, he worked as a psychotherapist in his own practice. In his books and educational-psychological articles, he calls for a conscious ethical-moral values education as well as an education for public spirit and peace.




Online-Flyer Nr. 801  vom 18.11.2022

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE