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Aktueller Online-Flyer vom 27. Januar 2023  

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Aktuelles
Marianne Tralau nachgerufen
Kunst war ihr Lebenselixier
Von Cordula Thonett und Barbara Stipancic

Heute verabschieden wir uns von Marianne Tralau. Es gäbe so viel über Marianne, ihre Kunst und ihr Leben zu sagen. Das würde aber leider den Rahmen sprengen, den wir hier zur Verfügung haben. Daher hier nur ein paar Erinnerungen. 1935 wurde Marianne in Rostock in einem Höraal geboren. Ihre Eltern konnten sich die Finanzierung der Geburtshilfe nicht leisten, und so kam es, dass Marianne quasi als „Lehrstück“ zur Welt kam. Ihre Kindheit verbrachte sie in Wolfenbüttel. Nach ihrer Ausbildung zur Gobelinweberin ging sie erst in Hamburg und später in Köln auf die Kunstschule, wo sie den Künstler Will Thonett kennen lernte. Ihn heiratete sie und bekam mit ihm drei Kinder, Stephan, Markus und Cordula. Kinder zu bekommen war eigentlich keine Entscheidung, sondern „das war eben so“, damals. Natürlich hat sie ihre Kinder geliebt, aber Kunst war trotzdem immer ihr Lebenselixier. Mutter und Hausfrau war nie so wirklich ihr Ding. Die Kinder genossen dadurch sehr viel Freiheit, da sie jeden Moment, den sie freischaufeln konnte, nutzte, um Kunst zu machen.


Portrait von Marianne Tralau bei der Trauerfeier am 20. Oktober 2022 in der Trauerhalle des Kölner Ostfriedhofs (Fotos: Arbeiterfotografie)

Kurz bevor ihr Mann Will verstarb, hatte sie jedoch eine Krise. „Wozu mache ich das eigentlich?“, fragte sie sich. So beschloss sie, „Kunst auf Lehramt“ zu studieren, und wurde Lehrerin. Die Zeit als Lehrerin war für sie nicht schön, denn Kunst wird von den meisten Eltern und auch den Schülern als eher unwichtig angesehen. Darunter hat sie sehr gelitten, wo es für sie doch so wichtig war und sie alles gegeben hat, um ein Gefühl für Kunst zu vermitteln. Da sie ihr Auto eigentlich nur hatte. um damit in die Schule zu fahren. sagte sie in ihrem Frust: „Wenn jetzt noch was mit dem Auto ist, dann höre ich die Schule auf.“ Am nächsten Tag fuhr ihr jemand voll in ihren Wagen. und er war Schrott. Sie stieg aus und bedankte sich freudestrahlend bei dem Unfallverursacher, der ziemlich irritiert war, und hörte daraufhin auf. als Lehrerin zu arbeiten. Kunst sollte fortan wieder ihr Lebensmittelpunkt sein.

In der Schulzeit lernte sie den Journalisten Peter Kleinert kennen und lieben. Da sie keine Lust mehr auf normales Familienleben hatten, zogen sie gemeinsam mit ihren Kindern sowie einer Bekannten in ein komplettes vierstöckiges Haus in der Palmstrasse, um dort im Konzept einer Wohngemeinschaft zu leben.

Peter gründete das "KAOS Film und Videoteam" und kurz darauf Marianne die "KAOS Galerie". Sie zeigte dort vornehmlich Kunst, die sich nicht oder schwer verkaufen lässt. In jeder Hinsicht eher sperrige Kunst. Installationen, Vergängliches, Gruppenausstellungen zu Themen, wo jeder etwas einreichen konnte, ob Künstler/Künstlerin, oder nicht. Jeder/jede Künstlerin, die eine Einzelausstellung zeigte, hatte die Möglichkeit, ein kurzes Video zu machen, oder es wurde ein Porträt angefertigt. Die KAOS Galerie bot eine Plattform, die einigen Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit gab, ihre Kunst zu zeigen, ohne dass der kommerzielle Gedanke im Vordergrund stehen musste. Somit konnte Kunst dann auch ehrlich sein. Das war ihr wichtig.

Mit Peter ist Marianne viel gereist. Auf einer dieser Reisen entstand das Projekt „Secret Gifts“. Sie versteckte „Menschärgeredichnichtfigürchen“ auf der ganzen Welt. Möglichst so, dass man sie nie wieder findet. Dokumentiert hat sie das auch, mit Foto, Orts- und Zeitangabe. Aber alles nicht öffentlich. Die Aufzeichnungen waren nur für sie selbst bestimmt, damit es auch ein geheimes Versteck bleibt und die Figuren dort für immer und ewig bleiben mögen. Anderen Reisenden hat sie gerne einen Satz Figürchen mitgegeben, um es ihr gleich zu tun. Ein Projekt also, welches viele Leute involviert hat und fast auf der ganzen Welt vertreten sein dürfte.

Nach der Trennung von Peter und Marianne wollte sie sich noch einmal räumlich verändern. Sie bewarb sich auf Künstlerstipendien und landete schließlich in Eckernförde. Dort zog sie dann Ende 2000 hin. Sie hatte das Glück und fand eine große Wohnung in der St. Nicolai Straße. Dort betrieb sie u.a. die „Frühstücksbühne“. Jeden ersten Sonntag im Monat konnte jeder zum Frühstück kommen. Mitzubringen waren eine Kleinigkeit zu essen, sowie ein „Kulturschnipsel“. Egal, ob Musik, Performance, Lesung, Puppenspiel, oder was auch immer. Egal ob Profi oder Amateur. Für viele Leute war es eine Plattform, die ihr Leben verändert hat. Ohne die Frühstücksbühne hätten einige Leute nicht den Weg eingeschlagen, den sie dann genommen haben. Regelmäßige Besucher waren auch Martin und Christine, die hier heute das letzte Mal für Marianne ihre Musik spielen.

Im Laufe der Jahre wurde sie leider nicht fitter. Das Ausrichten der Frühstücksbühne wurde für sie zusehends ermüdender. So haben wir gemeinsam beschlossen, dass sie wieder nach Köln zieht, ins selbe Haus, wo ihre Tochter Cordula wohnt. Unglücklicherweise brach sie sich unmittelbar nach dem Einzug das Bein. Dadurch war sie noch weniger mobil und hat daraufhin in den letzten Jahren stark abgebaut. Sie konnte keine Kunst mehr machen und hatte auch keine Lust mehr.

Am 17. August ging es ihr nicht besonders gut. Am Wochenende zuvor waren noch zwei ihrer Enkel, Mila und Josefina, sowie ihr Urenkel Nepomuk zu Besuch gekommen. Mila war schon wieder abgereist und Cordula machte gerade Pizza. Als die letzte Pizza fertig war, setzte sie sich zu Marianne ans Bett. Dann war es soweit. Hände haltend mit ihrer Tochter verliess Marianne ihren Körper.

Marianne konnte endlich gehen. Das wollte sie auch. Sie war nicht alleine und konnte den Prozess des Sterbens voll miterleben. Da man nur einmal stirbt, wollte sie das auch so. Sie hat ein erfülltes Leben gehabt, vielen Menschen Mut gemacht, ihr eigenes Ding zu machen, und ist friedlich zuhause gestorben. Was will man mehr? Machs gut liebe Marianne! Wir werden dich sehr vermissen!


Marianne in einer Urne in den Formen eines Menschärgeredichnichtfigürchens und eine ihrer Zeichnungen

Worte zum Schluss: Das letzte Versteck findet nun Marianne selbst in einem Menschärgeredichnichtfigürchen. Oder eher einer stattlichen Figur. Es ist auch kein geheimes Versteck, aber ein guter Platz neben Peter, der bis zum Schluß immer in guter Verbundenheit mit ihr war und ohne den sie sich den Lebensabend, den sie genießen konnte, nie hätte leisten können. Vielen Dank dafür! Wie auch danke an Katja, die es ermöglicht hat, dass Marianne überhaupt in die Wohnung in Köln ziehen konnte!

Wer als Erinnerung, oder auch um das Projekt fortzusetzen, ein oder einen Satz Menschärgerdichnichtfigürchen mitnehmen möchte, kann das gerne tun. Wenn ihr sie versteckt, würden wir uns allerdings freuen, wenn ihr uns mitteilt, wo und wann und gerne mit Foto. Danke auch euch allen dafür und dass ihr hier seid, um Marianne bei ihrem letzten Weg zu begleiten.

Aufgeschrieben von Cordula Thonett - vorgetragen am 20. Oktober 2022 von Manu in der Trauerhalle des Kölner Ostfriedhofs


Marianne
Gedicht von Barbara Stipancic

so stark so schön so stur
so ehrlich so pur
wacher Geist der sprüht
auch wurstig und grantig
blitzend stark
wahrhaftig leuchtend
unberechenbar verläßlich
allzeit bereit - für die Sache

am Schluß gings nur noch
wie es für Dich sein mußt

du warst mit mal
so zart und klein
so gläsern und fein

die Augen immer noch stark und wach
und Du sagtest "ich will einen Schnaps"!

und so gab es in deinem letzten Jahr
Schnaps egal ob spät oder früh
in winzigen Schlückchen
das Alter wird bescheiden

und dann in den Armen deiner Tochter
aus dem Leben zu scheiden
welch Gnade und Glück
Marianne, für Dich
am Schluß


Siehe auch:

Zu Beisetzung, Tod und Leben von Marianne Tralau
Das unveräußerliche Werk einer Weltrang-Künstlerin
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 799 vom 21.10.2022
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28302

Online-Flyer Nr. 799  vom 21.10.2022

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