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Aktueller Online-Flyer vom 16. Juni 2024  

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Aktuelles
Erinnerung an Erasmus Schöfer (4. Juni 1931 - 7. Juni 2022)
„Wir sollten versuchen, einander mehr wahrzunehmen“
Von Mischi Steinbrück

Als der Vorstand des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di (VS Köln) im Juni des vergangenen Jahres Erasmus Schöfers 90. Geburtstag feierte, lasen wir ihm und uns zur Freude einiges aus seinem Werk. Im schön, festlich und gemütlich hergerichteten Atelier der Kölner Arbeiterfotografie hatten sich Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde eingefunden, die zu seiner großen Feier in der Südstadt nicht hatten kommen können. Pilar Baumeister, die wir dann im Dezember unerwarteter Weise und zu unserem großen Leidwesen verloren, hatte eine kurze Erzählung ausgesucht. Ich las aus seinen Gedichten. Und Werner Rügemer hielt eine erfrischende Laudatio, in der er u.a. sagte: „Wenn der Nobelpreis etwas Gutes wäre, dann wäre er auch einmal an Erasmus Schöfer verliehen worden.“ (1)


Erasmus Schöfer bei der Feier zu seinem 90. Geburtstag, Galerie Arbeiterfotografie, 20.06.2021 (Foto: arbeiterfotografie.com)

Die Wahl Pilars war auf die Erzählung "Im Morgengrauen" aus seinem Buch FLIEG VOGEL STIRB (Pahl-Rugenstein, Köln 1987) gefallen. Pilar bezeichnete sie vorweg als psychologischen Text, wofür sie eine besondere Vorliebe hätte. Aber auch ich war schon früher jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie las, von dem gänzlich schmucklosen und wahrhaftigen Ton ergriffen. Nach ihrem Vortrag fragte Pilar Erasmus, ob die Erzählung fiktiv wäre oder biografischen Hintergrund hätte. Erasmus, der sehr berührt wirkte, antwortete lebhaft. „Nein, nein, das bin ich. Das habe ich erlebt.“ Das war auch mein Eindruck gewesen. Und ich halte diese Geschichte für einen nicht unbedeutenden Teil seiner frühen Jugend im Nachkriegsdeutschland.

Über Erasmus' bedeutende Rolle bei der Gründung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt und vor allem über sein Hauptwerk, die große Romantetralogie "Die Kinder des Sisyfos", mit der Geschichte der Arbeitskämpfe und der sozialen Bewegungen seit 1968 in der BRD, ist zu Recht viel geschrieben worden. Es gibt nichts Vergleichbares, und besonders bemerkenswert ist Erasmus' schon früh erkennbare industriekritische, ökologische Sicht der Dinge bei unverbrüchlicher Solidarität mit der Arbeiterschaft.

Mit dem Abdruck seiner Erzählung "Im Morgengrauen" wollen wir auf einen unbekannteren Erasmus Schöfer verweisen.

    Im Morgengrauen

    Der Junge wachte auf von Rufen, sie zogen ihn aus Schlaf und Traum. Er wußte nicht, ob er sie nur geträumt hatte, ob es Rufe oder Schreie waren. Während er dämmrig darüber nachdachte, noch am Schlafrand, die Augen nicht öffnen wollte, kamen sie wieder, langgezogen und klagend: Wasser! Wasser! Das riß ihm jetzt die Augen auf, schnitt in seine Müdigkeit, sein Kopf war plötzlich glasklar, und zugleich fühlte er seinen Körper kalt und erstarrt unter der Decke liegen.

    Es war schon hell draußen, eine frühe, halbgraue Helligkeit. Er sah durch das schmale, geöffnete Kammerfenster auf die tote Hinterhauswand gegenüber, lauschte. Stille, fremd und groß. Weder das vertraute Tschilpen der Spatzen vom Hof noch das Taubengurren von den Dächern. Der Morgen also kaum angebrochen. Noch Stunden, bis er aufstehn und zur Schule gehn mußte.

    Da schrie sie wieder, schrecklich laut stand der Ruf zwischen den Hauswänden - Wasser! Wasser! Diesmal sein Name dabei, klagend, anklagend.

    Das hören sie jetzt in den Schlafzimmern, überall stehen die Fenster offen. Sie wissen alle von ihrem Schlaganfall, aber ob Frau Becker das auch rumerzählt, was Doktor Wolz verordnet hat, von dem Wasser? Ich muß es ihnen sagen, fünf Glas Flüssigkeit, mehr darf ich nicht.

    Wieder schrie sie seinen Namen, es schien noch lauter, noch fordernder. Er spürte eine kalte, hilflose Wut. Sie nützt es aus, die offene Balkontür, sie klagt mich an vor den Nachbarn, daß ich sie quäle, kein Mitleid habe mit meiner hilflosen Großmutter! Keiner denkt, daß ich so fest schlafe, sie nicht höre. Morgen schaun sie mich an auf der Treppe, fragen, warum ich die alte Frau dursten lasse.

    Warum sieht sie nicht ein, daß ihr Schreien den Durst noch größer macht? Warum teilt sie sich das Glas Wasser nicht besser ein? Ich hab dir gesagt, es muß für die ganze Nacht reichen, mehr gibt es nicht! Wahrscheinlich hat sie es gleich ausgetrunken, kaum daß ich eingeschlafen war. Hat jetzt schon wieder ins Bett gemacht.

    Der Junge lag reglos unter der dünnen Decke, sah auf das Fenster, wartete, daß der nächste Schrei hereinkam.

    Warum ist es so still im Hof, regnet nicht? Gewitter, Sturm - dann würde niemand sie hören! Hätte ich wenigstens die Balkontür zugemacht! So fest hat sie versprochen, nicht zu rufen, damit ich ausgeschlafen bin für die Klassenarbeit. Warum bin ich, grade ich, allein mit meiner Großmutter, muß ihr Brei kochen, sie waschen, abputzen, wenn die Gemeindeschwester nicht kommt? Warum haben sie sie aus dem Krankenhaus entlassen? Warum willst du nicht ins Altersheim, wo du richtig gepflegt wirst und ich dich nach der Schule besuchen kann? Morgen steh ich auf, morgen koch ich dir Mittag Jungchen, morgen morgen, jeden Tag dieselbe Leier, vielleicht glaubt sie es wirklich.

    Ob sie doch eingeschlafen ist?

    Eingesperrt fühlte er sich, eingesperrt in dieser Wohnung mit ihr, mit dieser Pflicht, eingesperrt mit seinen Gedanken.

    Manchmal war sie ganz verwirrt, murmelte vor sich hin, sprach mit toten Menschen, seinem Vater, der Mutter, rief sogar ihre Namen. Und diese Seufzer, dies Stöhnen immer. Ihr Eigensinn, wenn ihr einfiel, daß sie Schokolade haben mußte, die letzte Freude im Leben. Diese bösen Augen dann. Sie glaubte einfach nicht, daß Schokolade stopft und der Doktor sie deshalb verboten hatte. Und wenn er an ihrem Bett sitzen mußte, aus der Schule erzählen sollte, sie seine Hand zwischen ihren Knochenfingern festhielt, sie streichelte, Jungchen mein Jungchen sagte — aber in dem stechenden Geruch, der von ihrem Bett kam. Vorgestern war ihr das halbe Gebiß in den Nachteimer gefallen, und er mußte es rausfischen, säubern, unten wartete Karli mit der Mannschaft.

    Bei der Erinnerung stülpte sich sein Magen hoch.

    Da war wieder sein Name, zweimal, dreimal, viermal — hört sie nicht mehr auf! Er biß die Zähne aufeinander, sein Herz schlug heftig, das ist kein Leben mehr, für sie nicht und für mich nicht, wie lange dauert das, kann sie denn nicht endlich -

    Der Junge erschrak vor seinem Gedanken, vor dem Wort, das er beinah ausgedacht hatte. Verzweifelt rollte er sich zusammen, zog das Kissen über den Kopf, lag reglos, verkrampft, wünschte sich, taub zu sein, und lauschte doch angstvoll auf den nächsten Schrei.

    Und der kam. Kaum gedämpft hörte er ihn durch die Federn.

    Hilfe! Hilfe!

    Ihr letzter Trick, daß sie um Hilfe ruft!

    Der Junge warf das Kissen und die Decke von sich, sprang aus dem Bett, streifte die Unterhose über, lief durch den Flur zum Balkonzimmer, riß die Tür auf, stand in dem fahlhellen Raum, aber das heftige Wort, sein hochgewallter, heißer Zorn fanden den Weg nicht nach außen.

    Die alte Frau saß am Boden vor der Bettcouch, neben dem umgestürzten Eimer, das Nachthemd hochgeschoben über die mageren Beine, die Pfütze war darunter hervorgelaufen, sie streckte einen Arm zu ihm hin, sagte, mit einer leisen, weinerlichen Stimme: Ach Jungchen - endlich! Hilf mir hoch, ich bin wieder gestürzt, warum kommst du nicht -

    Er stützte sie, daß sie sich auf die Bettkante setzen konnte. Das Nachthemd war hinten naß, und auch an der Seite des Betts war eine frische, feuchte Spur runtergelaufen.

    Ich habe geschlafen, sagte er, hast du schon öfter gerufen?

    Mein Durst, mein schrecklicher Durst. Bring mir ein Glas Wasser, bat sie.

    Du mußt das Nachthemd ausziehn, es ist naß.

    Erst Wasser Jungchen - das Glas - da liegt das Glas — unterm Tisch —

    Ich darf nicht, sagte er, Doktor Wolz hat es verboten.

    Da packte sie sein Handgelenk, preßte es mit plötzlicher Kraft. Ihre Stimme wurde scharf und herrisch: Bring mir Wasser oder bring mich um!

    Er wagte nicht, ihr ins Gesicht zu sehn, hob das Glas auf, ging in die Küche und füllte es an der Wasserleitung. Nahm auch den Scheuerlappen mit. Als er zurückkam, saß sie aufrecht im Bett, hatte sich zugedeckt. Sie riß ihm das Glas fast aus der Hand, trank in gierigen, schlürfenden Zügen. Er sah nicht hin, warf den Lappen auf die Pfütze.

    Auf dem Hof begann eine Amsel zu singen. Der Junge bekam eine Gänsehaut. Die Wanduhr zeigte halbfünf.


Für uns im VS war Erasmus ein richtungsweisendes Mitglied. Er versuchte, uns Schriftstellerinnen und Schriftstellern die frühere, meinungsgebende Rolle von Literatur zu vermitteln – und er stellte diese bei jeder Gelegenheit auch nach außen hin dar. Mich unterstützte er bei meinen Bemühungen, das Thema Arbeit für den VS wieder in den Vordergrund zu rücken. Auch kam er zu einer erheblichen Reihe meiner Bühnenauftritte und dankte mir immer sehr enthusiastisch, was mir das Herz erwärmte.

Als unser Arbeiterschriftsteller und Kollege Carl Fischer 2018 gestorben war, las Erasmus zu seinem Gedenken einen hervorragenden Text, den Carl zusammen mit seiner Frau in den frühen Achtzigern verfasst hatte, und der in einer Werkkreis-Anthologie bei Fischer herausgekommen war. Es war die Geschichte eines Mädchens, das eine Buchdruckerlehre machte – und das am Arbeitsplatz sexuell missbraucht wurde. Wie sehr hatte Carl, wie sehr hatte Erasmus, wie sehr hatte der Werkkreis, wie genau hatten sie bereits damals ihr Ohr an der Basis der herrschenden Verhältnisse!!!

Wie vielleicht viele Leserinnen und Leser wissen, war Erasmus schon seit etlichen Jahren schwer krank. Dass er trotz großer Schmerzen und trotz ihn beängstigender Schwäche nicht nur zu Pilar Baumeisters Begräbnis im kalten Dezemberregen gekommen war, sondern auch mit einer Rede und dem Vortrag eines ihrer Gedichte an unser Gedenkveranstaltung für sie Ende April dieses Jahres teilgenommen hat, war eine bewundernswürdige Leistung. Ganz besonders berührt hat mich sein Ausruf an ihrem Grab „Warum haben wir so wenig gewusst von Dir?“ und an uns gewandt „Wir sollten versuchen, einander mehr wahrzunehmen.“ Für alles und für diese hörbar aus seinem Herzen kommende Mahnung danken wir ihm.


Fußnote:

1 Gedanken zum 90. Geburtstag des Kölner Schriftstellers Erasmus Schöfer im Rahmen der Feier des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS Köln)
Eingebunden in wichtige Widerstandsbewegungen
Von Werner Rügemer
NRhZ 774 vom 21.07.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27559


Veranstaltung "Zur Erinnerung an Erasmus Schöfer"
Montag, 10. Oktober 2022, 19:30 Uhr

Ort: Literaturhaus
Eintritt: Frei
Anmeldung per eMail: info@literaturhaus-koeln.de

Am 7. Juni 2022, kurz nach seinem 91. Geburtstag, ist der Autor Erasmus Schöfer in Köln gestorben. An sein vielfältiges Werk und seine engagierte Arbeit – von der Doktorarbeit über Heidegger bis zur Roman-Tetralogie Die Kinder des Sisyfos – erinnern Weggefährt*innen, Familie und Freunde.

Ein Abend unter anderem mit Volker Dittrich, Aila Ben Franken, Timo Ben Schöfer und Enno Stahl über einen Autor, dessen Romane und Gedichte immer helfen sollten, die Welt zu verändern – und die ihm doch nie nur Mittel zum Zweck waren.

Veranstaltungspartner: Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Kinder des Sisyfos – Freundeskreis Erasmus Schöfer e. V., Kulturamt der Stadt Köln, VS NRW, Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln

(Quelle: https://literaturhaus-koeln.de/programm/zur-erinnerung-an-erasmus-schoeffer/10-10-2022/)

Online-Flyer Nr. 799  vom 05.10.2022

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