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Aktueller Online-Flyer vom 07. Oktober 2022  

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Inland
"Wir lassen uns davon nicht beeindrucken"
Widerstand statt Ruhestand
Helene und Ansgar Klein – interviewt von Hannes Henkelmann

Seit Jahrzehnten politisch aktiv: Helene und Ansgar Klein treibt die Sorge um ihr Land. In Würselen treffe ich sie. Ich spreche mit den beiden Aktivisten über erkennungsdienstliche Behandlungen, verlängerte Arme und eine politische Sünde. Eine ihrer Aussagen – bezugnehmend auf die GRÜNEN-Parole "Für ein Deutschland ohne Armee!" von 1990: "Heute ist das Außenamt wieder 'grün' getüncht und handelt, wie es sich das US-Kriegskartell nicht besser wünschen kann, das Kriegskartell, das seit 1949 einen verlängerten Arm hat, die NATO! Wir sind schon lange in der Kampagne 'NATO raus – raus aus der NATO' aktiv und haben den 'Neuen Krefelder Appell' (PEACEappeal21.de), der diese Forderungen erhebt, mitinitiiert."


Helene und Ansgar Klein, fotografiert von Hannes Henkelmann


Stellen Sie sich doch bitte vor!

Wir heißen Helene und Ansgar Klein, sind beide Jahrgang 1937 und seit 59 Jahren verheiratet. Wir haben zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Wir leben seit 55 Jahren in Würselen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Aachen. Wir waren beide Gymnasiallehrer und sind seit 1999 pensioniert.

Sie könnten beide Ihren Ruhestand genießen, doch stattdessen sind Sie deutschlandweit im Widerstand unterwegs – zuletzt auf der Demowoche in Berlin. Was treibt Sie an?

Wir beide waren Anhänger der CDU, Adenauer geprägt. Doch der »Prager Frühling« und Alexander Dubceks »Sozialismus mit menschlichem Antlitz « haben uns aufgerüttelt, und seither treibt uns beide die Sorge um unser Land um. Im Wahlkampf 1969 haben wir für Willy Brandt geworben und sind aktive Mitglieder der SPD geworden, bis uns der Umwelt- und friedenspolitische Kurs der SPD veranlasste, 1981 die Partei zu verlassen. Ein Jahr später zählten wir zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Würselen. Der grausame Vietnamkrieg trieb uns zum ersten Mal auf die Straße. Bis heute ist »die Straße« für uns ein wichtiges Mittel des Protests geblieben.

Auf der von Ihnen betreuten Website www.ac-frieden.de dominiert das Thema Frieden & Freiheit. Sie wünschen sich unter anderem den Austritt aus der Nato. Diese Position ist bei den Grünen momentan nicht gerade en vogue. Sind Sie noch in der Partei?

Wir betonen bei jeder passenden Gelegenheit, dass es eine politische »Sünde« war, 1999, als Joschka Fischer, damals Außenminister, für den Nato-Krieg gegen Serbien trommelte, nicht bei den »Grünen« ausgetreten zu sein. Wir haben das erst Ende 2013 getan, als die »Grünen« der Stationierung von deutschen Flugabwehrraketen an der türkisch-syrischen Grenze zustimmten.

1999 waren wir mit der »Grünen«-Fraktion recht erfolgreich im Würselener Stadtrat tätig und nur am Rande an der Bundespolitik interessiert. Was heute so genannte Grüne vom Schlage Baerbock und Habeck in Berlin anstellen, ist abgrundtief von den »Vier Säulen « – ökologisch, gewaltfrei, sozial und basisdemokratisch – entfernt, mit denen die Partei Anfang der 80er Jahre angetreten ist. Noch 1990, als Ansgar für die Grünen im Landkreis Aachen für den Bundestag kandidierte, stand auf ihren Wahlplakaten: »Für ein Deutschland ohne Armee!«

Heute ist das Außenamt wieder »grün« getüncht und handelt, wie es sich das US-Kriegskartell nicht besser wünschen kann, das Kriegskartell, das seit 1949 einen verlängerten Arm hat, die NATO! Wir sind schon lange in der Kampagne »NATO raus – raus aus der NATO« aktiv und haben den »Neuen Krefelder Appell« (PEACEappeal21.de), der diese Forderungen erhebt, mitinitiiert.

2021 waren Sie Pfingsten zu den Protestaktionen in Berlin. Wie Videos zeigen, die damals im Netz rundgingen, hat die Polizei Sie recht robust behandelt. Können Sie schildern, was genau passiert ist?

Wir beide waren am 21. Mai nach Berlin gereist, um an den Pfingsttagen friedlich für die uneingeschränkte Wiederherstellung unserer Grundrechte einzutreten, die mit dem sogenannten 4. Bevölkerungsschutzgesetz vom 23. April 2021 verfassungswidrig eingeschränkt wurden. Was wir an diesen Pfingsttagen in Berlin erlebt haben, war die gewaltsame Unterdrückung sämtlicher friedlicher Proteste im Rahmen der Veranstaltung »Pfingsten in Berlin«, und das, was speziell uns beiden widerfuhr, hat uns hautnah gezeigt, wie tief unsere hochgepriesene »Freiheitlich-demokratische Grundordnung « gesunken ist. Bei den so genannten erkennungsdienstlichen Behandlungen durch die Polizei, die uns an diesem Tag gleich zweimal zuteil wurden, wurden wir behandelt wie Verbrecher.

Am Pfingstsonntagmorgen wollten wir im »Präsidentendreieck« in Moabit an einer Mahnwache teilnehmen. Obwohl bei der Mahnwache nur circa 200 Personen anwesend waren, wurde per Polizei-Lautsprecher durchgesagt, dass die Veranstalter die »Hygiene-Regeln« nicht durchsetzen könnten und daher die Versammlung aufgelöst werden müsse. Diese Auflösung mit anschließenden Festnahmen war offensichtlich von vornherein geplant, denn die Polizei war mit zahlreichen Mannschaftswagen, mindestens einem Gefangenentransportwagen und einer »mobilen Polizeistation « vor Ort. Noch vor der dritten Polizeidurchsage wurden wir beide – wir saßen auf einer Parkbank – von Polizisten am Arm gepackt und in Richtung Polizeistation gezerrt. Dort wurden nach langer Wartezeit »Verbrecher-Fotos« mit »Fahndungsplakat« vor der Brust von uns gemacht. Schließlich wurden wir mit Platzverweisen und der Androhung von Bußgeld »entlassen«.

Ähnlich erging es uns auch am Nachmittag auf dem Breitscheidplatz, wo eine Kundgebung stattfinden sollte. Kaum hatte der Redner einige Sätze gesprochen, wurde er von Polizisten gehindert, seine Rede fortzusetzen. In der Erwartung, dass die Kundgebung noch fortgesetzt würde, blieben wir vor Ort. Plötzlich wurden wir gewahr, dass wir von Hunderten Polizisten eingekesselt waren. Nach mehr als zwei Stunden wurden wir zur erkennungsdienstlichen Behandlung aus der Einkesselung zur mobilen Polizeistation herausgeführt. Es ist ganz offensichtlich, dass all diese repressiven Maßnahmen von Regierungen und Behörden, die unsere Freiheitsrechte mehr und mehr einschränken, den Protest gegen diese Maßnahmen derart erschweren sollen, dass er zum Erliegen kommt. Wir lassen uns davon allerdings nicht beeindrucken.


Erstveröffentlichung in der Wochenzeitung DEMOKRATISCHER WIDERSTAND, Ausgabe 102 vom 27. August 2022. Hannes Henkelmann ist Sozialarbeiter und Fotograf. Er führt die Alltagsinterviews er Wochenzeitung DEMOKRATISCHER WIDERSTAND.

Online-Flyer Nr. 798  vom 19.09.2022

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