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Aktueller Online-Flyer vom 29. November 2022  

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Krieg und Frieden
Offener Leserbrief zum Artikel "Putin, Erdogan und ihre Kriege" an die Redaktion der "zeitung gegen den krieg"
Unerträgliche blinde Staatstreue
Von Petra Scharrelmann

"Was den Artikel... unerträglich macht, ist seine propagandistische Sprache. Gewählte Staatsoberhäupter wie Bashir Assad... werden als Autokraten tituliert. Staaten, die sich dem US-amerikanischen Hegemonialdenken widersetzen, heißen 'Regimes', so viel blinde Staatstreue der VerfasserInnen enttäuscht mich maßlos!" Das schreibt Petra Scharrelmann in einem offenen Leserbrief an die Redaktion der "zeitung gegen den krieg". Soziologie- und Politikwissenschaftler Rudolph Bauer ergänzt: "Ich finde es bestürzend, wie sich die 'Zeitung gegen den Krieg' zur Zeitung für die Kriegstreiber gemausert hat." Diese Einschätzungen beziehen sich auf die zum Antikriegstag 2022 erschienene Ausgabe 52 der "zeitung gegen den krieg", die sich vorwiegend mit dem Krieg in der Ukraine befasst. Auf der Titelseite finden sich zwei Artikel - ein dreispaltiger von Reiner Braun beginnend mit den Feindbild bedienenden Worten "Der Krieg in der Ukraine, als völkerrechtswidriger Angriffskrieg Russlands,..." und daneben einspaltig einer mit der Überschrift "Putin, Erdogan und ihre Kriege" ohne Autorenangabe. Darauf bezieht sich Petra Scharrelmanns Leserbrief. Wer ist die Redaktion, die für die Zeitung und speziell diesen Artikel verantwortlich ist. Im Impressum der website ist darüber nichts zu finden. Aber dem Impressum der gedruckten Zeitung ist zu entnehmen: Reiner Braun und Winfried Wolf sind die Redakteure der "zeitung gegen den krieg". Als Redaktions- und Vertriebsadresse ist das "International Peace Büro" in der Berliner Marienstraße angegeben. Es folgt der Offene Brief von Petra Scharrelmann.


Titelseite von Ausgabe 52 der "zeitung gegen den krieg"

Liebe HerausgeberInnen der „zeitung gegen den krieg“, gerade halte ich die 52. Ausgabe der „zeitung gegen den krieg“ vom Herbst 2022 in der Hand und bin beeindruckt vom langen Atem und dem Engagement der HerausgeberInnen, als mein Blick an dem einspaltigen Artikel auf der ersten Seite hängenbleibt. Die Überschrift „Putin, Erdogan und ihre Kriege“ läßt mich stutzen. Es ist nicht das erste mal, daß ich in den letzten Monaten auf der ersten Seite einer Veröffentlichung der Friedensbewegung den Namen Erdogan lese. Ich bin kein Fan des türkischen Präsidenten, und an seiner Politik gibt es vieles zu kritisieren. Was mich irritiert ist die Prioritätensetzung. Ich lebe in Deutschland, Deutschland ist einer der größten Kriegstreiber in der Ukraine. Deutsche PolitikerInnen tun alles, damit der Krieg kein Ende findet, durch Waffenlieferungen aus Deutschland sterben täglich unschuldige Menschen. Die deutsche Politik richtet sich auch gegen die eigene Bevölkerung, der die Meinungsfreiheit genommen wurde, deren Wohlstand geraubt wird und die durch eine verantwortungslose und größenwahnsinnige Politik der Gefahr einer atomaren Eskalation ausgesetzt wird.

Davon lese ich in diesem Artikel aber nichts. Ich lese von Erdogan und Putin, die die Opposition ihrer Länder unterdrücken, aber nichts von einer Bundesregierung, die die freie Meinungsäußerung aller, die nicht auf der Seite der Selenskys stehen und die nicht gegen Putin frieren wollen, einschränkt und die Konten von Menschen, die für die falsche Seite jubeln, einfriert.

Ankara verfolgt die kurdische Freiheitsbewegung, das tut Berlin auch, obwohl diese nicht ihr Problem ist, da die KurdInnen keine Autonomie in Deutschland fordern. Darüber hinaus verfolgt Berlin aber auch noch die libanesische Hizbollah, die palästinensische Hamas und viele andere Freiheitsbewegungen. Rußland unterstützt in Syrien die legitime syrische Regierung, Deutschland islamistische Terroristen, die einen Kampf gegen Freiheit und Menschenrechte führen und dabei in den letzten Jahren zehntausende Menschen töteten und weiter töten.

Was die Redaktion der „zeitung gegen den krieg“ – da der Text nicht namentlich gekennzeichnet ist, muß ich davon ausgehen, daß es sich um einen Artikel der Redaktion handelt – stört, ist, daß die beiden namentlich genannten Staatsoberhäupter trotz teilweise konträrer Interessen, wie zum Beispiel in Syrien, gute diplomatische Beziehungen pflegen. Ich denke, daran könnte sich unsere Außenministerin ein Beispiel nehmen, sie hat nicht verstanden, worum es in der Außenpolitik geht, nämlich um Interessen und darum, diese auf diplomatischem Wege auszuhandeln. In Istanbul wurde gerade ein Abkommen zur Ausfuhr von Getreide getroffen, daß hilft, den durch die Sanktionen verursachten Hunger in der Welt zu lindern. Berlin will Rußland in die Knie zwingen, egal wieviel Menschen dabei sterben. Frau Baerbock wird nur dafür kritisiert, daß sie, die Wächterin über die europäischen Werte, Erdogan nicht dafür kritisiert, daß er sein Land nicht vom Gashandel mit Rußland abschneidet und somit der schon stark gebeutelten türkischen Wirtschaft den Todesstoß versetzt. Obwohl die Türkei ein wichtiger NATO-Partner ist, hat sie ihre eigenen Interessen nicht vergessen, Deutschland seine schon, darum darf unsere Wirtschaft jetzt für US-amerikanische Interessen den Bach runtergehen.

Verlogene Werte hat der Westen viele, wir machen weiterhin Geschäfte mit den USA, dem schlimmsten Kriegstreiber und Menschenrechtsverletzer, aber davon steht hier kein Wort. Menschen, die schon so lange in der Friedensbewegung aktiv sind, sollten wissen, daß es in der Außenpolitik nie um Werte geht, sondern immer nur um Interessen.

Was den Artikel darüber hinaus unerträglich macht, ist seine propagandistische Sprache. Gewählte Staatsoberhäupter wie Bashir Assad, der im letzten Jahr in, wie international bestätigt wurde, freien und demokratischen Wahlen mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt wurde, werden als Autokraten tituliert. Staaten, die sich dem US-amerikanischen Hegemonialdenken widersetzen, heißen 'Regimes', so viel blinde Staatstreue der VerfasserInnen enttäuscht mich maßlos!

Mein Ansinnen ist nicht das Wegsehen und Verschweigen, aber wir sollten auch nicht von dem ablenken, was die hiesige Politik tut. Es muß unser gemeinsames Anliegen sein, dafür zu kämpfen, daß dieser Krieg sofort beendet wird, dafür müssen wir die verbrecherische Kriegstreiberei Deutschlands einschließlich der wahnsinnigen Sanktionen gegen Rußland thematisieren.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Scharrelmann

Bremen, den 21. August 2022


Online-Flyer Nr. 797  vom 31.08.2022

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