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Aktueller Online-Flyer vom 07. Februar 2023  

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Kultur und Wissen
Es ist eine Illusion zu glauben, man könne gegen den Staat aufkommen
Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben
Von Rudolf Hänsel

Immer wieder erliegen Menschen der Illusion, dass sie auf die Straße gehen und Fensterscheiben einschlagen müssen, wenn ihnen Unrecht geschieht. Politiker aller Schattierungen fabulieren bereits von kommenden Volksaufständen und vom Bürgerkrieg. Dieses Aufbegehren gegen die Gewalt „von oben“ ist verständlich, weil Menschen sie nur schwer ertragen und sie ebenfalls mit Gewalt abwehren wollen. Hundert und mehr Jahre Geschichte haben jedoch gezeigt, dass der verspielt, der so dumm ist zu glauben, dass er gegen den Staat aufkommen kann. Der Staat ist gut gerüstet.

Eine pazifistische Welt kann nur durch eine tiefgreifende Änderung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse entstehen. Um dies zu erreichen, muss die Menschheit aber einen anderen Weg wählen als den der Gewalt. Bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs schrieb Albert Camus in sein Tagebuch: „Treiben Sie niemanden zum Aufruhr. Man muss mit dem Blut und der Freiheit der anderen schonend umgehen.“ Er empfiehlt, die Mitmenschen umfassend aufzuklären und als erstes Gebot Selbstbeherrschung zu lernen (1).

Toleranz ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Nachgeben. Sie ist eine Tugend, die Frieden ermöglicht. Hinzu kommt die Aufklärung und die Erziehung, eine gewaltige Aufgabe, die viel Zeit und Geduld benötigt: Die Menschen müssen sich selbst, ihre Natur, ihre Reaktionsweisen und die der anderen kennen lernen und damit zu „Antriebsriemen“ der Veränderung der Welt werden (2). Die Jugend braucht humane und mutige Vorbilder, um die Welt einmal in eine andere Bahn lenken zu können.

Ohne Zwang und Gewalt – in absoluter Freiwilligkeit

Nur indem sich die Menschen zusammensetzen und überlegen, wie sie die anstehenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme gemeinsam lösen können, wird die Menschheit weiterkommen und die Welt genesen. Auf freiwilliger Basis assoziieren sie gerne. Bereits das Kind kooperiert, wenn es nicht gezwungen wird. Zwang und Gewalt ersticken das natürliche Bedürfnis zur Mitarbeit. Dem Konzept der Freiheit muss dann jenes der Gewaltlosigkeit folgen.

Wieso sollten erwachsene Menschen nicht in der Lage sein, ohne Zwangsmaßnahmen wie genverändernde Impfungen oder freiheitsraubende Isolierung mit dem Problem eines Virus zurechtzukommen? Auch können sie mit überlegen, wie zwischenstaatliche Probleme ohne einen verheerenden Krieg gelöst werden können. Auf keinen Fall sollte die Lösung von Menschheitsproblemen an Politiker delegiert werden! (3)

Ein politisches Beispiel für unangebrachte Zwangsmaßnahmen war die russische Revolution. Dort haben die Bolschewiki das zaristische Prinzip der Gewalt, der Unterdrückung und des Zwanges angewandt, anstatt den humanistischen Weg zu wählen und die Menschen anzusprechen und frei zu lassen. Vielleicht hätte so der Zweite Weltkrieg verhindert werden können.

Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben

Diese bedeutende Aussage schrieb Albert Camus in seinen Tagebuchaufzeichnungen von 1939 Johann Wolfgang von Goethe zu (4). Aber wie auch immer: Vom 25. Oktober bis 16. November 1995 wurde auf der 28. Generalkonferenz der Mitgliedstaaten der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation) eine „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ verabschiedet, aus der im Folgenden nur auszugsweise zitiert werden kann. In der Präambel schreiben die Staaten der UNESCO:

„Entschlossen, alle positiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz in unseren Gesellschaften zu verbreiten – denn Toleranz ist nicht nur ein hochgeschätztes Prinzip, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker – erklären wir“:
  • „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt.“
  • „Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“
  • „Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung und Nachsicht.“
  • „In Übereinstimmung mit der Achtung der Menschenrechte bedeutet praktizierte Toleranz weder das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen.“
  • „Toleranz auf der Ebene staatlichen Handelns erfordert Gerechtigkeit und Unparteilichkeit in der Gesetzgebung, bei der Anwendung der Gesetze sowie in Justiz und Verwaltung.“
  • „In der heutigen Welt ist Toleranz wichtiger als jemals zuvor.“
  • „Toleranz ist notwendig zwischen einzelnen wie in Familie und Gemeinschaft.“
  • „Bildung ist das wirksamste Mittel gegen Intoleranz.“
  • „Erziehung zur Toleranz gehört zu den vordringlichsten Bildungszielen.“
  • „Wir verpflichten uns zur Förderung von Toleranz und Gewaltlosigkeit durch Programme und Institutionen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation.“ (5)
Camus: „Treiben Sie niemanden zum Aufruhr!“

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs schreibt Camus in einem Brief an einen Verzweifelten:

„Sie haben eine Aufgabe, zweifeln Sie nicht daran. Jeder Mensch besitzt einen mehr oder weniger großen Einflussbereich. Er verdankt ihn seinen Mängeln ebenso sehr wie seinen Vorzügen. Aber wie dem auch sei, er ist vorhanden und er kann unmittelbar genutzt werden. Treiben Sie niemanden zum Aufruhr. Man muss mit dem Blut und der Freiheit der anderen schonend umgehen. Aber Sie können zehn, zwanzig, dreißig Menschen davon überzeugen, dass dieser Krieg weder unabwendbar war noch ist, dass noch nicht alle Mittel versucht worden sind, ihm Einhalt zu gebieten, dass man es sagen, es wenn möglich schreiben, es wenn nötig hinausschreien muss! Diese zehn oder dreißig Menschen werden es zehn anderen weitersagen, die es ihrerseits weiterverbreiten. Wenn die Trägheit Sie zurückhält, nun gut, so fangen Sie mit anderen von vorne an.“ (6)

Die Jugend braucht humane und mutige Vorbilder

Um die Welt einmal in eine andere Bahn lenken zu können, braucht die Jugend humane und mutige Vorbilder. Das können zum einen die Eltern und Großeltern, zum anderen die Lehrkräfte sein. Doch zunächst müssen sich die Menschen selbst erkennen. Sie müssen sich ihrer Natur und ihrer psychischen Reaktionsweisen bewusst werden – und in einem nächsten Schritt auch die anderen Menschen erkennen (7).

Dieses Wissen können sich die Menschen in der Regel nicht einfach durch simple Lernprozesse aneignen. Um ihre gefühlsmäßige Einstellung zu ändern, sollten sie eine therapeutische Beziehung zu einem Psychotherapeuten, der ein wirklicher „Menschenkenner“ ist, eingehen. Durch eine Vertrauensbeziehung erlebt der einzelne Mensch Annahme und Mitgefühl. Die ermöglicht ihm, kränkende Erlebnisse aufzuarbeiten. Dadurch erlangt das Individuum eine verständnisvolle Sicht seiner selbst und seiner Mitmenschen.

Ein gestärkter und sich seiner selbst bewusster Erwachsener (ob Mutter, Vater oder Lehrkraft) ist dann ein geeignetes Vorbild für die zu ihm aufblickende Jugend. Ausgestattet mit einem gesunden Menschenverstand bringt er den Mut auf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, denkt für alle anderen mit, weil er keine Angst vor seinen Mitmenschen hat, sondern mit ihnen kommuniziert und kooperiert. Er unterwirft sich auch nicht gehorsam irgendeiner angeblichen Autorität, sondern bleibt sich und seiner Ethik treu. Er bekennt sich offen zur Gewaltlosigkeit, zum Frieden, zur Freiwilligkeit und zum Geist der Verantwortlichkeit in Familie und Gesellschaft und sieht im Gemeinsinn ein erstrebenswertes Ziel für alle Menschen.


Fußnoten:

(1) Marin, Lou (Hrsg.). (2013). Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960). Hamburg, S. 268 und 273
(2) https://www.globalresearch.ca/wer-die-welt-andern-will-muss-den-menschen-andern/5788261
(3) https://www.globalresearch.ca/die-losung-der-menschheitsprobleme-nicht-an-politiker-delegieren/5748759/
(4) Marin, Lou (Hrsg.). (2013). Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960). Hamburg, S. 268
(5) https://www.verbraucherschutzstelle.de/prinzipien_der_toleranz.htm/
(6) Marin, Lou (Hrsg.). (2013). Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960). Hamburg, S. 273
(7) https://www.globalresearch.ca/wer-die-welt-andern-will-muss-den-menschen-andern/5788261



English version:
It is an Illusion to Believe That One Can Raise Against the State
Tolerance is not synonymous with giving in

By Dr. Rudolf Hänsel

Time and again, people succumb to the illusion that they have to take to the streets and break windows when they are wronged. Politicians of all shades are already fantasising about coming popular uprisings and civil war. This rebellion against violence "from above" is understandable because people find it hard to bear and also want to fight it off with violence. However, a hundred and more years of history have shown that he who is so stupid as to believe that he can raise against the state will gamble away. The state is well equipped.

A pacifist world can only come about through a profound change in social and economic conditions. But to achieve this, humanity must choose a path other than that of violence. Already at the beginning of the Second World War, Albert Camus wrote in his diary: "Do not drive anyone to riot. One must be gentle with the blood and freedom of others." He recommends educating one's fellow human beings comprehensively and learning self-control as the first commandment (1).

Tolerance, however, is not synonymous with yielding. It is a virtue that makes peace possible. In addition, there is enlightenment and education, a formidable task that requires much time and patience: People must learn about themselves, their nature, their ways of reacting and those of others, and thus become "drive belts" of change in the world (2). Young people need humane and courageous role models to be able to steer the world on a different course for once.

Without coercion and violence – in absolute voluntariness

Only by people getting together and thinking about how they can solve the upcoming social and economic problems together will humanity progress and the world recover. On a voluntary basis, they like to associate. Even the child cooperates if it is not forced. Coercion and force stifle the natural need to cooperate. The concept of freedom must then be followed by that of non-violence.

Why shouldn't adults be able to deal with the problem of a virus without coercive measures such as gene-altering vaccinations or freedom-stealing isolation? They can also help think through how interstate problems can be solved without a devastating war. Under no circumstances should the solution of humanity's problems be delegated to politicians! (3)

A political example of inappropriate coercion was the Russian Revolution. There, the Bolsheviks used the tsarist principle of violence, oppression and coercion instead of choosing the humanist path and addressing the people and letting them go free. Perhaps the Second World War could have been prevented in this way.

Tolerance is not synonymous with giving in

Albert Camus attributed this significant statement to Johann Wolfgang von Goethe in his 1939 diary entries (4). However, from 25 October to 16 November 1995, the 28th General Conference of the member states of UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation) adopted a "Declaration of Principles of Tolerance", extracts of which can be quoted below. In the preamble, the UNESCO states write:

"Determined to take all positive steps necessary to spread the idea of tolerance in our societies – for tolerance is not only a highly valued principle, but a necessary condition for peace and for the economic and social development of all peoples - we declare":
  • "Tolerance means respect, acceptance and recognition of the cultures of our world."
  • "Tolerance is a virtue that makes peace possible and contributes to overcoming the cult of war through a culture of peace."
  • "Tolerance is not synonymous with yielding, condescension and indulgence."
  • "In accordance with respect for human rights, practised tolerance does not mean tolerating social injustice or abandoning or weakening one's convictions."
  • "Tolerance at the level of state action requires justice and impartiality in legislation, in the application of laws, and in the judiciary and administration."
  • "In today's world, tolerance is more important than ever before."
  • "Tolerance is necessary between individuals as well as in families and communities."
  • "Education is the most effective means against intolerance."
  • "Education for tolerance is one of the most urgent educational goals."
  • "We commit ourselves to the promotion of tolerance and non-violence through programmes and institutions in the fields of education, science, culture and communication." (5)
Camus: "Drive no one to riot!"

At the beginning of the Second World War, Camus writes in a letter to a desperate man:

"You have a task, do not doubt it. Every man possesses a sphere of influence, more or less. He owes it as much to his defects as to his merits. But be that as it may, it is there and it can be used immediately. Do not drive anyone to riot. You have to be sparing with the blood and freedom of others. But you can convince ten, twenty, thirty people that this war was neither inevitable nor is it, that all means have not yet been tried to stop it, that it must be said, written if possible, shouted out if necessary! These ten or thirty people will spread the word to ten others, who will in turn spread it. If inertia holds you back, well, start all over again with others." (6)

Youth need humane and courageous role models

In order to be able to steer the world in a different direction, young people need humane and courageous role models. These can be parents and grandparents on the one hand, and teachers on the other. But first people have to recognise themselves. They have to become aware of their nature and their psychological reaction patterns – and in a next step also recognise other people (7).

As a rule, people cannot simply acquire this knowledge through simple learning processes. To change their emotional attitude, they should enter into a therapeutic relationship with a psychotherapist who is a real "judge of character". Through a relationship of trust, the individual experiences acceptance and compassion. This enables him to work through offending experiences. Through this, the individual gains an understanding view of himself and his fellow human beings.

A strengthened and self-aware adult (whether mother, father or teacher) is then a suitable role model for the youth looking up to him. Equipped with common sense, he musters the courage to use his own mind, thinks for everyone else because he is not afraid of his fellow human beings but communicates and cooperates with them. He also does not obediently submit to any alleged authority, but remains true to himself and his ethics. He openly professes non-violence, peace, voluntarism and the spirit of responsibility in family and society and sees public spirit as a desirable goal for all people.


Footnotes:

(1) Marin, Lou (ed.). (2013). Albert Camus - Libertarian Writings (1948-1960). Hamburg, pp. 268 and 273
(2) https://www.globalresearch.ca/wer-die-welt-andern-will-muss-den-menschen-andern/5788261
(3) https://www.globalresearch.ca/die-losung-der-menschheitsprobleme-nicht-an-politiker-delegieren/5748759/
(4) Marin, Lou (ed.). (2013). Albert Camus - Libertarian Writings (1948-1960). Hamburg, p. 268
(5) https://www.verbraucherschutzstelle.de/prinzipien_der_toleranz.htm/
(6) Marin, Lou (ed.). (2013). Albert Camus - Libertarian Writings (1948-1960). Hamburg, p. 273
(7) https://www.globalresearch.ca/wer-die-welt-andern-will-muss-den-menschen-andern/5788261



Dr. Rudolf Lothar Hänsel ist Lehrer (Rektor a. D.), Doktor der Pädagogik (Dr. paed.) und Diplom-Psychologe (Dipl.-Psych. mit Schwerpunkt: Klinische-, Pädagogische-, Medien- sowie Individual-Psychologie). Viele Jahrzehnte unterrichtete er, bildete bei der BAYER-AG in Leverkusen Hochschulabsolventen fort, gründete in Köln zusammen mit Kollegen eine Modellschule für ehemalige Schulversager und leitete sie. An der Bayerischen Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung war er als Instituts-Rektor für die Ausbildung von Beratungslehrkräften für alle Schularten zuständig. Am Ende seiner Berufslaufbahn war er Staatlicher Schulberater für die Landeshauptstadt München. Als Pensionär arbeitete er viele Jahre als Psychotherapeut in eigener Praxis. In seinen Büchern und pädagogisch-psychologischen Fachartikeln fordert er eine bewusste ethisch-moralische Werteerziehung und eine Erziehung zum Gemeinsinn und Frieden.

Dr. Rudolf Lothar Hänsel is a teacher (retired headmaster), doctor of education (Dr. paed.) and graduate psychologist (Dipl.-Psych. with focus on clinical, educational, media and individual psychology). He taught for many decades, trained university graduates at BAYER AG in Leverkusen, and founded and ran a model school for former school failures in Cologne together with colleagues. At the Bavarian Academy for Teacher Training and Personnel Management, he was the institute director responsible for training guidance counsellors for all types of schools. At the end of his professional career, he was a state school counsellor for the state capital Munich. As a retiree, he worked for many years as a psychotherapist in his own practice. In his books and educational-psychological articles, he calls for a conscious ethical-moral values education and an education for public spirit and peace.




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