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Aktueller Online-Flyer vom 02. Juli 2022  

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Inland
Mit Franco "Bifo" Berardi verstehen, was Alena Buyx meint
Der Umbau
Von Olaf Arndt

Um es vorweg zu nehmen. Olaf Arndt ist ein radikaler Denker. Und er kommt zu radikalen Schlussfolgerungen. Sie lauten: "'Liebe' Kulturstiftung, 'lieber' Ethikrat! Sie haben aus meiner Sicht... ihre Berechtigung verwirkt, die Begriffe 'Kultur' und 'Ethik' im Namen zu führen. Ich spreche Ihnen... meine tiefe Verachtung aus. Ich streiche Sie aus dem Kreis der von mir geachteten Kulturverwalter, Mediziner und Philosophen. Treten Sie zurück! Und wir? Was sollen wir tun? Wir müssen einem Land, in dem solche Gedanken unwidersprochen verbreitet werden, die Gefolgsamkeit aufkündigen! Desertiert massenhaft aus dieser Gesellschaft, denn sie mündet in Vernichtung!" Wie er zu diesen Schlussfolgerungen kommt, ist seiner Analyse eines langen Interviews mit der deutschen Chefethikerin, das die Kulturstiftung des Bundes an Weihnachten 2021 publiziert hat, zu entnehmen. Hier ist sie zu lesen.

Realethik

Es gibt dieser Tage wohl kaum eine Frau, die so häufig zitiert wird in den Medien, wie die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx. Im zweiten Corona-Jahr 2021 wurde sie mit dem Deutschen Nationalpreis (1) „für ihren Einsatz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt während der Coronakrise" geehrt.

Buyx ist die Karlotta Lauterbach der Impfpflicht-Empfehlung. Wäre sie ein Mann, würde sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre Fliege ablegen, um der Jugend besser zu gefallen. Ihr Denken ist auf der Höhe der Zeit – oder müsste man statt "denken" vielleicht besser "reden" sagen?

Wegen der Diffamierung der Kritiker der Impfpflicht haben vier Mitglieder des Ethikrates Frau Buyx und den übrigen Befürwortern einen "Tunnelblick" (2) attestiert.

"Die Sorgen bezüglich einer Spaltung der Gesellschaft sind ernst zu nehmen." heißt es auf Seite 19 der Ad-hoc-Empfehlung zu einer allgemeinen gesetzlichen Impfpflicht vom 22. Dezember 2021. Aber so ernst sind ihre Sorgen wohl auch wieder nicht, insbesondere wenn Umsatzeinbußen bei den Pharmakonzernen drohen, weshalb es auf Seite 14 derselben Empfehlung heißt: "Gerade wenn der qualitative Impfschutz sinken sollte, gelte es, den quantitativen Aspekt des Impfschutzes – möglichst hohe Impfquoten – voll auszuschöpfen."

Überhaupt scheint Frau Buyx eine große Befürworterin des vollen Ausschöpfens zu sein. Das stellt sie Zeile für Zeile in ihrem aktuellen Interview in Nr. 37 (3) der Hauszeitung der Kulturstiftung des Bundes klar.

Ethik gilt ihr, die sie durchweg einen wirtschaftsnahen Diskurs pflegt, als weithin parametrierbar. Effizienzbasiert soll sie sein, zielorientiert und krisenfest. Sie nennt das "Realethik". Keine idealistische Utopie, sondern praktisch ein Produkt, für das sich jeder vernünftige Mensch entscheiden würde. Sind wir nicht alle Realos, wenn es uns an den Kragen geht? Oder wenn wir die große Chance wittern? Man denkt an Brecht. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Die mutagene Prothese

Als mir kurz vor Weihnachten - also exakt zeitgleich mit der Veröffentlichung der Impf-Empfehlung – die Hauszeitung der Kulturstiftung des Bundes ins Haus flatterte, saß ich gerade an der Übersetzung eines Textes des italienischen Philosophen Franco “Bifo” Berardi (4) über "Massendefätismus als Mittel zur Veränderung unserer Gesellschaft".

Unter dem Titel „Das Unvorstellbare“ (5) heisst es mit Bezug auf COVID, den “Angriff der Natur”:

“Zunächst fühlten wir uns als ein bedrohter Körper vereint.

Dann griff die Technik ein … und brachte die chemisch-algorithmische Formel eines Impfstoffs hervor, der eigentlich kein Impfstoff ist, sondern eine mutagene Prothese, die in unser Immunsystem eingesetzt wird. Innerhalb weniger Monate folgte die Herstellung von Ampullen, Seren, Behältern – kurzum, die gesamte industrielle Kette, die Schutz und Immunität verfügbar macht.

Wir sind also in die zweite Phase des viralen Zeitalters eingetreten. Die Haltung der Menschen gegenüber den Menschen hat sich geändert. Sie leiden nun nicht mehr gemeinsam unter dem Angriff der Natur, sondern konkurrieren um die Macht über die Impfstofftechnik.
...
Von diesem Moment an ist die Geschichte der ehemaligen menschlichen Rasse vorbei.

Die Geschichte der Herde beginnt. Es ist eine Geschichte der Unterwerfung unter die höhere Macht der Immun-Reprogrammierung, die entscheidet, wer es verdient, als Sklave zu überleben und wer es verdient, ausrangiert zu werden.”

Die Ämterhäuferin


Unter dem Eindruck von Berardis "paradoxer Strategie" las ich die Postille der regierenden Kultur mit anderen Augen.

Wenige Leser – außer den Künstlern – werden die Kulturstiftung des Bundes kennen: sie ist der Geld-spendende Arm des Beauftragen des Großkanzlers Scholz für Kultur und Medien, kurz BKM genannt.

Kurz vorab auch noch einige biografische Anmerkungen zu Dr. med. Buyx. Sie ist Expertin für “experimentelle Medizin” (ehemalige Co-Direktorin des gleichnamigen Instituts in Kiel) (6) und Professorin für “Ethik und Medizin der Gesundheitstechnologien” an der TU München. Die gebürtige Niedersächsin ist 45 Jahre alt und hat zwei Kinder mit dem Österreicher Josef Lentsch, dem Leiter der Berliner Zweigstelle der Wiener Agentur für politische Beratung. Buyx berät die Bundesregierung “zum Krisenmanagment der Corona-Pandemie” und ist seit Mai 2020 Vorsitzende des Deutschen Ethikrates (7). Bei der WHO ist sie seit 2019 in einer Arbeitsgruppe für “genome editing” zuständig. Seit 2020 ist sie Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (8). Seit 2021 nun auch noch Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (9). Was für eine respektable Ämterhäufung!

In einem Roman von John Sladek ("Alien Accounts") habe ich gelesen, dass Ämterhäufung das Hauptmerkmal sei, an dem man die rückgratlose Ämterschnecke erkenne. Diese kaltblütige bleiche Nacktschnecke sei das einzige Meereswesen, das ohne Wasser auskommt. So könne man es ihr nicht abgraben.

Sladek führt weiter aus, wir hätten es bei den Ämterschnecken mit einer "Verschwörung derjenigen zu tun, die keine Seelen haben“ und die deswegen „in Wirtschaft und Regierung stets in die höchsten Positionen aufsteigen, wo sie sich anschicken, die Seelen anderer abzutöten.“

Zurück zur Publikation der Kulturstiftung des Hundes, wie sie in Kreisen kritischer Künstler bisweilen ironisch genannt wird.

Der Interviewer ist nicht etwa ein Künstler, denn die hallenser Stiftung ist offenkundig nur noch nominell mit Kunst und Kultur befasst. Sie hat bereits seit vielen Jahren eine eigene Kultur der sog. Initiativprojekte entwickelt, mit denen sie dem Staat genehme Themen als unabdingbare Fördervoraussetzungen für Kunstprojekte etabliert.

Mit der Nummer 37 ihres Hausmagazins wird nun ihre neue Rolle als kulturell getarnter Arm der Bundeszentrale für politische Bildung offenkundig.

Die Kultur der "Ökonomik"

Um die Ziele der Corona-Kommunikation der Bundesregierung maßgenau einzuhalten, hat man vom Risiko der Wahl eines womöglich unabhängig denkenden Künstlers als Fragensteller abgesehen und Frau Buyx mit einem Ökonom sprechen lassen. Ökonomie ist ja ohnehin unsere stärkste Kultur.

Der Fragensteller Robert Lepenies ist ausweislich der Kurzbiographie unter dem Interviewtext Professor für “heterodoxe und plurale Ökonomik” an der Karlshochschule in Karlsruhe. Drei Worte, drei Fragezeichen.

Mir fällt der Witz ein, dass am Hauptbahnhof Berlin ein Visitenkartendrucker stünde, an dem eilige Kunden auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch schnell zum Ziel kommen. Unter der Namenszeile biete der Drucker ein Feld für eine obligatorisch dreiteilige, englischsprachige Berufsbezeichnung wie “junior webdesign consultant” – die pompöse Null.

Sollbruchstellen

Um was geht es nun in dem Gespräch? Das umfängliche Transkript ist kein Interview im engeren Sinn. Der Fragesteller assistiert der Befragten durchweg, ist hilfreicher Stichwortgeber. In einigen Fällen, in dem ihm die Gesprächspartnerin nicht scharf genug ist, radikalisiert er sie sogar. Wenn Frau Buyx beispielsweise von einer fiktiven Institution spricht, die es zu schaffen gilt, um uns "von einem ruhigen Alltagsmodus" im Nu in einen "Krisenmodus" zu versetzen, sekundiert er: "Sie meinen, wir brauchen einen weitreichenden Umbau der Institutionen für den Ernstfall?"

Das Gespräch steht insgesamt im Zeichen der “Sollbruchstellen kommender Krisen”. Bereits die Anmoderation der Magazinherausgeber ventiliert die “Chancen institutioneller Veränderungen im Krisenmodus”: was könnten geeignete Maßnahmen sein zur notwendigen “Anpassung (unseres) gesellschaftlichen Verhaltens”?

Wer sich von dem an sich schon hinlänglich eingetrichterten dystopischen Diskurs nicht abschrecken lässt (“kommende Krisen” = es kommen gewiss noch viele – ohne zu fragen, wer sie macht; “Umbau” = du musst dich verändern, sonst wirst du verschwinden; “Sollbruchstelle” = alles wird kaputt gehen, weil es so vorgesehen ist), wird allerdings schwer verschreckt, wenn er liest, was im Kopf einer hauptberuflichen, regierungsnahen Ethikerin vorgeht.

Die “liebe Frau Buyx” (Lepenies) – um es gleich vorwegzunehmen – denkt, laut Selbsteinschätzung, “realethisch” (S. 13).

Was mag das bedeuten? Wenn bei der klassischen Ethik das moralische Handeln im Zentrum steht, muss wohl analog bei der “Realethik” der Frau Buyx das Amoralische zulässig sein, wenn es denn nützt. So sagt sie schlussrichtig im Interview gegen Ende auch, das sittliche Verständnis (so die direkte Übersetzung des Wortes Ethik) sei stets im (nationalen) Kontext zu betrachten: “Im Staatswesen geht die eigene Bevölkerung ganz klar vor den distant others.”

Wie deutsch kann Ethik sein?

Dazu kommt mir ein Bild aus Berardis “Resigniert massenhaft!” (10) in den Sinn. Er sieht den sprichwörtlichen alten weißen Mann, der sich “Injektionen, Injektionen, Injektionen”, eine nach der anderen reinjagt, ein hässlicher bleicher Junkie, dem der globale Süden schnuppe ist.

Solche Gedanken darf man also haben und äußern, wenn man Mitglied des Ethikrates ist. Damit keine Missverständnisse entstehen, sagt Frau Buyx auch klipp und klar: die Betonung läge auf “Deutscher" Ethikrat.

Bis hier hin habe ich gut durchgehalten. Aber an dieser Stelle muss ich erwähnen: Frau Buyx ist knallblond und stinkreich.

Zur Ermittlung der Haarfarbe diente mir das Internet (11). Die Auskunft über ihre Gehaltsklasse liefert sie selbst.

Auf die Frage “Zu welchen gesellschaftlichen Gruppen und zu welchen Ängsten haben sie denn einen besonderen Zugang?” antwortet sie keck:

“Ich war im positiven Sinne von vielen Angstkulissen isoliert. Unsere Wohnung war nicht winzig klein.”

Ja, das muss man wohl bestätigen: in der Ausgangssperre ist eine weitläufige Wohnung äußerst “positiv”!

Auch junge erfolgreiche Frauen können alte weiße Männer sein.

Das Projekt Angst

Ich will nicht zu viel verraten von dem, was im übrigen Gespräch gesagt wird. Es lohnt, es einmal selbst zu lesen, um zu wissen, wohin “unser Zug” fährt.

Doch zwei Dinge liegen mir sehr am Herzen. Ich kann nicht schließen, ohne auf sie zu verweisen.

Frau Buyx ist eine ausgeschlafene Formulierungskünstlerin und beherrscht die Rhetorik der “fear campaign” (12) wie kaum jemand sonst. Das Gespräch ist von Angst-Metaphern gerahmt, alle zentralen Kampagnen-Stichworte fallen gleich eingangs (Bergamo, Triage, “eigene Angst hat die Funktion, auf den Ausnahmezustand zu verweisen”, nicht zu vergessen die Erwähnung der  brandgefährlichen Narrative der Corona-Leugner).

Zum Schluß zieht sie noch einmal alle Register ihre Redekunst. Sie benutzt die Figur der Verneinung, um Angst zu schüren.

Sie sagt: “Ich bin niemand, die sagt: Uns stehen jetzt Krisen ins Haus, die noch viel schlimmer werden als das hier. Das wäre Katastrophisieren. … Aber ja, so etwas wird wieder passieren, das war nicht die letzte Pandemie.”

Das ist schon sehr pfiffig, wie sie das macht. Sie streicht dabei gleich noch den Vorzug der “Krise” heraus: Pandemie, das sei ein gewaltiger “Innovationsschub”. Wir profitieren von der Katastrophe. Diesmal waren die “weltbesten Logistiker” aus Deutschland noch nicht federführend bei der Bewältigung der Krise beteiligt, aber diese “absoluten Spitzenunternehmen” (sic!) werden eine “Art Task Force” aufstellen und sollten damit “jenseits von Legislaturperioden” künftig über ausreichende “Durchgriffsmöglichkeiten verfügen” (sic!), um die “Quadratur des Kreises” zu bewirken.

Sozialer Erstickungstod

Wohin führt solche Rhetorik? Um zu erkennen, dass unsere Demokratien derzeit in Windeseile, sozusagen im Vorbeigehen demoliert werden, man muss gar nicht so weit gehen wie die ex-Harvard-Professorin Soshuana Zuboff in ihrem Essay für Focus. Sie vermutet, dass wir "das Objekt einer geheimen Ausbeutungsmission" (13) sind. Doch so geheim ist die Sache gar nicht. Denn die Konzerne, denen Frau Buyx hier das Wort redet, den deutschen Logistikern und Experten, deren aktive Beteiligung an der Bewältigung der Krise sie vermisst, sind per Definition ohne Gewissen.

Was Buyx fordert, ist unter dem Strich eine streng national ausgerichtete Wirtschaftsförderung bei gleichzeitiger Kommerzialisierung aller pandemischen Geschäfte. Der freie Markt wird es richten. Das ist die klassische Denkfigur des Wirtschaftsliberalismus. Der Staat tritt beiseite oder öffnet vielmehr die Tür für seine Unternehmer.

Doch was passiert mit den anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft? Den "coronabedingt" pleite gegangenen Einzelhändlern und beschäftigungslosen Soloselbständigen? Mit den Künstlern, die am Tropf der "Corona-Soforthilfe" hängen und ihre Selbstachtung hintanstellen und die Almosen nehmen, um nicht unterzugehen? Denn wer wäre schon in der Lage, sich ein schönes 2G-Kunstwerk fördern zu lassen von der Kulturstiftung des Bundes, die ihm hier den buyxschen Sonderweg weist?

Es ist immer noch und immer wieder so, wie es Victor Hugo 1862 in "Die Elenden" (14) formulierte:

"Solange nach Gesetz und Sitte eine soziale Verdammnis besteht, die künstlich inmitten der Zivilisation Höllen schafft und das Schicksal ... mit menschlichen Unheil mischt, solange die ... Probleme des Jahrhunderts nicht bewältigt sind, solange in gewissen Gegenden der soziale Erstickungstod möglich ist, oder, mit anderen Worten… solange es auf Erden Unwissenheit gibt und Elend, werden Schriften (wie diese) nicht ohne Wert sein."

In die Metaphern der Gegenwart übersetzt: Solange das "Long-COVID das sozialen Geistes" (Bernardi) anhält, besteht keine Chance auf Veränderung der Verhältnisse.

Solange alle gehorchen, weil sie hoffen, dass es aufhört und nicht verstehen, dass solange sie gehorchen, es nie aufhören wird, solange werden die rückgratlosen Schneckenwesen regieren.

Das "günstige Gelegenheitsfenster"

Womit wir beim zweiten Thema wären: dem Umbau unserer Gesellschaft nach der Fasson von Frau Buyx, die Ethik in den Rahmen von “Ökonomik” stellt.

Sie leitet das Motiv auf Seite 12 mit einem Zitat von David Rockefeller ein, ohne es als Zitat kenntlich zu machen. Sie sagt: “Wir haben jetzt ein günstiges Gelegenheitsfenster, um uns neue Strukturen zu schaffen. Das muss man nutzen.”

Rockefeller sagte in seiner umstrittenen und oft als “deep fake” bezeichneten Rede vor dem Business Council der United Nations am 14. September 1994: “We are on the verge of a global transformation. All we need is the right major crisis and the nations will accept the new world order. But this present window of opportunity… will not be open for long.”

Nun gut, selbst wenn das oft zitierte Rockefeller-Wort – zumindest teilweise – eine Fälschung wäre, so klingt doch “günstiges Gelegenheitsfenster” ziemlich exakt wie die holprige google-translate-Übersetzung von “window of opportunity” und “Das muss man nutzen.” scheint mir doch recht ähnlich wie “will not be open for long.”

Warum Buyx ausgerechnet dieses Zitat benutzt, obwohl es in der Literatur als beständiger Beleg für das “Narrativ” der Verschwörungstheoretiker (“new world order”) gilt, oder ob sie diesen Gedanken genau in dieser Form selbst gedacht hat, ist mir nicht recht klar. Aber angesichts der zuvor aufgezeigten Gerissenheit der übergreifenden Konzeption ihrer Antworten mag ich nicht an Zufall glauben. Es ist eher ein offenes Kokettieren mit autoritärem (Berardi würde sagen “nazi-liberalem”) Gedankengut.

Der no-brainer

Dieser Eindruck bestätigt sich nur zwei Zeilen später. Frau Buyx möchte das Bundesgesundheitsamt (15) wieder einführen. Sie hält diese Idee für einen “absoluten no brainer” (im Original kursiv, soll heißen: Zaudert nicht! Denn darüber gibt es kein Nachdenken!).

Das Bundesgesundheitsamt ist – wie schon zu vermuten war – tatsächlich die Nachfolgeorganisation des Reichsgesundheitsamtes und wurde von keinem Geringeren als Dr. Helmuth Kohl wegen schwerwiegender Fehler aufgelöst. Das ist offenbar der Typus von Historie, der Frau Buyx gefällt.

Nicht etwa, dass sie vorschlägt, etwas radikal Neues, ein Anti-COVID-Amt oder eine Pandemie-Präventionsinstitution, zu erfinden. Nein, es muss gleich die einzige Behörde sein, die je wegen Inkompetenz aufgelöst wurde.

Buyx sagt: “Es ist nun offensichtlich geworden, dass wir sie (die Institution Bundesgesundheitsamt) gebraucht hätten…”

Wen? Das Amt, das am 30. Juni 1994 nach fast 600 Toten infolge HIV-verseuchter Blutpräparate seinen Dienst beenden musste? Ein Amt, das schon wankte, weil es just zuvor einen Skandal hinter sich gebracht hatte, da Warnungen vor gesundheitsschädlichen Holzschutzmitteln unterblieben, die in seinen Zuständigkeitsbereich gefallen wären? Ein Amt, dessen Vorgängerorganisation (16) zwischen 1933 und 1945 die Rassenpolitik der Nationalsozialisten umsetzte, indem es Zwangssterilisationen anordnete?

Was steht uns da – selbstredend nach deutsch-gründlicher Reformation des Amtes durch den Wirtschafts-“Liberalismus” und unter den Auspizien des Deutschen Ethikrates – ins Haus?

Ein ganz besonders effizientes Zwangsanordnungsorgan – eine pandemic response force?

“Liebe Frau Buyx”, sind Sie wirklich sicher, dass “nun offensichtlich geworden” ist, dass wir genau dieses Amt jetzt wieder brauchen?

Liebe Kulturstiftung des Bundes, liebe Hortensia Völckers, sind Sie in Ihrem Amt wirklich so geschichtsvergessen, dass Sie jemandem wie Frau Buyx ein Forum bieten, ihre Visionen über die “Anpassung (unseres) gesellschaftlichen Verhaltens” zu verbreiten? Einer Frau, die auf ihre luxuriöse Wohnung stolz ist und als einzigen konkreten Vorschlag für den angeblich höchst notwendig anstehenden “Umbau unserer Institutionen für den Ernstfall” die Wiedereinführung eines Amtes vorschlägt, das wie kein zweites die Würde und Unversehrtheit der Menschen angetastet hat in vergangenen Epochen?

“Liebe” Kulturstiftung, “lieber” Ethikrat! Sie haben aus meiner Sicht mit der Verbreitung solchen Gedankengutes ihre Berechtigung verwirkt, die Begriffe “Kultur” und “Ethik” im Namen zu führen. Ich spreche Ihnen für die Veröffentlichung meine tiefe Verachtung aus. Ich streiche Sie aus dem Kreis der von mir geachteten Kulturverwalter, Mediziner und Philosophen. Treten Sie zurück! Und wir? Was sollen wir tun? Wir müssen einem Land, in dem solche Gedanken unwidersprochen verbreitet werden, die Gefolgsamkeit aufkündigen!

Desertiert massenhaft aus dieser Gesellschaft, denn sie mündet in Vernichtung!


Fußnoten:

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Nationalpreis
2 https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ethikrat-darum-stimmten-vier-mitglieder-gegen-corona-impfpflicht-17698695.html
3 https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/magazin/magazin_37/sollbruchstellen....html
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Franco_Berardi
5 https://not.neroeditions.com/linimmaginabile/
6 https://www.medizin.uni-kiel.de/de/einrichtungen/klinisch-theoretische-institute/institut-fuer-experimentelle-medizin?set_language=de
7 https://www.aerztezeitung.de/Politik/Aerztin-Alena-Buyx-steht-dem-Ethikrat-vor-409895.html
8 https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Akademie_der_Wissenschaften_Leopoldina
9 https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Akademie_der_Technikwissenschaften
10 https://olaf.bbm.de/resigniert-massenhaft
11 Bildersuche: https://duckduckgo.com/?q=alena+buyx&t=newext&atb=v1-1&iax=images&ia=images
12 https://www.globalresearch.ca/the-2020-worldwide-corona-crisis-destroying-civil-society-engineered-economic-depression-global-coup-detat-and-the-great-reset/5730652
13 https://www.focus.de/magazin/archiv/monopole-wir-sind-das-objekt-einer-geheimen-ausbeutungsmission_id_29199858.html
14 https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Elenden
15 https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesgesundheitsamt
16 https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserliches_Gesundheitsamt


Olaf Arndt ist Autor und Gründer der Maschinenperformancegruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen). Seine Romane "Unterdeutschland" (2021) und "Kaisergabel" (2022) sind bei mox&maritz Bremen erschienen. Auf seinem blog olaf.bbm.de hat er die 1911 gegründete Zeitschrift DIE AKTION wieder aufleben lassen. Dort wird der zuvor erwähnte vierteilige Text von Franco Berardi sukzessive in Deutsch veröffentlicht. Teil 1 steht bereits online: olaf.bbm.de/resigniert-massenhaft.


Siehe auch:


Der Roman "Unterdeutschland" von Olaf Arndt kommt gerade zur rechten Zeit
Empfehlenswerte Corona-Lektüre
Von Rudolph Bauer
NRhZ 764 vom 24. März 2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27328

Online-Flyer Nr. 784  vom 12.01.2022

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