NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2021  

zurück  
Druckversion

Literatur
Auszug aus dem Roman
Vom letzten Tag ein Stück (2)
Von Ute Bales

Im Roman "Vom letzten Tag ein Stück" von Ute Bales geht es ums Fortgehen und Bleiben und um den Verlust der einzigartigen Vulkanlandschaft der Eifel. Seit Jahrtausenden prägen Vulkane und Maare das Landschaftsbild der Vulkaneifel. Gesteinsabbau hat es dort immer gegeben. Der frühere Abbau, z.B. mit Pferdefuhrwerken, ist allerdings mit dem Ausmaß des heutigen Abbaus durch Sprengungen und tonnenschwere Bagger nicht zu vergleichen. Ziel ist es, Lava, Basalt und Bims in immer größeren Mengen und in immer schnellerem Tempo u.a. als Baustoffe für den Straßenbau zu gewinnen. Die Gesteine werden zu billigen Preisen in die ganze Welt verschifft. Durch den intensiven Abbau der letzten Jahrzehnte ist das Landschaftsbild vielerorts erheblich gestört. Millionen Tonnen Lava und Basalt werden jährlich in der Eifel abgebaggert. Kaum einer der Vulkane in der Region zeigt sich ohne Beschädigung. Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden 40 bis 50 Vulkankegel komplett verschwunden sein bzw. mit minderwertigem Bauschutt wieder aufgefüllt. Zurück bleiben riesige Krater in einer ausgeschlachteten Landschaft. Eine Reduzierung der Abbauflächen ist nicht absehbar. Die Belastung für die Landschaft ist extrem. Die Berge sind gigantische Wasserspeicher. Der Abbau gefährdet nicht nur die berühmten Mineralwasserquellen, sondern auch das Trinkwasser. Tiere, Insekten und Vögel verlieren ihre Lebensgrundlage. Naturschützer und Wissenschaftler befürchten dramatische Auswirkungen auf das Klima. Die Tourismusbranche sieht sich in ihrer Existenz gefährdet. Die Menschen verlieren ihre Heimat, ihre Identität, ihre Geschichte. Die NRhZ bringt Auszüge aus dem Roman. Nachfolgend Auszug 2:


Abbau der Vulkaneifel (Foto: arbeiterfotografie.com)

Je älter wir wurden, desto ähnlicher wurde Bertram seinem Vater. Er war es gewöhnt, seine Kleider aufzutragen, Essensreste wieder aufzuwärmen und jegliches  zu verwerten. Dies nicht nur, wie bei uns, aus Gründen der Sparsamkeit. Bei ihm war es eher  so etwas wie eine Lebenseinstellung.

Vom Sperrmüll schleppte er alles Mögliche nach Hause. Mit allem konnte er etwas anfangen oder er hob es auf, bis er es gebrauchen konnte. In seinem Schuppen türmten sich Dosen mit alten Schrauben, gefundenen Brettern und Werkzeug von der Mülldeponie.

Er war zwei Jahre älter als ich. Wir gingen beide aufs Gymnasium, von dem er meinte, dass es ihn von allen wichtigen Dingen abhielt. Pro Woche vier Stunden Englisch bei Fräulein Brämer, eine Doppelstunde Erdkunde bei Linnerth, den wir Schorsch nannten, vier Stunden Mathe bei Andersch und sechs Stunden Deutsch im Leistungskurs bei Noell. Die anderen Fächer waren zu vernachlässigen. Außer Kunst vielleicht, aber der Kunstlehrer mochte mich nicht, weil ich mal einen Franz Marc gefälscht und er mich beim Versuch, das Gemälde auf einem Flohmarkt als echt zu verkaufen, erwischt hatte.

Die Lektüren, die wir im Deutschunterricht lasen, interessierten uns. Effi Briest bewerteten wir als literarisch mäßig, Wilhelm Tell als unglaubwürdig, Maria Stuart als gute Story, aber leider passé. Der von Armut geplagte und von seinen Mitmenschen diskriminierte Franz Woyzeck hingegen war unser Held. Er löste Diskussionen aus. Wir zogen Parallelen zu den Ausgebeuteten von heute, kritisierten die Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt und endeten bei der Massentierhaltung. Das alles war für uns Franz Woyzeck.

So wie Bertram, so hasste auch ich die Physik- und Mathestunden. Lieber drehte ich mich  zum Fenster, beobachtete, was auf dem Schulhof vor sich ging, folgte dem Lauf der Fliegen auf der Scheibe, las Comics unter der Bank oder kritzelte Pfeile, Zickzacklinien oder Frauengesichter mit schwarzen Augen auf die herausgerissenen Seiten meines Spiralblocks. Wichtig waren die Bücher, das Denken, das Schreiben und Bertrams Gitarre. Gedichte von Brinkmann verbinde ich mit dieser Zeit, von Paul Celan, Ingeborg Bachmann. Besonders aber Hesses Siddharta, die Geschichte eines indischen Brahmanen, der sein Leben der Suche nach Erleuchtung widmete, sich dazu in Meditationen versenkte und schließlich unter einem Feigenbaum begriff, was das Leben von ihm wollte. Das Buch beeindruckte uns zutiefst. Es stellte einige festgeschraubte Lehren in Frage. Viele Sätze unterstrichen wir. Etwa die Stelle, in der Siddharta lernte, auf einen Fluss zu hören und ihn zu beobachten, wobei er feststellte, dass sich der Fluss ständig wandelte und doch immer derselbe blieb.

Man kann sagen, dass Bertram seine Zeit oft mit Nichtigkeiten füllte. Überhaupt tat er kaum etwas, womit er jemandem genützt hätte und doch war er nicht müßig. Gerne lag er auf der Wiese in der Sonne, rauchte, hörte über sein Batterieradio den Pop Shop mit Frank Laufenberg oder kickte mit der Dorfjugend auf dem Bolzplatz.

Schon als Kind spielte er Gitarre und Klavier. Später gab er gelegentlich Musikstunden. Damit verdiente er so gut wie nichts, aber er brauchte auch nicht viel. Er fand, dass zwei Monate Arbeit im Jahr ausreichten, um über die Runden zu kommen und war sicher, dass niemand im Schweiße seines Angesichts seinen Unterhalt verdienen müsse. Wenn er über Arbeit sprach, hatte er immer einen leicht spöttischen Gesichtsausdruck. Auch zu Geld hatte er ein merkwürdiges Verhältnis. Ich fragte ihn einmal, ob er sich vorstellen könnte, ohne Geld zu leben. Da verzog er das Gesicht, meinte, dass man ohne Geld ständig etwas tauschen müsste, was aufwändig wäre, weswegen Geld also eine bequeme Sache sei, die andererseits, und das hielt er für fatal, alles auf diesem Globus bewege, da die Menschen sich immer nur nach Arbeit und Geld orientierten. Andererseits sei Geld ein Mittel der Toleranz, weshalb niemand darauf verzichten sollte. Geld sei nämlich toleranter als jede Kultur und jedes Gesetz. Es sei das einzige von Menschen geschaffene Mittel, das fast alle Kulturbarrieren überwinden könne und nicht nach Religion, Geschlecht und Rasse frage.

Hin und wieder half er auf dem Hof. Aber immer nur so, wie es ihm gefiel. Bertram war einer, dem man nichts aufzwingen konnte. Da war er einfach nicht zu greifen.

Druck hielt er nicht aus. Etwas zu müssen, lehnte er ab. Keiner muss etwas, davon war er überzeugt. Er ließe sich nicht verschlingen, von nichts und niemandem, weshalb er verachtete, was ihm von oben diktiert wurde. Du musst nichts, du kannst. Wer einer Herde hinterher läuft, läuft Ärschen hinterher. Das waren seine Sätze.

Auch bei Machtverdacht machte er zu. Mir wünschte er, dass ich eine Freidenkerin werden und bleiben solle. Dass ich aber aufpassen müsse, denn kein Staat der Welt wolle unabhängige Menschen, sondern Steuerzahler. Das war typisch für ihn.

Bertram wartete ab. Ließ alles auf sich zukommen. Wo seine Ruhe herrührte, war mir unbegreiflich. Er lernte nicht für Prüfungen, versuchte nicht, jemandem zu gefallen, kam nie oder jedenfalls selten in Hektik. Im Gegensatz zu mir, der man einiges aufschwätzen konnte, war er nahezu immun gegen die Versprechungen der Werbung, glaubte den überall einsickernden Botschaften der Medien nicht. Was er beherzigte, war die Regel, so zu handeln, wie man gerne selbst behandelt werden wollte. Darüber dachte er häufig nach und überprüfte sich.

Oft schien es mir, als ob er über den Dingen schwebe, alles schon erlebt habe, alles schon kenne. Seine Gelassenheit brachte mich manchmal dazu, ihn anzuschreien. Aber sogar meine beleidigte Miene ließ ihn kalt. Überdies war er manchmal übellaunig und streitlustig, stellte alles in Frage, engagierte sich für etwas mit wortreicher Begeisterung, um sich kurz darauf wieder davon abzuwenden. Er hatte so eine Art, die Stirn zu runzeln und dazu zu schweigen, wenn immer jemand etwas tat, das ihm nicht gefiel. Wie Goethes Mephistopheles schien er mir, ein verneinender Geist. Von Anfang an.

Schon in der Zeit, als wir Mädchen mit Poesiealben über den Schulhof zogen und die Jungs baten, sich mit einem Spruch oder einem Gedicht zu verewigen, zeigte Bertram sich derlei  Ritualen überlegen. Fast alle malten und klebten Glanzbilder in die Bücher, verschnörkelten die Anfangsbuchstaben der Verse, knickten Ecken ein, die man aufklappen musste, um Herzchen mit bedeutungsvollen Initialen zu finden.

Bertram verpönte, was wir taten. Natürlich bat ich ihn, sich in mein Album einzutragen, hielt ihm sogar den besten Platz frei, nämlich ganz hinten, wo normalerweise stand: Ich hab mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt. Aber Bertram verweigerte, fasste das Buch nicht einmal an.

Dann aber kam er doch, hielt mir einen zusammengefalteten Zettel entgegen, meinte, wenn ich Lust hätte, könnte ich ihn in mein Album kleben.

Anstatt den Zettel einzukleben, legte ich ihn in ein Schulbuch, wo er irgendwann herausfiel. Meine Mutter fand ihn beim Staubsaugen, hob ihn auf und las. Mit fragendem Blick sah sie mich an: „Kann das weg?“ Ich war einverstanden, sah ungerührt zu, wie meine Mutter den Zettel zerknüllte und den Treteimer bediente, denn ich fand Bertrams Spruch unpassend, wollte ihn nicht zu den anderen kleben, die ich schöner fand. Auf dem Zettel stand: Ich schreibe, was ich zu schreiben habe und nicht, was ich schreiben soll.

Bertram blieb wichtig, auch als ich älter wurde. Ich weiß nicht, wie oft ich den Weg zu seinem Haus gegangen bin. Im Sommer täglich. Manchmal blieb ich nur kurz, um zu sehen, was er so trieb. Um ein bisschen zu reden.  Belanglos schwätzend sehe ich uns noch auf der Gartenmauer sitzen.

Er fragte nie, wann ich wiederkäme, warum ich gestern keine Zeit hatte, warum ich so spät oder so früh käme, warum mein Telefon so lange besetzt war. Erklärungen wollte er nicht hören. Er mochte nicht, wenn ich mich nach ihm richtete, auf ihn wartete, ihm Verabredungen abverlangte, mich in seine Gedanken schob. Aber er mochte meinen, wie er sagte,  altmodischen Ausdruck im Gesicht und er mochte auch, wenn ich da war.

Mir und Bertram fehlten Sätze. Sätze, die wir nie aussprachen. Sätze über uns. Nur ein paar Silben flackerten, Kommas und Punkte schwebten. Dafür kreisten Fragezeichen, und wir hatten eine ganze Menge Was-meinst-du-Sätze und was das anging, so war ich durchaus gefragt.

Was meinst du zu dem und dem Buch? Zu dem und dem Bericht? Zu der Politik von Kohl? Zum Ayatollah? Zu den Kommunisten? Zu den Nazis? Zu den Terroristen? Zu den Naturkatastrophen? Zum Fischsterben? Zur Ölkrise? Zu Bowies „Heroes“ oder zu dem und dem Stück von Pink Floyd?

Wenn alles so weitergegangen wäre, hätte aus uns vielleicht etwas werden können. Aber nur vielleicht. Denn die vorsichtigen Zeichen, die ich ihm gab, ignorierte er, brachte sie in eine andere Form, in andere Zusammenhänge.

Heute Abend?
Ja, wenn du magst, aber lass dir Zeit.
Fahren wir ins Kino?
Ach nein, es kommt nichts, was mich interessiert. Geh besser allein.
Hast du Zeit?
Wenn du kommst, nehm ich mir die Zeit.
Um acht bei den Fichten?
Ja, gut. Aber warte nicht auf mich.

Überhaupt kam Bertram ständig zu spät. Besuchte er mich, blieb er meist bis in die Puppen. Er blieb, auch wenn ich todmüde war und seinen Worten kaum noch folgen konnte.

Immer hatte ich das Gefühl, dass er für mich da ist, nur für mich, dass ich also, sozusagen, eine Art Anspruch auf ihn hätte.

Er las Schopenhauer und Nietzsche, die Schriften Michel Foucaults, befasste sich mit Konstruktivismus, erklärte mir das Mandelbrot-Fraktal, die Euler‘sche Identität und den Goldenen Schnitt. Er bespielte mir Kassetten mit Sachen von Etta James und Ella Fitzgerald.

Cry me a river. Auf dem Schulkopierer kopierte er für mich Gedichte von Brecht und Songtexte von Billie Holiday, die er mir dann in Bücher steckte, die ich gerade las.

Neben alldem brachte er es fertig, meine verborgenen Schichten aufzugraben, indem er Ideen in mir anfachte und meine Gedanken fliegen ließ.

Bertram war einer der wenigen, für den ich nichts zum Schein tat, nichts, um besser dazustehen, nichts, was nicht mir selbst entsprochen hätte. Bertram ließ mich ich sein. Einen Orden müsste man ihm verleihen, allein dafür.

Er war es, der mir die Welt deutete, für mich mit Sternen jonglierte. Ich wollte Bertram so viele gute Sachen sagen. Schöne Sachen. Dafür bleibt uns viel, viel Zeit, hatte er einmal gesagt. Vielleicht das ganze Leben.

Fast jeder war in Bertrams Haus jederzeit willkommen. Bertram konnte man aus dem Schlaf reißen, wenn es sein musste. Man konnte ihn um Hilfe fragen, wenn man einen Umzug vor sich hatte oder einen Dübel in die Wand geschraubt haben wollte. Bertram half. Man konnte ihn auch um Asyl bitten. Sogar für mehrere Wochen. Für Bertram kein Problem.

Ich erinnere mich, dass es in der letzten, mit ihm durchdiskutierten Nacht war. Wir saßen in seiner Küche, er hatte den Ofen gefeuert. Es ging um den Faust und um Geomantie und wie alles zusammenhinge. Er stellte zwei Stubbiflaschen* (kleine Bierflaschen) auf den Tisch, die er mit einem Feuerzeug öffnete. Dabei gestand er, dass es ihm ginge wie Dr. Faustus, dass er nichts wisse und auch nichts wissen könne, dass dies allerdings der beste Zustand des Menschen sei, weil er bescheiden mache. Nichts gäbe es, was man endgültig wissen könne.

Dennoch hatte er eine eigene Vorstellung davon, was die Welt zusammenhielt. Nie wollte er so werden wie unsere Politiker, die von einem Ministeramt ins andere wechselten, korrupt seien, von nichts eine Ahnung hätten und nur laberten.

Als die Stubbis leer waren, kochte er Tee von getrockneter Pfefferminze, während er es einen Verfall der Welt nannte, dass Menschen sich anmaßen würden, alles zu besitzen, über alles zu verfügen, über Meer und Luft, über Tiere und Pflanzen, selbst über unsere Berge.


Ute Bales: "Vom letzten Tag ein Stück"



Gebunden, Schutzumschlag, 246 Seiten, ISBN 978-3-89801-442-7, 19,80 Euro


Siehe auch:

Roman-Auszug 1:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27663

Online-Flyer Nr. 778  vom 13.10.2021

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE