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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2021  

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WANTED - Julian Assange, ein Leben
Folge 22: WIKILEAKS & DER ARABISCHE FRÜHLING...
Von Delphine Noels (Belgium4Assange) in Zusammenarbeit mit Marc Molitor, Pascale Vielle und Bogdan Zamfir - ins Deutsche übersetzt von Claudia Daseking

Ab Ende Oktober 2021 geht es in London wieder um den Antrag der USA auf Auslieferung von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Am 27. Oktober 2021 wird das Berufungsgericht zum ersten Mal tagen. Die Zeit bis dahin begleitet die NRhZ mit einem CountDown von 34 Folgen über das Leben von Julian Assange. Sie wiederholt damit den Countdown von Belgium4Assange, der zum 4. Januar 2021 führte, als die britische Justiz ihr Urteil im Auslieferungsverfahren gegen Julian Assange in der ersten Instanz gesprochen hatte. Belgium4Assange schrieb dazu: "Was steht bei diesem Prozess auf dem Spiel? Inwiefern betrifft uns das persönlich? Schwierig, hierzu klare Vorstellungen zu haben, da so viele Falschmeldungen und Desinformationen kursieren... Tag für Tag zeichnen wir seinen Weg voller Überraschungen und Enthüllungen nach und richten den Blick auf die näheren Umstände einer der fundamentalsten Kämpfe unserer Zeit." (Auf der website pour.press auf Französisch nachzulesen). Hier jetzt Folge 22:


Das Jahr 2010 wird laut Amnesty International ein Meilenstein in der Geschichte der Meinungsfreiheit sein, da es Aktivisten und Journalisten - mit besonderer Erwähnung für WikiLeaks - gelungen ist, Technologie für den Dienst an der Wahrheit und den Menschenrechten einzuspannen.

Julian Assange seinerseits wird darauf hinweisen, dass viele der von den Depeschen („cables“) offenbarten Wahrheiten häufig bereits vermutet wurden oder der Bevölkerung der verschiedenen Länder sogar bekannt waren, dass jedoch der Zugang zu ihnen aus einer zuverlässigen, authentifizierten und unbestreitbaren Quelle dem Protest jetzt einen reellen Rahmen verlieh.

Die Le Monde-Journalistin Florence Beaugé, die aus Tunesien ausgewiesen worden war, nachdem sie übermäßig kritische Artikel über das Regime verfasst hatte, erkannte als eine der ersten die Bedeutung der Depeschen („cables“) für die tunesische Regierung: "Es war, als hätte zum ersten Mal jemand zu den Tunesiern gesagt: Du bist nicht verrückt, du hast Recht, ihn zu hassen [Ben Ali], du verdienst Besseres." Die Tunesier konnten jetzt auf die Beweise für die Missetaten ihres Präsidenten zugreifen. Das hat alles verändert. In der New York Times sagt Bill Keller, dass die Offenlegung der Korruption des tunesischen Regimes das Pulver entzündet hat ...

So erzählt es Julian: „Die Korruption des Ben Ali-Regimes war in Tunesien, wo die Bevölkerung unter großer Armut, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung litt, kein Geheimnis (…). Aber es waren die Beweise des Außenministeriums für die Korruption im Ben Ali-Regime, die die öffentliche Wut auslösten und den Ruf der Tunesier nach Veränderung. (…) Das Regime begann, die Depeschen zu zensieren, was den öffentlichen Hass weiter anheizte. WikiLeaks, Al Akhbar und Le Monde verschwanden aus dem tunesischen Netz und wurden durch "Ammar 404" ersetzt (Seite nicht gefunden). Der tunesische Verlag Nawaat.org ging zum Gegenangriff über und verbreitete Übersetzungen der Depeschen ohne Kenntnis der tunesischen Zensur. All dies kochte zwanzig Tage lang auf kleiner Flamme, bis der junge Obsthändler Mohammed Bouazizi, der von Verzweiflung getrieben wurde, sich am 17. Dezember sich selbst anzündete. Sein Tod machte ihn zu einem Symbol, und offene Rebellion breitete sich auf den Straßen aus. Minister Oussama Romdhani gab später zu, dass es die Cablegate Leaks waren, die das Ben Ali-System stürzten.“

Bis zum Ende des Jahres ist die Wut der Bevölkerung nicht mehr abgeflaut.

In verschiedenen Ländern braut sich der Aufstand zusammen. So sehr, dass Hillary Clinton am 10. Januar 2011 ihre "WikiLeaks Apology Tour" unternahm, eine riesige "Entschuldigungstour" im Nahen Osten, um zu versuchen, die Geister zu beruhigen ... Aber vier Tage nach ihrer Station in Tunesien fällt das System Ben Ali.

Und die Unruhen breiteten sich auf Ägypten aus… Am 29. Januar wurde der Tahir-Platz von Demonstranten besetzt. Stunden zuvor hat WikiLeaks Depeschen vom US-Botschafter an Margaret Scobey verbreitet. Diese zeigten, inwieweit Polizeigewalt Routine war und vom Innenministerium ausging, einem Ministerium, das der Polizei empfahl, Richter zu schlagen, zu demütigen und zu erschießen, die bestrebt waren, eine unabhängige Justiz zu bilden. Achtzehn Tage später war Mubarak nicht mehr an der Macht ... Mubarak, der, wie Gaddafi, Wikileaks die Verantwortung für die Ereignisse zuschrieb.

Bilder der Unruhen wurden in der gesamten Region vom unzensierbaren Satellitenkanal Al Jazeera ausgestrahlt. Im folgenden Monat kam es in Jemen, Libyen, Syrien und Bahrain, im Irak, in Jordanien, Kuwait, Marokko und im Sudan zu Aufständen. Sogar in Saudi-Arabien gab es Proteste.

Und die totale Ironie: Jetzt, wo sich die revolutionäre Welle in jedem Land im Nahen Osten ausbreitet und immer mehr Rede- und Demokratiefreiheit gefordert wird- das hatten die Vereinigten Staaten immer behauptet, dass sie sie bringen – hat man im Weißen Haus nur eine Idee: Julian Assange anzuklagen und zu vernichten. Die geheime Grand Jury, deren Aufgabe es ist, Julian Assange auf der Grundlage des Spionagegesetzes anzuklagen, wurde am 11. Mai dieses Jahres gegründet...

Die Revolution war nicht auf die arabische Welt beschränkt: Im Juni 2011 wurde die Puerta del Sol besetzt, und die Demonstranten standen auf Plätzen in ganz Spanien der schwarz gekleideten Bereitschaftspolizei gegenüber. Sit-Ins wurden in Israel organisiert. Peru sah Demonstrationen von solcher Größenordnung, dass seine Regierung fiel. In den Vereinigten Staaten wurde Madison, Wisconsin von Zehntausenden von Menschen belagert, die die Arbeiter verteidigten. In Griechenland und London standen Unruhen unmittelbar bevor.

Und immer bezogen sich die Demonstranten auf die WikiLeaks-Depeschen (cables) ...Depeschen, die von Chelsea Manning übermittelt wurden, die ihrerseits immer noch im Gefängnis saß und auf den Prozess wartete - sie sollte noch drei Jahre warten müssen, bis zu ihrem Urteil ... "

Bitteschön, dies war die 22. Folge von WANTED, der Serie, die Sie in die Herzkammer unserer Welt führt und Ihnen ihre Geheimnisse enthüllt ... Morgen werden wir erfahren, was Julian nach seiner Verhaftung am 7. Dezember 2010 widerfahren ist.


Quellen:

WikiLeaks Files, The World according to US Empire » éditions VERSO, 2016
http://www.entelekheia.fr/2020/01/17/les-revelations-de-wikileaks-n6-le-cablegate-declenche-le-printemps-arabe-revele-de-lespionnage-a-lonu-et-ailleurs/
Über die Verbindung zwischen Chelsea Manning und dem Arabischen Frühling:
https://medium.com/@ifikra/chelsea-manning-and-the-arab-spring-1907fec77df1
https://nawaat.org/2010/09/17/the-internet-freedom-fallacy-and-the-arab-digital-activism/
Reaktion Gaddafis auf Cablegate:
https://al-bab.com/blog/2011/01/gaddafi-versus-kleenex
https://www.lexpress.fr/actualites/1/styles/wikileaks-et-le-printemps-arabe-en-lice-pour-le-nobel-de-la-paix-2011_967493.html
Über die Verbindung zwischen WikiLeaks und dem Fall der peruanischen Regierung:
https://www.aljazeera.com/features/2011/06/02/wikileaks-cables-the-great-equaliser-in-peru/?gb=true
Anonymität als Kunst des Widerstands
https://journals.openedition.org/terminal/1862
Clinton’s Entschuldigungstour:
https://www.upi.com/Top_News/World-News/2011/01/10/Clinton-on-a-WikiLeaks-apology-tour/30541294675421/


Link zu Folge 21: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27684


Siehe auch:


In einer Zeit, in der unter dem Deckmantel der Gesundheitsvorsorge eine ungeahnte digitale Überwachungsstruktur etabliert wird, fehlt WikiLeaks
Julian Assange: dem kommenden Überwachungsregime trotzen!
Von Erich Sturm
NRhZ 777 vom 22.09.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27648

Online-Flyer Nr. 777  vom 13.10.2021

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