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Aktueller Online-Flyer vom 22. Januar 2021  

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Krieg und Frieden
Sammlung Emil Bührle in Zürich
Kunstwerke finanziert mit dem Erlös von Kanonen und Granaten für Kriege
Von Heinrich Frei

Das neue Gebäude des Kunsthauses in Zürich, entworfen durch den Londoner Architekten David Chipperfield, wird von viel Licht durchflutet werden, heißt es. Es wird 206 Millionen Franken (191 Mio. Euro) kosten. In diesem neuen Trakt des Kunsthauses sollen im Herbst 2021 die Werke der Sammlung Emil Bührle zu sehen sein, Bilder von Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Edgar Degas, Paul Gauguin, Edouard Manet usw. (1) 206 Millionen Franken für einen Kunsttempel, derweil Flüchtlinge in Urdorf in einem Vorort von Zürich in einem Luftschutzbunker wohnen und Obdachlose in Zürich tagsüber die Notschlafstelle verlassen müssen, in einer der reichsten Stadt der Welt…


Screenshot Sammlung Emil Bührle (1)
  

Der neue Trakt des Kunsthauses in Zürich am Heimplatz, am Pfauen, entworfen durch den Londoner Architekten David Chipperfield (Foto: Heinrich Frei)

Emil Bührle verkaufte Waffen und kaufte Kunstwerke

Bei der Aufarbeitung der Geschichte der Bührle-Kunstsammlung wurde dokumentiert wie diese Sammlung zustande kam, durch Emil Bührle, der vor und während dem Zweiten Weltkrieg und auch nachher mit seinen Waffengeschäften zum reichsten Mann der Schweiz wurde. Ein Kriegsgewinnler der auch von Zwangsarbeit im Dritten Reich profitierte.

In der Debatte im Zürcher Stadtparlament über die Herkunft der Bilder, die im Kunsthaus-Neubau ausgestellt werden sollen, meinte Frau Christina Hug (Grüne Partei) vor fünf Jahren, es gebe «nichts schönzureden», der Waffenfabrikant habe sich auf widerwärtige Weise am Elend anderer bereichert. (2)

Illusorisch war es schon damals, dass im Stadt- und Kantonsparlament von Zürich, wie damals in der deutschen Stadt Kassel, eine «Rüstungsfreie Zone Zürich» diskutiert wird. In Deutschland gilt Kassel als einer der größten Standorte der Rüstungsindustrie. Neben Krauss-Waffe-Wegmann und Rheinmetall sind hier auch viele weitere Unternehmen ansässig, die Kriegswaffen produzieren. (3)

Krieg ist wie in Kassel und für die Rüstungsindustrie rund um den Bodensee ein gutes Geschäft, auf das auch wir Zürcher wie die Deutschen nicht verzichten wollen. Und überhaupt «ist klar»: Kriegsmaterialexporte und die Finanzierung von Rüstungskonzernen und Waffendeals sind das Bier der Regierung in Bern.

2017 wurde Historikern der Auftrag erteilt die Geschichte der Bührle-Sammlung ohne Tabus aufzuarbeiten. Dabei hat man den Fehler gemacht Vertretern der Stadt und der Bührle-Stiftung zu erlauben bei der Arbeit der Fachleute einzugreifen und Korrekturen anzubringen. Die Mitgliedschaft Emil Bührles nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland im deutschen Freikorps wurde im Bericht weggelassen, auch antisemitische Äußerungen dieses Mannes. Zwei Gutachten bestätigen nachträglich, dass es bei der Forschung zu nicht tolerierbaren Einmischungen kam, die korrigiert werden mussten. (3)(4)

Sammlung Emil Bührle für die Flüchtlinge verkaufen?

Die Bilder, die Emil Bührle zusammengerafft hat mit dem Geld, das er als Kriegsgewinnler machte, könnten verkauft werden, statt sie im neuen Kunsthaus am Pfauen auszustellen, den Erlös der Kunstwerke den Opfern der aktuellen Kriege zur Verfügung stellen, den 100 Millionen Flüchtlingen. Die Bilder Emil Bührles sollen einen Wert von drei Milliarden Franken haben. Technisch wäre das machbar: Orell Füssli, die Druckerei, die unsere weltweit so beliebten Schweizer Banknoten druckt, wäre sicher in der Lage, Kunstdrucke der Emil Bührle Sammlung zu fabrizieren. Schön eingerahmt mit neu fabrizierten alten Rahmen präsentiert im David Chipperfield Tempel am Heimplatz würden nur Fachleute überhaupt sehen, dass es sich nur um Kunstdrucke und nicht um die Originalbilder von Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Edgar Degas, Paul Gauguin, Edouard Manet usw. handelt. Auch die Skulpturen der Sammlung könnte man mit der heutigen Technik leicht kopieren. Klar ist auch: Fast niemand in Zürich würde eine solche Verkaufsaktion der Emil Bührle Sammlung zugunsten der Kriegsopfer befürworten.

1953: Waffenfabrikant Emil Georg Bührle finanziert Kunsthaus Erweiterungsbau

Der erste Erweiterungsbau des Kunsthauses am Heimplatz in Zürich wurde von Emil Bührle finanziert. 1953 als es zur Abstimmung kam über den damaligen Kunsthauserweiterungsbau blieb die Finanzierung zwar im Dunkeln. Sämtliche Parteien Zürichs warben aber für ein Ja. Um die Vorlage nicht zu gefährden, erwähnte man den Mann nicht der den Bau bezahlte, der Waffenfabrikant Emil Georg Bührle. In der Abstimmungsweisung des Stadtrats war zu lesen: «[Es] schenkte ein Mitglied der Kunstgesellschaft total 4 Millionen Franken für einen Baufonds.» Mit Ausnahme der «Tat» und des «Volksrechts», die den Namen Bührle erwähnten, ohne allerdings näher auf die Herkunft seines Vermögens einzugehen, hielten sich alle Zeitungen an die Abmachung den Spender, den Rüstungsfabrikanten nicht zu nennen.


Kunsthaus-Erweiterungsbau, der 1953 durch den Waffenfabrikanten Emil Georg Bührle finanziert wurde (Foto: Heinrich Frei)

Historische Forschungen und das Geschäft mit dem Krieg heute

Doch vergessen wir bei all den interessanten historischen Forschungen, die heute en vogue sind, über Emil Bührle, Alfred Escher und andere Personen und Ereignisse, die Gegenwart nicht. Hier ist oft auch sehr Übles zu vermerken.

Auch heute exportiert die Schweiz an kriegführende Staaten ständig Rüstungsgüter, wie Emil Bührle vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und wie sein Sohn Dieter Bührle später. Seit 1999 ist die Sparte Rüstung Oerlikon-Bührle-Contraves im Besitze der deutschen Rheinmetall, eine Firma die unter anderem skrupellos auch Kriegsmaterial nach Saudi-Arabien verkauft für den Krieg im Jemen und natürlich auch viele Nato Staaten zu ihren Kunden zählt, die ständig irgendwo Krieg gegen den Terror führen, angeblich um den Frieden und unsere Freiheit zu sichern. (5) (6)

Die Waffenexporte der Schweiz und von Bührle im Zweiten Weltkrieg und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland erfolgten unter einem sehr großen Druck. Die Schweiz war umkreist von Staaten, die auf der Seite von Hitler und Mussolini standen. Heute ist ein solcher Druck nicht mehr vorhanden. Deshalb könnte die Schweiz endlich darauf verzichten den ständig kriegführenden Staaten, den Nato-Staaten und den Regimes im Nahen Osten Kriegsmaterial zu liefern, wie es das Kriegsmaterialgesetz und die Kriegsmaterialverordnung seit bald fünfzig Jahren verlangen würde. Auch dürften nicht mehr Milliarden in ausländische Rüstungskonzerne investiert werden, durch die Nationalbank, Banken, Versicherungen und Pensionskassen. Diese Milliarden aus der Schweiz fließen heute sogar in Konzerne die Atombomben herstellen, wie ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, der Friedensnobelpreisträger von 2017 dokumentierte. Wie Waffenexporte an kriegführende Staaten sind auch direkte und indirekt Investitionen in Unternehmen die an der Produktion von verbotenen Waffen, beteiligt sind nach dem Kriegsmaterialgesetz klar verboten. Zu den verbotenen Waffen gehören chemische Waffen, Streubomben, Antipersonenminen und Nuklearwaffen. (7)(8)


Fußnoten:

(1) https://www.buehrle.ch/sammlung/
(2) «Hitzige Debatte um Sammlung Bührle» von Martin Huber, Tages Anzeiger 3. September 2015
(3) Demo in Kassel: Teilnehmer aus ganz Deutschland gegen die Kriegsindustrie (twnews.it)
twnews.it/de-news/demo-in-kassel-teilnehmer-aus-ganz-deutschland-gegen-die-kriegsindustrie
(4) www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2020/Bührle.html
(5) https://www.woz.ch/2047/geschichtsstreit/buehrle-wird-berichtigt
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Oerlikon-B%C3%BChrle
(7) Waffenexporte beenden!
Für das Leben investieren, nicht für den Krieg
Von Heinrich Frei, nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27103
(8) Schweiz
Engagement für Frieden und Geschäfte des Grauens
Von Heinrich Frei nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26884

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