NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Januar 2021  

zurück  
Druckversion

Literatur
Eine Corona-Farce
Schießen Sie nicht auf den Weihnachtsbaum
Von Artur Rümmler

Ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Gedämpftes Licht, ein Weihnachtsbaum mit brennenden Wachskerzen, bunten Kugeln und silbernen Lamettafäden. Leise Musik: „Stille Nacht, heilige Nacht...“. Auf der Couch und in Sesseln eine vierköpfige Familie: Mutter Beate mit weißer Maske, Vater Carlo, Tochter Biggi, Beates Mutter Inge. „Also ich finde es sehr sinnvoll, dass wir diesmal auf Geschenke verzichtet und dafür das Geld der Klima-Stiftung von Greta Thunberg gespendet haben“, sagt Beate zufrieden. „Dort ist es gut aufgehoben, da weiß man wenigstens, wozu es verwendet wird.“

„Schön wär’s“, lacht Carlo. „Die gute Greta hat ausgesorgt.“

Beate schüttelt missbilligend den Kopf.

„Dass du immer an allem rummäkeln musst!“, sagt sie mit einem schrägen Blick.

Inge lächelt listig.

„Kinder, ich habe trotzdem eine Überraschung für euch!“

Sie überreicht jedem ein flaches Päckchen. Man wickelt es aus.

„Ein neues Kontakttagebuch!“, stellt Beate fest. „Danke, Mama!“

„Kann ich brauchen.“, sagt Carlo.

Biggi schiebt das Geschenk zur Seite.

„Ach, Oma, du weißt doch, dass ich die Daten ins Smartphone gebe, das wird sonst zuviel Papier.“

„Wieso?“, fragt Inge.

Biggi schnauft ungeduldig.

„Das sind doch so viele, die ich angeben muss, da sind die Schüler aus meiner fünften Klasse, die Lehrer, meine Freundinnen da drüben und die im anderen Viertel, manchmal sehe ich noch jemanden im Bus, da kommen schnell an die fünfzig pro Tag zusammen, mit der Kontaktdaten-App ist es dann viel einfacher für das Gesundheitsamt, die Leute zu verfolgen.

„Ja“, befindet Carlo, „sie verfolgen die Leute. Gut gesagt, Biggi.“

„Ich brauche nicht viel anzugeben“, bekundet Beate, „bei mir im Büro tut sich nicht viel, und dann fahre ich mit dem Auto nach Hause. Ich brauche das neue Kontakttagebuch eigentlich gar nicht.“

„Dagegen bin ich ein Kontaktmeister“, lacht Carlo.

„Aber du arbeitest doch im Home Office!“, wundert sich Inge.

Carlo lächelt clever.

„Aber wenn ich rausgehe, habe ich viele Kontakte, und ich bin da sehr kontaktfreudig.“ Er holt tief Luft. „Da ist zum Beispiel das Personal im Supermarkt, so etwa fünf bis acht Leute, und da ich ihre Namen nicht genau weiß, kann es sein, dass nicht jeder stimmt, oder wenn mir im Geschäft jemand etwas zuruft, den ich vom Sehen kenne, dann habe ich nur seinen Vornamen, oder ein Radfahrer, von dem ich nur den Spitznamen kenne, fährt mit Gruß an mir vorbei, oder ich rede mit einem Unbekannten auf der Straße über seinen Hund mit Maske auf der Schnauze, den er Gassi führt, dann kann ich nur den Namen des Hundes angeben und den Baum, an den er pinkelt, den Mann selber müssen die sich raussuchen, wie auch die Frau ein paar Häuser weiter, von der ich nur den Namen ihrer Katze weiß. Ich denke, mit diesen wertvollen Hinweisen sind die Detektive des Gesundheitsamts ganz gut beschäftigt, und mein Buch ist deshalb schon prallvoll. Außerdem ist meine Handschrift nicht die beste, und ich hoffe, dass ich damit einen begehrten Arbeitsplatz für einen Graphologen schaffe. Danke, Inge, für das passende Geschenk! Es kommt zur rechten Zeit!“

„Gerne, mein Lieber“, freut sich Inge und fährt mit einem Anflug von Trauer fort. „Mit mir hat das Gesundheitsministerium, äh, Gesundheitsamt nur wenig Arbeit, ich treffe ja kaum jemand.“

Die Türglocke ertönt.

„Wer soll das denn sein?“, wundert sich Beate, „an Heiligabend?“

Sie öffnet.

Herein kommt mit Schwung der Weihnachtsmann, im traditionellen rotweißen Gewand und wallendem Rauschebart, der aber zum Teil von einer weißen Maske verdeckt ist. Die Augen blicken gütig, wie es bei Weihnachtsmännern üblich ist. Mit der einen Hand hält er einen halb gefüllten Sack, die andere schwingt er grüßend.

„Fröhliche Weihnachten allerseits!“

Hinter ihm schiebt sich ein Soldat ins Zimmer, im Kampfanzug, mit umgehängter Maschinenpistole und angeschnallter Gasmaske. Er knallt die Hacken zusammen, salutiert zackig und will weitergehen.

„Halt!“, brüllt der Weihnachtsmann. „Einen Schritt zurück! Abstand! Und stehen bleiben!“

„Jawoll, Herr Weihnachtsmann!“, hallt es dumpf aus der Gasmaske.

Der Soldat befolgt den Befehl, knallt wieder mit den Hacken und salutiert.

„Jetzt bist du schon siebzehn, eine Zeitlang beim Bund und immer noch zu blöd für den Knecht Ruprecht! Wir haben das doch genug geübt!“, schimpft sein Vorgesetzter.        

Der Rotweiße macht einen Schritt nach vorne, verharrt mit gebotener Distanz zu den Sitzenden und verbeugt sich.

„Ich überbringe Ihnen die besten Wünsche des Gesundheitsamtes!“, verkündet er bedeutsam mit geschmeidiger Stimme. „Lassen Sie sich bitte nicht stören bei Ihrer schönen Familienfeier. Ich bin beauftragt, ihre Kontakttagebücher heute abzuholen, sofern Sie noch nicht die Kontakttagebuch-App haben.“

Er wedelt mit dem Sack.

„Das ist aber neu!“, empört sich Inge. „Davon hat mir niemand etwas gesagt!“

„Das können Sie auch gar nicht wissen, gnädige Frau. Es handelt sich hier um eine ganz frische Verordnung der Bundesregierung, die, wie Sie wissen, sich sehr um unsere Gesundheit sorgt und zu Beginn des neuen Jahres einen klaren Überblick zu den Infektionsketten haben möchte, um dieser teuflischen Pandemie ein Ende zu bereiten. Zu diesem hohen Zweck arbeiten wir im Gesundheitsamt sogar an Feiertagen und rund um die Uhr. Bitte helfen Sie uns. Mit dem Kontakttagebuch schützen Sie Ihre Mitmenschen!“

Tiefes Schweigen füllt den Raum. Die Familienmitglieder sitzen wie erschlagen.

Carlo regt sich.

„Aber Sie kommen hier unangemeldet und ungebeten herein! Sie stören uns! Sie verletzen unser Recht auf Privatsphäre!“ Er steht auf, macht einen kleinen Schritt auf den weihnachtlich Maskierten zu und zeigt mit dem Finger zur Tür. „Bitte verlassen Sie sofort unsere Wohnung!“

Der Soldat wird unruhig und fingert nervös an der Maschinenpistole herum.

„Schießen Sie nicht auf den Weihnachtsbaum!“, spottet Carlo.

Der Weihnachtsmann lächelt überlegen.

„Nun, werter Freund“, sagt er höflich, aber bestimmt, „Ihnen scheint entgangen zu sein, dass dieses Recht auf Privatsphäre, ein sicher sehr wertvolles Grundrecht, inzwischen leider der Vergangenheit angehört. Schauen Sie mal ins neue Infektionsschutzgesetz!“

„Aber das ist doch Diktatur!“, protestiert Carlo und setzt sich.

„Gewiss, damit haben Sie nicht ganz Unrecht, mein Freund, aber wie wir wissen, dient das doch einem guten Zweck, dem Schutz unserer Gesundheit. Manchmal ist es halt nötig, dass eine Regierung mit schmerzhaften Maßnahmen die Menschen in eine bessere Zukunft führt. Leider muss ich feststellen, dass ich in Ihrer Nachbarschaft mehr Verständnis für den Gesundheitsschutz gefunden habe als hier bei Ihnen. Darf ich Sie jetzt um die Tagebücher bitten?“

Beate und Inge reichen ihm ihre Bücher. Er blättert kurz darin und wirft sie in den Sack.      

„Wir haben uns zu Weihnachten neue geschenkt“, sagt Beate und korrigiert ihr leicht verrutschtes Gesichtstextil.

Der Weihnachtsmann nickt.

„Sehr vorbildlich“, sagt er anerkennend und wendet sich Carlo zu, der ihm das Objekt der amtlichen Begierde zögernd überreicht.

Neugierig blättert er in Carlos dichten Aufzeichnungen.

„Oh!“, ruft er überrascht, „meine Anerkennung, werter Herr! Nur selten hatte ich das Vergnügen, ein solch ausführliches, gründliches Tagebuch zu erhalten. Vielen Dank für diesen ungewöhnlichen Beitrag zum Schutz unserer Mitmenschen!“

Vorsichtig legt er Carlos Buch zu seiner Kollekte in den Sack.

„Sehr gut!“

Zufrieden schaut er sich um.

„Ah, da haben wir noch das Töchterchen. Nun, du hast doch sicher auch was für den Weihnachtsmann.“

Biggi schüttelt den Kopf.

„Ich habe das alles schon mit der App übermittelt, wegen dem ollen Papierkram.“

„Tja, die jüngste Generation ist auf der Höhe der Zeit“, lacht er. „Alles wird digital sein. Wenn die Älteren nicht spuren, haben sie nichts zu lachen. Wie heißt du?“

„Biggi.“

Aus dem CD-Player plätschert munter „Ihr Kinderlein kommet...“

Er zückt sein Smartphone und tippt auf das Display, leise das Lied mitsingend.

„Aha, da haben wir dich“, sagt er wohlwollend.

Plötzlich versteinert sein Gesicht.

„Biggi“, sagt er tadelnd, „du gehörst doch zu der Schulklasse, die in Quarantäne geschickt wurde.“

„Aber das ist doch schon lange her“, wendet Biggi ein.

„Nein! Du bist noch voll in der Frist! Hat das denn niemand dem Kind klar gemacht?“

Die Familie schweigt.

„Und warum trägt Biggi keine Maske?“

Er blickt streng in die Runde.

Carlo räuspert sich.

„Sie ist doch hier in der Familie, das macht doch nichts.“

„Von wegen!“, braust der Weihnachtsmann auf. „Das ist illegal. Ich zeige Sie an! Das kann Sie einen Haufen Geld kosten!“

„Dann tun Sie das mal“, sagt Carlo ruhig, „Sie kommen nicht weit damit.“

„Das Gesundheitsamt hat angeordnet, dass infizierte Kinder von den Angehörigen getrennt werden müssen und in einem eigenen Zimmer bleiben sollen, damit sie die anderen nicht anstecken.“

„Dieser Unsinn ist mir neu“, sagt Carlo geduldig. „Außerdem ist meine Tochter nicht infiziert, sie hat gar nichts.“

„Also,“ sagt der Weihnachtsmann drohend,  „Ihre Tochter zieht jetzt eine Maske an und wird in einem separaten Zimmer untergebracht...“

„Wir haben kein extra Zimmer.“

“Dann muss ich Ihre Tochter mitnehmen, damit sie in einer Einrichtung für infizierte Kinder untergebracht wird.“

Carlo springt auf und stellt sich vor den Weihnachtsmann.

„Meine Tochter kriegt ihr nicht!“

„Ruprecht. Fertigmachen zur Aktion!“

„Jawoll, Herr Weihnachtsmann!“

Der Soldat salutiert und berührt versehentlich den Abzug der Maschinenpistole. Eine krachende Salve trifft den Weihnachtsbaum und fährt in die Kommode dahinter.

Schrille Schreie aus weiblichen Kehlen. Biggi rennt aus der Wohnung. Beate kriecht unter den Tisch, Inge wirft sich hinters Sofa. Carlo bleibt sitzen. Der Soldat lässt die Waffe fallen und flüchtet ins Klo. Der Weihnachtsmann taumelt vor Schreck, verliert das Gleichgewicht und fällt auf den Weihnachtsbaum, reißt ihn um. Die brennenden Kerzen entzünden sein Kostüm, Flämmchen züngeln an Maske und Rauschebart. Um Hilfe schreiend wälzt er sich am Boden. Carlo greift eine dicke Decke, wirft sie über den Weihnachtsmann, legt sich auf ihn, erstickt die Flammen und wickelt ihn wieder aus.

„Sind Sie verletzt?“, fragt Carlo.

„Nein. Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet.“,stammelt der Gerettete.

Inge löscht die restlichen Kerzen. Beate, jetzt ohne Maske, prüft den Zustand der Kommode.

Noch geschockt, doch auf dem Weg zur Entspannung die Akteure.

„Ist ja nicht viel passiert“, sagt Carlo in die Stille hinein.

„Einen scheiß Job habe ich da“, brummt der Gesandte vom Amt, „was bin ich doch für ein Idiot.“

Aus dem CD-Player erklingt leise  „O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit...“

Ein halbes Jahr später. Die vierköpfige Familie findet man immer wieder  bei Demonstrationen der Querdenker. Der ehemalige Weihnachtsmann ist bei der Caritas beschäftigt. Der ehemalige Soldat hat Waffe und Uniform abgegeben und fährt Pizza aus.


(Geschrieben Mitte November 2020)

Online-Flyer Nr. 757  vom 23.11.2020

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE