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Aktueller Online-Flyer vom 04. Juli 2020  

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Globales
Abendliche Mahnwache für Julian Assange vom 17. Juni 2020 am Brandenburger Tor unweit der US-Botschaft in Berlin
Befreit Julian Assange!
Von Ingrid Koschmieder

Seit März hat die wöchentliche Mahnwache von Candles4Assange in Berlin weiterhin regelmäßig stattgefunden - auch wenn zeitweise mit weniger Beteiligten. Jahreszeitlich angepasst der äußere Rahmen, denn noch beim Auseinandergehen es ist ganz hell. Und warm. Die Inhalte, die Anliegen sind unverändert. Die Situation des Auslieferungshäftlings Julian Assange im Hochsicherheitstrakt von Belmarsh, England ist keine bessere geworden. Deshalb: Free Assange! Assanges’ Freedom Is My Freedom! Don’t Kill the Messenger! Wendula trug ohne Mikro mit kraftvoller Stimme einen Auszug aus dem Buch von Mathias Bröckers vor. Ihr folgte die Wiedergabe eines Telefonats von Yanis Varoufacis mit Julian Assange, vorgetragen von Jean-Theo Jost. Ein junges Paar gab Tipps, wie Julian postalisch erreicht werden kann und verteilte eine Anleitung dazu. Zum Abschluss beteiligten sich die Anwesenden an einem Wechsel-Sprechgesang zwischen (fragendem) Vorsprecher und (befeuerndem) Chor.


Mahnwache am Brandenburger Tor (alle Fotos: Ingrid Koschmieder)


Free Assange! (Befreit Assange!)


Wendula trägt einen Auszug aus dem Buch „Freiheit für Julian Assange“ von Mathias Bröckers vor


Free Assange! Jail the war criminals! (Befreit Assange! Inhaftiert die Kriegsverbrecher!)


Jean-Theo Jost trägt den Bericht von Yanis Varoufacis über dessen Telefonat mit Julian Assange vor


Free Assange


Free speech! Free press! Free Assange! (Freie Rede! Freie Presse! Befreit Assange!)


Ein junges Paar gibt Tipps, wie Julian postalisch erreicht werden kann


Freiheit für Whistleblower Julian Assange, der Kriegsverbrechen im Irak und in Afghanistan aufgedeckt hat und gewaltloser politischer Gefangener in London-Belmarsh ist. Asyl in Deutschland! Friedenspolitik!


Sprechgesang für Julian Assange


Bericht von Yanis Varoufacis über ein Telefongespräch mit Julian Assange am 13.6.2020 (übersetzt von Claudia Daseking, vorgetragen von Jean-Theo Jost)

Julian Assange hat gerade angerufen. Um über die Auswirkungen der Pandemie auf Kapitalismus und Politik zu sprechen! Julian rief mich etwas früher an, um 14.22 Uhr Londoner Zeit, um genau zu sein. Aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Belmarsh natürlich. Dies ist nicht das erste Mal, aber wie Sie sich vorstellen können, fühle ich mich jedes Mal, wenn ich seine Stimme höre, geehrt und bewegt, dass er meine Nummer wählt, wenn er nur so vereinzelt Gelegenheiten hat, Anrufe zu tätigen.

"Ich möchte eine Perspektive auf die Entwicklungen in der Welt da draußen haben - hier drin habe ich keine", sagte er. Was mir natürlich eine beträchtliche Last auferlegt hat, Gedanken über das Schicksal des Kapitalismus während dieser Pandemie und die Auswirkungen all dessen auf Politik, Geopolitik usw. zu artikulieren. Das Wissen, dass die Gefängnisbehörden Ihrer Majestät unsere Diskussion jederzeit abbrechen würden, machte die Aufgabe noch schwieriger.

In einem schwachen Versuch, ihm auf einer möglichst breiten Leinwand ein Bild zu malen, teilte ich Julian meinen Hauptgedanken der letzten Wochen mit: Noch nie zuvor war die Welt des Geldes (d.h. die Geldmärkte, zu denen auch die Aktienmärkte gehören) so abgekoppelt von der Welt der realen Menschen, der realen Dinge - von der realen Wirtschaft.

Wir beobachten ehrfürchtig, wie das BIP, die Privateinkommen, die Löhne, die Unternehmenseinkünfte, die kleinen und großen Unternehmen zusammenbrechen, während der Aktienmarkt relativ unbeschadet bleibt. Neulich hat Hertz Konkurs angemeldet. Wenn ein Unternehmen dies tut, sinkt sein Aktienkurs auf  Null. Nicht jetzt. Tatsächlich ist Hertz im Begriff, neue Aktien im Wert von 1 Milliarde Dollar auszugeben. Warum sollte jemand Aktien eines offiziell bankrotten Unternehmens kaufen? Die Antwort lautet: Weil die Zentralbanken bergeweise, ja gebirgskettenweise Geld drucken, das sie  den Finanziers so gut wie umsonst  geben, damit die damit  jeden Schrott kaufen, der an der Börse herumschwirrt.

"Vollständige Zombifizierung der Unternehmen", so habe ich es Julian gegenüber ausgedrückt. Julian bemerkte dazu, dass dies beweist, dass Regierungen und Zentralbanken Unternehmen auch dann über Wasser halten können, wenn die auf dem Markt so gut wie nichts verkaufen. Ich stimmte zu. Aber ich wies auch auf ein großes Dilemma hin, vor dem der Kapitalismus zum ersten Mal steht. Und zwar dieses:

Das Drucken von Zentralbankgeld hält die Vermögenspreise (auch: Börsenkurse) sehr hoch, während die Preise für "Zeug" und die Löhne sinken. Diese Diskrepanz kann weiter wachsen. Aber wenn Hertz, British Airways usw. auf diese Weise überleben können, haben sie keinen Grund, nicht die Hälfte der Belegschaft zu entlassen und die Löhne der anderen Hälfte zu kürzen. Dies führt zu mehr Deflation/Depression in der Realwirtschaft. Das bedeutet, dass die Zentralbanken immer mehr drucken müssen, um die Vermögens- und Aktienkurse hoch zu halten. Irgendwann werden die Massen da draußen rebellieren, und die Regierungen werden unter Druck geraten, einen Teil des Einkommens zu ihnen umzuleiten.

Aber das wird die Vermögenspreise deflationieren. An diesem Punkt, - da ja diese Vermögenswerte von den Unternehmen als Sicherheit für alle Kredite verwendet werden, die sie aufnehmen, um sich über Wasser zu halten - , an diesem Punkt werden sie den Zugang zur Liquidität verlieren. Eine Reihe von Unternehmenszusammenbrüchen wird einsetzen, unter den Bedingungen der Stagnation "Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus dieses Dilemma/diese Zwickmühle leicht überleben kann, zumindest nicht ohne riesige soziale und geopolitische Konflikte", lautete meine Schlussfolgerung.

Julian dachte einen Moment lang darüber nach und fragte mich: "Wie wichtig ist der Konsum für den Kapitalismus? Welcher Prozentsatz des BIP steht auf dem Spiel, wenn sich der Konsum nicht erholt? Brauchen die Konzerne Arbeiter oder Kunden?" Ich antwortete, dass er hoch genug sei, um dieses Dilemma zu realisieren. Ja, Zentralbanken und Roboter können die Unternehmen ohne Kunden oder Arbeiter am Laufen halten.

Aber Roboter können das Zeug, das sie produzieren, nicht kaufen. Es handelt sich also nicht um ein stabiles Gleichgewicht. Die Einkommensverluste der Menschen werden sich beschleunigen und damit erhebliche (systemrelevante?) Unzufriedenheit erzeugen.

Julian sagte dann etwas in der Art wie: Das wird Trump zugute kommen, der es versteht, die Wut der Massen auf die gebildeten Eliten der oberen Mittelschicht zu nähren. Ich stimmte ihm zu und sagte, dass DiEM25 seit 2016 davor warnt, dass Sozialismus für die Oligarchie und Austerität für die vielen am Ende die rassistischen Ultrarechten nährt. Dass wir erneut erleben, was in den 1920er Jahren in Italien mit dem Aufstieg Mussolinis geschah.

Julian stimmte dem voll und ganz zu und sagte: Ja, wie damals bildet sich ein Bündnis zwischen reichen Leuten und der unzufriedenen Arbeiterklasse. Dann fügte er hinzu, dass die meisten Gefangenen und die Gefängnisbeamten in Belmarsh... Trump unterstützen. An diesem Punkt wurde die Verbindung abgebrochen.

Unser Gespräch dauerte 9'47''. Es war substanzieller und natürlich bewegender als alle Gespräche, die ich seit einiger Zeit geführt habe.

Original: https://www.yanisvaroufakis.eu/2020/06/13/julian-assange-just-called-to-talk-about-the-pandemics-effect-on-capitalism-politics/



Online-Flyer Nr. 748  vom 01.07.2020

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