NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 26. September 2020  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Aus der Sicht eines Mediziners
Covid-19: Woran erkranken die Patienten und woran sterben sie?
Von Klaus-Dieter Kolenda

Nach wie vor stehen sich stark divergierende Einschätzungen zum Thema Covid-19 gegenüber - auch aus medizinischer Sicht. Einschätzungen wie die des Lungenarztes und Seuchenspezialisten Dr. Wolfgang Wodarg, wie sie jüngst in einem Interview mit dem Titel "Ein Menschheitsverbrechen" Ausdruck gefunden hat, werden von den Mainstream-Medien kaum zu Kenntnis genommen - und wenn, dann eher bekämpft. Mit seinen Äußerungen stellt sich die Frage, was tatsächlich zum Tod von Menschen, bei denen Covid-19 als Erkrankung angenommen wird, geführt hat - in welchem Umfang dabei eine falsche Behandlung eine Rolle gespielt hat. Hinsichtlich der EuroMOMO-Veröffentlichungen, die in einer Reihe von europäischen Staaten eine deutliche Übersterblichkeit mit einem Höhepunkt um Kalenderwoche 15 ausweisen, stellt sich die Frage, was die Todesursache ist - ob z.B. auch Suizid aufgrund aussichtsloser Situation und Existenz-Vernichtung der Betroffenen eine Rolle gespielt haben kann. Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kolenda sieht die Übersterblichkeit eindeutig in der Gefährlichkeit der Covid-19-Erkrankung. Unabhängig von der Einschätzung der Gefährlichkeit bleibt für die NRhZ-Herausgeber die Frage, inwieweit es sich bei der "Pandemie" um ein bewusst herbeigeführtes Manöver handelt - gemäß des Planspiels "Event 201" von Oktober 2019 und der Strategie-Studie der "Rockefeller Foundation" vom Mai 2010, die beschreibt, wie die Welt über eine "Pandemie" im Gleichschritt ("Lock Step") unter "Zurückdrängung der Bürger" eine "autoritärere Führung" erhält. Als einen weiteren Diskussionsbeitrag bringt die NRhZ nachfolgend die Sicht des Mediziners Klaus-Dieter Kolenda.


In einem ersten Artikel zum Thema Covid-19 habe ich meine Auffassung begründet, dass die Infektion mit dem neuen SARS-CoV-2-Virus eine ernste Gefahr für viele Menschen bedeutet, die nicht mit einer „gewöhnlichen Grippe“ zu vergleichen ist (1). Grundlage dieser Einschätzung sind nicht so sehr Zahlen und Statistiken, sondern vor allem die praktischen Erfahrungen, die Behandler in den Kliniken mit der neuen Covid-19-Patientengruppe gemacht haben, wie sie zum Beispiel der praktizierende Schweizer Herzchirurg Paul Robert Vogt in einem kürzlich erschienenen Artikel, der in der Schweiz und international auf große Resonanz gestoßen ist, beschrieben hat (2). SWR1 hat am 5.5.2020 ein aufschlussreiches Video-Interview mit Vogt gesendet, in dem dieser seine Erfahrungen mit Covid-19 schildert und den westlichen Ländern massive Versäumnisse zu Beginn der Pandemie vorwirft, als es darum ging, die Ausbreitung des Virus zu stoppen (3).

Die inzwischen vorliegenden Daten und Grapiken von EuroMOMO - eine Abkürzung für European mortality monitoring activity - machen deutlich, dass in vielen europäischen Ländern wie Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden und Großbritannien für die Frühjahrsmonate 2020 im Vergleich mit den entsprechenden Monaten in den Jahren 2017 bis 2019 aufgrund der Corona-Pandemie eine deutliche Übersterblichkeit festzustellen ist (4)(5). Die Daten für Deutschland zeigten das bisher nicht, wahrscheinlich deshalb, weil in diese Berechnungen nur Daten aus Hessen und Berlin eingegangen sind. Am 8.5.2020 hat aber auch das Statistische Bundesamt De Statis für Deutschland eine Übersterblichkeit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie festgestellt (6). 
Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit der Frage, wie das neue Corona-Virus den Organismus schädigt und wie es bei einem Teil der Infizierten zum vorzeitigen Tode kommt. Dabei stütze ich mich vor allem auf einen Übersichtsartikel aus der Wissenschaftszeitschrift „Science“ vom 17.4.2020, in dem dargestellt wird, dass das Virus im menschlichen Organismus „vom Kopf bis zu den Zehen“ erhebliche Schäden und Zerstörungen anrichten kann (7).

In der Einleitung zu diesem Artikel heißt es: Ärzte und Wissenschaftler, die praktische Erfahrungen im Umgang mit Covid-19-Patienten gemacht haben, würden erst anfangen zu verstehen, wie das Virus die Zellen im ganzen Körper angreift, insbesondere bei den etwa 5% der Infizierten, die schwer erkrankt seien.

Trotz mehr als 1000 wissenschaftlichen Artikeln, die inzwischen jede Woche in Zeitschriften oder auf Preprint-Servern weltweit veröffentlicht würden, seien die Fachleute jedoch von einem klaren Bild über das Wirken des Corona-Virus noch weit entfernt, da sich der neue Erreger so verhalte wie keiner vorher.

Da Covid-19 wahrscheinlich erst seit einigen Monaten existiert und deshalb noch keine großen prospektiven und kontrollierten Studien vorliegen, können die Wissenschaftler ihre Informationen nur aus kleinen Studien und Fallberichten beziehen.

Nase und Mund sind die häufigsten Eintrittspforten


Wenn eine infizierte Person mit Virus beladene Tröpfchen in Form eines Aerosols in die Umgebung abgibt, zum Beispiel beim Husten oder Niesen oder ganz einfach beim Atmen oder Sprechen, und diese von einer zweiten Person inhaliert werden, kann das neue Corona-Virus auf deren Schleimhäute von Nase und Rachen gelangen. Dort trifft es dann auf Zellen, die an ihrer Oberfläche über sogenannte Angiotensin-Converting-Enzyme-2-(ACE2) - Rezeptoren verfügen. Solche Rezeptoren sind auf den Zellmembranen in vielen Organen unseres Körpers vorhanden.

Normalerweise helfen die ACE2-Rezeptoren dabei, den Blutdruck zu regulieren. Jetzt markieren sie die Gewebe, in denen sich die Infektion ausbreiten kann, da das Virus sie zum Eindringen in die Zellen benötigt. Nach dem Eindringen bemächtigt sich das Virus des Zellstoffwechsels und vermehrt sich millionenfach.

Insbesondere in der ersten Woche, wenn das geschehen ist, scheidet eine infizierte Person große Mengen an Viren aus. Bis zu diesem Zeitpunkt können bei vielen Infizierten Krankheitssymptome fehlen. Oder das neue Opfer des Virus kann Fieber, einen trockenen Husten, Halschmerzen, eine Beeinträchtigung von Geruch und Geschmack oder Kopf- und Gliederschmerzen entwickeln.

Zu Beginn der Infektion ist das Immunsystem in vielen Fällen nicht in der Lage, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Es kann dann die Atemwege herunterwandern und die Lungen angreifen, was tödlich enden kann.

Die Lungen sind der erste Hauptkampfplatz

In den Lungen enden die immer kleineren Verästellungen des Bronchialbaums in winzigen Säckchen, den Alveolen, in denen der Gasaustausch stattfindet. Diese sind mit einer einlagigen Zellschicht, den sogenannten Alveolar-Epithelien, ausgekleidet, die an ihrer Oberfläche ebenfalls viele ACE2-Rezeptoren aufweisen.

Normalerweise gelangt der Luft-Sauerstoff von den Alveolen in die Kapillaren. Das sind kleinste Blutgefäße, die die Alveolen umgeben. Von dort wird der Sauerstoff mit dem Blutfluss im ganzen Körper verteilt. Da aber das Immunsystem das angreifende Virus in den Alveolen bekämpft, kann diese Schlacht zu einer Unterbrechung der ungestörten Sauerstoffaufnahme führen.

Auf dem Schlachtfeld treten weiße Blutzellen auf, die entzündungsfördernde Chemokinine freisetzen, die weitere Immunzellen anlocken. Diese können die mit dem Virus infizierten Zellen abtöten und hinterlassen damit einhergehend im Lungengewebe ein Gemenge von Flüssigkeit und toten Zellen- den sogenannten Eiter.

So entwickelt sich dann eine so genannte atypische (virusbedingte) Lungenentzündung, die mit entsprechenden Symptomen wie Husten, Fieber und einer beschleunigten, flachen Atmung einhergeht. Einige Covid-19-Patienten erholen sich davon wieder unter der alleinigen Gabe von Sauerstoff über eine Nasensonde.

Aber bei anderen kommt es, oft sehr plötzlich, zu einer deutlichen Verschlechterung der Atemsituation.

Diese Patienten können dann ein ARDS, ein sogenanntes Akutes respiratorisches Distress-Syndrom mit typischen MRT-Bildern ihrer Lungen entwickeln. Diese zeigen dann charakteristische weißliche Aufhellungen in beiden Lungen, wo normalerweise eine dunkle Zeichnung das Vorhandensein von Luft anzeigt.

Die meisten dieser Patienten enden an Beatmungsgeräten und nicht wenige sterben trotzdem. Bei der Sektion zeigt sich dann, dass die Alveolen dieser Patienten ausgefüllt sind mit einer Flüssigkeit, bestehend aus weißen Blutzellen, Schleim und zerstörtem Lungengewebe.

Obwohl die Lungen das erste und wichtigste Organ sind, in dem die Zerstörung durch das Virus beginnt, können viele weitere Organe betroffen sein. Das gilt vor allem für das Herz und die Blutgefäße, die Nieren, das Gehirn und den Darm.

Kommt es zu einem bedrohlichen Zytokin-Sturm?


Einige Kliniker vermuten, dass die treibende Kraft der Schädigung bei vielen schwer kranken Patienten in einer Hyperreaktivität des Immunsystems bestehe, die unter der Bezeichnung Zytokin-Sturm schon lange bekannt ist und bei vielen anderen schweren Infektionen auftreten kann.Zytokine sind chemische Signal-Moleküle, die normalerweise eine gesunde Immunantwort begleiten. Bei einem Zytokin-Sturm steigen jedoch die Serumspiegel von bestimmten Zytokinen weit über das notwendige Maß hinaus an und die Immunzellen beginnen, das gesunde Gewebe anzugreifen. Dadurch werden die Blutgefäße durchlässig, der Blutdruck fällt ab, Blutgerinnsel bilden sich in den Gefäßen und ein katastrophales Versagen vieler Organe, ein sogenanntes Multiorganversagen, kann die Folge sein.

In einigen Studien haben die Forscher erhöhte Serumspiegel von diesen eine übermäßige entzündliche Reaktion hervorrufenden Zytokinen bei hospitalisierten Covid-19-Patienten gemessen.

Aber nicht alle Wissenschaftler unterstützen diese These. Sie befürchten, dass Bemühungen, die Zytokin-Antwort medikamentös zu dämpfen, negative Folgen haben könnten. Einige derartige Arzneimittel würden bei Covid-19-Patienten getestet. Diese Arzneimittel könnten die notwendige Immunantwort des Körpers auf das Virus beeinträchtigen, und es bestehe das Risiko, dass die Vermehrung des Virus gefördert wird, wenn man die natürliche immunologische Reaktion des Körpers unterdrückt.

Herz und Kreislauf sind weitere Kampfplätze


Wie das Virus das Herz und die Blutgefäße schädigen kann, ist immer noch nicht geklärt, aber das Phänomen wird in Dutzenden von wissenschaftlichen Artikeln beschrieben. Eine aktuelle Arbeit aus dem JAMA Cardiology dokumentiert Herzschädigungen bei nahezu 20% von 416 hospitalisierten Patienten in Wuhan/ China. In einer weiteren Studie aus Wuhan wiesen 44% von 36 Patienten einer Intensivstation Herzrhythmusstörungen auf.

Die Schädigung durch das Corona-Virus kann den Herzmuskel betreffen. Es gibt Patienten, die unter der Diagnose eines Herzinfarktes ins Krankenhaus eingewiesen werden. Sie weisen typische Beschwerden, eindeutige Zeichen im Elektrokardiogramm und erhöhte Serummarker auf. Die echokardiographische Untersuchung kann bei ihnen ein stark vergrößertes linkes Herz ergeben. Bei der anschließenden Koronarangiographie findet man jedoch keine Einengungen oder Verschlüsse der Herzkranzgefäße. Der PCR-Test auf das Corona-Virus fällt bei diesen Patienten jedoch positiv aus.

Die Schädigung durch das Virus bei diesen Patienten scheint das Blut selbst zu betreffen. In einer Arbeit, die kürzlich in der Zeitschrift Thrombosis Research veröffentlicht wurde, hatten 184 Patienten mit Covid-19 einer Intensivstation in den Niederlanden eine abnorme Blutgerinnung und bei fast einem Drittel fanden sich Blutgerinnsel in den Gefäßen.

Die Gerinnsel in den Venen können sich von der Gefäßwand ablösen, in die Lungen verschleppt werden und dort wichtige Arterien blockieren- das nennt man dann eine Lungenembolie, woran Covid-19-Patienten versterben können. Blutgerinsel in den Arterien können ebenfalls in das Gehirn gelangen und einen Schlaganfall hervorrufen.

Viele Patienten haben dramatisch erhöhte D-Dimere. Das ist ein spezifischer Marker für Thrombosen und Lungenembolien, dessen Auftreten für den Verlauf der Erkrankung bestimmend sein könnte. In einem Zeitungsartikel vom 20.4.2020 wird über einen Schweizer Forscher berichtet, der auf Grund seiner Untersuchungen zu dem Ergebnis kommt, dass viele Covid-19-Patienten an Lungenembolien sterben. Er schlägt vor, dass dagegen gängige Blutverdünner helfen könnten (8). Pathologen aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben kürzlich berichtet, dass sie bei Obduktionen bei der Mehrzahl von an Covid-19 Verstorbenen Thrombosen und Lungenembolien festgestellt haben (9).

Die Virusinfektion kann außerdem zu einer Blutgefäßkontraktion (Zusammenziehen der Blutgefäße) führen. Berichte über das Auftreten von dadurch bedingten Ischämien, das heißt einer Minderdurchblutung, im Bereich der Finger und der Zehen sind erschienen. Die Folge kann eine schmerzhafte Schwellung der Finger mit einem Absterben von Gewebe sein.

Eine durch die Virusinfektion bedingte mögliche Kontraktion von pulmonal-arteriellen Blutgefäßen in den Lungen könnte auch erklären, wie ein bisher ungeklärtes Phänomen bei Covid-19-Patienten auf Intensivstationen verursacht wird: Einige Patienten weisen extrem niedrige Sauerstoffwerte im Blut auf und haben trotzdem keine ausgeprägte Atemnot.

Man vermutet, dass in einigen Stadien der Krankheit das Virus das empfindliche Gleichgewicht der Hormone, die den Blutdruck regulieren, verändern kann und dass die zur Lunge führenden arteriellen Blutgefäße sich deshalb kontrahieren. So könne dann die Sauerstoffaufnahme in der Lunge eher durch sich kontrahierende Blutgefäße behindert werden als durch verstopfte Alveolen. Das könne ein Grund sein, dass bei einigen Patienten so niedrige Sauerstoffwerte gemessen werden.

Wenn man annimmt, dass das Corona-Virus die Blutgefäße schädigt, könne das ebenfalls erklären, warum Patienten mit vorbestehenden Schädigungen der Gefäße, zum Beispiel auf Grund von Diabetes oder Bluthochdruck, ein höheres Risiko für eine schwere Erkrankung aufweisen.

Möglicherweise schädigt das Virus aber auch direkt die Endothelauskleidung der Herzhöhlen und der Blutgefäße. Diese (einlagigen) Zellschichten sind ebenfalls, wie die Nasenschleimhaut und die Lungenalveolen, reich an ACE2-Rezeptoren.

In einer am 20.4.2020 veröffentlichten Untersuchung in der renommierten Wissenschaftszeitschrift „The Lancet“ konnten bei an Covid-19 Verstorbenen post-mortem im Endothel, der Gefäßinnenhaut, des Herzens und der Blutgefäße histologisch Virusbestandteile nachgewiesen werden (10). Die Autoren sprechen von einer Endotheliitis, einer Entzündung des Endothels, der sie auf die Spur gekommen sind.

Weiteres Schlachtfeld- die Nieren

Die weltweite Furcht vor einer zu geringen Anzahl von Beatmungsgeräten, die für Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen, hat große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Zu wenig beachtet ist bei dieser Diskussion ein anderer Typ von notwendigen Geräten auf Intensivstationen: die Dialysegeräte.

Wenn Leute nicht am Lungenversagen versterben, dann werden sie das aufgrund von Nierenversagen tun, sagen viele Intensiv-Mediziner. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Zellen in den Nieren ebenfalls ein Ziel für die Viren sind, weil sie reichlich ACE2-Rezeptoren an ihren Zellmembranen aufweisen.

Nach einem Preprint-Artikel wurde bei 27% von 85 stationär aufgenommenen Patienten in Wuhan ein Nierenversagen festgestellt. In einem anderen Artikel wurde beschrieben, dass 59% von nahezu 200 hospitalisierten Patienten in den chinesischen Provinzen Hubei und Sinchuan Eiweiss in ihrem Urin und 44% Blut aufwiesen, beides Hinweise auf eine Nierenschädigung. Patienten mit einer akuten Nierenschädigung hätten ein fünffach erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu sterben, im Vergleich mit Patienten ohne Nierenschädigung, wird in dem gleichen Artikel berichtet.

Bei einer elektronenmikroskopischen Untersuchung von Nierengewebe, das bei Autopsien von Covid-19-Patienten gewonnen wurde, konnten in Nierenzellen eingeschlossene Viruspartikel festgestellt werden, die eine dírekte virale Schädigung vermuten lassen.

Aber eine Nierenschädigung könnte auch Ausdruck eines Kollateralschadens sein. Eine künstliche Beatmung fördert das Risiko einer Nierenschädigung, ebenso wie antivirale Medikamente wie Remdesivir, das versuchsweise bei Covid-19-Patienten eingesetzt wurde. Ein Zytokin-Sturm kann aber ebenfalls den Blutfluss in der Niere dramatisch reduzieren und dann einen schweren Nierenschaden hervorrufen.

Und vorbestehende Krankheiten wie Diabetes können das Risiko für einen Nierenschaden erhöhen. Und darüber hinaus gibt eine ganze Reihe von Menschen, die an einer chronischen Erkrankung der Nieren leiden und bei denen dann durch Covid-19 ein höheres Risiko für eine zusätzliche akute Nierenschädigung besteht.

Auch das Gehirn wird vom Virus geschädigt

Bei 5% bis 10% der mit dem Corona-Virus Infizierten, die in der Klinik behandelt werden, finden sich neurologische Auffälligkeiten. Wahrscheinlich wird die Zahl der Patienten mit neurologischen Störungen unterschätzt. Das ist besonders deshalb so, weil viele beatmete Patienten auf der Intensivstation auch sediert werden.

Auch gibt es Patienten mit einer Entzündung des Gehirns, einer Enzephalitis, aber auch mit Schlaganfällen oder einer Übererregbarkeit des sympathischen Nervensystems, das Schlaganfall-ähnliche Symptome hervorruft, ähnlich wie ein Hirntrauma. Einige Patienten mit Covid-19 erleiden eine Synkope, das heißt, sie verlieren kurzzeitig das Bewusstsein.

Häufig wird über einen Geruchs- und Geschmacksverlust geklagt. Und in einigen Fällen wird auch über den Verlust von Hirnstammreflexen berichtet, die die Sauerstoffversorgung beeinträchtigen können. Das wäre eine weitere Erklärung für die Beobachtung, dass einige Patienten keine ausgeprägte Atemnot aufweisen, obwohl sie gefährlich niedrige Sauerstoffkonzentrationen im Blut aufweisen.

Bekannt ist auch, dass ACE2-Rezeptoren in der Hirnrinde und im Hirnstamm gefunden worden sind. Aber es ist noch unbekannt, wie und unter welchen Bedingungen das Virus die Bluthirnschranke passieren und in das Gehirn eindringen und mit diesen Rezeptoren interagieren kann.

In einer Anfang April 2020 veröffentlichten Studie eines Teams aus Japan wurde berichtet, dass Spuren des neuen Virus in der cerebro-spinalen Flüssigkeit eines Covid-19-Patienten, der eine Meninghitis und eine Enzephalitis entwickelt hatte, nachgewiesen wurden. Daraus kann abgeleitet werden, dass das Virus bei einigen Patienten in das Zentralnervensystem eindringen kann.

Aber auch andere Faktoren können das Gehirn schädigen. Zum Beispiel kann ein Zytokin-Sturm eine Hirnschwellung hervorrufen und die Neigung, Blutgerinnsel in den Blutgefäßen zu bilden, kann Schlaganfälle provozieren.

Weiterhin gibt es Vermutungen über eine mögliche Invasionsroute des Virus in das Gehirn, und zwar durch die Nase über den Nervus olfactorius, den 1. Hirnnerven, direkt zum Bulbus olfactorius, der Teil des Großhirns ist. Das erklärt auch, warum so viele Corona-Infizierte über einen Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns klagen.

Auch der Darm kann infiziert sein

Es gibt den Fallbericht über die Teilnehmerin einer Kreuzfahrt, die an blutigen Durchfällen, Erbrechen und Bauchschmerzen erkrankte. Zunächst bestand der Verdacht auf eine bakterielle Darminfektion, zum Beispiel durch Salmonellen. Als sie dann zusätzlich Husten entwickelte, fand man über einen Nasenabstrich eine positive Reaktion auf das Corona-Virus.

Eine Stuhlprobe war ebenfalls positiv auf Corona-Virus-RNA. Ebenso zeigten sich bei der Endoskopie Schleimhautverletzungen im Dickdarm, die auf eine gastro-intestinale Infektion mit dem Virus hindeuteten, wie sie kürzlich in einem Online-Paper im American Journal of Gastroenterology beschrieben worden ist.

Dieser Fall fügt sich ein in eine wachsende Anzahl von Hinweisen, dass das neue Corona-Virus, ebenso wie das SARS-1-Virus, die Schleimhaut im unteren Magendarmtrakt befallen kann, wo sich eine große Menge von ACE2-Rezeptoren befinden. Virale RNA hat sich dort in nicht weniger als 53% von positiv getesteten Patienten nachweisen lassen.

Und in einer Arbeit, die sich in der Zeitschrift für Gastroenterology im Druck befindet, berichtet ein chinesisches Team über Virus-Protein, das bei Untersuchungen von Biopsien aus der Schleimhaut des Magens, des Duodenums und des Rektums von Covid-19-Patienten nachgewiesen werden konnte.

Wenn man die vorliegenden klinischen Studien über Covid-19 auswertet, kommt man zu dem Ergebnis, dass in bis zur Hälfte aller Berichte, im Mittel bei 20%, die Patienten über das Auftreten von Durchfall berichtet haben.

Gastrointestinale Symptome stehen aber nicht in der CDC-Liste der möglichen Symptome bei Covid-19. Das ist wohl die Ursache dafür, dass diese häufig nicht diagnostiziert werden. Wenn man hauptsächlich Fieber und Durchfall hat, dann wird man in der Regel nicht auf Covid-19 getestet.

Das Vorhandensein von Virus im Gastrointestinalttakt wirft die Frage auf, ob das Virus durch den Stuhl übertragen werden kann. Bis jetzt ist nicht klar, ob der Stuhl intaktes und infektiöses Virus enthalten kann oder nur Virus-RNA und Virus-Protein. Auf Grund der Erfahrungen, die mit dem MERS-Virus, einem anderen besonders gefährlichen Verwandten des SARS-CoV-2-Virus, gemacht wurden, ist das Risiko der Übertragung mit dem Stuhl aber wahrscheinlich gering.

Hinweise auf Langzeitfolgen

Bei Nachuntersuchungen von Patienten, die 2002/2003 eine Infektion mit dem ersten SARS-Virus durchgemacht hatten, wurden bis 12 Jahre nach einer angeblichen Heilung Langzeitfolgen in Form von Lungenfibrosen, einem gestörten Glukose-Metabolismus und kardiovaskulären Erkrankungen festgestellt (2).

Kürzlich erschien ein Bericht in der Tagesschau aus Österreich, dass Forscher in der Universitätsklinik Innsbruck bei genesenden Covid-19-Erkrankten offenbar auch bleibende Lungenschäden festgestellt haben (11).

Unter den dort behandelten Patienten waren auch sechs aktive Taucher, die aber alle nicht stationär behandelt werden mussten, sondern sich in Heimquarantäne auskurierten. Sie alle waren keine schweren Fälle, ihre Erkrankungen lagen fünf bis sechs Wochen zurück und sie galten als genesen.

Bei der Kontrolle nach mehreren Wochen mittels Computer-Tomographie wiesen die Lungen von vier dieser Patienten aber weiterhin deutliche typische Vänderungen für Covid-19 auf und zwei Patienten zeigten bei Belastung eine deutliche Sauerstoffunterversorgung, die als Zeichen eines persistierenden Lungenshunts gedeutet wurde. Außerdem waren bei zwei Patienten bei einer Belastungsuntersuchung die Bronchien immer noch übererregbar wie bei Asthmatikern.

Einige Schlussfolgerungen

1. Von den Schäden, die Covid-19 im Organismus anrichten kann, können wir uns bisher nur ein grobes und unvollständiges Bild machen. Es wird noch Jahre mühevoller Forschungsarbeit erfordern, um Klarheit über die zerstörerischen Folgen dieser Virusinfektion zu erlangen und um die Kaskade von Effekten, die im kardiovaskulären wie im Immun-System ausgelöst wird, richtig zu verstehen.

2. Während die Erkenntnisse der Wissenschaft schnell vorwärtsschreiten, ist unsere Hoffnung natürlich besonders auf eine effektive Behandlung dieser schweren akuten Erkrankungsfälle gerichtet. Dabei stehen die Forscher vor der schwierigen Aufgabe, schlauer sein zu müssen als das listige Virus, das in den letzten Monaten geschafft hat, die Welt in ihrem bisherigen Verlauf anzuhalten.

3. Auch wenn wir bisher über die krankmachenden Eigenschaften des neuen Corona-Virus nur erste und unvollständige Daten zur Verfügung haben, zeigt diese Darstellung eines doch ganz klar: Wir dürfen dieses gefährliche Virus nicht unterschätzen oder auf die leichte Schulter nehmen.

4. Von den diskutierten Krankheitsbildern in Verbindung mit der Corona-Virus-Infektion, die bei vielen Patienten zum Tode führen können, sind vor allem Menschen im höheren und hohen Lebensalter, das heißt, die über 70- oder 80-Jährigen, betroffen. Sie haben zu einem großen Teil weitere Risikofaktoren in Form von chronischen Krankheiten (1). Zu dieser Gruppe gehören viele Millionen Menschen mit einer „Neben-Diagnose“, zum Beispiel einem Diabetes, einer Herzkranzgefäßverengung (koronare Herzkrankheit) oder einem Bluthochdruck. Aber auch Jüngere mit einer Immunschwäche können betroffen sein. Und wahrscheinlich muss man auch viele Menschen, die Raucher sind und im Durchschnitt der mittleren Altersgruppe angehören, auch zu dieser Risikogruppe zählen, denn bei ihnen besteht häufig eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, eine sogenannte COPD (12). Vor einigen Tagen wurde eine große prospektive Kohortenstudie aus Großbritannien veröffentlicht, die weiterhin gezeigt hat, dass bei Vorliegen einer Adipositas, einer Fettleibigkeit, ebenfalls ein erhöhtes Risiko für einen ungünstigen Krankheitsverlauf von Covid-19 besteht (13).

5. Gelegentlich sind Stimmen zu hören, dass es sich bei den von einer schweren Corona-Virusinfektion Betroffenen oder Bedrohten um Menschen handelt, die sowieso bald gestorben wären oder nicht mehr lange zu leben hätten. Solche unsäglichen Diskussionsbeiträge sind nicht nur ethisch verwerflich, sondern auch dumm. Bei den „Alten“, der wichtigsten Risikogruppe für Covid-19, handelt es sich bei uns in Deutschland um mindestens 15 bis 20 Millionen Menschen, etwa einem Viertel unserer Bevölkerung. Und dabei sind die Millionen Raucher und Adipösen noch nicht mitgerechnet. Für diese Gruppe gilt heute aber, dass man auch mit zwei oder drei der oben genannten „Neben-Diagnosen“ noch viele Jahre ein lebenswertes Leben führen kann (14). Und das wünschen sich sicher die meisten von ihnen und haben dafür auch viele Jahrzehnte lang ihre Krankenkassenbeiträge gezahlt.

 
Quellen und Links:


1. Kolenda KD. Covid-19: Eine erste Bilanz über das Wirken eines gefährlichen Virus. Neue Rheinische Zeitung 29.4.2020
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26750

2. Vogt PR. Covid-19- eine Zwischenbilanz oder eine Analyse der Moral, der medizinischen Fakten, sowie der aktuellen und zukünftigen politischen Entscheidungen.
https://herzchirurgie-paulvogt.ch/wp-content/uploads/2020/04/Corona-Summary-April-7-2020-Paul-R-Vogt.pdf

3. Schweizer Herzchirurg Prof. Paul Robert Vogt wirft den westlichen Ländern massive Versäumnisse zu Beginn der Corona-Pandemie vor.
SWR1 vom 5.5.2020
https://www.swr.de/swr1/bw/swr1leute/prof-paul-robert-vogt-schweizer-herzchirurg-100.html

4. Daten und Grapiken der European mortality monitoring activity (EuroMOMO)
https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps

5. Rötzer F. In der Lombardei gibt es viel mehr mit Corona verbundene Tote als offiziell bekannt Telepolis 3.4.2020
https://www.heise.de/tp/features/In-der-Lombardei-gibt-es-viel-mehr-mit-Corona-verbundene-Tote-als-offiziell-gemeldet-4695910.html

6. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/05/PD20_162_12621.html

7. Wadman M, Couzin-Frankel J, et al. How doese the coranvirus kill? Clinicians trace a ferocious rampage through the body from the brain to the toes. Science 17.4.2020

8. Woran sterben Corona-Patienten wirklich? Ein Schweizer Forscher macht Hoffnung im Kampf gegen Covid-19. Tagesspiegel 20.4.2020
https://www.tagesspiegel.de/wissen/woran-sterben-corona-patienten-wirklich-ein-schweizer-forscher-macht-hoffnung-im-kampf-gegen-covid-19/25750666.html

9. Wichmann D, et al. Autopsy findings and venous thromboembolism in patients with Covid-19: A prospectinv cohort study. Annals of Internal Medicine 6.5.2020
https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/M20-2003

10. Varga Z, Flammer AJ, et al. Endothelial cell infection and endotheliitis in Covid-19. The Lancet 20.4.2020
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)30937-5/fulltext?dgcid=raven_jbs_etoc_email

11. Covid-19-Forschung: Dauerhaft geschädigt. Tagesschau vom 18.4.2020
https://www.rainews.it/tgr/tagesschau/articoli/2020/04/tag-Coronavirus-Lungeschaden-Forschung-Uniklinik-Innsbruck-6708e11e-28dc-4843-a760-e7f926ace61c.html

12. Scheidt M, Kolenda KD. Covid-19: Auch Raucher sind eine wichtige Risikogruppe. Nachdenkseiten 4.4.2020
https://www.nachdenkseiten.de/?p=59912

13. Doherty A, et al. Features of 20133 patients in hospital with Covid-19 using the ISARIC WHO clinical characterisation protocol: a prospective observation study. BMJ 22.5.2020
https://www.bmj.com/content/369/bmj.m1985

14. Kolenda KD. Plädoyer für eine gerechte und solidarische Gesundheitsversorgung. Nachdenkseiten 2.12.2017
https://www.nachdenkseiten.de/?p=41382


Klaus-Dieter Kolenda
, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin- Gastroenterologie-, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin- Sozialmedizin-, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Er ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e.V. (DGNTF) und arbeitet in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit.
E-Mail: klaus-dieter.kolenda@gmx.de



Siehe auch:

Petition – gerichtet an Bundes- und Landesregierungen
Sofortige Aufhebung aller in der "Corona-Krise" verfügten Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten!
Von Helene und Dr. Ansgar Klein
NRhZ 741 vom 31.03.2020
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26705

Übergabe der Petition "Sofortige Aufhebung aller in der Corona-Krise verfügten Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten!" ans Bundeskanzleramt
Mit über 88.000 Unterschriften gegen den Corona-Putsch
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 746 vom 07.06.2020
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26828

ARTIKELÜBERSICHT Corona-Manöver
Allen Spins und Hintergründen nachspüren
Von NRhZ-AutorInnen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26721

Online-Flyer Nr. 746  vom 08.06.2020

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE