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Aktueller Online-Flyer vom 11. August 2020  

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Kommentar
Die Weihnachtsgeschichte ist unhistorisch, und das heutige Israel versucht, seine eigene Geschichte zu vertuschen
Kein Friedensstern über Bethlehem
Von Arn Strohmeyer

Über Palästina schrieb Sigmund Freud, der allen Religionen und auch dem Zionismus als nationalistischer Ideologie kritisch gegenüberstand, 1932: „Palästina hat nie etwas anderes hervorgebracht als religiösen, heiligen Wahnsinn und überhebliche Versuche, die äußere Erscheinungswelt mit den Mitteln der inneren Welt sehnsuchtsvollen Denkens zu überwinden.“ Wie recht der Begründer der Psychoanalyse hat! Heute stimmen progressive Theologen darin überein, dass man über die Jahrhunderte – jeweils nach den Bedürfnissen der Zeit – in die jüdische Gestalt des Jesus von Nazareth unendlich viel hineinprojiziert hat, was wenig oder nichts mit dem historischen Jesus zu tun hat. Anders gesagt. Der österliche Jesus ist nicht der geschichtliche Jesus. Dank der historisch-kritischen Methode, die die Aufklärung entwickelt hat, weiß man heute, dass die meisten Worte und Berichte über Taten Jesu nachträgliche Zuschreibungen der Urgemeinde und späterer Generationen sind, Fiktionen also.

Das trifft auch auf die Weihnachtsgeschichte zu. Es gibt gleich zwei Fassungen über die Geburt Jesu: Matthäus 1,1 und 2,23 und Lukas 2,1 – 40, die historisch nicht vereinbar sind. So geben die beiden Evangelisten auch verschiedene Datierungen der Geburt Jesu an: Bei Mt. findet sie zu Lebzeiten Herodes des Großen statt, der 4.v.Chr. gestorben ist. Nach Lk. wurde Jesus kurz nach einer vom Kaiser Augustus angeordneten Steuerschätzung, als Quirinius Statthalter von Syrien war (ab 6.n.Chr), geboren.

Mt. zufolge wohnten die Eltern Jesu in Bethlehem und erst nach der Rückkehr aus Ägypten siedelten sie nach Nazareth um. Nach Lk. zogen die Eltern aber vor der Geburt Jesu von Nazareth nach Bethlehem um. Lk. weiß nichts von den Magiern aus dem Morgenland, dem Stern über Bethlehem, der Flucht nach Ägypten und einem Kindermord des Herodes. Mt. weiß nichts von einer Verkündigung an die Hirten.

Dem protestantischen Theologen Gerd Lüdemann zufolge sind das alles fromme Legenden. Sie haben aber einen hohen emotionalen und erbaulichen Gehalt und sind wohl gerade deshalb so populär. Nach der Historizität fragt da niemand. Für historische Wahrheit hatten die Christen der Urgemeinde keinen Sinn und deshalb haben sie „heilige Lügen“ hervorgebracht, die viele Menschen heute noch glauben und die zum Teil in den Kirchen noch Dogmencharakter haben.

Im modernen Israel hält man auch wenig von historischer Wahrheit. Auch wenn kein direkter Zusammenhang zwischen den beiden Ideologien Christentum und Zionismus besteht, ist das Faktum – im Zusammenhang mit der Aussage Freuds über Palästina – doch sehr interessant. Israel hat eine spezielle Militäreinheit (Malmab mit Namen) gegründet, die die Aufgabe hat, alle den zionistischen Staat belastenden historischen Zeugnisse und Dokumente aus den öffentlich zugänglichen Archiven zu entfernen.

Damit sind vor allem Dokumente gemeint, die die Nakba 1948 betreffen, also das gewaltsame Vorgehen der Zionisten gegen die Palästinenser, um sie aus dem Land zu vertreiben und sich ihren Boden anzueignen. Rund 800 000 Menschen wurden damals vertrieben, über 500 Dörfer und elf arabische Stadtteile wurden zerstört, es gab furchtbare Massaker und Plünderungen (Siehe das Buch des israelischen Historikers Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas).

Ziel der Arbeit der Malmab-Einheit in den Archiven ist es, „die Glaubwürdigkeit der Studien über die Geschichte des Flüchtlingsproblems zu untergraben“, so der ehemalige Leiter des Teams in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Haaretz. Das Vorhaben wird aber nur zum Teil gelingen, weil die „neuen Historiker“ wie Ilan Pappe, Tom Segev und Avi Shlaim wohl geahnt haben, was offizielle Stelle da vorhaben, und deshalb schon lange vor Beginn der Arbeit von Malmab die wichtigsten Dokumente durch Kopieren und Scannen sichergestellt haben.

Zwischen beiden hier geschilderten Vorgängen besteht die Gemeinsamkeit, dass versucht wird, Geschichte zu fälschen. Das Motiv dabei ist politischer Natur, man verfolgt ganz bestimmte politische Interessen, die mit der Gewinnung bzw. der Erhaltung von Macht zu tun haben. Was bleibt – und das gilt für das zum großen Teil auf Legenden beruhende Christentum und auch für die Vertuschung der eigenen Geschichte in Israel – ist ein steter Appell, sich an der historischen Wahrheit zu orientieren, weil nur mit ihr Frieden möglich ist.

Der Theologe Gerd Lüdemann weist auf die Notwendigkeit hin, auch und gerade in Bezug auf die Religion über den eigentlichen Ursprung der abendländischen Kultur aufzuklären. Er bezieht auch die Politik in seinen Appell mit ein und schreibt: „Denn die in der Vernunft gegründete Aufklärung samt ihrer Kritik an Offenbarungsansprüchen und Erkenntnisprivilegien jeglicher Art bleibt ein fester Bestandteil der modernen Welt. Allein Aufklärung ermöglicht einen konstruktiven Dialog zwischen den Angehörigen verschiedener Nationalitäten und Kulturen, und sie allein wäre in der Lage, in dem kommenden Jahrtausend Frieden zwischen den Menschen unterschiedlichster Ideologien und Religionen anzubahnen.“

Online-Flyer Nr. 730  vom 18.12.2019

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