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Aktueller Online-Flyer vom 11. August 2020  

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Globales
Veranstaltung zum 15. Jahrestag der Gründung von ALBA-TCP, Bern, 14.12.2019
Neues aus dem Herzen der Bestie
Von Markus Heizmann

Die Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika – Handelsvertrag der Völker (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América – Tratado de Comercio de los Pueblos, ALBA-TCP) ist ein wirtschaftliches und politisches Bündnis von derzeit elf Staaten Lateinamerikas und der Karibik. Das Bündnis ist eine Alternative zur von den USA einst geplanten gesamtamerikanischen Freihandelszone ALCA. (1) Die Aktivitäten der Allianz umfassen auch Hilfsprogramme medizinischer Art oder Alphabetisierungsprogramme. Mitgliedsstaaten bei ALBA sind: Antigua und Barbuda, Bolivien (dessen Mitgliedschaft ist nach dem Putsch gegen Präsident Evo Morales in Frage gestellt), Dominica, Grenada, Kuba, Nicaragua, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent, Grenadinen und Venezuela. Am 14. Dezember 2019 richtete die Botschaft Venezuelas in Bern eine kulturelle und politische Veranstaltung zu ALBA-TCP mit ca. 100 geladenen Gästen aus - darunter die Botschafter Kubas, Nicaraguas und Nord-Koreas aus. Anlass war der 15. Jahrestag der Unterzeichnung des ALBA-Vertrags im Jahr 2004 in Havana, Kuba.



Das Programm im Herzen der Schweizer Hauptstadt war vielfältig und wurde von der Gruppe POP‘chestra (engagierte politische Lieder aus Süd- und Mittelamerika), Freddy Clavel, (Sänger, Venezuela) Daillin und Randy (Salsa Tanz, Kuba) Iris Alvarez (traditioneller Tanz Nicaragua) und von der Gruppe um Florindo Alvis und Julia Hidalgo (Musik und Gesang, Bolivien) umrahmt. Unterstützt und mitgetragen wurde die Veranstaltung von den Organisationen ALBA-Suiza (2) und VSC (Vereinigung Schweiz Cuba) (3) Als geladene Gäste sprachen als Botschafter ihrer Länder, bzw. Repräsentantinnen ihrer Organisationen:
  • César Méndez Gonzàlez, Botschafter, Venezuelas
  • Manuel Francisco Aguilera de la Paz, Botschafter Kubas
  • Carlos Morales Dàvila, Botschafter Nicaraguas
  • Frau Natalie Benelli, Repräsentantin der Organisation ALBA-Suiza
  • Frau Silvia Marino, Repräsentantin der Organisation Bolivia Plurinacional.ch
Nicht als Redner auf dem Podium, aber als geladene Gäste waren Vertreter der Demokratischen Republik Nord Korea (Demokratische Volksrepublik Korea) anwesend.

Gleich zu Beginn machte César Méndez Gonzàlez, Botschafter Venezuelas, klar, worum es bei ALBA in erster Linie ging und noch immer geht: Die Wohlfahrt der Völker, die sich ALBA anschließen, steht im Vordergrund, nicht die kapitalistische und neo-koloniale Logik des Profits. So kann denn auch, 15 Jahre nach Unterzeichnung des Abkommens konstatiert werden: Allen beteiligten Ländern ist es gelungen, das Volk zu schulen. Analphabetentum kommt so gut wie nicht mehr vor. Die medizinische Versorgung ist Dank gemeinsamer Anstrengungen auf einem sehr hohen Niveau. Trotz Blockaden durch die USA und andere Staaten braucht in den Ländern der ALBA-Koalition niemand zu hungern.

Diese Einschätzung teilten auch die beiden folgenden Redner, die Botschafter Kubas und Nicaraguas. Vor allem Manuel Francisco Aguilera de la Paz, der Botschafter Kubas, drückte sich unmissverständlich aus: Das Ziel aller Länder sei es, Gerechtigkeit, Souveränität und Frieden zu erlangen. Daran würden sie von den Imperialisten gehindert, deren Ziel sei es, zum Nulltarif an die Ressourcen der Völker heran zu kommen. Es sei, so der Botschafter, seitens des Westens ein Zynismus ohnegleichen, von Demokratie zu reden, während der derselbe Westen die Völker wirtschaftlich und militärisch angreife. Am Ende seiner Rede bekundete er die absolute Solidarität Kubas mit Venezuela und mit Nicaragua, und er schloss mit dem flammenden Appell: „Eine andere Welt, eine solidarische Welt ist möglich!“

Carlos Morales Dàvila, Botschafter Nicaraguas, bestätigte seine Vorredner, und er bezeichnete ALBA „als wahre Alternative für die Völker unseres Amerika, als unabhängige Entwicklung zur 'Freihandelszone' der USA und deren Neo-Liberalismus“. ALBA biete seinen Mitgliedern unter anderem Ernährungssicherheit, die Schaffung öffentlicher Räume für Kunst und Kultur, und die Befreiung vom Analphabetismus.

Die Organisationen

Frau Dr. Natalie Benelli, als Delegierte der Solidaritätsorganisation ALBA-Suiza, gratulierte den anwesenden Botschaftern und Gästen zu den Erfolgen, welche Dank ALBA realisiert werden konnten. Besonders hob sie hervor, dass die Länder trotz der jüngsten Angriffe an ihren sozialen und sozialistischen Prinzipien festhalten. Nach wie vor sieht Frau Benelli den Frieden der Region durch die USA bedroht. Unter Applaus fordert sie eine klare Verurteilung des Putsches gegen Evo Morales in Bolivien und eine Verurteilung der Blockaden. Eine der größten Herausforderungen, der wir uns hier stellen müssen, sieht sie in der Aufklärung der Bevölkerung hier, die zum grossen Teil nicht mal darüber informiert ist, dass Länder mit illegalen Blockaden belegt werden. Frau Benelli betonte, dass dieser Medienkrieg ins Bewusstsein gerückt und beendet werden müsse.

Bedingt durch den Putsch gegen den gewählten Präsidenten Evo Morales war die offizielle Regierung Boliviens nicht vertreten. Bestens repräsentiert wurde das Volk Boliviens jedoch durch Frau Silvia Marino. Frau Silvia Marino, Repräsentantin der Organisation Bolivia Plurinacional.ch, begann ihren Beitrag mit einer Schweigeminute für die Opfer des Putsches gegen Präsident Morales. Aus Sicht von Frau Marino richtete sich der Putsch auch und vor allem gegen die indigenen Völker Boliviens. Unter der Präsidentschaft von Evo Morales hätten die Indegenas mehr und mehr ihre Würde und ihren Stolzes zurück erobern können. Gleich zu Beginn der Unruhen habe es seitens der weißen Rassisten systematische Hetzjagden auf Indigenas gegeben. Dies ginge so weiter bis zum heutigen Tag. Gewerkschaftslokale würden angegriffen und niedergebrannt, Familienangehörige von PolitikerInnen, die sich zu Morales bekennen, würden getötet oder entführt, und all das geschehe unter den Augen der Weltöffentlichkeit, ja mehr noch: Trump nannte diese Verbrechen „einen Sieg der Demokratie“. (4) Welch ein Hohn! Dies war ein faschistischer Putsch, daran gibt es für Frau Marino keinen Zweifel. Interessant auch, dass die BolivianerInnen im Exil in der Schweiz mehrheitlich (außer in Genf) ebenso wie die Mehrheit des Volkes in Bolivien selbst, für Evo Morales gestimmt haben. Der Putsch war ein klarer Rechtsbruch, ein Bruch auch mit der Verfassung des Landes.

Mit Musik aus Bolivien, vorgetragen von Florindo Alvis und Julia Hidalgo, gesungen in Quechua, der Sprache der Indigenas von Peru und Bolivien, wird der offizielle Teil des Anlasses beendet. Es folgten bilaterale Diskussionen und Gespräche mit den Anwesenden.

Ein reaktionärer roll back

So gut wir alle Mängel, die wir heute bei ALBA finden, sind auf die Einmischungen des Westens, namentlich natürlich der USA, zurück zu führen. Indes muss auch berücksichtigt werden, dass es dem US-Imperialismus offensichtlich gelingt, neue Vasallen zu rekrutieren. Genannt seien Jair Bolsonaro (Brasilien), Lenín Moreno (Ecuador) oder eben neu in Bolivien mit der selbsternannten "Übergangspräsidentin" Jeanine Añez, die sich nach dem Sturz des Präsidenten Morales nicht entblödete, mit einer überdimensionalen Bibel ins Parlament zu marschieren und der Welt zu verkünden, „Jesus sei nun wieder in Bolivien, und Pachamama (5) werde nie mehr zurück kehren“.

Allein diese abergläubische Intoleranz gegenüber allem, was nicht einer rein weissen, christlichen Lehre entspricht, entlarvt die Putschisten. Ihre Ideologie entspricht einer mittelalterlichen Ideologie und passt somit nahtlos in die inquisitorische Ideologie des US-Euro-NATO-Imperialismus.

Süd-Süd-Kooperation

Wenn wir jedoch ein Beispiel für die funktionierende Süd-Süd-Kooperation suchen, so finden wir es bestimmt bei ALBA. Die Bereitschaft, mit allen Staaten und Völkern zu kooperieren, welche die Identität und die Souveränität aller Beteiligten achten, ist zukunftsweisend. Sie entspricht der Politik von Venezuela, von Kuba, von Nicaragua, und dies wäre mit Sicherheit auch die Politik von Brasilien, Ecuador und Bolivien, wäre es den Imperialisten nicht gelungen, fortschrittliche Regierungen durch ihre Marionetten zu ersetzen – ob mit oder ohne Putsch. Gleichwohl wird die Zusammenarbeit der Völker weitergehen, ebenso wie der Kampf gegen Unterdrückung und imperialistische Hegemonie weiter geht, solange diese Ungerechtigkeiten die Völker quälen.

Die Süd-Kooperation beschränkt sich jedoch nicht auf die Americanas. Länder der arabischen Welt, allen voran Syrien sind beteiligt. Afrikanische Länder sind beteiligt, ebenso wie Indien, China und Russland. Mit anderen Worten: Mittel- und langfristig ist das kapitalistische und imperialistische System, welches die USA und die EU als alternativlos für die ganze Welt anpreisen, ein Auslaufmodell. Damit behaupten wir nun keinesfalls, dass eine sozialistische Weltwirtschaftsordnung zuoberst auf der Agenda steht. Indes ist es offensichtlich, dass das menschenverachtende, imperialistische und kapitalistische System keinen Bestand haben kann. Die Verbrechen und die Unmenschlichkeit fordern den Widerstand dagegen geradezu heraus; die Süd-Süd-Kooperation, wie sie sich an der hier geschilderten Veranstaltung manifestiert, ist ein Teil dieses Widerstandes.

Sie haben die Waffen – aber wir sind die Mehrheit

Es fällt auf, dass die Staatsoberhäupter in den angegriffenen Ländern die Mehrheit ihrer Völker auf ihrer Seite haben – oft werden sie regelrecht verehrt. Im Gegensatz dazu traut sich in unseren Breitengraden kaum ein Politiker ohne eine Armee von Bodyguards auf die Strasse. Die PolitikerInnen in den angegriffenen Ländern - wir sprechen konkret von Ländern wie Venezuela, Kuba, Syrien und Nicaragua - reden offensichtlich die Sprache ihrer Völker. Wenn führende Leute wie Fidel Castro, Gamal Abdel Nasser, Salvator Allende oder aktuell Evo Morales ihre Führungsposition abgeben, dann geschieht dies, entweder weil sie sterben, weil sie ermordet werden, oder weil sie der Imperialismus weg putscht. In keinem Fall jedoch werden die integren Helden des Volkes und des Befreiungskampfes von ihren eigenen Völkern von der Macht entfernt. Wenn nicht wie im Fall von Fidel der natürliche Tod eintritt, leben die Vertreter ihrer Völker unter der ständigen Bedrohung der imperialistischen Gewehre. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Che Guevara, Salvator Allende, Ken Saro Wiwa, Thomas Sankara, Ghassan Kanafani sind nur einige Namen, die genannt werden müssen, wenn von führenden WiderstandskämpferInnen die Rede ist, die von den Waffen des Imperialismus ermordet wurden.

Kein einziges dieser Verbrechen hat jedoch den Widerstand besiegen können, im Gegenteil wurde durch jeden Mord der Widerstand neu befeuert. Mit anderen Worten: Sie haben zwar die Waffen, wir jedoch, die wir alle für die Freiheit und gegen den Imperialismus einstehen, sind die absolute Mehrheit.

Solidarität!

Ebenso wie sich die Regierungen der Länder des Südens darüber im Klaren sind, dass sie nur mit Kooperation, Zusammenarbeit und Solidarität überleben und siegen können, müssen wir uns darüber klar werden, dass Solidarität eine Waffe, bestimmt unsere wichtigste Waffe, gegen das Monster namens Imperialismus ist. Solidarität ist nicht nur die Zärtlichkeit der Völker, wie es Che formulierte. Solidarität ist internationale Solidarität, oder es ist keine Solidarität. Diese Solidarität war beim Empfang der Botschaft von Venezuela spürbar und erlebbar.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass es ausgerechnet diese Länder sind, die von den hiesigen Medien verteufelt werden und die von den hiesigen Machthabern mit mörderischen Blockaden belegt werden. Diese Blockaden werden von den westlichen Medien weitgehend verschwiegen. Es gehört mit zu unseren Aufgaben, darüber Öffentlichkeit herzustellen und wo immer möglich gegen die Blockaden zu protestieren. Die Veranstaltung zu ALBA-TCP beschränkte sich vornehmlich auf die Länder Süd- und Mittelamerikas, den ALBA-Ländern eben. Anschließend jedoch, in den bilateralen Gesprächen wurde - jenseits von aller Diplomatie - klar, dass ausnahmslos alle von Blockaden betroffenen Länder, von A wie Afghanistan bis Z wie Zentralafrikanische Republik zusammen arbeiten und sich zusammen gegen den Imperialismus zur Wehr setzen müssen. Dort ist die Hoffnung!


César Méndez Gonzàlez, Botschafter Venezuelas


Manuel Francisco Aguilera de la Paz, Botschafter Kubas


Carlos Morales Dàvila, Botschafter Nicaraguas


Gruppe aus Bolivien


Freddy Clavel (Sänger aus Venezuela)


POP‘CHESTRA


Fußnoten:

1 Die Freihandelszone sollte eigentlich alle Staaten in Nord-, Süd- und Mittelamerika sowie in der Karibik, bezeichnenderweise mit Ausnahme Kubas, umfassen. Dieses Gebiet umfasst knapp 800 Millionen Verbraucher mit jährlich erwirtschafteten Gütern und Dienstleistungen im Wert von über zehn Billionen US-Dollar. Die Planungen für die Freihandelszone begannen bereits Anfang der 1990er Jahre, indes besteht jedoch wegen den ideologischen Vorbehalten der USA keine Chance auf eine Verwirklichung.
2 http://www.albasuiza.org/de/
3 https://www.cuba-si.ch/de/
4 Zum Beispiel hier:
https://www.wiwo.de/politik/ausland/bolivien-trump-lobt-ruecktritt-von-evo-morales-alssieg-der-demokratie/25216150.html (Zugriff Dezember 2019)
5 Die Göttin Pachamama Quechua und Aymara: „Mutter Erde, Mutter Welt, Mutter des Kosmos“ gilt einigen indigenen Völkern Südamerikas als Erdmutter, die Leben in vielfacher Hinsicht schenkt, nährt und schützt. Pachamama wird heute als Faktor für Identität, sozialpolitischen Widerstand und als Hoffnung auf ein umfassenderes, würdiges Leben angesehen.

Online-Flyer Nr. 730  vom 18.12.2019

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