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Aktueller Online-Flyer vom 23. September 2019  

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Arbeit und Soziales
Mediales Wirrwarr um Zahlen und Begriffe der Arbeitsmarktstatistik
Trau keinem "(A)Typisch"!
Von Harald Schauff

Die "atypische" Arbeit verharrt auf hohem Niveau. So das Fazit einer Studie des WSI, veröffentlicht im Juni diesen Jahres. Hinter WSI steckt der sperrige Name des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Studie stellt für das Jahr 2017 fest, dass insgesamt 20,8 Prozent der Beschäftigten hierzulande "atypisch" gearbeitet haben. Heißt: In Leiharbeit, Teilzeit, befristet oder in einem Minijob. Als "typische" Beschäftigung gibt dieselbe Pressemeldung das "Normalarbeitsverhältnis" an: Unbefristete, sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs.

So weit so begrifflich klar. Allerdings macht die Ziffer von 20,8 Prozent stutzig. Nach obiger Angabe soll sie auch alle TeilzeitJobber/innen enthalten. Die Erinnerung an eine andere Pressemeldung von vor 2 Jahren wird wach: Danach arbeiteten rund 15 Millionen aller abhängig Beschäftigten, knapp 40 Prozent, Teilzeit, also jede dritte Erwerbsperson (von insgesamt 45 Mill.).

Die WSI-Datenbank bestätigt für das Jahr 2016 den Anteil der Teilzeitarbeit von 39,6 Prozent an allen abhängigen Hauptbeschäftigungsverhältnissen. Noch eine Zahl: Wir googeln die Teilzeitquote für Deutschland und erhalten einen dritten Wert, ermittelt vom Bundesamt für Statistik (destatis): 11 Mill. Menschen, 27 Prozent der Erwerbstätigen für das Jahr 2017.

Schönes Zahlenwirrwarr. Welche Quote stimmt denn nun? Versuchen wir, etwas Klarheit zu schaffen. Offensichtlich wurden bei der letztgenannten Quote die Minijobber bzw. "ausschließlich geringfügig Beschäftigten" nicht mitgezählt.

Laut destatis lag deren Ziffer zuletzt (2017) bei 4,7 Millionen. Plus 11 Mill. Teilzeitbeschäftigte ergibt 15,7 Mill. Das entspricht in etwa der vorhin genannten Gesamtzahl der Teilzeitarbeitenden für das Jahr 2016. Diese hätte damit 2017 die 40-Prozent-Marke übersprungen.

Zurück zur Quote von 20,8 Prozent für die "atypisch" Beschäftigten. Die Preisfrage lautet: Wer gilt als "atypisch" bzw. "typisch" beschäftigt? Interviews mit Wissenschaftlern der Hans-Böckler-Stiftung sorgen für Erhellung: Sie stufen nicht alle Teilzeit-Jobs als "atypisch" ein, wie die Pressemeldung vorgaukelt.

Offensichtlich sind hier nur die ausschließlich geringfügig Beschäftigten und die befristet Teilzeitarbeitenden gemeint. Zusammen mit Leiharbeitern und befristet Vollzeittätigen dürften sie die besagte Ziffer von 20,8 Prozent ergeben.

Der Lapsus ist also nicht den Forschern des WSI anzukreiden, sondern den Journalisten, welche die dazu gehörige Pressemeldung verfasst haben. Sie hätten die unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobs unter die Normalarbeitsverhältnisse fassen müssen. Sie taten dies nicht, sicherlich nicht aus böser Absicht, um etwa über das wahre Ausmaß der Teilzeitarbeit hinweg zu täuschen.

Eher dürften sie auf die herrschende Arbeitsideologie herein gefallen sein. Diese zählt nur unbefristete Vollzeit-Tätigkeit als "gute" und "richtige" Arbeit. Teilzeitarbeit an sich wird von ihr im Wert prinzipiell geringer geschätzt.

Diese Geringschätzung verleitet wiederum dazu, ihre Ausbreitung zu unterschätzen. Denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf, weil es der gängigen Vorstellung widerspricht: Dass die "gute, richtige" Arbeit des Vollzeitmodells langfristig auf dem Rückzug ist. Doch der Wandel am Arbeitsmarkt ist längst voll im Gange und zeigt: Das alte Modell und die daran haftende Ideologie sind überholt.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe September 2019, erschienen.

Online-Flyer Nr. 718  vom 11.09.2019

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