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Aktueller Online-Flyer vom 22. August 2019  

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Medien
Ein Erfahrungsbericht
junge Welt: Eine Fälscherwerkstatt
Von Werner Rügemer

Am 18.9.2017 veröffentlichte die junge Welt meinen Artikel „Mit Kirche und Kapital. Vor hundert Jahren wurde Konrad Adenauer, der spätere erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, zum Kölner Oberbürgermeister gewählt“. Wie sich herausstellte, war dies gar nicht wirklich der von mir verfasste Artikel, sondern ein von der Redaktion ohne jegliche Absprache an 45 Stellen umgeschriebener, gefälschter Artikel.


"Der Krieg und sein Schatten – Zwei alte Herren: reif fürs Panoptikum", Fotomontage von John Heartfield, 1961 (aus der Ausstellung "Die Kunst ist tot" in der Galerie Arbeiterfotografie, Köln)

I. Vorbemerkungen:

Ich hatte, auch weil es keine Rücksprache über Änderungen gegeben hat, den veröffentlichten Text nicht durchgelesen. Ich wurde erst Tage später durch einen Leser der jW darauf aufmerksam gemacht, dass mindestens der Schlusssatz doch wohl nicht von mir stammen könne. In der Leserschaft der jW besteht also die Vermutung bzw. Kenntnis, dass Texte durch die jW-Redaktion manipuliert werden (können).

Der Veröffentlichungstermin stand fest, da er sich auf das 100jährige Jubiläum der Amtseinführung Adenauers als Kölner Oberbürgermeister bezog. Mit dem für die Themenseite verantwortlichen Redakteur Daniel Bratanovic vereinbarte ich den Abgabetermin 13.9.2017. Zur Sicherheit schickte ich das Manuskript eine Woche früher, am 7.9.2017. Zudem hatte ich das Manuskript kürzer gehalten als die vereinbarte Höchstzahl der Zeichen, damit keine Kürzung notwendig wurde. Es bestand also keinerlei Termindruck für die Bearbeitung.

Wie ich dann feststellen musste, wurde der Text an 45 Stellen geändert. Dazu gehören stilistische Änderungen, Umstellungen, Umformulierungen. Dazu gehören Streichungen von Begriffen und Wertungen und fünf ganzer Sätze. Dazu gehören einzelne Einfügungen – einmal ein ganzer Absatz. Die Redaktion hat den Text intensiv bearbeitet und hatte dafür viel Zeit, hat aber keine Rücksprache mit mir genommen.

II. Fälschungen

a) Der zusammenfassende Schlusssatz lautet im Original: „So wird Adenauer nach Hitlers Ende der ideale Politikdarsteller sein für die endlich erreichte und endlich US-geführte Gründung eines Separatstaats namens BRD.“

Daraus wurde entfernt der Begriff „Politikdarsteller“ und wurde verharmlost zu „Politiker“, obwohl es mir gerade darauf ankam, den besonderen Politikstil Adenauers zu charakterisieren, der nicht einfach ein üblicher „Politiker“ war, sondern einen besonderen BRD-Vasallen-Politikstil geprägt hat, der bis heute für seine NachfolgerInnen typisch ist.

Aus dem Satz wurde weiter entfernt „endlich erreichte und endlich US-geführte“: d.h. 1. der Anschluss an die im Artikel dargestellte, an den Interessen des rheinischen-, Ruhrgebiets-Kapitals in den 1920er Jahren bereits versuchte Separatstaats-Gründung, und 2. die v.a. von den USA geführte Gründung des Separatstaats BRD. Damit wurde eine wesentliche Aussage des Artikels, die sich zudem von anderen typischen Darstellungen Adenauers unterscheidet, zensiert, gefälscht.

b) Ich hatte geschrieben: Adenauer lobte bei seiner Amtseinführung 1917 als Kölner Oberbürgermeister „völkisch… den Heldenmut des für immer geeinten Volkes“: „völkisch“ wurde entfernt. Wie an anderen Stellen wurden Bezeichnungen und Wertungen zu Adenauer verharmlost. Adenauer hatte Übereinstimmungen mit der extremen Rechten und auch der NSDAP: Gegen das Diktat von Versailles, Rückgabe der Kolonien, gegen den Acht-Stunden-Tag, für ein autoritäres Regime statt der Weimarer Verfassung… Ebenso war für den frühen Adenauer die Beschwörung der Einheit „der Deutschen“ und dann auch in der Funktion Adenauers als Kanzler der Bundesrepublik bestimmend.

c) Bei den zahlreichen Einkommensarten Adenauers (OB-Gehalt, Nebenleistungen, Tantiemen aus Aufsichtsratsmandaten, Spenden in die schwarze Kasse...) hatte ich erwähnt: „7. Zinslose Kredite aus der Stadtkasse und durch Unternehmer“. Dieser Einkommensbestandteil charakterisiert eine besonders korruptive Praxis, nämlich den persönlichen Griff in die öffentliche Kasse und die direkte Abhängigkeit von privaten Unternehmern. Dieser Abschnitt wurde ersatzlos gestrichen.

d) Adenauer finanzierte als Kölner Oberbürgermeister seine Lieblingsprojekte durch exzessive Kredite, vor allem mithilfe der Deutschen Bank, Filiale Köln und überschuldete die Stadt: Der Satz „An erster Stelle stand allerdings die Deutsche Bank“ wurde gestrichen. Hier wird zensiert, dass Adenauer schon als Kölner Oberbürgermeister als – zudem gut bezahltes - Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank ein besonders enges Verhältnis mit dieser Bank hatte, das für die Gründung der BRD fortgeführt und bestimmend war, sowohl für die illegale wie dann legalisierte Finanzierung der CDU wie für die Bundesregierung – Deutsche Bank-Chef Abs als Regierungsberater, etwa bei den Schuldenverhandlungen mit den westlichen Alliierten in London wie mit der Schweiz.

e) Ich hatte geschrieben: „Die hohe Kreditfinanzierung… bewirkte in Köln und anderswo im westlichen Kapitalismus natürlich das Gegenteil“: gestrichen wurde „und anderswo im westlichen Kapitalismus“. Damit verschwindet die Tatsache, dass die Wirtschaftspolitik Adenauers Teil des damals vorherrschenden westlichen Typus war, in Frankreich, Belgien, Italien, England, USA...

f) im Original hatte ich darauf hingewiesen, dass für sich genommen die neuen Kölner Standortprojekte Adenauers – Flughafen, Messe, neue Rheinbrücke, Stadion mit weiteren Sportanlagen, neues Industriegebiet, Grüngürtel, Wiederaufbau der Universität – ihre Plausibilität hatten: dieser Satz wurde gestrichen. D.h. ein wesentliches (auch heutiges) Moment der vorherrschenden Investitionspolitik besteht ja darin, dass zunächst an einem für die Bevölkerung plausiblen Motiv angeknüpft wird. Dass er scheinbar „vernünftige“ Projekte verfolgte, gehört ja zum „Erfolgsrezept“ der unternehmenshörigen Politik vom Typus Adenauer.

III. Verharmlosungen:

a) Ich hatte geschrieben: Im 1. Weltkrieg sorgte Adenauer „wesentlich mehr für die unteren sozialen Schichten als er vorher getan hatte und später tun wird“: „wesentlich mehr“ wird zu „auch“ verharmlost; gestrichen wird „und später tun wird“. Es wird also gestrichen, dass Adenauer nur als Durchhaltepolitiker im 1. Weltkrieg etwas für Arbeiterfamilien getan hat, während er vorher und nachher, also in „normalen“ Friedenszeiten die Arbeiterfamilien vernachlässigt, sowohl in der Kaiserzeit wie in der Weimarer Republik und dann in der Bundesrepublik.

b) Ich hatte als Aktivität des Kölner Oberbürgermeisters Adenauer während des 1. Weltkriegs geschildert: „Auch Kriegerwitwen wurden besonders unterstützt“: Daraus wird „Auch sogenannten Kriegerwitwen wurde geholfen“

c) Ich hatte geschrieben: Adenauer „schwadronierte“ auf dem Katholikentag gegen das Diktat von Versailles: Daraus machte der Herr Redakteur: „er äußerte sich“

d) Nach dem Scheitern des von Adenauer und seinen Bankiers- und Industriellenfreunden geplanten Separatstaats 1924 schwenkte der Opportunist Adenauer schnell um, dazu hatte ich geschrieben: „Danach schwenkten Adenauer & Co schnell auf eine westeuropäische Perspektive um“: der Satz wurde ersatzlos gestrichen, obwohl hier eine Keimzelle der späteren Europäischen Union liegt.

e) Ich hatte die Zwischenüberschrift formuliert: „USA sollen Europa führen“: ersatzlos gestrichen.

f) Ich hatte geschrieben: „Er machte sich zum Sprecher ganz Europas und der Weltgeschichte“. Daraus machte der Redakteur: „er äußerte sich“

g) Ich hatte geschrieben: Adenauer versprach bei der Ansiedlung von Ford, eines neuen Chemieunternehmens usw. im neuen Kölner Industriegebiet, dass hier mindestens 10.000 Arbeitsplätze entstehen sollten: „Die Höchstzahl aller Arbeitsplätze belief sich auf 3.400“: ersatzlos gestrichen

IV. Stilistische Marotte

Mehrfach wurden Sätze nach demselben Muster umgestellt, z.B. „Köln wurde wegen der Frontnähe“: daraus wurde: „Wegen der Frontnähe wurde Köln“ u.ä. Das wäre im Einzelfall kein Problem – man kann die eine oder andere Version irgendwie besser finden. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Redaktion Sätze gleicher Konstellation insgesamt viermal änderte. D.h. die Redaktion setzt gegen den Stil des Autors einen anderen Stil, eine eigene Marotte durch.

Der von der Redaktion in den Text reingedrückte eigene Stil zeigt sich auch an anderen stilistischen Änderungen, die jeweils für sich genommen diskutabel wären. Die Fälschung entsteht durch a) die Häufung und b) in Kombination mit den anderen Änderungen. Autoren-Text als Rohmaterial.

V. Weitere historische Fälschungen

a) Ich hatte geschrieben: „Die Stadt Köln war der westliche Verkehrsknotenpunkt des Reiches“. Das ergab sich durch die Stellung Kölns durch die geografische Nähe zum „Erzfeind“ Frankreich dann auch während des 1. Weltkriegs: Durch die nach dem Krieg gegen Frankreich 1870 schon angelegten Befestigungsanlagen um Köln herum, durch die im 1. Weltkrieg aus dem Ruhrgebiet nach Köln verlagerten Munitions- und Chemiebetriebe und durch die verschiedenen Verkehrswege. Der Redakteur machte daraus: „ein“ wichtiger Verkehrsknotenpunkt.

b) Ich hatte als Elemente des westlichen Verkehrsknotenpunkt des Deutschen Reiches folgende genannt: Hauptbahnhof, Häfen, Flugplatz (von dem sofort zu Beginn des 1. Weltkriegs die ersten Bombardements von Städten aus der Luft in der Kriegsgeschichte ausgingen, in Lüttich und Antwerpen). Die von Adenauer im 1. Weltkrieg, schon in seiner vorherigen Funktion als Erster Beigenordneter gemanagte Nutzung der Stadt und ihres Verkehrssystems für Soldaten-, Gefangenen-, Güter-, Munitionstransporte: Der Redakteur streicht alles, übrig bleibt lediglich „die Schiffahrt“.

c) Bei den von mir genannten Bankiers und Industriellen werden Vornamen eingefügt; ok, jW folgt dieser herrschenden medialen Marotte; ich halte sie in solchen Fällen für falsch und folge ihr deshalb nicht, wenn der Name zugleich für einen Konzern steht (z.B. Klöckner, Krupp, Thyssen) und dieser Aspekt wichtiger als die Person und der Vorname ist. Die Redaktion hat aber in Erfüllung ihres mechanischen Vorgehens irgendeinen Vornamen genommen, den sie irgendwo gefunden hat; bei Thyssen wird August eingefügt, obwohl gleichzeitig und die längere und wichtigere Verbindung Adenauers zu Fritz (dem Sohn des früh verstorbenen August) bestand; bei Klöckner wird Florian eingefügt, obwohl die wichtigere Beziehung zu Peter Klöckner bestand, der zudem im Konzern der bestimmende war.

d) der Name des Konzerns Felten & Guilleaume, der rechtlich verbindliche und eingeführte Name, wird in „Felten und Guilleaume“ geändert.

e) bei Hitler wird eingefügt „Machtübernahme“, obwohl es sich um die Regierungsübernahme handelte.

f) zum Arbeiter- und Soldatenrat 1918 – der von Adenauer mithilfe von Sollmann/SPD manipuliert wurde - fügt die Redaktion einen ganzen erklären sollenden Absatz ein, weil offensichtlich der Autor für inkompetent gehalten wird. Dabei gerät die Erklärung allerdings so neutralistisch wie es etwa einem wikipedia-Eintrag entspricht.

Zusammengefasst: Die angemaßte historische Nachprüfung und Kompetenz der Redaktion erweist sich als dümmliches, verfälschendes Halbwissen.

VI. Textfälschung, Autorentext als Rohmaterial

Die Redaktion behandelte im Endergebnis – wer immer im einzelnen daran mitgefummelt hat – den nach Thema, Textmenge und Termin vereinbarten, dann sogar vorfristig abgelieferten Text als beliebiges Rohmaterial. Das ist auch der Umgang der herrschenden Medien mit den Texten „freier“ Autoren.

Der Text wurde intensiv umgeschrieben, beginnend mit einzelnen Fälschungen und weiter mit veränderten und unterdrückten Wertungen und Fakten, Streichungen, Einfügungen, Verharmlosungen, stilistischen Änderungen, historischen Unkorrektheiten. Durch die Menge, Art und Kombination der Eingriffe handelt es sich um eine Textfälschung.

VII. Die Feigheit des Fälschers, Chefredaktion und Herausgeber als Komplizen

Ich habe der Redaktion die Liste der Fälschungen geschickt. Der Chefredakteur hat sich vielmals entschuldigt; er wies darauf hin, dass an der Bearbeitung des Textes auch historische Bearbeiter und die Schlusskorrektoren mitgewirkt hätten, wie das üblich sei.

Der verantwortliche Redakteur Bratanovic hat mir gegenüber niemals dazu Stellung genommen: Arroganz und ideologische Borniertheit paaren sich mit Feigheit. Der Fälscher wurde auf seinem Posten belassen, öffentlich haben Chefredakteur und Herausgeber kein Bedauern und keine Entschuldigung geäußert.


Unverfälschter Artikel in der NRhZ:

Konrad Adenauer: Vor hundert Jahren wurde der spätere erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zum Kölner Oberbürgermeister gewählt
Mit Kaiser, Kirche und Kapital
Von Werner Rügemer
NRhZ 631 vom 04.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24206

Online-Flyer Nr. 715  vom 14.08.2019

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