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Aktueller Online-Flyer vom 17. November 2019  

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Literatur
Auszug aus dem Roman "Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen"
Am Ende der Welt
Von Wolfgang Bittner

1943 ist der Krieg in Oberschlesien, dem Industriegebiet Ostdeutschlands, noch weit weg. Die Mutter fährt mit dem Kind aufs Land, wo es Hirschbraten, Kaffee und Kuchen gibt. Im Volksempfänger spricht Adolf Hitler von Siegen. Doch immer öfter heißt es: „… für Führer, Volk und Vaterland gefallen.“ In der Nachbarschaft werden die jüdischen Familien abgeholt, man muss sich vorsehen, es soll Konzentrationslager geben. Dann werden aus Siegen Niederlagen, und im Westen versinken die Städte im Bombenhagel. Vor der Gastwirtschaft des Großvaters schlagen sich Grubenarbeiter mit SA-Männern. Die Front rückt immer näher, und mit ihr kommt die Hölle des Krieges. Im März 1945 übernimmt Polen die Verwaltung der deutschen Ostgebiete, und es folgt ein Exodus von Millionen, darunter die Mutter und das Kind. Als sie halb verhungert in einer Kleinstadt in Norddeutschland ankommen, liegt der Vater schwer verwundet in einem Lazarett. Hunger und die furchtbare Kälte im Steckrübenwinter 1946, danach ein jahrelanger Aufenthalt im Barackenlager. Aber die Mutter gibt nicht auf. In der provisorischen Wohnküche arrangiert sie einen „Salon“, in dem kontrovers debattiert wird. Es ist die Zeit der Währungsreform mit der Teilung Deutschlands. Konrad Adenauer – von den Alliierten unterstützt – wird mit einer Stimme Mehrheit Bundeskanzler. Der Kalte Krieg beginnt, und die Weichen werden für das gestellt, was bis heute wirksam ist. Der Familie gelingt in den 1950er-Jahren, im „deutschen Wirtschaftswunder“, allmählich der Neuanfang.


Die Bahnfahrt in die Uckermark dauert mehrere Stunden. Die an einem der Brandenburger Seen gelegene kleine Kreisstadt, ihr erstes Ziel, war in den letzten Tagen des Krieges durch Bomben, Artilleriebeschuss und Brandschatzung der Sowjets – wie viele Städte der Region – fast völlig zerstört worden. In dem in einer Schule am Stadtrand eingerichteten Landratsamt erfahren die beiden Frauen, dass sie in einem Dorf in Stadtnähe untergebracht werden. Es sei nicht weit, erklärt der Beamte, nur etwa zehn Kilometer. Leider gebe es keine Verkehrs- oder Transportmittel dorthin, sie müssten zu Fuß gehen.

Frostiges Wetter und vor dem trüben Himmel die Gerippe ausgebrannter Häuser. Auf der Uferpromenade am See weht ein eisigkalter Ostwind. Ein paar freigeräumte Straßen führen durch die Stadt, die ein Bild des Grauens bietet. Der Turm der großen domartigen Kirche ragt schwarz verkohlt in den Himmel, das Kirchenschiff ebenso wie die umliegenden Häuser und das ehemals ansehnliche Rathaus sind völlig zerstört. Die Landstraße führt durch leicht hügeliges Land mit kleinen Dörfern und Bauernhöfen, die vom Krieg offenbar verschont geblieben sind.

Dem Kind ist kalt, es ist müde und hat Hunger, dazu Blasen an den Füßen, die aufplatzen. „Mir tun die Füße so weh“, klagt es. „Nur noch ein oder zwei Kilometer“, erwidert die Mutter. „Wir sind bald da, dann machen wir es uns warm und essen etwas Gutes, und danach schlafen wir in einem weichen Bett.“ Ein weiches Bett, darauf freut sich das Kind, setzt einen Fuß vor den anderen. Es sieht, wie sich die Mutter und Tante Franzi mit ihren Koffern abmühen. Es hört, wie Edmund, der zu seinem Rucksack noch die Reisetasche seiner Mutter schleppt, vor sich hinspricht: „Flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“

Die Straße geht nach einigen Kilometern in einen Schlackenweg über, der kein Ende zu nehmen scheint. Rechts und links Wiesen, Felder, kleine Waldstücke. Die Frauen schleppen sich mit ihren Koffern ab und müssen immer öfter Pausen einlegen. Edmund murmelt: „Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter.“ Tante Franziska stöhnt und jammert, sie will sich an den Straßenrand legen und erfrieren. Die Mutter sagt: „Mach das, wenn dir danach ist. Wir gehen jedenfalls weiter.“

„Mir ist so schwindlig“, sagt das Kind und hält sich am Mantel der Mutter fest, damit es nicht hinfällt. Die Mutter stellt schwer atmend ihr Gepäck ab, stößt mühsam hervor: „Dann rasten wir einen Moment. Sie setzt sich auf einen Stein, nimmt das Kind auf den Schoß. Die Tante hat sich auf den Koffer gesetzt, Edmund legt sich lang auf den Weg. „Müssen wir jetzt sterben?“, fragt das Kind. „Ach was“, flüstert die Mutter und wiegt es auf dem Schoß. „Wir gehen gleich weiter, wir sind doch fast da.“ Sie zeigt nach vorn, wo zwischen Bäumen ein Dach zu sehen ist. Dann nimmt sie das Kind auf die Schultern über dem Rucksack, in eine Hand den Koffer, in die andere die Tasche und schleppt sich weiter, gefolgt von Tante Franziska und Edmund.

Es ist tatsächlich nicht mehr weit, hinter einer Biegung des Weges taucht das Dorf auf. Nur wenige Häuser, zumeist aus Fachwerk, eine Kneipe, ein kleiner Laden, etwas erhöht die Kirche aus Feldsteinen, daneben Gräber, ein Kriegerdenkmal, am Ende des Dorfes das Ziel: ein großer Bauernhof mit Nebengebäuden, vor der Scheune zum Weg hin der Misthaufen, riesig groß und dampfend. Es wird bereits dunkel.

Die Bauernfamilie sitzt gerade beim Abendessen, es riecht bis in den Flur verlockend nach Gebratenem. Warm ist es hier, die Frauen stellen rasch ihr Gepäck ab, Edmund und das Kind setzen sich auf eine Bank. Aus der Küche kommt die Bäuerin, eine hagere Frau Ende vierzig. Sie schaut sich nur kurz den Einweisungsschein an und händigt der Mutter einen Schlüssel aus. „Der ist für das letzte Zimmer, das wir noch vergeben können“, sagt sie mürrisch. „Drüben im Gesindehaus, der Knecht wird es Ihnen zeigen. Für die Haustür brauchen Sie keinen Schlüssel, die ist nicht verschlossen.“ Sie ruft einen vierschrötigen Mann herbei, der die Ankömmlinge freundlich begrüßt. Er nimmt die beiden Koffer, hängt sich noch den Rucksack der Mutter um und führt die Frauen mit den Kindern über den Hof zu einem einzeln stehenden Haus. Dem Kind, das die Wärme im Bauernhaus belebt hat, fällt auf, dass er hinkt. So sieht also ein Knecht aus, denkt es und fragt sich, was ein Knecht macht und wo der viele Mist herkommt.

Im Gesindehaus gehen von einem dunklen, muffig riechenden Flur mehrere Zimmertüren ab. Der Knecht zeigt auf die erste Tür links: „Hier wohnt Frau Reuchel mit ihrer kleinen Tochter, dahinter ist Ihr Zimmer, und gegenüber wohnt die Familie Kapitzke, bei denen geht es immer hoch her.“ Er fügt noch hinzu: „Herr Kapitzke ist manchmal etwas laut, ihn hat es in Russland erwischt.“ Er zeigt mit dem Finger an die Stirn. „Kopfschuss.“

„Wo bekommen wir eigentlich unsere Lebensmittelkarten?“, erkundigt sich die Mutter.

„Beim Bauern, er ist der Bürgermeister und hat es hier im Dorf zu sagen“, klärt sie der Knecht auf. „Am besten, Sie kommen morgen Vormittag mal vorbei.“

Das Zimmer ist feucht, unansehnlich und dürftig möbliert: Tisch, vier Stühle, zwei Betten, ein Kleider- und ein Küchenschrank, ein uralter Herd zum Kochen. Mehr passt auch nicht hinein. In der Mitte hängt von der Decke eine matte Funzel, die den Raum spärlich erhellt. Die Wände sind fleckig, die Dielenbretter knarren, und das Nachbarzimmer ist nur durch eine abgeschlossene Stubentür getrennt. Bevor der Knecht geht, nennt er noch seinen Namen: Kasubke. Und er deutet auf die zerfaserten Kupferdrähte einer abgerissenen elektrischen Leitung neben dem zugigen Fenster: „Nicht berühren! Das Kabel führt noch Strom. Ich komme bei Gelegenheit mal vorbei, um es zu isolieren.“

„So ein Loch“, sagt Tante Franziska.

„Am Ende der Welt“, bestätigt die Mutter.

Das Kind zieht seine Schuhe aus, legt sich auf eines der Betten und sagt: „Mir ist kalt, und mir tun die Füße so weh.“

„Ich schau mir das gleich an“, erwidert die Mutter. Sie wirft einen Blick in den Küchenschrank, in dem sich nur etwas Geschirr, Besteck, ein zerbeulter Kochtopf und eine Bratpfanne befinden.

„Was machen wir denn hier?“, will Edmund wissen, dem die Vorstellung, in diesem Raum und in dieser Umgebung längere Zeit zu verbringen, offensichtlich Unbehagen bereitet.

„Das weiß ich auch nicht“, antwortet Tante Franziska und legt sich auf das zweite Bett.

„Wir werden es herausfinden“, antwortet ihm die Mutter. „Jedenfalls sind wir erst einmal in Sicherheit und haben ein Dach über dem Kopf.“

„Ich habe Hunger, und ich bin so müde“, sagt das Kind und schläft ein.


Der Schriftsteller und Publizist Wolfgang Bittner lebt in Göttingen. Er hat mehr als 60 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht. Er wurde 2010 von der NRhZ mit dem Kölner Karlpreis für Engagierte Literatur und Publizistik ausgezeichnet. 2017 erschienen von ihm das Buch „Die Eroberung Europas durch die USA – eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung“ sowie das Satire-Buch „Die Abschaffung der Demokratie“. Im März 2019 erschien der Roman: „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“.



Wolfgang Bittner, „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“



Roman, Verlag zeitgeist Print & Online, Höhr-Grenzhausen 2019, 352 Seiten, gebunden, 21,90 Euro, ISBN 978-3-943007-21-3


Siehe auch weitere Auszüge:

Das Grundgesetz, Adenauer und die Teilung Deutschlands
NRhZ 707 vom 29.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25949

Der „Fall Blau“
NRhZ 710 vom 19.06.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26009

Online-Flyer Nr. 711  vom 26.06.2019

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