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Aktueller Online-Flyer vom 23. August 2019  

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Globales
Ein Blick zurück in die Geschichte belegt die Identifizierung des Zionismus mit dieser Staatsform
Ist Israel ein Apartheidstaat ähnlich wie Südafrika?
Von Arn Strohmeyer

Benjamin Beit-Hallahmi ist ein (inzwischen emeritierter) Psychologie-Professor der Universität Haifa. Er ist ein vielseitiger Gelehrter, der seinen wissenschaftlichen Blick nicht nur auf sein Fachgebiet richtet, so hat er neben Texten zu religionspsychologischen Fragen auch Bücher über politische Themen geschrieben. 1987 hat er das Buch "The Israeli Connection" herausgebracht, das zwei Jahre später in der Bundesrepublik unter dem Titel "Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels" erschien. Es hat damals in Deutschland viel Aufsehen erregt, so hat etwa "Der Spiegel" eine ausführliche Besprechung gebracht. (Heute wäre eine solche Rezension wohl kaum noch möglich, weil das Magazin sofort unter den Antisemitismus-Verdacht geraten würde.) Es lohnt sich, dieses Buch in Erinnerung zu rufen, weil es heute viele Antworten auf die Frage gibt: Ist Israel ein Apartheid-Staat?

Beit-Hallahmi sieht die gesamte globale Politik nach 1945 unter dem Aspekt der Entkolonialisierung. Die einstigen Kolonien der Großmächte England und Frankreich und dann auch die unter der Hegemonie der USA stehenden Staaten strebten in dieser Zeit nach Selbstbestimmung und Souveränität, was diese Mächte natürlich mit allen Mitteln zu verhindern suchten. Israel stand in diesem Prozess – mit dem Rückhalt dieser Mächte – stets auf der Seite der reaktionären, antirevolutionären und antiemanzipatorischen Kräfte, also gegen die nationalen Befreiungsbewegungen überall auf der Welt. Es unterstützte politisch, wirtschaftlich und militärisch die grausamsten Systeme, die es damals gab: das Regime des Schah im Iran, die Diktaturen in Mittel- und Südamerika (darunter Somoza in Nicaragua, Stroessner in Paraguay und Pinochet in Chile), Mobutu in Zaire und Marcos auf den Philippinen, um nur einige zu nennen. Eine ganz besondere Allianz verband Israel aber mit Südafrika. Auf dieses Bündnis geht Beit-Hallahmi ausführlich ein, und seine Ausführungen sind, obwohl sie nur bis in das Jahr 1987 reichen, von höchster Aktualität.

Beit-Hallahmis Schlüsselerlebnis, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, war der Staatsbesuch des südafrikanischen Premierministers Johannes (John) Vorster im April 1967 in Israel. Beit-Hallahmi saß vor dem Fernsehapparat und sah, wie der höchste politische Repräsentant des Apartheidstaates in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einen Kranz niederlegte. Er nennt das Ereignis „bizarr und surreal“: „Dass das israelische Außenministerium die Taktlosigkeit besaß, einen aktenkundigen Nazi-Kollaborateur zu einer Gedenkstätte für die Opfer des Nazismus zu führen und ihm dann auch noch einen Vortrag über die Nazis anhören zu lassen…“

Bei-Hallahmi begriff: „Vorster in der Holocaust-Gedenkstätte! Was für eine Selbstdarstellung Israels! Vielleicht zeigte das Land hier sein wahres Gesicht! Keinem Filmregisseur, der nach einer exemplarischen antiisraelischen Einstellung suchte, hätte etwas Besseres einfallen können.“ Für den Psychologie-Professor aus Haifa war es der Anlass, Israels Beziehungen zur Dritten Welt zu erforschen – mit besonderem Blick auf Südafrika. Um das Ergebnis seiner Recherchen vorwegzunehmen, warum der zionistische Staat Israel überall auf der Welt auf der Seite der „weißen Herrenmenschen“ stand und sich in Südafrika mit allen Mitteln für die Apartheid eingesetzt hat: „Israel befindet sich in permanenter Frontstellung zu den arabischen Völkern des Nahen Ostens (und damit zur Dritten Welt als ganzer), genau wie die zionistische Bewegung, aus der Israel hervorgegangen ist, sich von Anfang an in Frontstellung zu den Arabern im allgemeinen und den Palästinensern im Besonderen befunden hat. In den Kriegen der Dritten Welt, an denen Israel sich so aktiv beteiligt, geht es um das Recht ‚eingeborener‘ Bevölkerungen, in ihrer angestammten Heimat zu leben – so in Südafrika, Namibia, Guatemala. Hier bestehen natürlich unmittelbare Parallelen zu den Ansprüchen der arabische Palästinenser auf ihre eigene Heimat, Ansprüche, die lange Zeit geleugnet und ignoriert wurden. In Israel reproduziert sich der Kampf zwischen Erster und Dritter Welt dank eines politischen Systems, das dafür sorgt, dass die Vorrechte der Juden erhalten bleiben und dass den Arabern die politische Gleichberechtigung verwehr bleibt.“

An andere Stelle schreibt Beit-Hallahmi: „Das Unrecht, das den Palästinenser angetan wird, liegt so klar auf der Hand, dass man, um es nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, das Thema als solches tabuisieren muss. Da aber jede Diskussion darüber, was Israel in der Dritten Welt anstellt, zwangsläufig in die Frage nach den Rechten der Palästinenser münden würde, muss auch die Dritte-Welt-Problematik tabuisiert werden. Man kann nicht über Gleichberechtigung, Freiheit und Selbstbestimmung im Allgemeinen reden, ohne irgendwann auch das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern an der Elle dieser hehren Ideale zu messen. Was Wunder, dass Israel nicht für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt Partei ergreift.“

Und: „Kaum jemand würde sich darüber wundern, dass weiße Südafrikaner in der Regel nichts für solche Befreiungsbewegungen übrighaben. In Israel ist die politische Diskussion, wie in Südafrika auch, von vornherein verkrüppelt, weil das Anlegen moralischer Maßstäbe tabu ist. Wenn in Israel eine solche Diskussion, und sei es anhand eines so fern liegenden Themas wie Apartheid, einsetzen würde, liefe das am Ende immer auf die Gretchenfrage nach der moralischen Berechtigung des Zionismus hinaus. (...) Gäbe man zu, dass dort [in der Dritten Welt] Unrecht geschieht, so würde man sich selbst mit dem Makel der Komplizenschaft belegen; daher werden die Fragen nach der moralischen Seite dessen, was man dort tut, erst gar nicht gestellt.“

Beit-Hallahmi geht dann ausführlich auf Israels enge Allianz mit dem Apartheidstaat Südafrika ein, und nennt sie eine Partnerschaft, die auf der Erde ihresgleichen sucht. Israel habe sich dort mit Haut und Haaren engagiert, mit höherem Einsatz und Aufwand als irgendwo sonst. Vor allem habe es sich zu einer unentbehrlichen Stütze des Apartheidregimes gemacht. Die Geschichte des Staates Israel kenne keine vergleichbare Liaison von solcher Intimität und Dauer. Aber nicht alles war der Öffentlichkeit über diese Beziehung bekannt, wie es der südafrikanische Außenminister Botha zugegeben hat: „In den israelisch-südafrikanischen Beziehungen gibt es viel mehr Verborgenes als Bekanntes.“

Ein verborgener Punkt in den Beziehungen war es, dass Israel Südafrika mit seinen Erfahrungen, Methoden und Techniken, die es bei der Bekämpfung der Palästinenser gewonnen hat, versorgt hat. Denn beide Staaten hatten ja nach Ansicht des südafrikanischen Premiers Vorster dasselbe Problem: „Israel steht nunmehr vor einem eigenen Apartheidproblem – im Umgang mit seinen arabischen Einwohnern. Beide Völker sind gewillt, eher zu kämpfen als ihre Zukunft ganz in die Hände einer sie umschließenden Mehrheit zu legen.“

Eine sehr enge Zusammenarbeit gab es deshalb auf militärischem Gebiet, wobei darüber natürlich wenig bekannt wurde, weil die israelische Militärzensur jegliche Berichterstattung zu dem Thema unterband. Und die Südafrikaner schwiegen natürlich auch. 1963 verabschiedete die UNO ein Waffenembargo gegen Südafrika. Israel befolgte das Embargo nicht, es lieferte an die weißen Herren am Kap weiter Waffen aller Art: Nachrichten- und Spionagetechnik, Ersatzteile und Munition. Außerdem gab es eine enge Kooperation bei der Entwicklung neuer Waffensysteme. Israel schickte auch Offiziere an das Kap, die den weißen Soldaten des Apartheidregimes beibringen sollten, wie man mit aus Israel importierten Methoden, die man „zu Hause“ im Kampf gegen die Palästinenser erprobt hatte, schwarze Terroristen bekämpft. Gemeint war hier natürlich vor allem die Befreiungsbewegung ANC.

Da es beiden Staaten in ihrer Ideologie in erster Linie um das „Überleben“ ging, gaben die Israelis moralische Unterstützung im „Überlebenskrieg“, aber auch direkte praktische militärische Hilfe. So wirkten israelische Berater an der Planung und Vorbereitung der südafrikanischen Invasion in Angola mit und waren seit 1975 auch in Namibia aktiv. Ziel war, diese schwarzafrikanischen Nachbarn zu destabilisieren. Die Israelis wandten dabei Strategien an, die sie erfolgreich gegen die PLO und die benachbarten arabischen Staaten. eingesetzt hatten: Präventivschläge, Überfälle und Kommandoaktionen. Israel lieferte Südafrikas Luftwaffe auch Tankflugzeuge, sodass deren Aktionsbereich beträchtlich erweitert wurde.

Israel unterstützte Südafrika auch bei der Grenzsicherung. Hierbei brachten die Israelis ihre Erfahrungen und Mittel ein, die sie im Kampf gegen die Palästinenser entwickelt hatten: Sicherungs- und Detektionssysteme, um das Einsickern von „terroristischen“ Guerillakämpfern zu verhindern. Die Israelis bauten an Südafrikas Grenzen eine „elektronische Mauer“ und legten einen Teppich aus elektronischen Sensoren. Zu den Sicherungssystemen gehörten auch Mikrowellen-Detektoren, Radaranlagen und Minenfelder.

Natürlich arbeiteten auch die Nachrichten- und Geheimdienste eng zusammen. Bet-Hallahmi schreibt über die Kooperation: „Die geheime Sicherheitspolizei SHABAK [heute: Shin Bet] unterhält in Südafrika eine ständige Mission. Die dort stationierten israelischen Spezialisten helfen ihren südafrikanischen Amtskollegen bei der täglichen Durchsetzung des Apartheidsystems. Die SHABAK hält sich viel auf ihre Repressionsmaßnahmen gegen die Palästinenser zugute, auf die Spitzel, die sie in die palästinensischen Organisationen eingeschleust hat, auf ihre Erfolge bei der Überwachung, Schikanierung und Festsetzung verdächtiger Elemente. Die SHABAK-Leute sind sich sicher, dass sie den Südafrikanern (und nicht nur ihnen) das eine oder andere über den Umgang mit ‚Eingeborenen‘ erzählen können, und sie haben es ausgiebig getan. Viele Maßnahmen, die die südafrikanische Sicherheitspolizei in letzter Zeit ergriffen hat, tragen unübersehbar den Stempel israelischer Ratgeber.“

Die Zusammenarbeit auf atomarem Gebiet war das bestgehütete Geheimnis der israelisch-südafrikanischen Allianz. Die Entwicklung nuklearer Waffentechnik war dabei ein Wesenselement der Überlebensstrategie beider Länder. Südafrika spielte eine wichtige Rolle für das südafrikanische Atomprogramm, da es über reiche Uranvorräte verfügt. Beide Staaten haben zusammen verschiedene Atombombentests unternommen. Israel lieferte Südafrika auch Jericho-Raketen, die Atomsprengköpfe transportieren können. Aus strategischen Gründen waren beide Staaten weniger an im Langstreckenbereich einsetzbaren „Bomben“ interessiert, sondern eher an taktischen Atomwaffen mit kurzer Reichweite und entwickelten daher eine Granate mit einem „kleinen“ Atomsprengsatz.

Beit-Hallahmi merkt zu diesem Punkt an: „Es ist möglich, dass das israelisch-südafrikanische Atomprogramm darüber hinaus noch andere Errungenschaften hervorgebracht hat, die die verwegensten Träume oder Alpträume übersteigen. Angeblich sind im Rahmen dieses Programms bei der Suche nach Lösungen für die spezifischen Probleme und Bedingungen beider Länder beim Einsatz von Atomwaffen bemerkenswerte technologische Durchbrüche erzielt worden.“ Es versteht sich von selbst, dass es zwischen beiden Staaten auch intensive Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gab. Interessant ist dabei, dass auch sich sozialistisch nennende Kibuzzim, die eigentlich den Ideen der Gleichheit und Freiheit von Ausbeutung verpflichtet sind, intensive Geschäfte mit Südafrika pflegten.

Die Homelands oder Bantustans waren ein integraler Bestandteil des Apartheidsystems. Diese „Staaten“ wurden geschaffen, um die Schwarzen auszusperren und zu Ausländern im eigenen Land zu machen – sie durften sich selbst verwalten, aber natürlich nur unter totaler südafrikanischer Kontrolle. Israel hat dieses System voll unterstützt und pflegte intensive „formelle“ Kontakte zu den Bantustans, ohne sie aber politisch und völkerrechtlich anzuerkennen. So tätigten Israelis Investitionen in den Homelands, man konnte dort gute steuerfreie Gewinne erzielen. Der Herrscher des Bantustans Ciskey galt als besonders blutrünstiger Tyrann, was aber die Freundschaft Israels mit ihm nicht ausschloss. Mit seiner Bereitschaft, mit den Bantustans eng zusammenzuarbeiten, signalisierte Israel, wie ernst es die Parteinahme für die Apartheid nahm. Die Bantustan-Lösung praktiziert Israel ja auch inzwischen mit den Palästinensern.

Interessant ist, dass die meisten Israelis (auch die Politiker) trotz dieser engen Allianz beider Staaten ihre Sympathie für die Apartheid nicht gern offen zugaben. Sollte sich da doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen gerührt haben? Zugleich empfanden sie das Bündnis mit Südafrika als völlig „normal“, was sich auch darin ausdrückte, dass es einen intensiven Austausch von Experten aller Art mit Südafrika gab. Auch bei israelischen Touristen war das Land äußerst beliebt. Es überwogen eben die Gemeinsamkeiten: „Israel hat den Südafrikanern gezeigt, wie ein kleines, von Feinden umringtes Land sich mit Hilfe überlegener Technik erfolgreich behaupten und eine Befreiungsbewegung im eigenen Land niederhalten kann“, sagte Premier Vorster.

Beit-Hallahmi stellt am Ende seiner Betrachtungen auch die Frage, aus welchen Gründen Israel eine so skrupellose Außenpolitik betreibt. Er beantwortet die Frage mit einer eindeutigen Aussage zur Ideologie dieses Staates: „Der Zionismus ist zu keiner Zeit eine humanistische Philosophie gewesen.“ Sein programmatisches Konzept, einen souveränen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, habe von Anfang an die Vergewaltigung der eingeborenen Bevölkerung [der Palästinenser] beinhaltet. Die Konfrontation Israels mit der Dritten Welt habe also nicht in Mittelamerika oder Südafrika begonnen, sondern mit dem Bau der ersten zionistischen Siedlungen auf palästinensischem Boden. Dieser Siedlerkolonialismus mit der gleichzeitigen Bekämpfung der seit Jahrhunderten dort lebenden indigenen Bevölkerung habe Israel als außenpolitisches Konzept dann auf die Dritte Welt übertragen: „Wie hätten die Israelis aus ihrer kolonialistischen Haut schlüpfen und sich in der Welt draußen anders verhalten können als ‚zu Hause‘?“ fragt Beit-Hallahmi.

An der siedlerkolonialistischen Ideologie Israels hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Der jüdische Staat ist der letzte auf der Welt, der diese anachronistische Weltanschauung noch vertritt und sie auch praktisch durchführt. Die meisten undemokratischen oder diktatorischen Verbündeten in der Dritten Welt, für deren Überleben sich der zionistische Staat mit allen Mitteln engagiert hat, sind von der Bühne der Weltpolitik verschwunden: der Apartheidstaat Südafrika, der Iran des Schah, Marcos auf den Philippinen, Mobutu in Zaire, Stroessner in Paraguay und Pinochet in Chile und andere.

Israels außenpolitisches Konzept, das mit dem Export von Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung nichts zu tun hatte, war also nicht gerade ein Erfolgsmodell. Auch wenn rechtspopulistische Strömungen Israel zurzeit die Stange halten, mit seinem im eigenen Machtbereich praktizierten Apartheidsystem, steht der zionistische Staat ziemlich einsam und isoliert da. Das Apartheidmodell ist gegen den Strom der Geschichte gerichtet und hat keine Überlebenschance, wie das System Südafrikas bewiesen hat. Es bleibt die Erkenntnis: Israel ist heute nicht von außen bedroht, sondern durch sein anachronisches Apartheidsystem nur von innen.


Benjamin Beit-Hallahmi: Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels



München 1989 (Das Buch ist in den Internet-Antiquariaten noch zu haben.)

Online-Flyer Nr. 702  vom 24.04.2019

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