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Aktueller Online-Flyer vom 19. März 2019  

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Lokales
Eine Artikelserie anlässlich des Einsturzes des Historischen Archivs der Stadt Köln vor 10 Jahren
Das Gewissen von Köln (Teil 2)
Von Tanya Ury

Vor zehn Jahren, genau am 3. März 2009, stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. Betroffen davon ist auch Tanya Ury, eine in Großbritannien aufgewachsene Jüdin, die in den frühen 90er Jahren als Künstlerin nach Deutschland gezogen ist, um den Holocaust und ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten, aber auch um zu beobachten, wie Deutschland sich nach Auschwitz und nach der Wende entwickelt. Seit vielen Jahren ist sie Mitglied der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost". Vor zehn Jahren hat Tanya Ury anlässlich des Archiveinsturzes eine Folge von vier Artikeln geschrieben und in einer Kölner Tageszeitung veröffentlicht. 2019 – zehn Jahre später – ist aufgrund ihrer aktuellen Erfahrungen mit der Stadt Köln ein fünfter Artikel hinzugekommen, den die NRhZ in Ausgabe 694 veröffentlicht hat. Es folgen die vier 2009 entstandenen Artikel - hier der zweite der vier.


Drei Wochen nach dem Einsturz des Historischen Archivs in Köln ging ich auf eine dreiwöchige Arbeitsreise nach Kanada und die USA. Erst mit etwas Abstand spürte ich den Verlust des persönlichen Familienarchivs, der sich als verstummter und verdrängter Schock in mir ausdruckte.


Peter Ury (Tanya Urys Vater, 1920 geboren, 1976 gestorben) im Alter von 24 Jahren, in kanadischer Uniform, als er in Toronto interniert war (wurde in England als "enemy alien" eingestuft, nachdem er Nazi-Deutschland 19jährig alleine entkommen konnte)

Ich träumte, dass diese Massen aus weißem zerkrümelten Beton, die ich aus der Nähe betrachten konnte, mit den Seelen meiner schon lange toten Verwandten wieder lebendig geworden waren - meine Familie ist metaphorisch ein Teil der Trümmerhaufen des Archivs geworden.

Aus einem noch intakten Fenster, das sich schief in den Ruinen hinein lehnte, schaute mein Vater, der mir in dieser Vision als junger Mann erschien, heraus; er versuchte vergebens, den Trümmerberg des Historischen Archivs, zu verlassen, saß aber in der Falle, weil sich das Fenster nicht öffnen ließ. Tatsächlich konnte Peter Ury als Teenager alleine aus Nazi-Deutschland nach England flüchten. Zwei seiner Opern und weitere Kompositionen die er komponiert hat, liegen irgendwo unter dem Schutt.

Am 11. Mai war das erste Treffen der Nachlassgeber des Stadtarchivs im Historischen Rathaus. Als Nachlassgeberin war ich von den Behörden nicht informiert worden - aber zum Glück hatte mich eine Verwandte auf die Emailadresse im Kölner Stadt-Anzeiger hingewiesen, unter der wir uns melden sollten.

Auf dem Treffen sprach zuerst der Oberbürgermeister: „Wir sind alle erschüttert... diese Sammlung bestand aus Kulturellen Schätzen, die für die Kulturgeschichte von außergewöhnlichem Wert waren... Die Depositare sind besonders betroffen... Keiner hätte im Traum gedacht, dass es so kommen würde – es gab keinen Hinweis, dass das Gebäude einstürzen wird - man hätte sonst nicht zugelassen, dass Kollegen da arbeiten.“
 
Einer der „besonders betroffenen“ Depositaren schreit: „Sie schon“.

Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma wollte die paar hundert Versammelten trösten, aber seine Plattitüden bewirkten nur Verärgerung - wir wissen längst, dass Eberhard Illner, der frühere Abteilungsleiter des Stadtarchivs, schon zwischen November 2008 und Januar 2009, Schäden an den Dehnungsfugen und Türrahmen des Kellers sowie breite Risse in der Kellerdecke des historischen Stadtarchivs gemeldet hat. Nichts war unternommen worden, um das Gebäude zu sperren, oder um die Kulturschätze anderswo zu lagern. Schramma: Das Gedächtnis der Stadt wurde verletzt – nicht zerstört. Es gibt zahlreiche unversehrte Stücke. Es wird Jahrzehnte dauern, um die beschädigten Stücke in einen guten Zustand zu bringen. Es ist eine Sisyphusarbeit, mit Ordnen und Restaurieren wird ein Puzzle zusammengesetzt. Helfer, Archivare und Restaurateure sind von überall in Deutschland und aus dem Ausland zur Rettung des Kulturguts herbei gebracht worden. Vertrauen Sie den Archivarbeitern bitte weiterhin; sie haben schon viel geleistet. Bis Ende Mai wird zunächst die Bergung erfolgen, erst dann wird man einen Überblick des persönlichen Nachlasses haben. Die näheren Umstände müssen geklärt werden, dann wird eine Entscheidung zu Digitalisierung und Neubau eines Stadtarchivs gefällt werden müssen.

Aber unser Vertrauen ist völlig zerstört worden, das lässt sich nicht ändern. Später, in der Diskussionsrunde des Meetings, wurde mit wenig Taktgefühl gegenüber den Anwesenden und Betroffenen nachgefragt, ob jetzt jemand neue Nachlässe anzubieten hätte.

Nach Schramma berichtete Stephan Neuhoff, Leiter der Kölner Berufsfeuerwehr sachlich: Der Einsturz dauerte 10 Minuten - die Seitenwände sind nach innen gestürzt und nach vorne geklappt. Ein 25-Meter Radius aus Ruinen, Tiefe 60 Meter, ist entstanden, und am ersten Tag, also Stunden nach dem Einsturz, wurde ein Notdach aus Folie als Wetterschutz angebracht.

Dann fing die Durchsuchung des Schutts - einer Mischung von Bauschutt und Archiv - zuerst wurden Papierteile aussortiert. 9.000 Tonnen Schutt wurden dann erneut untersucht. Nachdem man 9 Tagen mit der Suche nach Überlebenden zugebracht hatte, wurden zur Stabilisierung des unterirdischen Bauwerkes gegen Grundwasser 1700 m³ Beton eingebracht.

Obwohl dies alles eigentlich zum großen Teil gleichzeitig erledigt wurde, richtete man das Hauptaugenmerk auf die Archivare. Unter den Nachlässen sei auch das Feuerwehr-Archiv, also hätte die Feuerwehr ein besonderes Interesse, dort zu arbeiten. In 3 Wochen werde man größere Baumaßnahme unternehmen. Darüber nannte Herr Neuhoff jedoch keine Details.

Nach Neuhoff erhielt der Kölner Kulturdezernent, Professor Georg Quander, das Wort: Einiges werde verloren sein, der größte Teil sei gerettet. Noch immer ist nicht alles geborgen. Wie man die im Grundwasser gefundenen Sachen behandeln soll – mit welcher Technik gearbeitet wird, ist noch nicht gewiss. Das Historische Archiv hat seine vorigen Arbeits-Strukturen verloren, wurde aber jetzt um 5 neue Mitarbeitern verstärkt.

(Ich frage mich, was nur 5 neue Mitarbeiter bezwecken können; später wird uns Frau Dr. Gisela Fleckenstein als einzige Kontaktperson für sämtliche Fragen aller Nachlassgeber vorgestellt).

Quander weiter: Ein provisorisches Archiv muss bereitgestellt werden, damit weiter archiviert werden kann. Am 24. Juni soll wieder über Versicherungsfragen, Digitalisierung usw. diskutiert werden. Er bittet die Nachlassgeber um Unterstützung.

Nach der letzten Bemerkung geht ein Murmeln durch die Zuhörer im Raum, die sich - wie ich auch - fragen, welche Art Unterstützung gemeint ist. Eigentlich sind wir ja diejenigen die Unterstützung erwarten.

Um Verschwörungstheorien zu widerlegen, wurden berühmte Kölner Gebäude, die noch stehen geblieben sind - wie der Dom  -aufgelistet, als lächerlicher Beweis dafür, dass man sich nicht weniger um der Sicherheit des Stadtarchivs gekümmert hat als die anderen Kölner Kulturschätzen. Als wäre das, was mit dem Stadtarchiv geschehen ist nur Zufall gewesen?

Dann sprach Frau Herz, Juristin, die Archivrechtlerin: Das Archiv sei mit 60 Millionen Euros versichert - die Höchstentschädigungssumme der städtischen „Kunstaussttellungsversicherung“, die auch von sämtlichen Museen verwendet wird. Die Dauerleihgabe wäre damit abgedeckt, aber die Gutachter-Befunde liegen noch nicht vor. Erst wenn die Ursache und Verantwortung des Unfalls hinreichend geklärt sind, kann eine allgemeine Stellungnahme erfolgen. Erst dann wird eine Haft-Pflichtversicherung der KVB benutzt, um Fundstücke zu säubern.

Das war dann die einzige Erwähnung der Bauarbeiten an der Kölner Nord-Süd-Stadtbahn, die die KVB seit ende 2002 unternimmt, und die mit aller Wahrscheinlichkeit den Stürz des Gebäudes verursacht hat.

Die Leiterin des Historischen Archivs der Stadt Köln, Frau Dr. Bettina Schmidt-Czaia, die am Tag der Ereignis, wie andere Mitarbeiter, nur mit Jacke und Handtasche aus dem Haus rennend, dem Zusammenbruch des Gebäudes entkommen ist, teilte uns dann mit wie sie die sich entwickelnde Staubwolke beobachten konnte. Sie nannte es unüblich, alle Depositare zusammen einzuladen; angemessener wäre es eigentlich, jeden persönlich einzuladen. Weiter erzählte sie, wie infolge des Einsturzes alles in den 3 verschiedenen Einsturzbereichen zusammengewürfelt wurde. Was nass und verschimmelt war, wurde nach Bonn und an verschiedene weitere Orten hingebracht, andere Sachen nach Köln-Porz. Papier-Gegenstände wurden zunächst gereinigt, geglättet, und in Magazinflächen an anderen Orten (außerhalb von Köln) gelagert. Zunächst erfolgt das Zusammenpuzzeln. Nichts wird weggeworfen. Interessanterweise meldete sie, dass die unzähligen Helfer, die sich gemeldet haben, eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen mussten - „Gelesen wird nicht“ ist das Motto.


Erstversorgungszentrum Porz 2009 (Foto: Tanya Ury)

Diese Erklärung hat bei mir ein paar Fragen ausgelöst: Freiwillige werden nicht aus Versicherungs- oder sonstigen Geldern bezahlt – ihre Großzügigkeit wird ausgenutzt. Eigentlich sollten sie aus dem 60-Millionen Versicherungsfond des Stadtarchivs für ihre Leistungen bezahlt werden.

Und wegen der Parole - zum Glück wird gelesen! - nur so ist eine absonderliche Geschichte entstanden. Eine Freundin von mir, die Künstlerin Doris Frohnapfel, hat sich als Freiwillige zum Sortieren von Dokumenten in Porz gemeldet. Ihr Interesse ist durch die Recherchen für ihre Ausstellung „Athen 487, Die Ausgeschlossenen“ (The Shards 2008), über die „Verquickung von Geschichte, Zerstörung und Ausgeschlossensein.“, geweckt worden. „Die Porzellanscherben wurden auf dem Gelände der Société Céramique in Maastricht kurz nach dem Abriss der Fabrikgebäude 1993 gefunden.“ (Frohnapfel: Notizen zur Chronik des fortdauernden Werkkonzeptes).

Unter den Trümmergegenständen gefunden, die sie sortiert hatte, entdeckte Doris 2 an meine Mutter Sylvia Ury adressierte Postkarten. Andere Unterlagen aus unserem persönlichen Nachlass, sind für die deutsche Geschichte bedeutsamer, die Drehbücher meines Großvaters Alfred Unger, die Unterlagen und Schreiben von Großonkel Wilhelm Unger und die Geschichten über Flucht und Überleben - oder die Ermordung - anderer jüdischer Familienmitglieder - ich habe aber auch weitere Schriften, Briefe, Photos usw. der Familie, für ein mögliches, zukünftiges Interesse zusammenhalten wollen, und zusammen mit den anderen Werken usw. 1999 dem Archiv anvertraut.


Nina Unger (Ölgemälde von Kurt Schwitters, 1945)

Die Postkarten sind hier vielleicht nicht überragend wichtig, aber als Doris mir darüber berichtete - die ersten Hinweise, die ich überhaupt über unseren Familiennachlass bekommen habe - war uns beiden klar, dass dies ein bedeutsamer Zufall war, etwas dass Doris und mich verbindet. Als ich sie kennen lernte, stellte sie gerade eine Photoserie „Corpus“ 1994, aus. Ein Teil dieser Serie thematisierte die Lebensgeschichte von Sylvia Plath. Ein paar Jahre später, 1996, habe ich mit Doris’ Hilfe eine Photoserie Triptych for a Jewish Princess Second Generation gemacht - sie photographierte mich nackt in einem deutschen Luftwaffenmantel aus dem letzten Weltkrieg. Diese Arbeit war gleichzeitig Sylvia Plath und meiner Mutter Sylvia gewidmet.


Siehe auch:

Das Gewissen von Köln (Teil 5)
NRhZ 694 vom 27.02.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25681

Das Gewissen von Köln (Teil 1)
NRhZ 695 vom 06.03.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25700

Online-Flyer Nr. 696  vom 13.03.2019

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