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Aktueller Online-Flyer vom 07. Dezember 2019  

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Globales
Eine perfide Strategie, die es zu durchschauen gilt
Der Nazi-Joker
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Was zur Strategie einer Schutzmacht des großen, global operierenden Kapitals gehören muss, liegt auf der Hand. Kräfte, die zu einer Gefahr für diese globale Mafia werden könnten, müssen ausgeschaltet werden. Dazu ist ein besonders hinterhältiges, aber wirksames Mittel entwickelt worden. Immer, wenn es besonders brisant zu werden droht, wird es aus der Tasche gezogen. Es ließe sich als Nazi-Joker bezeichnen. Wo überall er zum Einsatz kommt, ist phänomenal. Die Erfinder dieser Perversion verdienen aus der Sicht der Profiteure dieser Wunderwaffe eine der höchsten Auszeichnungen. Eine Auszeichnung wie der Aachener Karlspreis wäre das Mindeste. Betrachten wir eine kleine Auswahl von Fällen, in denen der Nazi-Joker zum Einsatz gekommen ist.

Operation gegen die "Neue Friedensbewegung"

Wir schreiben das Jahr 2014. Eine "neue", von transatlantischen Einflüsterern weitgehend unabhängige, "Montagsmahnwachen" genannte Friedensbewegung hat sich gebildet. Weit mehr als die bis dahin bekannte Friedensbewegung nimmt sie die Machenschaften des US-Imperiums aufs Korn. Zum Thema werden z.B. der Putsch in der Ukraine oder die Funktion der privaten Notenbank der USA, der Federal Reserve (FED), und deren Rolle beim Entfachen von Kriegen der vergangenen hundert Jahre. Da heulen bei den Strategen der Macht die Alarmsirenen, und es wird höchste Zeit für einen Akt der Verunglimpfung – die neue Bewegung als "rechts" zu diskreditieren. So bleibt es nicht aus, dass in der "marxistischen" Tageszeitung "junge Welt" am 23. April 2014 ein entsprechender Artikel erscheint – mit dem Titel "Falsche Friedensfreunde" und einem großen, bei der Mahnwache aufgenommenen Foto. Darauf abgebildet ist der Berliner NPD-Funktionär Sebastian Schmidtke. Und in der Bildunterschrift wird hämisch gefragt: „Mit denen in einer Reihe?“ So macht man das. Mit einer von Geheimdiensten durchsetzten Partei wie der NPD ist das kein Problem. Einen Tag vorher ist im transatlantischen Flaggschiff DIE ZEIT über die Montagsmahnwache zu lesen: „Unten im Publikum steht der Berliner NPD-Vorsitzende Sebastian Schmidtke.“

Operation gegen die Infragestellung des NSU

Bei Wikipedia, einem der mittlerweile wirksamsten Mittel zur imperialen Steuerung der öffentlichen Meinung, erscheinen unter der Zwischenüberschrift "Verschwörungstheoretische Website" die folgenden Sätze voller Unterstellungen: „Im Oktober 2012 veröffentlichten Fikentscher und Neumann einen eigenen Text, in dem sie die Täterschaft des Nationalsozialistischen Untergrunds an den so genannten Döner-Morden [was die beiden Genannten so nie formuliert haben] in Frage stellten, zuerst bei NRhZ-Online und dann in leicht gekürzter Fassung im April 2014 auf arbeiterfotografie.com… Ossietzky-Herausgeber Otto Köhler… warf Fikentscher und Neumann… vor, eine 'national-sozialistische Querfront eröffnet' zu haben.“ Und dann kommt wieder der Nazi-Joker zum Einsatz, indem es heißt: „Der Text fand bei Neonazis in Forenbeiträgen deutlichen Zuspruch...“ Damit wird uns vor Augen geführt, was nicht zum Thema gemacht werden darf. Insbesondere muss verhindert werden, dass „die Täterschaft des Nationalsozialistischen Untergrunds ... in Frage gestellt“ wird. Als Täter soll das so genannte NSU-Trio gelten –  insbesondere die beiden Toten, die sich angeblich umgebracht haben und nicht mehr aussagen können. Der von den herrschenden Kräften, in herausragender Weise vom transatlantischen Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" ausgelegte Köder NSU ist insbesondere von großen Teilen der Linken – bis hinein in die "marxistische Tageszeitung "junge Welt" – begierig geschluckt worden. Diese gelungene Operation darf nicht gefährdet werden. Deshalb musste der Nazi-Joker gezogen werden.

Operation in Sachen 9/11 gegen die BANDBREITE

Wenden wir uns dem 21. Februar 2015 zu. An diesem Tag findet in Halle an der Saale ein Protest mit der Bezeichnung EnDgAmE statt. Es ist nach Erfurt der zweite dieser Art. EnDgAmE steht für "Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas". Beteiligt an dem Protest ist auch Wojna von der Band DIE BANDBREITE, die spätestens in dem Moment zu einer ernsten Gefahr wurde, als sie auf wirksame Weise mit dem 9/11-Song "Habt ihr das vielleicht selbst gemacht" das Megaverbrechen vom 11. September 2001 zum Thema machte. Wojna hat in Halle eine fulminante antifaschistische Rede gehalten und den Song "Kein Sex mit Nazis" vorgetragen, da kommt mit freundlicher Miene ein Mann auf ihn zu und spricht ihn und den Versammlungsleiter Frank Geppert an. In dem Moment entstehen Fotos und werden alsbald ins Netz gestellt – eine Nähe von BANDBREITE und rechter Szene suggerierend. Der Mann ist NPD-Funktionär Thomas Wulff.

Operation in Sachen 9/11 gegen mehrere Buchautoren

Das ist nicht das erste Mal, dass zur Abwehr der Infragestellung der Operation 9/11 der Nazi-Joker gezogen wird. Gegen die Entlarvung der Täter muss eine besonders wirksame Waffe zum Einsatz gebracht werden: der als Nazi und Holocaustleugner bekannte Horst Mahler. Es ereignet sich in Berlin am 30. Juni 2003 bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Der inszenierte Terrorismus" zu den Widersprüchen des 11. September. Zu den Referenten gehörten Monitor-Autor Ekkehard Sieker, Bundesminister und Staatssekretär a.D. Andreas von Bülow, Ossietzky-Herausgeber Eckart Spoo sowie die 9/11-kritischen Journalisten und Buchautoren Mathias Bröckers und Gerhard Wisnewski. Plötzlich entsteht während der laufenden Veranstaltung eine Situation, die diese fast zum Kippen brigt. Vonseiten der Antifa wird darauf hingewiesen, dass im Publikum der berüchtigte Horst Mahler sitzt. Und zwei Monate später – am 21. August – wird derselbe Joker erneut zum Einsatz gebracht – in der ARD-Sendung "Panorama" mit dem Beitrag "Juden, BKA und CIA – Absurde Verschwörungstheorien zum 11. September". Wieder ist es Horst Mahler, der in der Sendung als für das Vierte Reich kämpfender Rechtsextremist bezeichnet wird und den man offensichtlich abwegige Behauptungen vortragen lässt, mit dem die anderen Stimmen (Andreas von Bülow, Mathias Bröckers und Gerhard Wisnewski) in Misskredit gebracht werden sollen.

Operation Feindbild Iran

Ein weiterer Fall spielt im Jahr 2006. Im Iran ist im Jahr zuvor Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten gewählt worden. Es ist ein Präsident, der mit besonderer Deutlichkeit Israels Verbrechen beim Namen nennt. Jetzt gilt es, gegen Ahmadinedschad die Propaganda-Maschinerie mit voller Wucht in Gang zu setzen – ihm zu unterstellen, er wolle Israel von der Landkarte tilgen, Israel dem Erdboden gleich machen, und – was eine besondere Wirkung verspricht – er würde den Holocaust leugnen. Wieder ist es Horst Mahler, der zum Einsatz kommt. Der richtet im Januar 2006 im Vorfeld einer vom Iran geplanten Konferenz zum Thema Holocaust ein Schreiben an den Präsidenten und streut es an iranische Nachrichtenagenturen. Darin heißt es: „Herr Ahmadinedschad hat den Revisionisten geholfen. Der Holocaust hat nie stattgefunden und ist als größte Lüge der ganzen Geschichte zu betrachten.“ Später im Laufe des Jahres wird das Gerücht lanciert, dass „auch deutsche Holocaust-Leugner wie der Anwalt Horst Mahler... ihre Teilnahme“ an der Konferenz angekündigt hätten. Wieder einmal hat eine Operation "Horst Mahler" maßgeblich zum Erfolg einer Propaganda-Kampagne beigetragen – diesmal zur Festigung des Feindbilds Iran.

Operation gegen Gilad Atzmon

Ein weiteres Operationsfeld für den Einsatz eines Nazi-Jokers ist der in Israel geborene, heute in London lebende Jazz-Musiker und Philosoph Gilad Atzmon, der sich erdreistet, die zionistisch-jüdische Herrschaftsideologie unter die Lupe zu nehmen. 2011 ist von Gilad Atzmon das Buch "The Wandering Who" erschienen. Es ist ein Buch, das entscheidende Teile eines Machtgebäudes zum Einsturz zu bringen droht. Wieder schrillen die Alarmsirenen. Und es gilt, das kritische Gedankengut in Misskredit zu bringen. Wie lässt sich das erreichen? Nichts ist leichter als das. Wieder ist die Stunde für Horst Mahler gekommen. Für einen versierten Mann wie ihn ist es kein Problem, über Nazi-Kanäle einen Text in die Öffentlichkeit zu bringen, in dem er das Buch "The Wandering Who" verbunden mit der bösartigen Unterstellung, Gilad Atzmon würde, in der „Judenheit... die Verleiblichung einer 'bösen Gottheit'“ sehen, in höchsten Tönen lobt: „Es geht um die Schrift von Gilad Atzmon 'The Wandering Who?' Diese wird Epoche machen... Jetzt kommt alles darauf an, den Schatz zu heben, der in Atzmons Buch noch teilweise verborgen liegt... Möge Gott ihm ein langes Leben, Gesundheit und Schaffenskraft zuteilen! Die Welt braucht Gilad Atzmon...“ Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass dieser Text auf einer website mit der Bezeichnung "Germanenherz" erscheint. Eine derartige Hasbara (eine Propaganda, wie sie von Israel betrieben wird) richtet sich nicht nur gegen Gilad Atzmon. Indem diejenigen, die sich in die Rufmord-Machenschaften gegen Gilad Atzmon nicht einspannen lassen, als Nazi-Förderer verunglimpft werden, werden auch deren gegen die imperiale Mafia gerichteten Aktivitäten torpediert. Im Dezember 2017 wird auf diese Weise die Verleihung des Karlspreises der NRhZ für Engagierte Literatur und Publizistik an Ken Jebsen, bei der u.a. auch Gilad Atzmon aufgetreten ist, von Personen aus dem Umfeld Ken Jebsens hintertrieben. Und danach geht es darum, die Kräfte des Friedens, die die Kampagne "NATO raus – raus aus der NATO" initiiert haben, mittels des Vorwurfs, sie würden sich mit einem Nazi-Förderer gemein machen, zu diskreditieren und auseinander zu treiben.

Doch die Wirksamkeit des Nazi-Jokers zum Ausschalten kritischer Stimmen ist nur solange gegeben, wie wir die perfide Strategie nicht durchschauen.


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 27 (Dezember 2018) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/


Online-Flyer Nr. 692  vom 13.02.2019

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