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Aktueller Online-Flyer vom 26. März 2019  

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Wirtschaft und Umwelt
bike-sharing in China
Soziale Dienstleistung oder money-making-machine
Von Georges Hallermayer

Es handelt sich um Ofo, einem 2014 von Dai Wei gegründeten privaten bike-sharing-Unternehmen und Mobike, 2015 von Hu Weiwei gegründet - start-ups der Zukunft mit der Idee, Super-Fahrräder mit GPS ohne Andockstation ausleihen zu können, allein mit einem Abo auf eine Smartphone-App und Zahlung einer Kaution von umgerechnet 25 Euro. Schnell gefunden, schnell geparkt. Ex und hop. Eine phänomenale Erfolgsgeschichte, die nur im neuen China möglich war, wie selbst Bloomberg anerkennen musste. Aber sie ist zu Ende…

Vor dem Hintergrund erbitterter Rivalität, die drei Dutzend kleinerer Konkurrenten verdrängte, bei einer phantastisch steigenden Nachfrage mit bis zu mehr als 10 Millionen Ausleihen täglich - Die Kommunalverwaltungen nicht nur in den Metropolen Shanghai und Beijing hatten Mühe, Straßen und Gehwege passierbar zu halten. , Kurz: blühender e-commerce im sozialistischen China.

Großinvestoren stiegen bei Ofo und Mobike ein, pushten in mehreren „ funding-rounds“ die beiden zu Markt beherrschenden Unternehmen (90 Prozent, wie Counterpoint Research schätzt) ins internationale Geschäft: 2016 bei Ofo der Smartphone-Hersteller Xiaomi und DiDi Chuxing mit 130 Mio. Dollar, im folgenden Jahr die russische Digital Sky Tech. und die Alibaba Group mit 700 Mio. Dollar, was den Marktwert von Ofo auf 2 Mrd. Dollar trieb. Bei Mobike - mit dem Internet-Giganten Tencent und dem Alibaba-Konkurrenten Meituan Dianping im Rücken und einem Marktwert von 2,7 Mrd. Dollar.

Auf dem Höhepunkt hatte allein Ofo Fahrradflotten in mehr als zwanzig Ländern, von Europa, Australien bis in die USA und etwa 200 Millionen Nutzer. Die gnadenlose Rivalität trieb die beiden Konkurrenten in teure Werbefeldzüge, die ihre große Popularität in dementsprechenden Profit verwandeln sollten. „In der Geschichte des globalen Internets hat man niemals ein Phänomen wie dieses gesehen, so viel Geld zusammengebracht, so schnell mit solch jungen Unternehmern“ sagte Ben Harburg, Partner beim Investor „Magic Stone Alternative Investment“. (Nach Boston Consulting Group brauchen in den USA Start-ups durchschnittlich sieben Jahre, um den „Einhorn-Status“ von mehr als 1 Mrd. Wert zu erreichen, in China vier Jahre.)

Allerdings wurde „in diesem tricky business der ganze Profit durch den Wettbewerb aufgefressen“, so Maxwell Zhou im Interview mit The Indian Express, der, von Mobike weggegangen, sein eigenes start-up metaapp.cn gründete. „Im Rückblick gab es Probleme mit dem Management und wir expandierten zu schnell“. Ein weites Feld von Schwierigkeiten hatte sich aufgetan, von kommunaler Bürokratie, bis Vandalismus und Diebstahl, in Deutschland der unterstellte Verdacht auf Datenmissbrauch und Spionage.

Ofo musste sich von Märkten zurückziehen, in Israel und den USA, aus Deutschland im Juli nach nur dreimonatiger Experimentierphase und aus Frankreich in diesem Monat nach nur einem Jahr. In den französischen „social media“ kursiert die Bitte, die Räder doch zurückzugeben. Ofo verkaufte Räder, teilweise für weniger als 2 Dollar - und verspielte das Vertrauen ihrer Kunden in China. Am 21. Dezember stand Ofo am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Fast 12 Millionen Kunden verlangten online die Rückzahlung ihrer Kaution. Hunderte kampierten vor dem Büro in Beijing, sodass die Polizei den Publikums-Verkehr regeln musste.

Auf 126 Mio. Euro summieren sich die Forderungen der Nutzer von Ofo, was das Transportministerium auf den Plan rief und das Unternehmen auf die „Schwarze Liste“ setzte. Ein Gericht verurteilte Ofo „die Ausgaben des Managements zu senken“, was für Eigner und CEO Dai Wei heißt, auf Flüge in der 1. Klasse Übernachtungen in 5-Sterne-Hotels zu verzichten und den Konkurs ins Kalkül zu ziehen. Das Transport-Ministerium verlangte, die Rückzahlung der Kautionen zu garantieren – auch wenn das erst im Juli von Investoren eingeschossene, zur internationalen Expansion gedachte Kapital von 850 Mio. Dollar verbrannt werden muss, um einen Neuanfang zu ermöglichen.

Die Gründerin von Mobike, die 36jährige Hu Weiwei nutzte die Gunst der Stunde für den Absprung. Als sich im Juli eine Abschwächung abzeichnete, verkaufte sie an den Alibaba-Konkurrenten Meituan-Dianping und behielt ihren Posten im Management. Der Deal wird auf etwa 2,7 Mrd. Dollar geschätzt und Meituan übernahm die etwa 700 Mio. Dollar aufgelaufener Schulden. Mobike war auch besser vorbereitet, ihre Preiskalkulation realistischer, etwa doppelt so hoch wie die von Ofo. Außerdem konnte Mobike die von den städtischen Behörden täglich beschlagnahmten Fahrräder auffüllen, die ihre Gehsteige von der dadurch verursachten Unordnung befreien wollten.

Dennoch musste Hu Weiwei an Weihnachten mitteilen, dass sie „aus persönlichen Gründen“ als CEO zurücktritt, ihren Chefsessel dem neuen Präsidenten Liu Yu überlässt. Der von Alibaba kommende Manager kündigte an, im kommenden Jahr 30 Prozent des Personals zu entlassen, so der TV-Sender CGTN in „Global business“ am 25. Dezember. Zhang Mengmeng, Analyst bei Counterpoint, meinte „die verlangten Gebühren reichten nicht aus, die Betriebskosten zu decken. Ziemlich unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft Kapital durch Big Data nachgeschossen wird“. Die chinesischen Investoren, so berichtet The Independent, sind „in Gesprächen, einen Weg zu suchen, die teure, Geld verbrennende Schlacht zwischen den beiden startups zu beenden“. Wie es scheint, wird die Krise von den Investoren genutzt, um das Fahrrad-Verleihgeschäft in den eigenen Geschäftsbereich einzugliedern und auf eine neue Basis zu stellen, wenn das Geschäftsmodell nicht ganz verworfen wird. Die Euphorie ist in China jedenfalls zu Ende, die Experimentierphase ebenso. Die Vorstellung, Massen im Nahverkehr individuell zu steuern auch? Wird sich bike-sharing zu einer kooperativen oder kommunalen Dienstleistung entwickeln?


Quellen:

Bloomberg 04.04.2018: How Mobike’s Founder Turned Crazy Idea Into $3 Billion Startup
Manager-Magazin 16. Juli 2018: Leihrad-Anbieter Ofo gibt in Deutschland auf“
Tagesspiegel 11. Dez 2018: Berliner Datenschützer ermitteln gegen Mobike“
Clubic 20. Dez. 2018: Les velos en libre-service Ofo ne roulent déjà plus a Paris
Chine Magazine 22. Dez. 2018: Le ministere demande a Ofo de garantir les remboursements
Chine Magazine 22. Dez. 2018: Les velos Ofo au bord de la faillite
Indian Express 24. Dez. 2018: How Chinese bike-sharing firm Ofo went from $2 bn valuation to considering bankruptcy
Technode 24. Dez. 2018: Briefing: Mobike co-founder Hu Weiwei resign as CEO
CGTN 25. Dez. 2018: Global business
German China 26.12.2018: Mobike-Chefin tritt zurück – Zukunft der Leihfahrräder ungewiss

Online-Flyer Nr. 689  vom 02.01.2019

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