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Aktueller Online-Flyer vom 25. Mai 2019  

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Krieg und Frieden
Die Weihnachts-Botschaften der Vertreter der christlichen Kirchen 2018
Für eine "Kultur der Friedensliebe"!
Von Rudolf Hänsel

Als ich am „Heiligen Abend“ die Weihnachts-Botschaften christlicher Würdenträger vernahm, fragte ich mich: Wieso macht sich die Kirche nicht die Vision Alfred Nobels zu eigen, den Krieg – dieses uralte Menschheitsübel – aus der Welt zu schaffen? Die Kirche hätte genug Ansehen und Macht, um die herrschende Elite dazu zu bewegen, Kriege zu beenden: „Die Waffen nieder!“. Damit würde sie den Gläubigen eine wirklich frohe Botschaft bringen, weil sie sich unbeugsam gegen die heute vorherrschende Gewalt- und Kriegskultur stemmt – eine „Kultur des Todes“. Kriegsverbrecher zu exkommunizieren, würde die Institution Kirche vom Verdacht befreien, mit den „Mächten der Finsternis“ im Bunde zu stehen. Den Menschen würde es helfen, ihre Angst zu überwinden, mehr Zuversicht zu entwickeln und an Weihnachten tatsächlich den Wert von Heimat, Geborgenheit und Wärme zu empfinden, wozu einige Bischöfe sie aufriefen. Nach Auffassung des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow ist es Aufgabe der Menschheit, eine Kultur der Friedensliebe hervorzubringen als Gegensatz zum Gewalt- und Kriegskult.


Bildmotiv: Halstuch, entworfen von Pablo Picasso für die dritten Weltjugendfestspiele in Berlin (DDR), 1951

Christliche Weihnachtsbotschaften an die Gläubigen


Für Papst Franziskus gibt es in diesem Jahr viele Anlässe zur Betrübnis. In seiner Weihnachtsansprache für die Römische Kurie sagte er wörtlich:
„Wie viele Einwanderer – die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und ihr Leben zu riskieren – finden den Tod, oder stehen, wenn sie überleben, vor verschlossenen Türen und vor Mitmenschen, denen es nur um politische Erfolge und Macht geht. Wie viel Angst und wie viele Vorurteile! Wie viele Menschen und wie viele Kinder sterben täglich wegen Wasser- und Nahrungsmangel und aufgrund fehlender Medikamente! Wie viel Armut und Elend! Wie viel Gewalt gegen die Schwachen und gegen Frauen! Wie viele Situationen von erklärten und nicht erklärten Kriegen! Wie viel unschuldiges Blut wird jeden Tag vergossen! Wie viel Unmenschlichkeit und Brutalität umgeben uns von allen Seiten! Wie viele Menschen werden auch heute noch in Polizeiwachen, Gefängnissen und Flüchtlingslagern in verschiedenen Teilen der Welt systematisch gefoltert!“ (1)

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, appellierte an die Gläubigen, Gräben zwischen Menschen und Religionen zu überwinden. Heinrich Bedford-Strohm, der bayerische evangelische Landesbischof sagte in München vor Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, die Weihnachtsbotschaft gelte gleichermaßen für alle Menschen, egal in welchen Verhältnissen sie leben. Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, zeigte sich besorgt über Kriege und humanitäre Katastrophen. „Gewalt, Kriege, Terror zerstörten das gemeinsame Haus, in dem wir leben – doch das Christentum ist die Religion des Friedens und der Versöhnung.“ (2)

Bischof Markus Dröge rückte den Wert und die Sehnsucht nach Heimat in den Mittelpunkt und wünschte allen Menschen, dass sie Geborgenheit und Wärme an Weihnachten spüren könnten. Zu mehr Zuversicht rief der Berliner Erzbischof Heiner Koch die Menschen in Deutschland auf. Angst sei inzwischen eine „Volkskrankheit“ meinte er. Immer mehr Menschen litten unter Angstzuständen. (3)

Bertha von Suttners und Alfred Nobels Vision: „Die Waffen nieder!“


Zwar nannten die geistlichen Würdenträgern Gewalt und Krieg als Anlass zur Betrübnis, doch fehlte ihre klare Stellungnahme gegen den Krieg. Deshalb wiederhole ich nochmals die Vision Alfred Nobels, die in der Begründung für den von ihm geschaffenen Friedensnobelpreis zum Ausdruck kommt und die ich bereits ausführlich darstellte. (4)

Alfred Nobel wollte nicht nur die übelsten Gräueltaten in Kriegen vermeiden, er wollte ein Ende der Kriege. Globale Zusammenarbeit bei der Abrüstung sah er hierbei als ein „Hauptwerkzeug“. Seine Vision war die Entmilitarisierung der internationalen Beziehungen, die Bertha von Suttner so bewegend in ihrem Roman „Die Waffen nieder!“ zum Ausdruck brachte. Nobel ging es um die Bruderschaft zwischen den Nationen, die Abschaffung oder Reduzierung der stehenden Armeen und die Durchführung und Förderung von Friedenskongressen.

Eine Kultur der Friedensliebe hervorbringen – als Aufgabe der Menschheit

Der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow, seit Ende 1989 auch Berater Michail Gorbatschows, sah es als die Aufgabe der Menschheit an, eine Kultur der Friedensliebe hervorzubringen. Diese von ihm ein Jahrzehnt nach Beendigung des Kalten Krieges aufgestellte Forderung hat nach wie vor ihre Gültigkeit. Nur so können wir eventuell verhindern, dass wir wieder in Katastrophen hineintreiben, in denen der Reichtum unserer Kultur verschleudert und die Ernten unserer Zivilisation zerstört werden. Wörtlich sagte Aitmatow:

„Die Menschheit hat keine umfassendere und kompliziertere Aufgabe als die, eine Kultur der Friedensliebe als Gegensatz zum Gewalt- und Kriegskult hervorzubringen. Es gibt keinen Bereich im Menschenleben – von Politik bis Ethik, von Grundschule bis zu hoher Wissenschaft, von Kunst bis Religion –, wo der menschliche Geist nicht mit der universellen Idee des Gewaltverzichts konfrontiert wäre. Wie ist dies jedoch zu erreichen, ist das nicht eine totale Utopie? Welche Motive und Handlungen könnten solche unerhörten Zielsetzungen einer bewusst eingeleiteten Evolution rechtfertigen und Wirklichkeit werden lassen? Die Welt kann ja nicht ohne Meinungsdifferenzen existieren. Sind wir also wirklich imstande, die fatale Angewohnheit des Menschgeschlechts abzuschütteln? Sind wir imstande, den genetisch verankerten Instinkt des schonungslosen Existenzkampfes zu überwinden? Werden die Vernunft und die Logik des Dialogs die ewige Verdammnis der Menschheit, Krieg und Gewalt, überwältigen und als Grundlage für eine neue Zivilisation, die die Futurologen eine humanistische nennen, dienen können? Die Zukunft wird zeigen... Solch eine Aufgabe wurde in der Geschichte noch nie gestellt.“ (5)


Fussnoten:

(1) https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2018-12/papst-franziskus-kurie-ansprache-audienz-weihnachten-vatikan.html

(2) https://www.welt.de/politik/deutschland/article186057518/Papst-zu-Heiligabend-Der-Mensch-ist-gierig-und-unersaettlich-geworden.html
(3) https://rbb24.de/panorama/beitrag/2018/12/weihnachten-2018-fest-gruesse-feier-botschaft.html

(4) Alfred Nobels Vision: Die Entmilitarisierung der internationalen Beziehungen – „Die Waffen nieder!“
Von Rudolf Hänsel
NRhZ 686 vom 12.12.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25484
Übernommen von Rubikon
https://www.rubikon.news/artikel/die-waffen-nieder-2

(5) Auszug aus Rede in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus Anlass der Verleihung des Aleksandr-Men-Preises, in: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. (1998). Koexistenz der Zivilisationen. Verleihung des Aleksandr-Men-Preises 1998 an Tschingis Aitmatow, ISBN 3-926297-75-1, Seite 46


Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe



Online-Flyer Nr. 688  vom 26.12.2018

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